Marsch auf die Feldhernhalle am 9. November?

Labyrinth des Schreibens

Wer ein Minimum an historischem Wissen hat, hält es nicht für möglich, dass heute, am 9. November, die Pegida-Leute einen “Spaziergang” zur Münchner Feldherrnhalle machen wollen – und dass ihnen das möglicherweise von der Münchner Verwaltung nicht untersagt werden darf.
Zur Erinnerung:
° Am 9. November 1923 marschierte Adolf Hitler mit seinen Anhängern zur Feldherrnhalle, um die bayerische Regierung zu stürzen. Der Putsch wurde vereitelt, Hitler kam ins Gefängnis. Aber die bayerische Justiz ließ ihn bald wieder frei, er konnte im Landsberger Gefängnis sein autobiographisches Pamphlet Mein Kampf verfassen (das ihn zu einem reichen Mann machte) und vorbereiten, was ihn 1933 an die Macht brachte und
° am 9. November 1938 mit der Reichs-Pogromnacht zum Startschuss für die Vertreibung und Ermordung von Millionen jüdischer deutscher Bürger wurde.
Das Datum “9. November” ist also extrem mit braunem Terror verbunden. Und ausgerechnet an diesem Tag will Pegida zur Feldherrnhalle marschieren und das Verwaltungsgericht lässt dies zu?
Jetzt, um 08:12 Uhr, da ich diese Zeilen sxhreibe, ist noch offen, ob der (euphemistisch als Spaziergang verharmloste) Marsch genehmigt wird, und ob es Gegendemonstrationen geben wird.
Man muss aber nur vom Odeonsplatz mit der Feldherrnhalle fünf Minuten Richtung Westen laufen, um ins neue NS-Dokuzentrum zu gelangen. Dort kann man studieren, was es mit München, der Feldherrnhalle und Hitlers Aufstieg auf sich hat.

 
Nachtrag vom 10. November 2015
Etwa 3.000 Gegendemonstranten habe die rund 100 Pegida-Leute umringt und bereits am Platz der Münchner Freiheit friedlich aber bestimmt daran gehindert, ihren “Marsch zur Feldherrnhalle” zu realisieren.

iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft
iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft

Was das mit dem Thema “Flüchtlinge” zu tun hat?
Wie ein Zugpflaster mit Ichthyolsalbe, das den Eiter aus einer Wunde transportiert, so transportiert das Thema “Flüchtlinge” den braunen Eiter aus der Gesellschaft. Wir alle wissen, dass dieses Nazi-Element im Volkskörper (schreckliches Wort, aber in diesem Fall sehr treffend) immer vorhanden ist, weil am rechten Rand des politischen Spektrums ebenso wie am linken Rand immer Sammelbecken für extreme Ansichten und erfahrungsgemäß auch Gewaltbereitschaft vorhanden sind.

 

Labyrinth des Schweigens
Der Titel dieses exzellenten Films beschreibt sehr gut, warum und wie solcher Extremismus gedeiht: Durch Wegschauen und Verschweigen und Verdrängen der Realität. Der Film, der in diesem Jahr 2015 in die Kinos kam, dokumentiert, wie es möglich wurde, dass 1963 endlich das Grauen von Vernichtungslagern wie Auschwitz justiziabel wurde – und warum dies so lange dauerte: 18 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Die Aufarbeitung dieser Mordmaschinerie, an der Hunderttausende Deutscher nicht nur in Auschwitz beteiligt waren, musste so lange warten, weil es eine Art Verschwörung der Beteiligten und ihrer Familien, Freunde und Bekannten gab. Keine Verschwörung, zu der man sich in großem Stil verabredet hat (in kleinen Kreisen sehr wohl), sondern eine Art ungeplanter Verschwörung durch stillschweigendes Teilen einer Einstellung, die auf Vertuschung und Verleugnung und Sich-unschuldig-geben hinauslief.
Der Auschwitz-Prozess in Frankfurt kann als Startsignal für die bald darauf folgende Studentenrevolte und 68er-Bewegung gesehen werden. Die machte den “Muff von tausend Jahren unter den Talaren” bei Juristen und anderen Akademikern recht erfolgreich sichtbar und ging endlich an die Aufarbeitung der Schuld der Väter-Generation.
Die Wiedervereinigung der beiden getrennten Teile von Deutschland setzte etwas Ähnliches in Gang – infolge eines makabren Zufalls wieder an einem “9. November”:


