Nobelpreis für Kurzgeschichten-Autorin Alice Munro

Die kanadische Autorin Alice Munro bekam den Nobelpreis für Literatur sicher auch deshalb, weil mal wieder “eine Frau dran sein sollte” und Kanada als Land noch nie dran war. Aber es wurde damit gewissermaßen auch eine literarische Form erstmals ausgezeichnet: die Kurzgeschichte!

Die Short Story ist ein sehr amerikanisches Format. Bei uns in Deutschland hatte die Kurzgeschichte eigentlich nur in den späten 1940er Jahren eine kurze Blüte – wohl auch deshalb, weil Papier Mangelware war und die kurze Form sehr dem Mitteilungsdrang der Kriegsopfer und -heimkehrer entsprach. Und weil die Amerikaner mit dem Jazz eben auch die in den USA sehr beliebte literarische Form samt ihren Magazinen und Literatur-Preisen (wie den nach O. Henry benannten) nach Europa brachten.

Aber der Roman ist ein anderes Kaliber und in den Feuilletons und bei den Rezensenten wohl auch deshalb so beliebt, weil man sich im Besprechen von fünfhundert oder gar tausend Seiten eloquenter selbst darstellen kann als bei der Vorstellung einer Kurzgeschichte von zwanzig, zehn, fünf oder – horribile dictu – gar nur einer einzigen Seite.

Ich glaube, es war William Faulkner*, der in einem Interview einmal sinngemäß äußerte, er schreibe deshalb so umfangreiche Romane, weil ihm das Verfassen von Kurzgeschichten so schwer falle.
* Er schrieb allerdings selbst eine Reihe von Kurgeschichten, darunter mit dem O. Henry-Preis ausgezeichnete.

Der russische Schriftsteller Michail Alexandrowitsch Bakunin kam eines Tages mit einem dicken Manuskript unter dem Arm zu seinem Verleger. Der Verleger war hocherfreut, endlich hatte sein Autor einen Roman geschrieben! Bakunin nahm jedoch von dem Stapel lediglich ein paar Seiten ab und überreichte sie dem Verleger. Das sei seine neueste Kurzgeschichte, erklärte er dazu,

der Rest sind die 32 Versuche, die ich benötigte, um diese Kurzgeschichte zu formen.

Sei dem wie dem sei – die kurze Erzählform wird durch den diesjährigen Nobelpreis sicher keine Nachteile haben, ganz im Gegenteil. Alice Munro hat übrigens auch (fast ist man versucht zu notieren: pflichtgemäß) einen Roman veröffentlicht: Lives of Girls and Women. Das klingt sicher nicht zufällig irgendwie nach einer Sammlung von Kurzgeschichten.

Über die Preisträgerin vom 10. Oktober 2013, brauche ich hier nichts weiter mitzuteilen – das besorgten anderntags alle Medien mehr als genug. Die Wikipedia gibt zudem recht zuverlässig Auskunft über diese Autorin, der in ihrem 82. Lebensjahr noch diese große – und wie die Laudatoren meinen – sehr verdiente Würdigung widerfahren ist. Für alle Leser dieser Zeilen, die informiert sein möchten und zu faul sind, in der Wikipedia nachzuschauen, zitiere ich von dort kurz über Leben und Werk:

Munro wuchs als älteste Tochter zusammen mit ihren beiden Geschwistern auf einer Silberfuchsfarm in Wingham auf. Als sie zehn Jahre alt war, erkrankte ihre Mutter an einer seltenen Form der Parkinson-Krankheit. Zwischen 1949 und 1951 studierte sie Journalismus an der University of Western Ontario. Aus Geldmangel brach sie ihr Studium ab, heiratete Jim Munro und gebar vier Töchter; eine davon starb kurz nach ihrer Geburt. […] 1972 trennte sich Munro von ihrem Ehemann; 1976 heiratete sie den Geographen Gerold Fremlin.
Die Schriftstellerin musste lange warten, bis eine erste Sammlung ihrer Erzählungen publiziert wurde. Ihr Debüt
Dance of the Happy Shades wurde 1968 von der Kritik begeistert gefeiert und ausgezeichnet. Bisher sind 13 Bände mit Erzählungen und ein Roman erschienen. […]
Ihre Geschichten sind realitätsnah, abgründig, unsentimental und haben häufig einen offenen Schluss.

Demnächst

Für mich bestätigt diese Nobel-Ehrung mein Vorhaben, in den nächsten Tagen hier auf der Website endlich die avisierten Kurzgeschichten der Teilnehmer eines Creative writing-Seminars an der Uni Mannheim zu veröffentlichen.

Doppelt freut mich Munros Ehrung, weil ich dadurch endlich mal wieder meine eigenen Bemühungen um die Kurzgeschichte bestätigt sehe.

Quellen
Munro, Alice: Lives of Girls and Women (1971). Deutsch: Kleine Aussichten. Ein Roman von Mädchen und Frauen. Aus d. Amerikan. übers. von Hildegard Petry. Klett-Cotta, Stuttgart 1983.
Munro, Alice: Ihre Kurzgeschichten sind in vielen Taschenbüchern des Fischer-Verlags zugänglich, der jetzt endlich die auch finanzielle Ernte seiner Bemühungen um diese Autorin einfahren kann.
Scheidt, Jürgen vom: Kurzgeschichten schreiben. (1994) München 2002-07 (Allitera).

# 271 / 980 JvS / Aktualisiert 16. Oktober 2013/10:19 / v 1.4

 

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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