IKAROS: tot oder lebendig?

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Die Szene des schwebenden Ikaros, der abstürzt, weil er der Sonne zu nahe kommt, hat im Bilder- und Mythenschatz der westlichen Zivilisation einen festen und sehr prominenten Platz, ist im kollektiven Gedächtnis wie im persönlichen Bewusstsein jedes einigermaßen gebildeten Menschen tief verankert.

Mit diesem Beitrag möchte ich eine Reihe von Samplern beginnen, in denen ich zu bestimmten Figuren der Labyrinthiade Material sammle. Aus aktuellem Anlass ist dies der IKAROS. Das erscheint mir sinnvoller als dass ich jedesmal, wenn so eine Figur in den Medien von mir entdeckt wird, eine eigene Meldung daraus mache. (Hier finden Sie den Überblick zum Personal der Labyrinthade.) 


Abb.: Sturz des Ikaros – von Alfred Hertrich (1998)

Mehr zur Ikaros-Mythe finden Sie am Schluss dieses Samplers. Hier nun die aktuellen Beiträge – der neueste Fund immer obenauf.

25. Mai 2009 
Anfangen möchte ich mit einem Artikel, den ich zufällig in der Sauna im SPIEGEL entdeckte. In einem Interview mit Bernhard Heisig ("Vorzeigemaler der DDR") ist eines der Bilder dieses bekannten modernen Künstlers abgebildet. Da ich kaum die Rechte dafür bekomme, das eindrucksvolle Gemälde hier im Blog zu reproduzieren, hier der Link zu SPIEGEL-Online: Heisig-Bild Ikarus 1975.

18. Juli 2008
Eine moderne künstlerische Variante, in Form einer Installation, behandelt das Thema ganz anders: "Komm zurück, Sohn Ikaros!"

5. Juni 2009
Da war er noch nicht um neuen US-Präsidenten gewählt – und beflügelte doch schon labyrinthische Phantasien: Steilvorlage Ikaros Obama.

(Weitere Daten folgen)

Mehr zur Ikaros-Mythe

In meinem Sachbuch Das Drama der Hochbegabten habe ich das Labyrinth-Motiv in all seinen zahlreichen und vielschichtigen Facetten als eine Art Roten Faden verwendet und jeder Figur der Labyrinthiade einen bestimmten Typus des Hochbegabten zugeordnet. Klar, dass dies bei Ikaros jene Variante des Hochbegabten ist, die nach viel zu hohen Zielen strebt und bei diesem Höhenflug abstürzt, weil sie nicht genügend gut vorbereitet ist.

Der Vater des Ikaros, Daidalos, ist ja enorm erfolgreich (wie man beispielsweise im vorangehenden Beitrag über den Solarenergie-Forscher Reinhard Dahlberg sehen kann). Oft schon habe ich in Beratungen von Hochbegabten die schlechte oder gar fehlende Vater-Figur entdeckt – die zum Absturz zumindest beitrug. In der Tiefenpsychologie wird die Mutter oft als Quelle der Kreativität und Inspiration gesehen, während dem Vater die Rolle des Mentors und Trainers zukommt.

Als Daidalos mit Sohn Ikaros dank der künstlichen Schwingen aus dem Labyrinth flieht, hat er den Sohn zwar instruiert ("flieg nicht zu hoch, sonst schmilzt das Wachs in der Sonne – nicht zu tief, sonst werden sie vom Meer nass") – aber für ein ordentliches Training der neuen Fähigkeit zu Fliegen war da wohl zu wenig Zeit. Die Vater-Problematik ist nach meinen Beobachtungen der zentrale Konflikt (aus Kindheit und Jugend) bei den Hochbegabten, denen es NICHT gelingt, ihre Talente adäquat zu realisieren, und die man deshalb Underachiever nennt. Als Spätentwickler können sie da jedoch einiges nachholen – wenn sie einen guten Vater-Ersatz vulgo Mentor finden.

Über Ikaros´ Mutter Naukrate wissen wir nichts, außer dass sie eine Sklavin war.

Es gibt eine interessante Variante dieser Ikaros-Geschichte, die kaum bekannt ist. Grant und Hazel überliefern sie in ihrem Lexikon der antiken Mythen… (S. 107):

Nach einer anderen Überlieferung befreite Pasiphaë Daidalos aus dem Labyrinth. Daidalos baute ein Schiff und erfand das Segel, um es voranzutreiben. Dann stieg er mit Ikaros an Bord, floh von der Insel [Kreta] und suchte Zuflucht in Sizilien am Hofe des sikanischen Königs Kokalos von Kamikos.

Offenbar haben die Menschen, welche sich diese Geschichte ausdachten und Generation um Generation weitererzählten, den jungen Mann in ihr Herz geschlossen, weil er ein Schicksal hat, das jedem Kind droht (vor allem wenn es überdurchschnittlich begabt ist): sich zu hoch hinauszuwagen und dadurch zugrunde zu gehen. Oder auch: von einem klugen und kühnen, aber wenig einfühlsamen Vater auf ein Abenteuer mitgenommen zu werden, dem es noch nicht gewachsen ist.

