Haben Sie einen Moment Zeit für mich und ein wenig Aufmerksamkeit?

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Mein zentrales Lebensthema ist zur Zeit: die Zeit.

Das hat viele Gründe. Ein sehr wesentlicher ist, dass mit 74 Lebensjahren die noch verfügbare Lebenszeit nicht mehr so unbegrenzt erscheint wie mit, sagen wir mal: 25 Jahren. Oder mit 30. Oder 40. Oder ?

Zeit begegnet uns, wie viele wichtige Phänomene, auf dreierlei Arten:
1. als ruhig und gleichmäßig dahinfließende Zeit;
2. als Extrem eines unruhig beschleunigten Zeitablaufs, etwa bei einem Autorennen oder auf einer rasanten Skipiste (bis man vielleicht plötzlich in die Zeitlosigkeit eines Komas fällt) und
3. als verlangsamter (ich sage gerne: entschleunigter) Ablauf der Zeit, jenes andere Extrem, das gewissermaßen “die Ruhe selbst” ist, vielleicht am intensivsten zu erleben in der Meditation.

Als ich dieser Tage mal etwas Zeit (sic!) hatte, in Ruhe nachzudenken, fiel mir auf, dass drei meiner Lebensthemen stark vom Faktor Zeit durchtränkt sind, um es mal so umgangssprachlich-poetisch auszudrücken, und zwar als entschleunigter, beruhigter Prozess:

Das Schreiben
Das Schreiben, meine Passion seit dem 15. Lebensjahr, zwingt mich, langsamer zu werden. Denken kann man ungeheuer schnell – schreiben geht längst nicht so fix, selbst wenn man auf die Tasten einer Computertastatur einhämmert und Meisterin im Maschinentippen ist. Im Geschriebenen selbst spielt Zeit wiederum ganz verschiedene Rollen: In seinem Roman Ulysses hat James Joyce einen einzigen Tag im Leben des Annoncenaquisiteurs Leopold Bloom in der Stadt Dublin auf sage und schreibe von 800 Seiten ausgebreitet, um nicht zu sagen: genüsslich ausgewalzt.
Aber in Romanen wechseln üblicherweise zeitgedehnte Passagen (etwa eine Liebesszene) mit enorm komprimierten, also beschleunigten Darstellungen von zeitlichen Abläufen:

An einem einzigen Tag ritt Nevada Smith von Los Alamos in Texas bei Sonnenaufgang nach Tijuana jenseits der mexikanischen Grenze, das er spät in der Nacht erreichte –

– falls dies physisch möglich sein sollte und sein Gaul wie er selbst so ein Tempo durchhalten. Jedenfalls hat der Autor (in diesem Falle ich selbst) fast einen ganzen Tag in diesen einen kurzen Satz gepresst, den zu lesen Sie gerade mal eine einzige Sekunde benötigen.
In manchen Stories der Science-fiction kann man mit Hilfe einer Zeitmaschine, oder des Phänomens der Zeitdillatation nahe der Lichtgeschwindigkeit, sogar jenen ewigkeitsnahen Zustand erreichen, den die Bibel im 90. Psalm 90 in Vers 4 so umschreibt:

Tausend Jahre sind für Gott wie ein Tag – ein Tag wie tausend Jahre.

Ja, die Helden der SciFi , jedenfalls manche von ihnen, können das auch, Göttern gleich und somit Meister der Zeit.

Aber auch in der normalen Literatur findet man solche Phänomene extremer Zeiterfahrung. Im Heinrich von Ofterdingen des Novalis (wo auch der berühmte Traum von der Blauen Blume der Romantik verzeichnet ist), heißt es vom Protagonisten:

Ich durchlebte ein unendlich buntes Leben; starb und kam wieder, liebte bis zur höchsten Leidenschaft, und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt…

Ein ganzes Leben – in einem einzigen Traum erfahren! Hierzu sei noch eine Beobachtung resp. Spekulation von Sigmund Freud mitgeteilt, der 1901 lakonisch feststellte:

Das Unbewusste ist überhaupt zeitlos.

Er berief sich dabei auf einen Revolutionstraum von Maury, einem französischen Politiker der Revolutionszeit.
Die Labyrinthe
Die Labyrinthe samt den Varianten des Irrgarten, des Yrrinthos (s. oben) und des Roten Fadens zwingen durch ihr bizarres Hin und Her dem, der sich hineinwagt, eine Bewegungsart auf, die sicher wesentlich langsamer ist als der Gang oder Lauf durch eine normale Umgebung. Starke Entschleunigung also. Labyrinthe faszinieren mich spätestens, seit ich mit vierzehn das Kapitel über den Ariadnefaden in C.W. Cerams Götter Gräber und Gelehrte gelesen habe. Ich habe dieses Buch damals mit rotglühenden Ohren verschlungen, wie ein Tarzan-Abenteuer – ja, ich habe es sehr schnell gelesen, beschleunigt gewissermaßen, gab es doch noch viele andere Bücher, die ich lesen wollte, musste, sollte.

