Mit dem Labyrinth ins Neue Jahr 2014

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Es drängt mich mit aller Macht, das alte Jahr 2013 mit einem Post in diesem Blog zu beenden. Das Thema “Schreiben an der Universität”, das eigentlich ansteht, hat sich als sperriger und schwieriger herausgestellt als geplant. Deshalb soll dies der erste Post im nächsten Jahr werden. Also morgen. Oder in den nächsten Tagen.

Mit einem dreifachen Labyrinth möchte ich Sie, verehrte Leser dieses Blogs, etwas gravitätisch altväterlich ins kommende Jahr geleiten. Es wird sicher nicht weniger komplizieret und chaotisch werden wie das in seinen letzten Zuckungen und Stunden liegende Jahr 2013. Aber die Labyrinth-Sage tröstet uns ja mit einem Happy-end, zumindest für den Helden Theseus und die anderen athenischen Geiseln: Das Ungeheuer in den Tiefen des Labyrinths wird besiegt. Möge dies – wie immer dieser Minotauros im kommenden Jahr beschaffen ist –  wiederum gelingen.
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Allgegenwart des Labyrinth-Mythos
In der Sylvesterausgabe der Süddeutschen Zeitung fallen mir zwei Beiträge auf:
° Im Lokalteil die “Labormäuse im Labyrinth”
° im Feuilleton eine ganze Seite über Orakel im Leben und Werk bekannter Autoren, wobei mir sofort der Labyrinth-Fan Jorge Luis Borges ins Auge sticht.

Die Bewohner des Münchner Stadtteils Pasing im Westen der Stadt mussten sich aufgrund langwieriger Arbeiten auf mehreren Großbaustellen in der Tat wie besagte “Labormäuse im Labyrinth” vorkommen.

Die Tramgleisverlegung in den Hauptstraßen hatte den Ortskern in einen Irrgarten verwandelt. Und einem fiesen Programm aus dem Bau- und Kreisverwaltungsreferat zufolge wurden die Zäune schier täglich versetzt. Es muss ein Heidenspaß gewesen sein, die Passanten wie Labormäuse in immer abwegigeren Verästelungen durch dieses Labyrinth huschen zu lassen.

Doch nicht nur Lokalreporter bedienen sich gerne der Metapher “Labyrinth”, wenn es kompliziert und unübersichtlich wird. Auch das Feuilleton stellt seine Liebe zum Labyrinth-Mythos immer wieder unter Beweise – auch wenn Irrgarten und (kretisches) Labyrinth beharrlich gleichgesetzt werden und man von meinem Vorschlag ebenso beharrlich ignoriert, ersteres (den Irrgarten) immer dann, wenn es sich nicht um einen “Garten” handelt, als Yrrinthos zu bezeichnen.
Interessant erscheint mir als Labyrinthologen jedenfalls, dass auf der Seite mit den Orakeltexten von neun bekannten Autoren wie Goethe, Chandler und Puschkin (die ja wiederum eine enorm verengte Auswahl aus zig Tausenden möglicher Autoren darstellen) eben auch Borges zitiert wird. Nicht einmal mit einer seinen vielen Labyrinth-Geschichten, die ja einen Großteil seines Werkes dominieren, sondern mit der grusligen “Lotterie in Babylon”, bei der es um Zufall, Glück und Unheil in bizarrer Verquickung geht und das Labyrinth ausdrücklich erwähnt wird, und zwar zweimal:

Jeder freie Mann, der in die Mysterien des Baal eingeweiht war, nahm automatisch an den heiligen Ziehungen teil, die in den Labyrinthen des Gottes alle sechzig Nächte erfolgten und sein Schicksal bis zur nächsten Ziehung bestimmten. Die Folgen waren unberechenbar. Ein glücklicher Spielausgang mochte ihn in den Rat der Magier oder einen seiner Feinde (öffentlicher oder privater Art) ins Gefängnis bringen oder ihn im friedlichen Dunkel seines Gemachs der Frau, die uns gerade zu beunruhigen beginnt oder die man nicht wiederzusehen erwartete, begegnen lassen; ein unglücklicher Spielausgang: Verstümmelung, alle Arten von Schande, Tod.
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So unwahrscheinlich es klingen mag, niemand hatte sich bis dahin an einer allgemeinen Theorie des Spiels versucht. Der Babylonier ist nicht spekulativ veranlagt. Die Urteilssprüche des Zufalls nimmt er hin, weiht ihnen sein Leben, seine Hoffnung, sein panisches Entsetzen, aber es fällt ihm nicht ein, seine labyrinthischen Gesetze oder die kreisenden Sphären, die ihn enthüllen, zu erforschen.

Der Redakteur Lothar Müller von der SZ weiß natürlich um die Labyrinthomanie des argentinischen Dichters und gelangt so geradezu zwangsläufig zu dieser Formulierung:

Durch ein labyrinthisches System von Ziehungen wurde [die Lotterie] zur “Einschaltung des Zufalls in die Weltordnung”.

Das freut den Labyrinthologen und Autor dieses Blogs Labyrinth des Schreibens denn auch. Und so kann er nach Fertigstellung, Überarbeitung und Veröffentlichung dieses Beitrags sich beruhigt wieder der Arbeit im Sylvester-Seminar “Den roten Faden finden” zuwenden – was uns elegant zu einer dritten Labyrinth-Erwähnung in diesem Beitrag führt: eben dem sprichwörtlichen Roten oder Ariadne-Faden.

Alles Gute zum Neuen Jahr 2014 wünscht der Verfasser dieser Zeilen den geneigten Lesern.

Quellen
Borges, Jorge Luis: “Die Lotterie in Babylon” (1941).In: Borges, Fiktionen. Frankfurt am Main Mai 1992 (Fischer Taschenbuch), S. 56 und 57
Czeguhn, Jutta: “Labormäuse im Labyrinth”. In: Südd. Zeitung Nr. 301 vom 30. Dez 2013, S. R07 (Lokalteil)
Müller, Lothar: “Das schwarze Los”. In: Südd. Zeitung Nr. 301 vom 30. Dez 2013, S. 14 (Feuilleton)

Post #273 / Aktualisiert 05. Jan 2014/10:34 / v 2.3

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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