Nr. 100: Begehbares Birkenlabyrinth in Bürchen (Wallis)

Labyrinth des Schreibens

Alle Wetter! Beinahe hätte ich verpasst, dass der 100. Beitrag für diesen Labyrinth-Blog ansteht.  
Zugegeben: ich habe ein wenig getrickst. Denn ich wollte unbedingt, dass genau DIES mein Jubiläums-Eintrag wird. Aber dann kam so viel dazwischen, dass ich die runde Zahl beinahe übersehen hätte.

Die Beiträge für einen Blog sind ja meistens eher intellektueller Art – will sagen: Man beobachtet, zitiert, macht sich so seine Gedanken, stellt Querverweise her, abstrahiert, theoretisiert …

Aber das Labyrinth ist ja nicht nur ein Symbol und eine mythologische Überlieferung (wenn auch mit starken Verbindungen in die Gegenwart, was aufzuzeigen ja der Sinn dieses Blog ist): Ein Labyrinth kann man auch als ganz konkrete Struktur aus Steinen oder ähnlichem Material auf dem Boden auslegen und dann darin herumlaufen. Wenn das zudem einen künstlerischen Anspruch hat sowie für die Öffentlichkeit und eine gewisse Dauer gedacht ist und sich zudem noch unter freiem Himmel befindet – nennt man das LandArt.

Man kann in so ein Labyrinth dann hineingehen, kann über eine Frage, ein Problem meditieren. Schon seit vielen Jahren hatte ich die Idee, an einem schönen Ort selbst einmal so ein Labyrinth auszulegen. Seit drei Jahrzehnten fahre ich jedes Jahr mindestens einmal in ein Dorf im Wallis, mitten im Schweizer Hochgebirge, aus dem der väterliche Zweig der Vorfahren meiner Frau Ruth stammt: CH-3935 Bürchen. Wie an vielen solchen Bergorten werden die Wiesen längst nicht mehr so bewirtschaftet, wie früher. Da müsste es doch möglich sein, dachte ich mir …

Ich trug also 2001 dem örtlichen Tourismusverein meine Idee vor, auf so einer Wiese ein Begehbares Labyrinth mit Steinen auszulegen, so richtig großflächig und auf Dauer. Ich war selbst überrascht von der großen positiven Resonanz. Im Jahr darauf fand sich eine Wiese am Rand von Bürchen (Abb 2), in zehn Minuten vom Dorfkern erreichbar und trotzdem abgeschieden genug für stille Selbsterfahrung. Mit einem phantastischen Rundblick auf das Bietschhorn, das hier die Gegend bestimmt (Abb. 6). Der örtliche Bauunternehmer erlaubte, von einem großen Steinhaufen, der sich – praktischer Zufall – nur ein paar Schritte von der Wiese entfernt befand, die nötigen rund tausend Steine zu holen. Eine Schreinerei spendete nicht nur das Sägemehl, das zum Vorzeichnen der Struktur nötig war, sondern brachte den Kasten mit den Sägespänen auch gleich vor Ort, samt einer hohen Leiter für Foto-Shooting. Auch sonst bekam ich jede Unterstützung der Einheimischen.

Blieb noch, Helfer für das Auslegen der Steine zu rekrutieren. Ich trug mein Anliegen in der Dorfschule vor und fand sofort Zustimmung beim Lehrer, Herrn Werlen. Und nachdem ich den elf-/zwölfjährigen Buben und Mädchen die Brücke zum Thema über das Labyrinth bzw. den Irrgarten in dem Buch Harry Potter und der Feuerkelch gebaut hatte, waren sie begeistert bereit, mit zu helfen. Zwei Tage später, am 5. September 2002, machten wir uns an die Arbeit. Am 13. September 2002 wurde das Labyrinth im Rahmen einer kleinen Feier mit einem Apero eingeweiht. Seitdem kann man es jederzeit begehen.

Das fertige Gebilde ist mehr als 500 Meter lang, wenn man den Weg hinein zum Kern UND wieder hinaus zum Aus/Eingang zählt. Der Gang ist rund 1,50 m breit; die Fläche der Anlage beträgt 450 qm. Einen besonderen Kick erlebt man, weil die Wiese leicht schräg ist und man also nicht nur die typische Pendelbewegung beim Begehen eines Labyrinths kretischen Stils (mit nur einem Gang) vollzieht, sondern auch den Wechsel des Hinauf und Hinab (oder wie die Oberwalliser sagen: "Àmbrúf un´ àmbri").

 

Einige Bilder

Die Fotos (alle selbst gemacht) dokumentieren die Entstehungsgeschichte des Birken-Labyrinths (das so heißt, weil es sich inmitten vieler Birken befindet und weil der Ort Bürchen seinen Namen von eben diesem Baum ableitet: birchu).

Bei nächster Gelegenheit muss ich mal Bilder aus der Luft machen, auf denen man die Struktur der Anlage besser erkennt (ich weiß schon, wer mich vom Flugplatz Raron in seiner Einmotorigen hochfliegen kann). Die Leiter, von der aus ich am Rand der Wiese fotografierte, war gerade mal drei Meter hoch und verdammt wackelig. Aber ich denke, man sieht, worum es geht.

Zunächst einmal, gezeichnet, der schematische Anblick des Labyrinths, wie man es von oben aus der Luft sehen würde. Üblicherweise befindet sich der Eingang unten rechts – wegen der Lage der Wiese musste ich die Struktur jedoch spiegeln, sodass sich der Eingang jetzt, wie in der Zeichnung, unten links befindet.


Abb. 1: Schematischer Anblick des Labyrinths aus der Vogelperspektive (gezeichnet) 


Abb. 2: Blick vom Panoramaweg auf die -noch leere – Wiese (die jenseits der Teerstraße) nahe dem walliser Dorf CH-3935 Bürchen (besser ist sie leider nicht zu fotografieren)


Abb. 3: Ohne die vielen Steine auf diesem Haufen linkerhand wäre das Werk nicht gelungen


Abb. 4: Die Schülerinnen und Schüler der Bürchner Grundschule, die fleissig Steine schleppten


Abb.5 : Bei der Einweihung am 13. September 2003 liefen alle mal durch das Labyrinth (Ausschnitt der Struktur)


Abb. 6: Blick auf das majestätische Bietschhorn im Abendlicht, wie man es vom Labyrinth aus sieht

Weitere Fotos und eine ausführlichere Beschreibung finden Sie unter:
BEGEHBARES LABYRINTH IN BÜRCHEN
EIN LABYRINTH ENTSTEHT 
WIE MAN EIN LABYRINTH KONSTRUIERT

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

3 Kommentare

  1. zum 100.

    einen herzlichen Glückwunsch. So schnell ging das und die 100 sind voll. Das hätte ich jetzt nicht gedacht, daß es schon so viele sind.

    Ich finde es erstaunlich, wie bereitwillig die Gemeinde das Labyrinth Projekt unterstützt hat. Die Kinder hatten sicher auch ihren Spaß dabei. Das war ja dann für alle sicher eine tolle Sache.

  2. @ Martin Huhn

    Das war wirklich ein eindrucksvolles Erlebnis.
    Eben habe ich das Labyrinth samt Foto auch bei Google Earth eingetragen.
    Man muss nur als Ort angeben: CH-3935 Bürchen.
    Herzliche Grüße
    JvS

  3. Labyrinth haben ihre eigene Faszination

    … und mit Kindern und Jugendlichen zu Arbeiten macht sowieso Spaß ;o) … werde mir das Blog auf jeden Fall merken und gleich mal GoogleMaps suchen, Danke!

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