1989: Fall der Berliner Mauer: Nachdem SED-Politbüromitglied Schabowski auf einer im DDR-Fernsehen übertragenen Pressekonferenz die Gewährung von Reisefreiheit bekanntgegeben und die Nachfrage nach dem Beginn dieser Regelung um 18:57 Uhr mit „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“ beantwortet hatte, strömen Tausende zu den Grenzübergangsstellen: Beginnend mit dem Übergang Bornholmer Straße öffnen sich für die DDR-Bürger damit die Berliner Mauer und die anderen innerdeutschen Grenzen.
(Zitat aus der Wikipedia)

Wer es wissen will und genauer hinschaute, konnte sehen, wie in den neuen Bundesländern plötzlich rechtsextremes Denken und Handeln sichtbar wurde, das die DDR-Regierungen 40 Jahre lang erfolgreich ignoriert hatten, denn

“der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch”

Seit einem halben Jahrhundert Jahren kennen die Deutschen diesen Satz von Bertolt Brecht aus dem Epilog des Theaterstücks Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, das Hitlers politischen und gesellschaftlichen Aufstieg und den Nazismus in die Gangsterwelt verlegte.
Und nun will also, siebzig Jahre nach Ende des braunen Terrors, der am 9. November 1923 vor der Feldherrnhalle in München begann, Pegida zu eben dieser Feldherrnhalle marschieren.
Dass die Justiz, sprich das Verwaltungsgericht in München, dies zu genehmigen bereit war, passt bestens dazu, dass man in eben diesem München ebenfalls 70 Jahre benötigte, um das NS-Dokuzentrum zu bauen und (an Hitlers Todestag am 30. April) im Frühling 2015 endlich zu eröffnen. Jenes Museum, in der die Verstrickung der Stadt München in die Nazi-Barbarei eindrücklich dokumentiert wird.

 

Bezug zum Schreiben
Die Staatsanwälte müssen im Film Labyrinth des Schweigens unglaublich viele Notizen aus den Akten der Nazis anfertigen. Immer wieder sieht man sie schreiben. Ohne dieses Schreiben wäre die Aufarbeitung des Nazi-Terrors in Auschwitz und andernorts unmöglich gewesen. Sie wurde, paradoxerweise, möglich, weil die Nazi-Verbrecher der SS sehr penibel und fleißig alles aufschrieben, was sie selbst taten!

 

Labyrinth-Bezug
Nicht nur der Filmtitel paraphrasiert die Allgegenwart des Labyrinth-Motivs. Es gibt auch ein wörtliches Zitat im Film:

Herr Rademann – das ist ein Labyrinth. Verirren Sie sich nicht. (Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu einem der Staatsanwälte, die ihm zuarbeiten).

 

Quellen
Ricciarelli, Giulio (Regie): Im Labyrinth des Schweigens (Labyrinth of Lies). Deutschland 2015
Wikipedia (anonym): “9. November”


Post 291 / JvS #1045 / SciLogs #1248 / Aktualisiert: 10. Nov 2015 (09. Nov 2015/08:12) / v 1.1

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

7 Kommentare

  1. Hierzu nur erklärend wie ergänzend:

    Wer ein Minimum an historischem Wissen hat, hält es nicht für möglich, dass heute, am 9. November, die Pegida-Leute einen “Spaziergang” zur Münchner Feldherrnhalle machen wollen – und dass ihnen das möglicherweise von der Münchner Verwaltung nicht untersagt werden darf.