 

Die Entschleunigung
Und dann die Verlangsamung selbst, als hochinteressantes (wieder) modernes Phänomen. Viele Jahre konnte es nicht schnell und immer schneller genug gehen: Autofahren, im Flugzeug fliegen, auf Raketen in den Weltraum und bis zum Mond reiten –
Rekorde galt es zu brechen, Hundertstel Sekunden mehr entschieden und entscheiden über olympische Rekorde auf der Rennbahn und der Skipiste, immer absurder und hirnrissiger. Da lag es auf der Hand, nach dem Gegenteil zu suchen – eben der Ent-Schleunigung. 1979 habe ich deshalb dieses Wort erfunden: Entschleunigung. Erst für mich selbst und mein damals ziemlich hektisches Lebens. Dann, durch Publikation, auch für andere. Seitdem macht der Begriff zu meinem Erstaunen und Vergnügen, richtig Karriere. Ganz gemächlich breitet er sich in der Kultur aus. Langsam eben, aber doch deutlich wahrnehmbar.

Die Entschleunigung führt die beiden anderen meiner Lebensthemen zwanglos zusammen: Weil das Schreiben ebenso wie das Begehen eines Labyrinths entschleunigt.
Ich danke Ihnen, dass sie sich die Zeit genommen haben, bei dieser kleinen lebensphilosophischen Betrachtung mein Gast zu sein – also mir gewissermaßen etwas von Ihrem Lebenszeitkonto zu schenken.
Last, but not least: Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass dieser Text für meine Verhältnisse reichlich kurz ausgefallen ist. Der Grund ist ein ganz einfacher: ich hatte sehr wenig –
Genau. Zeit.

Quellen:
Freud, S. 1901: Zur Psychopathologie des Alltagslebens, GW IV, S. 305 FN
Novalis 1802: Heinrich von Ofterdingen, Reclam-Ausgabe S. 10

#275 / 1003 JvS / 915 SciLogs / Aktualisiert 14. April 2014/11:30 / v 1.6

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

7 Kommentare

  1. Jürgen vom Scheidt schrieb (13. April 2014):
    > “An einem einzigen Tag ritt Nevada Smith von Los Alamos in Texas bei Sonnenaufgang nach Tijuana jenseits der mexikanischen Grenze, das er spät in der Nacht erreichte” –
    > – falls dies physisch möglich sein sollte und sein Gaul wie er selbst so ein Tempo durchhalten.

    Da es sich beim genannten “Los Alamos in Texas” offenbar nicht um eines dieser enzyklopädisch-namhaften Los Alamösse handelt, und mit dem “Tijuana jenseits der mexikanischen Grenze” demnach offenbar auch nicht unbedingt jenes (einzig nachweisliche?) Tijuana gemeint sein muss, kann man dem sogenannten “Nevada Smith” und seinem nicht minder fiktiven Gaul den angeblichen Ritt wohl zuschreiben.

    Hauptsache er verlief chronologisch.

  2. @ Dr.Webbaer:
    Nein, die “Truckers” von Pratchett kenne ich nicht (habe gerade “Rincewind der Zauberer” begonnen). Worum geht es im Worwort? Um “Zei” nehme ich an. Bitte um Aufklärung.
    JvS

  3. Vor einiger Zeit habe ich einen Zeitungsbericht über eine Studie über den gefühlten Lebensmittelpunkt gelesen , das Ergebnis war schockierend:

    Er lag bei den Befragten bei 18 Jahren.

    Zum einen erklärbar mit der Jugend , die naturgemäß ständig neue Erfahrungen macht , das reicht aber nicht , es hat – Zustimmung – mit unserer hektischen und auch mit unserer gleichförmigen , in Routine ertarrenden Lebensweise zu tun.
    Erinnert mich spontan an Michael Endes Zeitdiebe , die nicht zufällig in grauen Anzügen daherkommen.

    • Ja, die denen es gut geht, leben ein ereignisloses Leben und werden immer älter. Der chinesische Fluch: “Mögest du in interessanten Zeiten leben.” weist ja darauf hin, dass interessante Zeiten auch gefährliche Zeiten sind. James Bond erlebt spannende Abenteuer, aber in Wirklichkeit vielleicht nur einmal. Für alle realen Personen, die es spannend haben wollen ohne etwas zu riskieren bleibt nur der wiederholte Kinobesuch.

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