Kreta-Reise und Minotauros-Traum

Labyrinth des Schreibens

Lange Zeit war Indien mein Traumland. Da war ich 1975/76 schon, wollte immer wieder mal hin. Auch Ägypten, eine der Faszinationen meiner Kindheit, wäre noch abzuhaken. Aber jetzt ist erst einmal Kreta dran.

Ein Blog ist nichts anderes als ein "öffentliches Log- und Tagebuch". Es ist also legitim, ja sogar sehr erwünscht, auch Persönliches einfließen zu lassen. Ab und zu ist es einfach wichtig, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, ein Stück quasi-therapeutischer Selbsterfahrung zu machen, damit man nicht immer wieder in alte Verhaltensmuster verfällt. Bitte sehr:

Diese Reise nach Kreta hat viel mit meinem Vater zu tun (s. den vorangehenden Eintrag). Ich schiebe ihre Verwirklichung seit mindestens zwanzig Jahren vor mir her, habe diesen Reisewunsch immer wieder vergesse. Was ebenfalls mit meinem Vater zusammenhängt. Erst nach seinem Tod 1995 tauchten in mir Gedanken auf, die erneut um Kreta kreisten, und zwar immer intensiver.

Deutschland hatte Kreta, wie so ziemlich ganz Europa, zu Beginn der 1940-er Jahre überfallen. Fallschirmjäger waren auf der großen Insel gelandet (unter ihnen Max Schmeling) und hatten sie im Handstreich besetzt, wenn auch unter massiver Gegenwehr patriotischer Griechen und englischer Truppen. Kreta liegt wie ein natürlicher Flugzeugträger im Mittelmeer und ist der ideale Brückenkopf nach Afrika; deshalb das Interesse von Nazi-Deutschland mit Hitlers Weltmachtphantasien an diesem Teil der nicht-deutschen Welt. 

Mein Vater war etwa 1942-44 als Soldat in Heraklion stationiert, in der Funktion eines Sprachenlehrers für Englisch und Französisch; die dort einquartierten reichsdeutsche Besatzungstruppe mussten ja mit irgendetwas beschäftigt werden, solange es keine Kampfhandlungen gegen die Engländer oder gegen einheimische Aufständische gab. Wer damals die Terroristen waren, ist heutzutage klar: die deutschen Fallschirmjäger und ihr Begleitpersonal – also auch mein Vater. Letzeres war lange Jahre der Grund, weshalb ich Kreta mied. Ich hatte ja keine Ahnung, was er dort getan haben könnte.

Es war die Beschäftigung mit diesem Blog und natürlich mit dem Labyrinth-Thema, die meine Abwehr gegen diese Reise in jüngster Zeit verändert hat. Mein Vater hatte in den 1980-er Jahren seine Kreta-Nostalgie-Reise gemacht und sich in Heraklion mit Einheimischen aus der Besatzungszeit, seinen damaligen Gastgebern, wieder getroffen (was offenbar ein angenehmes Treffen war, jedenfalls hat mein Vater es so erlebt und berichtet). Deshalb nehme ich an, dass er in keine der dort verübten, bestens dokumentierten Kriegsgräuel verwickelt war. Auch diese Erkenntnis hat meine Reisepläne erleichtert.

Dass all dies auch ganz intensiv mit dem Labyrinth-Thema zu tun hat, macht mir erst jetzt ein Traum klar, den ich schon im August 1993 hatte, zwei Jahre vor dem Tod meines Vaters:

Ich bin Arbeiter auf einer Baustelle. Ich soll im zweiten Untergeschoß des Kellers Werkzeug holen, das dort liegengeblieben ist. Es gibt zwei Paternoster, die in die Tiefe führen; sie sind neu und aus einem ungewöhnlichen Material: hellblaues Plastikmetall . Der eine Paternoster fährt sehr schnell, das ist mir zu gefährlich. Als ich in den anderen steigen will, gerät etwas durcheinander damit; mir bleibt gerade noch genügend Zeit, daß ich der wildgewordenen Maschinerie entkomme.
Bei einem zweiten Versuch fährt der Polier mit mir hinunter. Dämmerlicht. Plötzlich sind da kräftige Schritte, wie mit Stiefeln. Bedrohliche Atmosphäre. Ein Mensch mit Stierkopf kommt näher – aber es ist nur ein Schatten an einer Wand, wenn auch irgendwie
mit Substanz, also von irgendeiner schwarzen Dichte.
In Panik flüchten wir beide: Das muss der Minotauros sein!

Nach dem Aufwachen hatte ich sofort das intensive Gefühl: Dieser geahnte Minotauros ist irgenwie eine symbolische Präsenz meines Vaters. Das muss mit den Stiefeln zusammenhängen, deren Trittschall ich im Traum höre – Stiefel von Soldaten! Mein Vater war Soldat – unter anderem auf Kreta (s. den Eintrag vom 10. Sep). Die Assoziation "Minotauros – Vater" liegt also nahe.

Fast so etwas wie ein Gegenmotiv ist das hellblaue Plastikmetall. Dazu fielen mir nämlich spontan die blauen Helme der UNU-Friedenstruppen ein. 

Ich will den Traum nicht weiter interpretieren. Der Schauplatz führt jedenfalls tief in meine Kindheit, wo ich mich schon als Fünfjähriger auf den Baustellen meines Großvaters herumgetrieben habe. Tiefenpsychologisch verstehe ich den ganzen Traum als Hinweis auf die Baustelle meines Lebens – und auf die Versöhnung mit dem Vater, den ich als Kind (nach seiner Rückkehr aus dem Krieg) und als Jugendlicher immer wieder als einen potenziell gefährlichen Menschen erlebt habe – obwohl er im Grunde seines Wesens ein sehr friedlicher Zeitgenosse war. Aber das Minotaurische hatte er eben auch – in Form von Jähzorn und seiner soldatischen Vergangenheit, über die er nur sehr wenig erzählte.

Genug vom Privaten. Die Arbeit an diesem Blog hat in mir den starken Wunsch wieder aktiviert, endlich dieser Insel der Labyrinth-Sage mit all ihren Figuren (von denen der Minotauros ja nur eine ist), einen Besuch abzustatten. Heute. Punkt.

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blog rein! Hilfreich könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel sein.

  • Veröffentlicht in: Kreta

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

1 Kommentar

  1. Frank Walther

    Hallo “Kretaüberwinder”,
    einen wirklich schönen Eintrag hast du hier gemacht (ich nehme mir einfach mal raus dich hier zu duzen?).
    Als ich deinen Blog über deinen Kreta Urlaub gelesen habe und an meine Reise nach Kreta zurückgedacht habe, wurde mir schnell klar, dass ich ähnlich Gefühle und Erinnerungen mit meinem Urlaub auf Kreta verbinde. Zwar war mein Vater nicht auf Kreta stationiert, aber immerhin in der Türkei. Also: großes Lob für das Blog.

    Gruß Frank.

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