Gewaltige Saga von Krieg, Flucht und Vertreibung

Nein, ich meine mit dieser “gewaltigen Saga” nicht den siebten Teil von Star Wars, der soeben anläuft (und den ich mir morgen mit einem meiner Söhne anschaue).
Ich meine auch nicht die gewaltigen Turbulenzen unserer Tage.
Ich meine die uralte Geschichte aus der Vergangenheit unseres Planeten, die sich vor drei oder vier Jahrtausenden im Mittelmeer abspielte und der dieser Blog seine Entstehung verdankt.

Diese Sage wird in allen möglichen Varianten überliefert wird. Ihre Themen sind zeitlos: Krieg, Flucht und Vertreibung. Ich will hier jetzt nicht die ganze Labyrinthiade in all ihren Verästelungen aufblättern – das habe ich bereits 2007 am Beginn dieses Blogs gemacht: Fünf Kreise von Figuren.

iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft

iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft

Schon im Altertum wurde jedenfalls ordentlich gekriegt und geflüchtet: Die damals das Mittelmeer beherrschenden Kreter hatten die Athener besiegt und bekamen aus dem griechischen Stadtstaat alle paar Jahre Geiseln, die dem mörderischen Minotauros im Labyrinth zum Fraß vorgeworfen wurden. Bis Theseus den Spieß resp. das Schwert umdrehte und dem Monster den Garaus machte. Also ordentlich Krieg. Danach flüchtet der Königssohn mit Prinzessin Ariadne und den Geiseln via Insel Naxos zurück nach Athen.

Daidalos, der im Auftrag von König Minos das Labyrinth als Gefängnis erbaute (für ein Ungeheuer, zu dessen Entstehung er kräftig beigetragen hatte), war selbst Flüchtling und Vertriebener: Als Mörder seines Neffen Perdix aus Athen verbannt, floh er zunächst nach Kreta. Dort verhalf er der Königin Pasiphaë zu jener künstlichen Kuh, in der verborgen sie sich vom Stier des Poseidon bespringen ließ (aus welchem Seitensprung der Minotauros entstand). Praktischerweise war Daidalos genau der richtige Erfinder-Baumeister, der anschließend das Gefängnis für diesen mörderischen Bastard schuf: Das Labyrinth, aus dem es angeblich kein Entkommen gab.
Als König Minos dieses mad scientist überdrüssig wurde und ihn (wohl nach der Tötung des Minotauros durch Theseus) ins Labyrinthgefängnis sperren ließ, erfand der Erfinder rasch die künstlichen Flügel und floh (!) mit Sohn Ikaros (der die Flucht freilich nicht überlebte, sondern wie so viele Flüchtlinge unserer Tage im Mittelmeer ertrank). Daidalos flüchtete immer weiter quer durchs Mittelmeer, bis nach Sizilien.

Nicht unbedingt mit der Labyrinthsage verbunden wird die mörderische Medea. Aber sie war immerhin die Stiefmutter von Theseus und trachtete diesem nach dem Leben, um ihre eigenen neuen Söhne als Thronfolger in Athen zu installieren.
Vorher hatte Medea Jason zum Goldene Vlies verholfen und Kinder mit ihm gezeugt. Dann mussten die beiden mit ihrem Nachwuchs sich (man höre und staune) auf eine endlose Flucht durch Kleinasien begeben. Jason wurde schließlich in Korinth akzeptiert – Medea als zauberische Fremde war nicht willkommen. Voll enttäuschten Hass ermordete sie ihre Kinder – und flüchtete weiter nach Athen.
Schnee von gestern? Keineswegs: Alle Motive der Labyrinthiade sind Alltag der Gegenwart.
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Allgegenwart der Labyrinth-Motive
Die Medea-Geschichte geistert immer wieder durch die Medien, wenn eine Mutter ihre Kinder meuchelt (wie kürzlich wieder in Franken geschehen: sieben Opfer an der Zahl). Auch im Theater ist Medea ein Dauerbrenner: Aktuell im Münchner Residenztheater im Goldenen Vlies von Franz Grillparzer – mit der vielgelobten Meike Droste in der Hauptrolle.
Fast zeitgleich wurde in München der Film Medea in Corinto aufgeführt, der ebenfalls sehr gelobt wurde (KLK in der Südd. Zeitung)
Der tragische Flüchtling Ikaros schafft es auch immer wieder in die Schlagzeilen. Derzeit im Gastspiel des kanadischen Cirque du Soleil mit dem Spektakel Varekai: “Als Engel mit versengten Flügeln” stürzt der Jüngling dort vom Himmel.
Mit dem anderen Bösewicht der Labyrinthiade, dem Minotauros, befasst sich der zeitweilige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis in seiner lesenswerten Abrechnung mit der aktuellen Führungsmacht unseres Planeten: Den Vereinigten Staaten. Er gibt seinem Sachbuch-Thriller Der globale Minotaurus den Untertitel “Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft”. Da steht vieles drin über Krieg und Flüchtlingsströme – schon einige Jahre, bevor das dann dieser Tage im Mittelmeerraum richtig losging.

