Geheimnisvolle Kryptomnesie

Labyrinth des Schreibens

Im vorletzten Beitrag befasste ich mich mit einem Plagiatsvorwurf gegen Sigmund Freud. Wie der kreative Prozess bei Freud auch immer beschaffen gewesen sein und wer oder was ihn dabei inspiriert haben mag: Es handelte sich keineswegs um ein Plagiat. Dieser Einfluss kam vielmehr auf sehr unbewusste Weise zustande. Dies bezeichnet man als Kryptomnesie (von griechisch kryptos = verborgen/versteckt und mnésis = Erinnerung/Gedächtnis).

(Vorbemerkung: Falls Sie sich wundern, dass Sie Teile des folgenden Beitrags bereits kennen – so ist dies keineswegs Folge eines Plagiats. Ich habe nämlich den vorletzten Artikel der besseren Lesbarkeit halber nachträglich aufgeteilt – dies ist quasi dessen zweiter Teil.)

An dieser Stelle muss der Blogger wirklich zum Logbuch-Schreiber werden und kurz ins Autobiografische abschweifen. Mir ist so etwas selbst einmal widerfahren. 1962 schrieb ich eine SF-Kurzgeschichte (“Blindheit”), in der sich auf einem fremden Planeten zeigt, dass dessen feindliche Umgebung durch bestimmte Manipulationen auch für Erdenmenschen zu einer erstaunlich freundlichen Umwelt werden kann. Ein paar Jahre später machte mich ein Leser darauf aufmerksam, dass genau diese Idee bereits Jahre zuvor der amerikanische Autor Clifford D. Simak in seiner Story “Desertion” erfunden und überzeugend umgesetzt habe. Wie mir sofort einfiel, kannte ich diese Story, zähle sie noch heute sogar zu einer meiner eindrucksvollsten SF-Erfahrungen.

Ein Plagiat meinerseits?

Keineswegs, möchte ich behaupten. Es handelt sich hierbei um einen typischen Fall von Kryptomnesie: Man lernt irgendwann eine Idee kennen, ist beeindruckt davon – und vergisst sie. Irgendwann begibt man sich selbst in einen kreativen Prozess, in dessen Verlauf eben diese ins Nichtbewusste* abgesunkene Idee so auftaucht, als sei es ein eigener Einfall.
* Ich vermeide hier ganz bewusst Freuds Begriff des Unbewussten – denn Freud meinte damit eigentlich Inhalte, die noch nie bewusst waren. Sein Begriff, der besser passsen würde, ist der des Vorbewussten. Dabei kann es sich auch um Inhalte handeln, die – wie bei einer Kryptomnesie – durchaus einmal bewusst waren, aber dann aus dem Bewusstsein wieder verschwunden sind.

Wer beide Stories, meine “Blindheit” und Simaks “Desertion”, parallel liest, wird mir hoffentlich zustimmen, dass es sich um zwei völlig verschiedene Varianten der – zugegeben – selben Grundidee handelt. In der Science Fiction gibt es mehrere Beispiele dieser Art, von denen ich nur zwei sehr prominente erwähnen möchte. Dabei sei dahingestellt, ob es sich um echte Beispiele von Kryptomnesie handelt oder um eine Art – mehr oder minder bewussten – Plagiats:

° Nicht lange nachdem der äußerst erfolgreiche Film Alien (Regie: Ridley Scott) seinen Weg durch die Kinos der Welt gemacht hatte, meldete sich der bekannte SF-Autors Alfred E. van Vogt (1912-2000) und erstritt, mit dem Vorwurf des Plagiats, 50.000 Dollar. Er behauptete, offenbar erfolgreich, es handle sich um eine unerlaubte Übernahme von Gedankengut (speziell des Aliens Ixtl) aus der Novelle “Discord in Scarlet” (die 1950 Teil seines Romans The Voyage of the Space Beagle wurde.)

° Schon bald, nachdem sich der ungeheuere Erfolg des Films Avatar abzeichnete, kamen Vorwürfe auf, James Cameron hätte wichtige Elemente des Films bei Autoren wie Harry Harrison (speziell aus dessen Roman-Serie Death World) geklaut. Meines Wissens kam es jedoch in diesem Fall zu keinen juristischen Auseinandersetzungen. Die Vorwürfe waren denn doch zu absurd.

(Forts.: Kryptomnesie bei Sigmund Freud)

 

Allgegenwart des Labyrinth-Mythos: Film und Fernsehen

An dieser Stelle sei zunächst darauf hingewiesen, weshalb ich das Labyrinth-Thema überhaupt beobachte, referiere, analysiere und kommentiere:
Weil es für mich die Metapher schlechthin für unser modernes Leben ist.
Im Zusammenhang mit dem Schreiben habe ich zudem noch keinen besseren anschaulichen Vergleich für den kreativen Prozess beim Verfassen von Texten gefunden, als den allmählichen Übergang von anfänglicher Verwirrung (Irrgarten – Yrrinthos) zur Klarheit eines kretischen Labyrinths mit seinem einzigen Gang, in dem man sich unmöglich verlaufen kann.
Dass dabei Zufälle eine wichtige Rolle spielen, ist sehr stimmig.

