“Harry Potter und die gefährlichen Labyrinthe”

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Auch wenn Sie der Zauberlehrling und Weltbestseller inzwischen nerven sollte – bitte nicht gleich ausloggen! Harry hat es labyrinthisch gesehen mächtig in sich!

Ich war (und bin noch immer) sehr angetan von diesem viele Tausend Seiten dicken Werk, aus mindestens drei Gründen:

1. Es ist zwar nach außen hin ein Buch für Kinder – aber man lasse sich davon nicht täuschen: Auf einer zweiten Ebene ist es nicht mehr und nicht weniger als die Geschichte eines sehr talentierten Kindes, das in die Pubertät kommt und lernen muss, erwachsen zu werden- also seine Heldenreise zu machen. Und dies ist das Schicksal jedes Menschen. (Dass es zusätzlich um ein hochbegabtes Kind geht, hat für mich als Psychologen, der sich speziell mit Problemen Hochbegabter befasst, die Lektüre zusätzlich interressant gemacht).

2. Ich habe selten über das Handwerk des Erzählens und Schreibens so viel gelernt wie bei dieser geborenen Erzählerin Rowling, sowohl was Spannung, überraschende Wendungen, flotte Schreibe – und dann wieder psychologischen Tiefgang angeht (mehr dazu auf meiner Website unter  "Harry Potter" und "J.K. Rowling" ).

3. 3. Es lohnt sich, in diesem siebenbändigen Monsterwerk nach dem L-Thema zu forschen resp. diesem beim vergnüglichen Lesen diesem immer wieder zu begegnen.

 

Jahrhundert-Hit mit vielen Labyrinth-Motiven 

Joanne K. Rowling gelang mit ihrer Septalogie nicht zufällig ein Jahrhundert-Hit. Sie hat ein enormes Gespür für das, was gerade angesagt ist und dass sie dabei immer wieder mit dem L-Thema spielt, gehört meines Erachtens in hohem Maße dazu.
Was uns wiederum etwas mitteilt über die enorme Bedeutung dieses Themas als eine Art Wünschelrute für die Befindlichkeiten unseres Zeitalters: Verwirrung, scheinbare Ausweglosigkeit – und doch wieder Hoffnung, den hilfreichen Weg und den richtigen Ausgang zu finden.

In Band 4 (H.P. and the Goblet of Fire) heißt es auf S. 538 der englischen Ausgabe: "A twenty-foot-high hedge ran all the way around the edge [of the Quidditch pitch]. There was a gap right in front of them; the entrance to the vast maze."

Leider beseitigt Frau Rowling schon im nächsten Band diese Klarheit des Ausdrucks. In Band 5 (HP and the Half-Blood Prince) schreibt sie, um eine verwirrende Örtlichkeit zu charakterisieren: " …they moved deeper in the deserted labyrinth of brick houses." (S. 27).

Und im Schlußband (HP and the Deathly Hallows) schließlich heißt es über einen geheimnisvollen Raum: " . . A gigantic labyrinth compromised of centuries of hidden objects." (S. 324).

Im selben 7. Band kommt noch einige Male der Dedalus Diggle vor (z.B. auf S. 34), der schon im 1. Band eine Rolle spielt. Und es wird eine Schwester von Albus Dumbledore eingeführt, die Ariana heißt – was die Autorin deutlich sichtbar von der kretischen Labyrinth-Prinzessin Ariadne übernommen hat (oder von der Ariane-Rakete der ESA – was aber ebenfalls auf Ariadne verweisen würde).

Und ist nicht Harry, der auf dem Zauberbesen reiten kann und ein superguter Quidditch-Spieler ist, so etwas wie ein moderner Ikaros?

Ein paar zusätzliche Beobachtungen zu "Harry" und das L-Thema finden Sie in meinem Eintrag vom 22. Nov 2007: "Harry Potter"-Analytikerin sucht roten Faden – und findet Ikaros

PS: Falls gewünscht wird, längere englische Zitate zu übersetzen, kann ich das gerne tun. Aber ich denke, die oben erwähnten gehen über Standard-Schulenglisch nicht hinaus, oder?

Literatur
Nitzschmann, Karin: Die phantastische Welt des Harry Potter. Frankfurt am Main 2007 (Brandes & Apsel)
Rowling, Joanne K.: Harry Potter . . . (sieben Bände). London 1997 – 2007 (Bloomsbury) Deutsche Ausgaben: Carlsen Verlag, Hamburg

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blog rein! Hilfreich könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel sein.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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