    In denjenigen Systemen, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementieren konnten, ist als sehr wichtige Grundlage bekannt und angenommen: A) die Freiheit der individuellen Meinungsäußerung und B) die Freiheit der Meinungsäußerung und Demonstration derselben aus der Gruppe heraus.

    Vgl. :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Versammlungsfreiheit
    -> https://en.wikipedia.org/wiki/Freedom_of_assembly

    Persönlich geäußerte Befindlichkeit und “Gesülze”, wie es von einem Marxisten-Leninisten und vielleicht auch Stalinisten stammt (‘der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch’ etc.) muss an dieser Stelle nicht der diesbezüglichen Erörterung beigefügt werden.

    MFG
    Dr. W

  2. Das gerade unter extrem nationalistisch angehauchten Kreisen gerade der 9. November eine so gro0e Anziehungskraft hat, mag eventuell auch am 9. November 1918 liegen. In der Novemberrevolution wurde im Deutschen Reich nach der Kriegsniederlage die Republik ausgerufen.

    • Falls dem so wäre, müssten die Pegida-Leute nach Berlin spazieren und nicht nach München. Wie einer Mitteilung des BR zu entnehmen ist, demonstriert Pegida unter dem Motto “Fall der Mauer am 9. November – mit friedlichen Spaziergängen die Politik gestalten, damals wie heute”.

      Der 9. November ist ein Schicksalstag in der deutschen Geschichte. Am 9. November 1848 wurde der demokratische Abgeordnete Robert Blum in Wien erschossen, was letztendlich zum Scheitern der Märzrevolution führte. Und ja, im Zuge der Revolutionsbewegung gab Reichskanzler Prinz Maximilian von Baden eigenmächtig die Abdankung des deutschen Kaisers bekannt, weil es ansonsten wohl zu einem radikalen Umsturz gekommen wäre. Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann dann, ebenfalls eigenmächtig, die Republik aus. Die nachfolgende Weimarer Republik stand auf schwachen Beinen und so plante der Parteiführer der NSDAP, Adolf Hitler, in München einen gewaltsamen Putsch. Zusammen mit General Erich Ludendorff und weiteren Anhängern marschierte er am 9. November 1923 zur Feldherrnhalle in München. Der Putsch wurde vereitelt und Hitler verhaftet. Einige Jahre später gelang ihm die Machtübernahme und mit der Einführung der Diktatur begann der nationalsozialistische Terror gegen die Juden, welcher sich der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in der Reichspogromnacht entlud.
      Es ist natürlich schon seltsam, dass Pegida ausgerechnet an einem Tag demonstriert, der traditionell ein Gedenktag für die Opfer des Nazi-Regimes ist.

      http://www.br.de/nachrichten/oberbayern/inhalt/pegida-muenchen-verbot100.html

      • Die Pegidas rennen halt traditionell am Montag auf der Straße herum, vornehmer formuliert: sie nehmen ihre demokratisch verbürgten Rechte an diesem Tag wahr, sie demonstrieren.

        Warum sollen sie es an einem bestimmten Datum, das ein Montag ist, nicht tun?

        Würden sie sich nicht andernfalls schamhaft exponieren und sich so indirekt in eine bestimmte Nachfolge oder (nur scheinbar?) hervorgehobene Nichts-Nachfolge begeben, um sozusagen allen zu zeigen, dass sie nicht braun sind? Sich so einer Loaded Question (das Fachwort) unterwerfen, der sogenannten Politischen Richtigkeit?

        MFG
        Dr. W (der die Pegida-Bewegung als konservativ, als “rechts”-konservativ oder als “rechts” kennt, nicht aber als Kollektivisten oder Sozialisten, wie er viele ihrer Kritiker kennt)

  3. Schön inszeniert – ein Spaziergang zur Feldherrnhalle, am Jahrestag des Hitler-Putsches. Ist ja ein Montag – Sich zu versammeln also für Pegida ganz normal. Im Namen des Friedens – wer könnte da schon was gegen sagen?
    Und der Rechte Rand kann sich auch verstanden fühlen. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Schreibe einen Kommentar