Knossos oder Troja?

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Wenn sich Experten über die bedeutendste Überlieferung aus dem europäischen Altertum äußern, favorisieren sie stets die Geschichte um Troja. Warum eigentlich? Gewiss, die Schöne Helena und der listenreiche Odysseus oder die Flucht des alten Äneas ins Exil nach Rom gehören zum Kern des europäischen Gründungs-Mythos, keine Frage.

Aber während Troja wirklich nur noch uralter Staub ist, lebt die Labyrinth-Geschichte jeden Tag auf vielfältige Weise. Und das nicht nur, weil Prinzessin Europa einst vom geilen Göttervater Zeus nach Kreta entführt wurde, was unserem kleinen Kontinent immerhin zu seinem Namen verhalf. Ich demonstriere ja mit diesem Blog in jedem Beitrag aufs Neue, wie aktuell die Bezüge aus unserer Gegenwart in das Kreta von Knossos und König Minos vor fünf Jahrtausenden hineinreichen.

Ich will diese aktuellen Bezüge mit drei Zitaten zu Ariadne, der weiblichen Hauptfigur der Labyrinth-Sage. Gibt es in der Troja-Geschichte (vom Namen der Helena mal abgesehen) eine ähnlich lebendige Verbindung zurück ins Alterum?

 

Drei lebendige Zitate

Die Zitate stammen aus dem Jahr 2009 – aber wenn man bedenkt, wie alt der Labyrinth-Mythos ist (geschätzte 4000 Jahre), dann ist dies brandaktuell. In der FAZ fand ich folgendes Zitat in einem Beitrag über den Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach (Enkel jenes Baldur von Schirach, der in Adolf Hitlers Auftrag die deutsche Jugend verführte, wofür der Enkel ja nichts kann):

Das moderne Leben, das seine Cousine Ariadne von Schirach (“Der Tanz um die Lust”) als It-Girl der Berliner Szene vorlebt, befremdet den Rechtsanwalt eher.

Im Focus fand ich imn selben Zeitraum einen Bericht zu den Leichtathletik-Meisterschaften in Berlin, über die angesagte deutsche Höhenspringerin:

Es ist ein Tag, an dem Ariane Friedrich eigentlich die ganze Welt umarmen müsste…

Nun, diese Ariane ist leider nicht hoch genug geflogen, das tat ihre Konkurrentin Blanka Vlasic. Dafür haben es einige Kunststoffteile aus meinem früheren Heimatort Rehau in Oberfranken mit den Ariane-Raketen ins Weltall geschafft:

… Dass Rehau [= Firma Rehau Plastik] aber auch Stromschienenträger für U- und S-Bahnsysteme zuliefert und Lösungen für Flugzeugkabinen entwickelt, veranschaulicht das Leistungsspektrum dieses Familienunternehmens. Nicht zuletzt ist Rehau sogar im Weltraum im Einsatz: in Form von Silikondichtungen in der europäischen Ariane-Rakete.

Dreimal Ariadne, davon zweimal in der modernen (französisierten) Variante. Es gab sogar einmal (1957) einen hübschen Film von Billy Wilder, mit Audrey Hepburn und Gary Cooper in den Hauptrollen: Ariane – Liebe am Nachmittag.

Das Labyrinth (gerade auch in seiner ständigen Verwechslung und Gleichsetzung mit dem Irrgarten) ist jedenfalls konkurrenzlos die Metapher der Moderne und des seelischen Zustands des modernen Menschen schlechthin. Da kann Helena mit ihrer Schönheit, der Odysseus mit seinen Listen und Tricks und die gesamte Götter-, Helden- und Königs-Gesellschaft des Trojanischen Krieges einpacken.

 

Troja-Bevorzugung der Experten

Was übrigens die Troja-Bevorzugung der Experten angeht, so sei hier nur ein Nebenbei aus der Süddeutschen Zeitung vom 31. Juli 2009 zitiert:

Das Nibelungenlied wird Unesco-Weltdokumentenerbe. Die um 1200 niedergeschriebene Dichtung sei ein herausragendes Beispiel der europäischen Heldenepik und vergleichbar mit der griechischen Troja-Sage, erklärte die deutsche Unesco-Kommission in Bonn.

Als vor zwei Jahren in der Münchner Antikensammlung die Ausstellung “Troja” lief (mit einem imposanten hohlen Pferd aus Holz vor dem Eingang), hob der Direktor, Professor Raimund Wünsche, die einzigartige Bedeutung dieser Mythe ebenfalls hervor. Nun, ich plädiere nach wie vor für Knossos und die Labyrinthiade – obgleich festzustellen ist, dass man in Knossos nie ein richtiges kretisches Labyrinth (das mit dem einen Gang) gefunden hat, sondern allenfalls auf die verwinkelte, unübersichtliche und recht groß angelegte Struktur des alten Palastes verweisen kann. Diese erinnert allerdings laut Herman Kern – und da argumentiert er wie stets sehr überzeugend – nicht im Entferntesten an ein Labyrinth, allenfalls in Form der verwirrenden Unübersichtlichkeit.

Aber Troja wurde ja bis heute meines Wissens auch nicht nicht sehr überzeugend gefunden.

Quellen
Dres, Jan: “Man muss den Menschen Laster lassen” (über Ferdinand von Schirach)
ds (Kürzel): “Vom Untergrund bis ins Weltall”  (über Rehau Plastics). In: Süddeutsche Zeitung vom 11. Juli 2009 (Wirtschaftsteil) 

epd (Kürzel): “Siegfried in der Schatzkammer”. In: Südd. Zeitung vom 31. Juli 2009
Witt, Christian: “Friedrich die Große” (Über Ariane Friedrich. In: Focus Nr. 34 vom 17. Aug 2009

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

162 / #589 / 604 – BloXikon: Labyrinth-Mythos: Aktualität

  • Veröffentlicht in: Zeus
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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

2 Kommentare

  1. Meines Wissens hat die mythologische Gestalt “Europa” nichts mit der Namengebung des Kontinents zu tun. Beide sind vielleicht etymologisch miteinander verwandt, aber von eienr Namenspatronin zu reden, alte ich für sehr weit hergeholt.
    Außerdem verstehe ich Ihre Beweisführung für die Bedeutung des Knossos-Mythos und gegen Troja nicht. Können jetzt nicht gleichzeitig sämtlich Helenas, Helenen, Elenas oder was weiß ich noch, die gerade in der Presse herumschwirren, als Gegenbeweis herangeführt werden?
    Mir ist nicht klar, warum Sie hier eine Konkurrenz zwischen den beiden Mythen aufbauen wollen. Sicherlich lassen sich aus der Ilias und den inhaltlich verwandten Werken mindestens genauso viele Parallelen zu unserer heutigen Welt herleiten, wie aus dem Minotaurenmythos.

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