GeSPIEGELte Griechenwelt mit Irrtum “Knossos”

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Ein Sonderheft des SPIEGEL beschwört in weitgespanntem Bogen die Kulturgeschichte des Abendlandes, von der frühen Welt der Griechen bis herauf in die Gegenwart.

Ist nicht sogar heutzutage der böse Streit des Chinesischen Großreiches mit dem Exilvölkchen des Dalai Lama um Tibet ein später Nachhall jener antiken Frühzeit? Allerdings geht es dabei sehr ungriechisch zu, wenn die Auseinandersetzung kurz vor der Olympiade eskaliert: während dieser griechischen Veranstaltung mussten nämlich alle kriegerischen Handlungen ruhen. Man kann gar nicht genug staunen über so tiefgründigen zivilisatorischen Fortschritt – vor dreitausend Jahren oder so. Und man kann nur den Kopf schütteln darüber, wie wenig die Staatslenker dazugelernt haben. Diesmal sind es die großchinesischen Obermotze. Naja, so richtig Krieg haben sie ja diesmal nicht mehr geführt gegen Tibet, nur gegen ein paar hundert (?) tausend (?) von ihnen.

Doch nun zum Sonderheft des SPIEGEL. Ich stelle hier nur die größeren Zitate aus den 146 großformatige Seiten vor (Seitenzahlen jeweils in Klammern); die nur beiläufigen Nennungen erwähne ich am Schluß kursorisch.

Minoische Wucht: Mächtige gedrungene Säulen und massive Steinquader machen die verwinkelte minoische Palastanlage in Knossos auf Kreta so eindrucksvoll, dass spätere Sagen sie zum Labyrinth des Minotauros ernannten. (S. 26)

 

Dem sei beigefügt das passende Zitat von Jacob Burckhardt:

In Minos steckt neben dem König von Kreta vielleicht noch ein asiatischer Mondgott, nicht zu reden von dem Richter in der Unterwelt und dem Brotherren des Daidalos. (S. 26, Randleiste)

Ausführlicher wird Griechenlands Vor-Kultur und über lange Zeit hin Konkurrent im Mittelmeer, das minoische Kreta, hier gewürdigt:

Drei Geheimnisse lasten auf der ersten Hochkultur Europas, die während der Bronzezeit auf Kreta blühte. Das eine betrifft ihr rasches Ende etwa um 1650 v. Chr. Forscher wissen, dass nach dem Ausbruch des Vulkans auf Santorin (damals Thera) eine vernichtende Flutwelle auf die Insel zuraste. Der Auftakt zum Untergang?
Das zweite berührt die Dunkelheit der Sage: Einst, so erzählt der Mythos, ließ sich die sodomietisch gesinnte Königin von Kreta eine Kuh-Attrappe bauen, um einem Stier beizuschlafen. Sie gebar ein so entsetzliches Ungeheuer, dass man es in ein Labyrinth sperren musste und ihm – zwecks Beruhigung – Knaben und Mädchen als Speise vorwarf.
Das dritte Rätsel führt ebenfalls in einen Irrgarten. Dargestellt ist er auf einer 16 cm großen Scheibe, die beidseitig mit insgesamt 242 Zeichen übersät ist: Männerköpfe mit Irokesenschnitt sind darauf zu sehen, Vögel, Äxte, Rosetten, Fische, Zickzacklinien. Gemeint ist der Diskos von Phaistos*.
[. . . ]
Auf Kreta, dem "Land im dunkel wogenden Meer" (Homer) lebte um 2000 v. Chr. eine glanzvolle Seefahrermacht, deren Schiffe bis nach Ägypten und in den Orient segelten. Das griechische Festland war vielleicht tributpflichtig und musste an die überlegenen Insulaner womöglich Frauen ausliefern. Die Geschichte vom junge Frauen verschlingenden Minotauros – hier könnte sie ihren Ausgang genommen haben. Auch die Paläste der Minoer passen ins Bild, sie glichen Labyrinthen. Neben den Adelsgemächern erstreckten sich zahllose Vorratskammer und Magazine. Es waren gewaltige Warenspeicher auch für den Export. Straußeneierschalen und Elfenbein beweisen, dass der Handel bis nach Schwarzafrika lief.
(S. 28/29

Ein drei Büchern versuchte der Frankfurter Philologe Karl Reinhardt (1886-1958) das Leben und die Denkwelt des (auf Rhodos lebenden) griechischen Philosophen Poseidonios

. . . von Grund auf neu zu bestimmen.; noch 1953 resümierte er die verzweigte Fachdebatte in einem labyrinthischen, wiederum von Hinweisen und Deutungen überquellenden Lexikonartikel, der parallel als eigenes Buch erschien. (S. 127)

Unter der Überschrift "Rätsel im Labyrinth" heißt es zum Abschluß, in einem kleinen Städte-Glossar, bei Iraklion (Kreta):

Neben dem mysteriösen Diskos von Phaistos* (siehe S. 28) dokumentiert das Museum an vielen einzigartigen Kunstwerken die Hochkulturen der minoischen und mykenischen Frühzeit – und nicht weit liegen die Reste der beeindruckenden labyrinthischen Palastanlage von Knossos, wo der Sage nach der Minotauros sein Unwesen trieb. (S. 144)
 * Mit diesem mysteriösen Diskos von Phaistos werde ich mich im nächsten Beitrag noch ausführlicher befassen.

