Ohrwürmer und Ohrlabyrinthe

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Bevor ich die Bombe in Altschwabing hochgehen lassse (im Rückblick, versteht sich), muss ich die verehrten Leser dieser Kolummne bitten, mit mir noch einmal auf die Wies´n zu gehen.

Die Oktoberfest-Wies´n ist mehr wert als einen einzigen Post. Man bedenke nur, dass sie 12.000 (in Worten: zwölftausend) Arbeitsplätze schafft. Oder dass diese dauerbrennende Fortsetzung eines Hochzeitsfestes für das kundige Auge des Kulturanthropologen auch noch etwas ganz anderes ist als ein Volks- und Familienfest (bei dem man pro Tag und Person locker 100 €uro los werden kann). Es ist auch ein gigantischer Labyrinthtanz mit deutlich sichtbarem,,,

 

…Balz- und Brunftgehabe…

… beider Geschlechter. Beweis gefällig? Auf Papua-Neuginea zeigen/verstecken die Männer ihr Zeugungsorgan in einem Penisrohr. Im Mittelalter gab es eine Weile bei Männern der höheren Stände den Brauch, ihr Gemächte deutlich sichtbar in einem kaum verhüllenden Stoffsäckchen vorne auf ihrer Hose zu tragen; dies nannte man Sporran. In der Wikipedia wird nur die unverfänglichere Variante des in Schottland üblichen Ziergehänges angeführt; das sollte man einmal sachkundig ergänzen.
Anfangen könnte man auf dem Oktoberfest und bei der dort immer häufiger getragenen Lederhose, auch Sepplhose oder, noch deftiger, Krachlederne genannt. Sie verfügt über allerlei typisches Zierat wie die Hosenträger, Stickereien und eine Scheide für ein feststehendes Messer (heute verboten, in meiner Jugend der größte Stolz jedes Jungen). Und da wäre noch, sehr gut sichtbar, nicht etwa der übliche Hosenschlitz mit Knöpfen oder Reißverschluss, sondern eine richtige große Lederklappe. Was ist das anderes als die bayerische neuzeitliche Variante des Sporran?

Als ich eben im Fernsehen bei “München TV” und in deren Dauer-Wies´n-Reportage reinschaute, wollte es der Zufall passenderweise, dass man eine adrette junge Frau losschickte, die zehn jungen Männern besagte Hosenklappe aufknöpfen und mittels Filzstift auf der Innenseite mit diesem Satz beschriften sollte: “O´zapft is”. Das ist auch eine Form des Schreibens, möchte ich betonen. Und die Botschaft, die da gesendet waird, ist ja klar.
Das ist jener Spruch, mit dem der Münchner Oberbürgermeister traditionellerweise mit dem Schlegel den Banzen des ersten Bierfasses öffnet. Aber hier – junges fesches Weibsbild und junges ebenso fesches Mannsbild – hat das natürlich noch einen nicht schwer zu entschlüsselnden Subtext.

Verrate ich ein Geheimnis, wenn ich mitteile, dass es null problemo war, in Rekordzeit zehn Männern den Hosenlatz aufzuknöpfen* und “O´zapft is” plus Herzeln reinzupinseln?
* Als ich in meiner Kindheit und frühen Jugend eine Lederhose trug, war hinter dem Hosenlatz noch nicht ein weiteres Blickhindernis in Form eines Stoffvorhangs (oder wie soll ich das nennen?), wie heutzutage in den modischen Gams- und Hirschledernen (die übrigens so ziemlich alle in Sri Lanka hergestellt werden – s. Schulz 2012). Der Latz musste sich, wenn das zum Bies´ln notwendig war, blitzschnell aufknöpfen lassen. Sonst problemo.

Man sieht: Das Oktoberfest ist nicht nur eines, das den dionysischen beziehungsweise gambrinischen Rausch feiert – nein, es zelebriert ganz unverhohlen archaisches Brunftverhalten. Ich weiß, dass Menschen da anders sind als Hirsche und anders als diese keine bestimmte Paarungs-oder Brunftzeit mit Revierkämpfen haben. Ich bin auch, ehrlich gesagt, zu faul, um das jetzt gründlich nachzurecherchieren (denn die naheliegende Wikipedia hält sich auch hierbei bedeckt). Aber ich traue mich wetten, dass die Hirsche besondes aktiv im Herbst sind – wahrscheinlich gerade im Oktober?

 

“O´zapft is!”

Sei´s drum:
° Der Hosenlatz der Männer mit ihren Lederhosen, gestrickten Wadlstrümpfen und Haferlschuhen
° und die tief ausgeschnittenen Dekolletées der Dirndl, in denen die Madln deutlich sichtbar ihren Milliladn zur Schau stellen (“Holz vor der Hütt´n” ist der andere Dialektausdruck dafür),

– sie zeigen bei jedem Gang über die Wies´n tausendfach, worum es außer dem Saufen und dem bewusstseinsbenebelnden wie ohrlabyrinthverwirrenden Achterbahn- und Karusselrasen in Wahrheit geht: Um das, was bei den Labyrinthtänzen heute noch der tiefere Sinn ist: Männlein und Weiblein in räuschigem Balzverhalten zueinander zu führen: “O´zapft is!”

