Krass oder krank: “Feuchtgebiete”

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Wer ein Buch schreibt, es gar veröffentlichen will, muss sich sehr anstrengen, um im Labyrinth des Geschriebenen gefunden zu werden und Gehör zu finden. Manche Autorinnen und Autoren gehen dabei extreme Wege. Muss man die mitgehen? 

Vorab: Dieser Artikel bezieht sich weder auf den Roman von Charlotte Roche noch auf dessen Verfilmung; beide kenne ich nicht; beide interessieren mich nicht. Ich beziehe mich nur auf ein Zitat aus einer Kurz-Rezension des Films.

Wenn die Heldin aus Charlotte Roches Roman mit ihrer „Muschi” die dreckige Klobrille einer öffentlichen Toilette sauberwischt, könnten die ersten Zuschauer angeekelt die Flucht ergreifen – aber sie würden eine der aufregendsten Buchverfilmungen der letzten Jahre verpassen. [… eine] rauschhafte Tour de Force auf erstaunlich sensible Weise.

Der anonyme Rezensent, der in der Zweitschrift tv spielfilm so von der Verfilmung des Bestsellerromans Feuchtgebiete von Charlotte Roche* schwärmt, ist wohl auch der Meinung, dass “erstaunlich sensible Weise” alles andere entschuldigt, und sei es noch so krank. Ja, ich halte eine derartige Einstellung zur eigenen Person nicht nur für krass, sondern für psychisch ziemlich gestört, ja krank – und gar nicht für cool. Nach Angaben der Autorin hat das Buch weitgehend persönliche Bezüge, „sind 70 % des Buches autobiographisch“. Das ist aber nicht von Belang. Was zählt, ist der Text des Romans. Diesbezüglich wundert mich nur, dass die Protagonistinn nicht die eigene Scheiße aufs Brot schmiert und schwärmt: “Oh, wie lecker!”
*Der Roman wurde zum Bestseller des Jahres 2008 ernannt. Laut dem Marktforschungsunternehmen Media Control wurde die Geschichte mehr als 1,3 Millionen Mal verkauft; das Buch stand 30 Wochen an der Spitze der Literatur-Charts (Quelle: Wikipedia).

 

Ekel hat eine biologische Funktion

Man kann annehmen, dass die Evolution den Ekel erfunden hat, um die Lebewesen vor allzu krassen Fehlgriffen in ihrem Verhalten zu schützen, vor allem vor Infektionen durch verseuchtes (moderiges, stinkendes) Essen und dergleichen. Wie ein Roter Faden zieht sich durch die Literatur jedoch der Trend zu immer krasseren Selbstentblößungen und Tabubrüchen. Der Babyficker sei nur als besonders extremes Beispiel genannt, Feuchtgebiete spielt, wie der Nachfolge-Roman Schoßgebete, mit ähnlichen Assoziationen. Der Sinn hinter solchen Titeln und Inhalten? Im Fernsehen würde man das marketingkonforme Schielen nach einer hohen (Zuschauer-)”Quote” vermuten; Verlage argumentieren und schielen heute längst ähnlich.

Roches Roman ist offenkundig ein Selbsterfahrungstrip, der genauso offenkundig Gefallen bei den Lesern findet. Aber ob da viele (Frauen) darunter sein werden, die mit ihrer„Muschi” die dreckige Klobrille einer öffentlichen Toilette sauberwischen würden? Erwachsene wissen, dass man mit einer Muschi wahrlich Interessanteres machen kann.

Aber vielleicht hätte man Roches Manuskript gar nicht bis ins Lektorat gelangen lassen, wenn da nicht ihr Job als Fernsehmoderatorin und eine entsprechende Medienpräsenz den Verlag gierig gemacht hätte. 


Volle Authentizität und Selektive Authentizität

Doch nehmen wir einmal an, der Autorin ging es nicht nur um “Quote” und Auflage, sondern tatsächlich um Aufklärung vor allem weiblicher Leser, um deren Emanzipation aus unterdrückter Selbstwahrnehmung, speziell in sexueller Hinsicht, wie sie betont. Charlotte Roche unterliegt da einem Irrtum, der bei den 68ern und ihren Nachkommen nicht selten zu sein scheint: Sie verwechselt Authentizität oder Echtheit im Umgang mit sich selbst und ihren Äußerungen mit der angeblichen Wahrheit und dass man dazu verpflichtet sei. Oder. was nicht unbedingt das selbe ist: dass man gut beim Leser ankommt, wenn man so offen und angeblich wahr von und über sich schreibt.