Dem Minotauros bin ich übrigens – wiederum ganz zufällig – bei der Suche nach Weihnachtsgeschenken für die Enkel erneut begegnet. Ich weiß, dass eine meiner Enkelinnen begeistert ist von der Romanserie Percy Jackson. Im ersten Band Diebe im Olymp (verfilmt von Chris Columbus) taucht ziemlich am Anfang in einer heftigen Szene der wirklich sehr eindrucksvolle Minotauros auf und tötet Percys Mutter.
Nachdem schon in diesem ersten Band der Autor Rick Riordan die griechische Mythologie kräftig geplündert (und recht geschickt in die Gegenwart der USA versetzt) hatte, war es unvermeidlich, dass er sich auch des optisch und erzählerisch immer sehr eindrucksvollen Labyrinth-Motivs annehmen würde. Was dann auch in Band 4 geschah: The Battle of the Labyrinth. Ja ja – ohne battle, ohne Krieg geht in amerikanischen Blockbustern gar nichts. Von den Flüchtlingen, welche diese Kriege produzieren, sieht man dann nichts mehr oder allenfalls winzige Andeutungen (auch nicht in Star Wars). Diesen zivilen Opfer begegnet man dann auf dem Mittelmeer, an Europas immer besser abgeschotteten Grenzen und im Münchner Hauptbahnhof.

Auch dem Theseus bin ich übrigens, wenn auch sehr versteckt, zufällig dieser Tage wieder begegnet. Schon als Jugendlichen beeindruckte mich der Film Irrtum im Jenseits von Emeric Pressburger und Michael Powell aus dem Jahr 1946 (in Deutschland erst Mitte der 50er Jahre gezeigt); er ist nun wieder (als sehr sorgfältig restaurierte Blu-ray) verfügbar (die DVD-Version war optisch und akustisch zum Teil grauenhaft schlecht). Das Melodram beschreibt das Schicksal eines englischen Bomberpiloten, der im Januar 1945 deutsche Städte bombardiert. Der Jude Pressburger war Flüchtling vor den Nazis aus Ungarn. Der Komponist der Filmmusik war der aus Polen geflüchtete Allan Gray (eigentlich Josef Zmigrod) und der Kameramann der deutsche Flüchtling Alfred Junge.
Im Film probt – in einer Nebenhandlung – unter Anleitung des Ortspfarrers eine Laienspielgruppe für die Soldaten William Shakespeares Sommernachtstraum. Wer diese Komödie kennt, weiß, dass es dort um die Vorbereitung der Hochzeit des Königs von Athen, eben Theseus, mit Hippolyta, der Königin der Amazonen, geht.

Das heutzutage (Pegida!) so aktuelle Motiv der Fremdenangst und -Ablehnung war übrigens der Grund, weshalb Powell/Pressburger diesen Film schufen: Er sollte den Engländern helfen, die vielen amerikanischen Soldaten und Helferinnen im Land besser zu akzeptieren! Dafür sollte die bewegende Liebesgeschichte zwischen dem vor der rettenden englischen Küste aus brennendem Flugzeug ins Meer abstürzenden Bomberpiloten Peter Carpenter (gespielt von David Niven) und der amerikanischen Funkerin June (Kim Hunter) sorgen.

 


Abb.: Denkmal in Paris: Theseus tötet den Minotauros (Foto © August 2015 Andrea Wissler-Greif)

 

Auch der Zufall war wieder mal am Werk
Am 17. August dieses Jahres 2015, also etliche Monate vor den schrecklichen Ereignissen des 13. November, schickte mir Andrea Wissler-Greif aus Paris das Foto vom Minotauros. Es war eine Anspielung an die dreijährige Roman-Werkstatt Minotauros-Projekt, an dem Andrea als Teilnehmerin und kreative Mitgestalterin teilgenommen hatte. Sie konnte damals nicht ahnen, wie aktuell ihr Foto (das nun den Beginn dieses Artikels ziert) bald darauf durch den Terroranschlag des ISIS werden sollte- wenn ich den Minotauros als die Symbolfigur schlechthin für die kriegerische und mörderische Seite des Lebens verstehe, was ja – als klassischer Widersacher im Verlauf der Heldenreise Namensgeber der erwähnten Roman-Werkstatt war.
Da war also, wie schon so oft in diesem Blog, mächtig der Zufall am Werk.

Quellen
Columbus, Chris: Percy Jackson – Diebe im Olymp. USA 2010.
KLK: “Medea im kleinen Schwarzen”. In: Südd. Zeitung Nr. 259 vom 10. Nov 2015, S. R18 (Lokalteil).
Lutz, Christiane: “Zärtliche Mörderin”. In: Südd. Zeitung Nr. 279 vom 03. Dez 2015, S. 1 (SZ Extra).
Neuenfels, Hans (Regie): Medea in Corinto – nach Giovanni Simone Mayr.
Powell, Michael und Pressburger, Emeric (Regie und Drehbuch): A Matter of Life and Death (Great Britain 1946 – amerikanischer Titel: Starway to Heaven – deutsch: Irrtum im Jenseits).
Riordan, Rick: Percy Jackson – Diebe im Olymp. Deutschland 2011 (Carlsen) (USA 2008).
Riordan, Rick: Percy Jackson – Die Schlacht um das Labyrinth. Deutschland 2012 (Carlsen) (USA 2009).
Vogel, Hannah: “Gefallener Engel”. In: Südd. Zeitung Nr. 278 vom 02. Dez 2015, S. R19 (Lokalteil).
Varoufakis, Yanis: Der globale Minotaurus. (London 2011) München 2015 – 2. Aufl. (Kunstmann Verlag).

Post 295 / JvS #1047 / SciLogs #1302 / Aktualisiert: 16. Dez 2015/15:50 (08. Dez 2015/11:02) /  v 1.2

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Da war also, wie schon so oft in diesem Blog, mächtig der Zufall am Werk.”

    An Zufall sollte man / “Individualbewußtsein” nicht glauben, obwohl das überwindbare Schicksal / die “göttliche Sicherung” vor dem Freien Willen mächtig als Werk des Zufalls in unserer Bewußtseinsschwäche dargestellt / im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies” wirkt – Mensch bedeutet mächtig der Kraft des Geistes der “Gott” ist durch alle / durch fusioniertes, geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein 😉

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