Eine dritte Variante, die mir noch besser gefiele, wäre die, dass der leichtsinnige Knabe zwar ins Meer stürzt, aber gerettet wird – vielleicht von Pasiphaë, die ihr eigenes Versagen erkennt und bereut? Sei dem, wie dem sei: Es gibt diese andere Variante mit dem Happyend.

Namensgeber für futuristische Fluggeräte

Wie seinen Vater Daidalos wählt man Ikaros gerne zum Namensgeber für futuristische Fluggeräte. In Danny Boyles Science-Fiction-Film Sunshine ist es ein Raumschiff, Ikarus II, das zur Sonne fliegt – und dabei samt seiner Mannschaft vernichtet wird.

Geben wir Ikaros seine Chance, die Gefahren des Höhenflugs zu überleben. Denn dies wird uns selbst gut tun. Dieser Junge ist nämlich, tiefenpsychologisch gesehen, so etwas wie das Innere Kind in uns: das Kind, das wir selbst einmal gewesen sind und das uns beim Erwachsenwerden irgendwann, irgendwo, irgendwie verloren ging. Dieses Kind, das unsere Träume und nicht gelebten Möglichkeiten darstellt und so manches Talent, das zu realisieren uns verwehrt blieb.

Es verkörpert zugleich jenen Persönlichkeitsteil in jedem Menschen, der schon einmal erlebt hat, dass er/sie fliegen kann, also etwas ganz Besonderes vermag – und dass diese Fähigkeit wieder verlorenging. Weil keine Zeit zum Üben war oder andere Umstände die Realisierung des Talents verhinderten. Das kann Klavierspielen gewesen sein oder das Malen von Aquarellen, Tanzen oder Bildhauern, Schnitzen oder Messerwerfen …

Wenn dieser überlebende Ikaros (oder diese Ikara, wie man die weibliche Variante nennen könnte) lernt, solche Fähigkeiten zu üben und nach einer Heldenreise die Meisterschaft in der Domän zu erringen, wird er/sie mindestens so gut wie Vater Daidalos fliegen.

Für Hochbegabte gilt außerdem, dass es offenbar zu ihrer Natur gehört, sich zu überschätzen – sich höhere Ziele zu stecken, als sie zunächst erreichbar sind. Deshalb ist es für Eltern besonders schwer, es richtig zu machen in der Erziehung – nein: ihr hochbegabtes Kind auf dem Weg zur Meisterschaft zu begleiten. Ungefähr 1990 muss es gewesen sein, dass ich im Wartezimmer meines Zahnarztes in einer Ausgabe von Reader’s Digest blätterte und dieses Zitat von einem Niederländer namens H. Moonen notierte:

"Baue deine Luftschlösser nicht zu hoch – es sei denn, du willst ein Leben lang klettern."

Ein interessantes Zitat. Ich vermute jedoch, dieser Warnung zum Trotz, dass es Hochbegabte genau dazu drängt: "ein Leben lang klettern". Das heißt, dass sie stets Zielen (Visionen) nachstreben, die größer sind als ihre aktuellen Möglichkeiten. Das hat, vermute ich, damit zu tun, dass die Fähigkeit zum kreativen Vernetzenden Denken engstens verbunden ist mit einem offeneren System der Informationsverarbeitung, als dies bei Normalbegabten der Fall ist. Die Konsequenz: Hochbegabte können gar nicht anders, als Überflieger zu sein, sich fortzubilden, immer weiter zudenken, zu tüfteln, zu spintisieren, zu kreïeren – immer höhere Luftschlösser zu bauen. Nur im Erfolg zeigt sich, ob sie auch lernen, nach ihren Höhenflügen immer wieder sicher auf der Erde zu landen – oder ob sie zu neurotisch bleiben, also ihre Ziele auf Dauer zu hoch setzen – und deshalb immer wieder abstürzen.

Oder wie der Münchner sagt:

Warst net aufigstien´g – warst net obi g´fall´n –

Quellen:
Eastwood, Clint (Regie): Space Cowboys. USA 2000 (Village Roadshow)
Grant, Michael und John Hazel: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. (1973) München 1976 (List)

 Scheidt, Jürgen vom: Das Drama der Hochbegabten.  (2003) München Okt 2005 (Piper TB)

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

2 Kommentare

  1. Der Ikaros, der weich landet.

    Chesley Burnett (“Sully”) Sullenberger III wurde durch die erfolgreiche Notwasserung des US-Airways-Fluges 1549 auf dem Hudson River bekannt.

    Das ist der Ikaros, der weich landet.

  2. Ikarus & Perdix

    lieber jürgen,

    schön, wieder neues aus minos’ reich zu lesen …
    ich hatte unlängst das vergnügen, selbst knossos zu besuchen, und habe mich neuerlich ausgiebig mit den labyrinthmythen befasst. auch an ikarus kam ich nicht vorbei, und insbesondere die verbindung zu dem knaben perdix fand ich interessant – jenen knaben, der bei daidalos in athen in die lehre ging und dann bei einem sturz zu tode kam … weshalb sich die ikarusstory als “echo” auf die perdix-geschichte (wegen der daidalos athen verlassen muss) lesen lässt.

    näheres hierzu lässt sich hier nachlesen:

    http://configthis.net/…Zeit#Zu_Fu.C3.9F:_Knossos

    beste grüße!

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