Es geschieht in meinen Schreibseminaren gelegentlich (sehr selten!), dass jemand so einer hundertprozentigen Wahrheitsbeflissenheit huldigt. Da greife ich dann, was ich sonst nie tue, bremsend ein und frage: “Willst du das wirklich preisgeben – oder hast du das nicht eigentlich nur für dich aufgeschrieben?”
Diese Empfehlung kommt immer gut an und wird als hilfreich empfunden. Dumm nur, dass sich kein Lektor gefunden hat, der Charlotte Roche diese Frage mit entsprechender Autorität gestellt hat.

Sich selbst gegenüber sollte man meiner Meinung nach schon möglichst voll authentisch sein. Aber sobald ich Informationen über mich preisgebe, empfehlt es sich sehr, auszuwählen – also Selektive Authentizität (so wie ich das in meiner TZI-Ausbildung als Seminarleiter von Ruth C. Cohn und anderen Graduierten gelernt habe). Was für mündliche Authentizität gilt, das gilt in noch viel stärkerem Maße für die schriftlich fixierte. Sollte Charlotte Roche Kinder haben, jetzt oder später mal, bin ich sehr gespannt, was die ihrer Plaudertasche von Mama diesbezüglich sagen würden zur “Muschi, welche die dreckige Klobrille einer öffentlichen Toilette sauberwischt” und anderen Intimitäten mehr.

 

Allgegenwart des Labyrinth-Mythos

Während ich die Rezension über die Verfilmung dieses unsäglichen Werkes in meiner Fernsehzeitschrift fand und mich zu meinem eigenen Erstaunen so darüber aufregte, dass ich unbedingt diesen Blog-Post verfassen musste, las ich ein ganz anderes Buch aus freien Stücken. Darin geht es wesentlich appetitlicher geht es zu: in dem ironisch-witzigen Hoax-Krimi Kein Koks für Sherlock Holmes von Nicholas Meyer. Den genieße ich gerade zum zweiten Mal. Ich wollte mal wieder sehen, wie da der (fiktive) Meisterdetektiv Sherlock Holmes und der (reale) Seelendetektiv Dr. Sigmund Freud zusammengemixt werden. Das interessiert mich doppelt, weil ich 1973 eine Studie über Sigmund Freuds Kokain-Studien und seine diesbezüglichen Selbstversuche (1884-1886) publiziert habe. Und was finde ich in Kein Koks für Sherlock Holmes, obgleich ich nur mal wieder in einem Krimi schmökern will?

An jenem 25. April, als ich in meiner Droschke das Portal des alten Gebäudes passierte, kümmerte ich mich allerdings wenig um seine historischen Ursprünge oder um das Durcheinander architektonischer Ergänzungen und Verzierungen, die das Auge bald erfreuen und bald beleidigen. Ich bezahlte den Droschkenfahrer und begab mich sofort in die Pathologische Abteilung, um Stamfords habhaft zu werden. Ich mußte ein wahres Labyrinth von verschlungenen Korridoren durchqueren, und mehrmals blieb mir nichts übrig, als nach dem Weg zu fragen, so lange war es her, daß ich in diesem Irrgarten zu Hause gewesen war  […]
Nach der Vorlesung ging ich nach vorn, erwischte ihn an der Tür und sprach ihn an. »Guter Himmel, das ist ja Watson!« rief er und schüttelte meine Hand aus allen Kräften. »Was in aller Welt bringt dich gerade heute hierher? Hast du meine Vorlesung gehört? Ich wette, du hast nicht geglaubt, daß ich all dieses Gelump noch im Kopfe habe, oder?« So schwatzte er noch für einige Minuten, nahm meinen Arm und führte mich durch weitere labyrinthische Gefilde in sein Büro.
(S.41/42)