Das mit den "labyrinthähnlichen Palastanlagen von Knossos", welche die Quelle der Labyrinth-Sage sein sollen, ist ein Irrtum, der sich offenbar nicht ausrotten lässt, auch nicht von Spiegel-Redakteuren. Wie Hermann Kern 1982 sehr schlüssig nachwies, hat der Palast-Komplex zumindest mit dem Labyrinth-Symbol nichts zu tun – allenfalls hat er, aufgrund seiner verwinkelten Unübersichtlichkeit, die Vorstellung vom unterirdischen Verließ mit Irrgarten-Charakter geprägt, die in der Geschichte von Theseus´ Kampf mit dem Minotauros durchschimmert.

Folgende Figuren aus dem weiteren Umkreis der LABYRINTHIADE werden im Spiegel Special noch genannt und demonstrieren die Präsenz der minoischen Vor-Kultur im Fundament des griechischen Nachfolgers und damit als Basis des modernen Europa (denn dies zu zeigen, wurde das Heft konzipiert):

° Dionysos (S. 7, 49, 95);
° Odysseus  und die Odyssee (bis heute präsent nicht zuletzt durch James Joyce´s Roman Ulysses – S. 14, 25);
° Kreta und Knossos mit der minoischen Kultur (S. 22, 23);
° viel Zeus wird in einer Götter-Genealogie angeführt, in immer neuen Varianten (S. 50/51) – aber nicht eingegangen wird auf seine Verbindung mit Prinzessin Europa, die auf Kreta, der Sage nach, zur Geburt des Minos und der minoischen Kultur führte;
° Medea (S. 55);
° Im Beitrag über den "Trojanischer Krieg" heißt es bezüglich des Heeresaufmarsches lt. Ilias: "Einen aufgeregten, tumultuarischen Heeresaufbruch vergleicht [Homer] mit der durch Sturmwind aufgewühlte "ikarischen See": das ist die Ägäis bei der kleinen Insel Ikaria nahe Samos aus (S. 32) / Penelope, das wartende Weib" des Troja-Kämpfers Odysseus, wird als "Ikarias´ Tochter" vorgestellt (S. 56) – die Insel Ikaria ist, wie das sie umgebende "ikarische Meer", nach dem unglückseligen Ikaros benannt, der dort abstürzte und ertrank.

Wie diese Figuren mit der Labyrinth-Geschichte zusammenhängen, kann man hier nachlesen: Fünf Kreise von Figuren

So, ich denke, das genügt wieder mal in Sachen "Medienpräsenz des Labyrinth-Themas".

Quellen:
Joyce, James: Ulysses (Paris 1922) London 1960 (The Bodley Head). Die Übersetzung:
Joyce, James _ Wollschläger, Hans (Übersetzung). Frankfurter Ausgabe Bd. 3.1+2. Frankfurt am Main 1975 (Suhrkamp).
Kern, Hermann: Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen – 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. München 1982 (Prestel)
Saltzwedel, Johannes (hrsg. Redakteur): Götter, Helden und Denker. Die Ursprünge der europäischen Kultur im antiken Griechenland. Hamburg 2008-06 (SPIEGEL Special Geschichte).

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

2 Kommentare

  1. das labyrinth

    danke für diese interessanten splitter-reflexionen. die kretischen sagen faszinieren mich bis heute, bilden für mich nicht nur den schlüssel zum abendland, sondern zur mythologischen erzählung generell.

    ich empfehle zu diesem thema noch eine miniatur in moderner prosa von christoph ransmayr: DAS LABYRINTH. EINE BAUGESCHICHTE AUS KRETA.

    sehr pointiert und elegant geschrieben, wie ich finde … sie ist u.a. im erzählband DER WEG NACH SURABAYA enthalten.

    des weiteren empfehle ich hans-peter-duerrs (ich meine den ethnologen bzw. ethnohistoriker) schriften, die immer wieder auf die kretischen mythen zurückgreifen.

    ob ich die spiegel-ausgabe genießen würde, erscheint mir allerdings fraglich.
    ich vermute, dass jeder der artikel eine separate deutung versucht, dass da viele säulen halbwegs vertikal in den boden eingelassen worden sind, nur haben sie vermutlich alle verschiedene höhen, dass ein dach nur schwer darauf zu errichten ist.
    vermute ich richtig – oder irre ich mich?

    herzliche grüße
    tolya glaukos

  2. @tolya glaukos

    Das SPIEGEL SPECIAL ist sehr lesenswert und durchaus “auf gleicher Höhe” in den einzelnen Beiträgen – und gut thematisch vernetzt. Wenn man es komplett gelesen hat, ist man mit den “alten Sachen” wieder vertraut – und mit den neuen Erkenntnisen, glaube ich, ganz gut up to date.
    Danke für den Ransmayr-Tipp und den zu Duerr!
    Mit freundlichen Grüßen
    JvS

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