Was war der historische Start des Oktoberfestes noch einmal vor 202 Jahren? Eine Hochzeit! Befragen wir zu den Details wieder die Wikipedia:

[…] das größte Volksfest der Welt. Es findet seit 1810 auf der Theresienwiese in der bayerischen Landeshauptstadt München statt und wird Jahr für Jahr von rund sechs Millionen Menschen besucht; im Jahr 2011 zog das Oktoberfest fast sieben Millionen Besucher an […]
Anlässlich der Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese am 12. Oktober 1810 veranstaltete der Bankier und Major Andreas Michael Dall’Armi auf einer Wiese vor den Stadtmauern Münchens ein großes Pferderennen. Seitdem heißt das Gelände Theresienwiese, woher die mundartliche Bezeichnung Wiesn für das Oktoberfest stammt.

Im meinem vorangehenden Post “Oans zwoa gsuffa” (der es bei Google übrigens aus dem Stand heraus binnen drei Tagen auf einen beachtlichen 10. Platz geschafft hat) vergass ich ein Thema, das quasi im ohrenbetäubenden Lärm des Oktoberfests untergegangen ist: eben das Ohr resp. das Hören:
° Da wäre zum einen das Schreib-Thema “Songtexte” inklusive Musik –
° und da wäre zum anderen jenes innere Organ oder besser Orgänchen (Ohrgan?), das als erstes darunter leidet, wenn man anfängt, erst “oa Maaß”, dann “no a Maaß” und “no amal a Maaß”* in sich hineinzuschütten.
* – frei nach Engel Aloysius Hingerl, der einst Dienstmann auf dem Münchner Hauptbahnhof war und durch Ludwig Thoma zu ewigem Ruhm kam.

 

Der Wiesn-Hit

Songtexte sind eine Textkategorie für sich: Sie sind fraglos Lyrik und doch auch etwas ganz anderes. Ein guter Songtext erzählt eine interessante Geschichte – ähnlich wie ein Werbetext. In den wenigen Zeilen eines Blues, der in der Musikbox früher maximal drei Minuten lang sein durfte, kann (zumindest für mich) genauso viel emotionale Substanz enthalten sein und er kann mich dadurch ebenso bewegen wie den Opern-Fan eine ganze Oper von drei Stunden Länge. Sorry, Opern-Fans, aber das musste mal gesagt werden – und das ist natürlich gleichzeitig ein großer Schmarr´n, ist ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen, auf den ich hier nicht weiter eingehen mag. Kehren wir also zurück zum Oktoberfest und seiner Musik.

Ein Wiesn-Hit ist ein Lied, das es schafft, auf dem Oktoberfest nicht nur in einem einzigen Bierzelt und nicht nur einmal am Abend gespielt zu werden, sondern möglichst überall und unaufhörlich. Ein sehr schlichter Refrain zum Mitsingen ist da kein Schaden. Von der Wies´n breitet sich der Hit erfahrungsgemäß wie ein musikalischer Virus über alle Kanäle weiter aus und wird zum nationalen Erfolg – bis hinunter nach Mallorca auf den Ballermann und in Jürgen Drews Disco. Wer das geschafft hat, dürfte finanziell und in einem gewissen Sinne auch künstlerisch ausgesorgt haben. Viele Textdichter und Musiker versuchen deshalb, so einen Wies´n-Hit bewusst zu lancieren. In der Regel funktioniert diese Taktik nicht. Auch dieses Jahr haben es viele versucht. Doch zwei machen derzeit das Rennen, ohne das beabsichtigt zu haben: Hubert von Goisern und die Toten Hosen. Der aufmüpfige, immer “gegen den Strich bürstende” Alpenrocker Hubert von Goisern ist derzeit in den Bierzelten äußerst beliebt mit seinem Song “Brenna tuats guat”; von den Toten Hosen (was auch ungewöhnlich ist) hört man immer wieder “Tage wie diese”. So vermelden es jedenfalls die Münchner Gazetten, die in diesen zwei Wies´n-Wochen vollgestopft sind mit Wies´n News. Hubert Von Goisern und Tote Hosen – das ist demgemäß “ein knappes Rennen um den ersten Platz”.