Es gibt noch einige weitere Stellen in diesem Roman, die sich direkt oder indirekt auf den Labyrinth-Mythos beziehen. Ob sich in Charlotte Roches Buch auch Labyrinthisches finden würde? Ist zu vermuten; interessiert mich aber wirklich nicht im mindesten. Umgekehrt finde ich jedoch interessanterweise in dem Holmes-Krimi eine – wieder rein zufällige – Querverbindung zu dem autobiographischen Roche-Roman. Dr. Watson schildert (S. 49) seiner Frau den Zustand, in welchen die Kokainsucht seinen Freund und bewunderten Meister Sherlock Holmes versetzt:

 Ich nahm einen Schluck Brandy, steckte mir mit großer Umständlichkeit eine Pfeife an und berichtete ihr dann die ganze Katastrophe. »Armer Mr. Holmes!« rief sie aus, als ich geendet hatte. Sie preßte vor Erregung die Hände zusammen und hatte Tränen in den Augen. »Was sollen wir nur tun? Können wir etwas für ihn tun?« Ihr Wille und ihre Bereitschaft, zu helfen, wärmten mir das Herz. Ihr kam nicht einmal der Gedanke, den Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen und meinen Freund und seine widerliche und entstellende Krankheit zu meiden.

Ja, diese Kokainsucht ist – wie jede Drogensucht – in ihren schlimmeren Stadien in der Tat eine widerliche und entstellende Krankheit. Das könnte man für MindCatcher wie den Babyficker und die Feuchtgebiete in ihren schlimmeren Passagen wohl auch sagen. Und ist es nicht auch so etwas wie eine Suchtkrankheit, sich immer wieder auf solche Ekel-Themen einzulassen?

Quellen
Allemann, Urs: Babyficker: Wien [?] 1992 (Deuticke)
Anonymus: “Feuchtgebiete”. In:
tv-Spielfilm Nr. 18 vom 26. August 2013, S. 192
M
eyer, Nicholas: Kein Koks für Sherlock Holmes (The Seven Percent Solution _London 1970) München 1978 (Heyne TB)
Roche, Charlotte: Feuchtgebiete. Köln 2008 (Dumont)
Scheidt, Jürgen vom: Sigmund Freud und das Kokain. München 1973 (Kinder, Reihe Geist und Psyche) 
Wnendt, David (Regie): Feuchtgebiete. Deutschland 2013

# 267 / 971 JvS / 1675 SciLogs / Aktualisiert 21. August 2013/08:39 / v 1.3

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

8 Kommentare

  1. krass oder krank

    In einer wettbewerbsbedingt konsum- und profitautistischen Gesellschaft des “gesunden” Konkurrenzdenkens, um die Begehrlich- und Abhängigkeiten der hierarchieschen “Werteordnung” (nur darin, in ihrer “individualbewußt” gepflegten Dummheit durch konfusionierende wie spaltende Überproduktion von Kommunikationsmüll, ist sie eine Gemeinschaft), ist nichts ein denkwürdiges Wunder oder Phämomen, sondern normale Symptomatik von krankhafter / multischizophrener Bewußtseinsbetäubung in systemrationalen Illusionen von materialistischer “Absicherung”!

    Krass, also höchst bemerkenswert, wäre es, wenn sich an solch schwachsinniger Literatur eine wirklich-wahrhaftige Diskussion entzünden würde!?

  2. Dunkle Seite

    Roches Bücher interessieren mich nicht und wenn sie das Ganze nur abzieht für Kohle und Aufmerksamkeit , wird das zurecht kritisiert.
    Aber ich würde davor warnen , allzu sehr in die Kategorien “krank” und “gesund” zu verfallen.

    Diese Maßstäbe sind recht subjektiv und solange sie das bleiben , ist es völlig o.k. , wenn sich jemand über seinen Ekel so richtig Luft macht.
    Schwierig aber wird es , wenn allgemeingültige Standards durch die Hintertür eingeführt werden , am Endpunkt einer solchen Entwicklung bestimmen diejenigen die Maßstäbe , die ihre eigenen Abgründe nur am geschicktesten zu verstecken wissen und nach außen ihre (nicht vorhandene) Wohlanständigkeit behaupten.

    Mir sind Leute sympathisch , die es verstehen , ihre inneren Verwerfungen einigermaßen konstruktiv umzusetzen , mögen muß ich das dann nicht unbedingt , aber es ist eine ehrliche Herangehensweise.

