Minotauren-Karussell als Super-Zufall

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Vor einer Woche hatten wir 50. Abiturtreffen. Ja, so alt bin ich inzwischen. 69 Jahre. Als ich 1959, vor einem halben Jahrhundert mit 95 anderen Knaben und einem Mädchen* im Wonnemonat Mai in der Turnhalle über den Aufgaben dieser Mutprobe** brütete, sah die Welt ein bisschen anders aus als heute.
* JJa, wir waren so etwas wie eine Versuchsschule für Ko-Edukation – mit einem einzigen Mädchen (man konnte ja nicht wissen, wie sich das weibliche Element auswirken würde)
** Um etwas anderes als eine Mutprobe resp. eine Initiation (in die Welt der Erwachsenen) handelt sich sich m.E. beim Abitur nicht

Es war noch keine Rechtschreib-Reform über uns niedergegangen. Keine Verkürzung der neun Schuljahre auf acht*** hatte uns terrorisiert. Es gab noch kein Internet und keine Computerspiele. Auf dem Mond war man auch noch nicht gelandet; das geschah, wie das Internet,  erst ein Jahrzehnt später. Aber immerhin lautete das Thema eines der Deutsch-Aufsätze (sinngemäß): "Ist die Weltraumfahrt etwas Sinnvolles – oder nur Geldverschwendung".
***  – in Bayern durchgepeitscht von einem Ministerpräsidenten, der zehn Jahre statt neun gebraucht hatte, weil er einmal sitzengeblieben war

Es schmeichelte mir, dass der Direktor, der von meinem Faible für Science Fiction und Raumfahrt wusste, beim kontrollierenden Vorbeigehen an meinem Arbeitstisch murmelte: "Na, vom Scheidt, das ist doch ein Thema für Sie – ". War es auch. Brachte mir eine Eins, die so manche Schwäche in anderen Fächern ausbügeln konnte. (Klar, dass ich die Raumfahrt als etwas Sinnvolles betrachtete – das ist, bei aller Skepsis, noch heute meine Überzeugung.)

Aber all dies wollte ich eigentlich nicht erzählen. Vielmehr wollte ich von einem wirklich irren Zufall berichten. Als wir uns nämlich, als letztes Häuflein von sieben Aufrechten zur Feier des 50. trafen, verteilte einer von uns Kopien der Abi-Zeitung, die einige von uns damals produziert hatten. Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich das Titelblatt erblickte:

Abb.: Kettenkarussell mit acht Minotauren (Titelblatt der Abiturzeitung der Gisela-Oberrealschule im Juli 1959 – Zeichner unbekannt)

Meine Betroffenheit ist rasch erklärt. Zum einen passt das Minotauros-Motiv natürlich genau hierher in den Labyrinth-Blog. Aber viel betroffener machte mich, dass wir vom "Institut für angewandte Kreativitätspsychologie" ab 2010 einen Kurs anbieten, der Minotauros-Projekt heißt und die Förderung hochbegabter Spätentwickler zum Ziel hat. Unser Team besteht aus genau acht Leuten.

Zufall, wie gesagt, ein doppelter oder Super-Zufall sogar. Einer, der sich statistisch wirklich durch nichts weg-erklären lässt. Ich nehme ihn einfach als gutes Omen für unser Projekt.

Hochbegabt…

… waren wir natürlich alle, die das Abitur schafften. Oder zumindest die meisten von uns. Die Zahl der – späteren – Doctores und Professores in unserer Klasse spricht dafür. Damals, in den 50-er Jahren, war die Auslese an den Gymnasien noch wesentlich strenger. Sagt man.

Klingt mächtig elitär? Ist es sicher auch. Wen juckts´s. Jedenfalls bin ich gespannt auf Kommentare. Vor allem auch zum Thema "Zufall".

(Mit dem Sinn und Unsinn von Abitur und Schule befasse ich mich ein andermal anhand des eindrucksvollen Buches "… und ich war nie in der Schule" von André Stern. Der auch noch ein schönes Beispiel eines Hochbegabten ist, der genau dies von sich weist.)

Quellen
diverse Autoren: Das Karussell – Abiturzeitung der Gisela ORS 58/59
Stern, André: " . .. und ich war nie in der Schule". Geschichte eines glücklichen Kindes. 1. Auflage München 26. Februar 2009 (Zabert Sandmann)

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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