 

An dieser Stelle kann ich es ja beichten:

Ich habe selbst schon so ziemlich alle Textformate ausprobiert, sogar ein Drehbuch (was mir gar nicht liegt), und ein Songtext war da eben auch darunter. Ich war als Student mit dem – leider inzwischen verstorbenen – “Amerikaner in Deutschland” Mal Sondock befreundet (der es auch zu Wikipedia-Ehren geschafft hat). Als Schüler besuchte ich ihn 1959 mit zwei Klassenkameraden im AFN in der Münchner Kaulbachstraße, wo er die beliebte Sendung “Bouncing in Bavaria” moderierte. Als Student jobbte ich für ihn und kam dieserhalben auch einmal ins Tonstudio, wo er mit der Westernband von Nipso Brantner gerade neue Songs aufnahm. Für die Rückseite einer Single fehlte ihm noch ein Text resp. die Übertragung eines Country and Western-Songs ins Deutsche. “Du kannst doch schreiben”, meinte er, “schreib mir den Song.”
Mal hatte eine umwerfende Art, einen zu inspirieren und zu motivieren. Also schrieb ich aus dem Stand heraus “Auf einer einsamen Insel -“. So begann der Song und diesen Titel trug er auch auf der B-Seite. Mehr weiß ich von diesem Text nicht mehr, und das ist sicher auch gut so.*
* Gibt man “Auf einer einsamen Insel” bei Google ein – landet man interessanterweise bei Marius Müller Westernhagen. Aber sein Text hat überhaupt nichts mit meinem zu tun.
Der Text wurde von der Band aufgenommen und war genauso kitschig wie die Melodie mit Hawaii-Gitarre. Das war´s. Erst als ich in den 1990er Jahren einige Male in Celle bei den Songwriter-Seminaren von Edith Jeske und ihrer Celler Schule Kreatives Schreiben beisteuerte, fiel mir diese Jugensünde von der “einsamen Insel” wieder ein. Aber ich habe mich dennoch und gerade deshalb nie wieder mit Song Writing versucht – obgleich so ein Schlager ordentlich Tantiemen bringen kann. Hans Hee, einer der Mentoren von Edith Jeske und gewissermaßen Pate der Celler Schule, hatte mit “Sierra Madra” zunächst wenig Erfolg – bis es zum Riesen-Wies´Hit und Dauerbrenner wurde.

 

Allgegenwart des Labyrinth-Mythos

Was wäre der Mesch ohne seine Ohren! Er resp. sie könnte nicht einmal aufrecht gehen. Denn im Inneren der Ohren befindet sich je ein seltsames Gebilde mit drei Bogengängen, das die Ärzte als Ohrlabyrinth bezeichnen. Es ist unser Gleichgewichtssinn, ohne den wir in der Welt verloren wären. Diese hochkomplexe Orientierungshilfe ist bezeichnenderweise das erste, was auf der Wies´n verlorengeht, sobald Bier dem menschlichen Körper zugeführt wird.

Weshalb die medizinische Wissenschaft in diesem Zusammenhang den Begriff “Labyrinth” benützt, ist rätselhaft. Die Wikipedia hilft da nicht weiter, kennt nur das Labyrinthorgan der Labyrinthfische. Und im Artikel über das Ohr heißt es nur lakonisch: 

Das Innenohr liegt in einem kleinen Hohlraumsystem (knöchernes Labyrinth, lat. Labyrinthus osseus) innerhalb des Felsenbeines, eines Teils des Schläfenbeines. In diesem knöchernen Labyrinth befindet sich das membranöse oder häutige Labyrinth (lat. Labyrinthus membranaceus), bestehend aus der Gehörschnecke (lat. Labyrinthus cochlearis, kurz: Cochlea), in der Schall in Nervenimpulse umgesetzt wird, und dem Gleichgewichtsorgan (lat. Labyrinthus vestibularis).

Ich vermute, das die Mediziner ans Labyrinth deshalb dachten, weil der Mensch ziemlich verwirrt wird und sich – wie in einem Irrgarten – nicht mehr im Raum zurechtfindet, sobald das Ohrlabyrinth beeinträchtig wird. Auf dem Oktoberfest kann man dies viele tausend Male beobachten. An einem einzigen Tag.

Quellen
Goisern, Hubert von: “Brenna tuats guat” (
auch die DVD von Joseph Vilsmaier)
Jeske, Edith: Handbuch für Songtexter: Mehr Erfolg durch professionelles Schreiben und Vermarkten. Berlin Juli 2011 (Autorenhaus Verlag)
Reiner, Traudl und Walter: Ein Münchner im Himmel (erzählt von Adolf Gondrell). München-Grünwald ca. 1990 (Komplett-Media)
Schulz, Roland: “Nüchtern betrachtet” (“Ein Besuch in dem Land, aus dem fast jede original bayerische Lederhose kommt: Sri Lanka”). In: Freitag-Magazin der Südd. Zeitung Nr. 37 vom 14. Sep 2012
Thoma, Ludwig: Der Münchner im Himmel (1911). (Ganz köstlich dazu die Umsetzung als Zeichentrickfilm
Reiner)
Vilsmaier, Joseph (Regie): Wia die Zeit vergeht (
Live-Konzert von Hubert von Goisern). 2006 (Sony BMG) 

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem Willkommen im Labyrinth des Schreibens und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

218 / #824 / 1402 / BloXikon: Schlagertexte (Ohrlabyrinth)

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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