  3. Roche nervt…

    …mich jedenfalls definitiv. Ich würde ihr Machwerk sehr (sehrsehrsehr) gerne ignorieren. Leider wurde dieser fromme Wunsch von diversen Feuilleton-Journalisten bereits bei Erscheinung des Buches zunichte gemacht, als unglaublich positive Besprechungen von vielen vermeintlichen Qualitäspostillen oder aus öffentlich-rechtlichen TV-Kanälen quollen. Die ganze vermeintliche intellektuelle Elite der Republik kam mir wie ein Haufen verklemmter Altvoyeure vor, die sich in einen vermeintlich authentischen Softporno verguckt hatten. Und jetrzt droht das ganze erneut auf einen herunterzuprasseln, nur weil das Teil verfilmt wurde. Youporn für Möchtegern-Intellektuelle. Danke für den Blogbeitrag, der nämlich nicht nervt, sonder mich beruhigt. ich bin scheinbar doch nicht das einzige Wesen, das auf derartiges nicht abfährt.

  4. roadkill,Feuchtgebiete,Bahnhof Zoo

    Abschreckendes und Negativbeispiele brauchte und braucht sogar die Kirche. Ohne Fegefeuer, Hölle und Apokalypse, die all jene heimsucht, die sich Verworfenem und Laster oder nur auch dem Ekligen und Morbiden hingeben wie in “Axolotl roadkill”, in “Feuchtgebiete”, in all den Inzest-,Sex- und Drogenberichten, ohne all dies wären sogar Martin Luther (der Reformator), Hieronymus Bosch und mancher Sonntagsprediger auf dem Trockenen und ohne faszinierten und zugleich verschreckten Zuhörer sitzen geblieben.

  5. Trockenzone

    Klares Jain meinerseits. Ich fand Feuchtgebiete widerlich-unterhaltsam (wie ein Verkehrsunfall), und sage außerdem, es gibt definitiv schlechtere Bücher/Autoren. Man kann zurecht Kritik üben, aber welche Alternative haben wir denn? Ich fand den Schätzing zum Schluss nicht mehr so dolle. Wir müssen uns damit abfinden, das wir momentan keine wirklich guten Autoren am Start haben, jedenfalls sind mir keine bekannt. Das spricht für Roche.

    Was man beklagen kann, ist das Fehlen des “Wahren, Schönen, Guten”, das was ursprünglich mal die Kultur war. (Heute schämen sich die Künstler für ihre Werke, z.b. hat auch die Roche in einem Interview scherzhaft gefragt, ob ihre Tochter denn unbedingt lesen lernen müsse). Das zieht sich aber durch die gesamte Kultur. Alles, was wir zu sehen bekommen, ist “abgefuckt”, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo in einer Dauerschleife. Darin liegt ein gewaltiges Missverständnis, das zufällig hier sehr richtig herausgearbeitet wurde:

    http://www.americanthinker.com/…t_rap_music.html

    Kritik am Blogpost: Wenn Sie “Babyficker” durch das bei Suhrkamp erschienene “Bitterfotze” ersetzen würden, fände ich das fairer.

  6. @ DH: Dunkle Seite

    Krank oder gesund – natürlich sind das zum Teil (!) subjektive Kriterien. Aber wenn ein kleveres Kind ruft: “Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an – der ist ja nackt (wie in Andersens bekanntem Märchen von “des Kaisers neuen Kleidern”) – dann ist das sehr wohltuend.
    Wenn jemand so kranke Details wie Frau Roche zum Besten gibt – dann muss man dies auch “krank” nennen dürfen. Ich beziehe mich ja auch nur auf dieses eine Zitat und nicht auf das ganze Buch (das ich, wie erwähnt, gar nicht kennen) – und schon gar nicht beziehe ich mich auf die Person von Frau Roche. Die halte ich – im Rahmen unserer Verwertungsgesellschaft – sogar für sehr gesund.

  7. Krank? Das klingt wie eine Vokabel aus einer Sprache, vor der ich hoffte, sie sei über- wunden. Denn sie erinnert an den nationalsozialistischen Jargon und an Schwarze Pädagogik. Dieses Buch muss niemand lesen, diesen Film muss sich niemand anschauen, der es nicht möchte.

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