Japans “Roter Faden”

Labyrinth des Schreibens

Eine junge Japanerin, die hier in Deutschland lebt und arbeitet, erzählte mir folgende Geschichte, als das Gespräch einmal auf das Thema "Labyrinth und Roter Faden" kam:

Jedes Mal wenn ich in Japan bin, werde ich gefragt, wann ich denn heirate. Das nervt mich ziemlich.
Ich war als Schuelerin ein Jahr lang in einem Internat in einem Dorf in Nagano auf der Insel Honshu (auf der auch Tokyo liegt) . Als ich in diesem Winter auf Urlaub in meiner Heimat war, habe ich auch meine ehemalige Gastfamilie in Nagano besucht. 
Die Gastmutter von damals fragte, wie erwartet, wann ich denn endlich heirate. Ich habe meine Geschichte erzaehlt und sagte, dass ich nicht glaube, dass ich heiraten wurde. Man kann sich nicht so einfach in jemanden verlieben – und  man erwischt doch immer einen falschen Mann..
Da sagte die Gastmutter: "Auch du hast jemanden, dessen Finger durch einen Roten Faden mit deinem kleinen Finger verbunden ist. Wenn man bei uns sagt, ´Er ist eine Person des Roten Fadens´ , heisst dies, dass er die Person ist, mit der man zusammenkommen wird, weil man geistig mit dieser Person verbunden ist."
Auf der Welt gibt es so viele Menschen. Um den richtigen davon zu treffen, braeuchte man vielleicht wirklich einen Roten Faden.
Nun frage ich mich oft, mit wem mein Roter Faden überhaupt verbunden ist!
 

Eine zauberhafte Geschichte – voller Zuversicht. Der man nur wünschen kann, dass sie ein Happyend findet. Interessant finde ich daran, dass sie scheinbar völlig ohne (historischen wie geographischen) Bezug zum Labyrinth-Mythos ist. Jedenfalls sieht es an der Oberfläche zu aus. Aber auf einer tieferen Ebene enthüllt sie dasselbe Motiv wie die Geschichte zwischen dem Helden Theseus und der Prinzessin Ariadne: Beide sind – wenn auch indirekt – ebenfalls durch einen roten "Schicksalsfaden"verbunden. Ohne diesen könnte die Heldentat des Theseus nie gelingen: die Bezwingung des Minotauros und die Befreiung der athenischen Geiseln aus dem gefährlichen Labyrinth.

Dass die Liebesgeschichte zwischen Theseus und Ariadne auf Kreta nicht gut ausgeht, muss jedoch nicht bedeuten, dass dies in Japan oder andernorts ebenso verläuft. Die japanische Variante des Roten Fadens (jap. "akai ito") verweist ja gerade auf diese hoffnungsvolle Variante.

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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