Dieser Tage bin ich gleich vier Mal im Fernsehen und in einer Blu-ray auf Labyrinth-Zitate gestoßen. Es begann mit der beeindruckenden Serie “Die Alpen von oben” (wo nur die Begleitmusik unsäglich nervt). In der ersten Episode besucht der Zuschauer unten am Boden ein altes Silberbergwerk in Kärnten, in dem Fledermäuse überwintern. Der Besitzer des Hauses, auf dessen Grundstück sich das aufgelassene Bergwerk befindet, sagt zu einer Fledermausexpertin, die er in diese Höhle führt:

Die Silbermine ist ein weitverzweigtes Labyrinth. (Steindl 2011)

Der sechs Kilometer lange Monteratsch-Gletscher bei Pontresina, den wir in der fünften Episode von hoch oben aus der Luft bewundern, ist

… ein Labyrinth aus Eis mit gefährlichen Spalten und undurchdringlichen Höhlen. Der Inbegriff alpiner Erhabenheit. (Eder-Held 2011)

In der Beschreibung einer frühen Siedlung der Kuper-Zivilisation am Euphrat (Aslan Tepe in der heutigen Türkei) heißt es in der Terra X-Sendung “Die Minen des Hephaistos”:

Labyrinthische Gänge führen zu Innenhöfen. (Rekel 2005)

Es gibt in derselben Sendung übrigens einen interessanten Bezug zum Schreiben: In einer Szene der Dokumentation werden Rollsiegel gezeigt, wie man sie damals als Quittungen verwendete. Dabei handelt es sich um so etwas wie die Anfänge der Schrift als Hilfe für die Händler und ihre Buchhalter jener Zeit.

In dem Thriller The Rock schließlich spielt der alte Sean Connery, der ehemalige James Bond, den britischen Ex-Geheimagenten Mason. Der soll mit einer Gruppe von Terrorexperten in das einstige Gefängnis Alcatraz in der Bucht von San Francisco eindringen, wo sich ein frustrierter General mit seinen Leuten verschanzt hat. Diese bedrohen San Francisco mit Raketen, die ein hochgiftiges biochemisches Ärosol versprühen würden. Mit von der Partie in der Antiterror-Einheit ist der FBI-Agent und Chemiker Goodspeed (Nicolas Cage), der über die verzweigten Räume im Kellerfundament von Alcatraz meint:

“Wahrscheinlich gibt es hier ein ganzes Labyrinth von Tunneln.

Quellen
anon (DPA): “Börne-Preis für Peter Sloterdijk”. In: Südd. Zeitung Nr. 44 vom 21. Feb 2013, S. 12
Bay, Michael (Regie): The Rock – Fels der Entscheidung (The Rock)). USA 1996 / Sendung im ZDF am 15. März 2013 um 22:15 Uhr
Cameron, James (Regie): Avatar – Aufbruch nach Pandora. USA 2009 (Warner Bros.)
Eder-Held, Lisa (Regie und Drehbuch): Die Alpen von oben: Die Südalpen: Episode 5: “Vom Engadin zum Zürichsee” ARTE TV 2011/12 (Blu-ray)
Harrison, Harry: Deathworld 1. New York 1960 (Bantam TB)
Rekel, Gerhard J. und Gerhard Thiel (Regie und Drehbuch): “Die Minen des Hephaistos – Hightech in der Kupferzeit” (Terra X #78: ZDF Doku) 51m 29s / Dokumentation 2005 / Wh: Sonntag 17. März 2013/23:15
Steindl, Klaus (Regie und Drehbuch): Die Alpen von oben: Die Südalpen: Episode 1: “Von den Karawanken nach Graz” ARTE TV 2011/12 (Blu-ray)
Scheidt, Jürgen vom: “Blindheit”. In: Das Monster im Park. München 1970 (Nymphenburger Verlagshandlung)
Scott, Ridley (Regie): Alien. USA 1979
Simak, Clifford D.: “Desertion”. In: ders., City. New York 1952 (
(Simon and Shuster)
Vogt, Alfred E.: “Discord in Scarlet”. Astounding Sceince Ficiton 1939 (Diese Novelle wurde Teil des Romans The Voyage of the Space Beagle. New York 1950 (Simon and Shuster)
Wittels, Fritz: Sigmund Freud – der Mann, die Lehre, die Schule. Leipzig 1924 (Thieme)

Aktuelle Informationen zu meinen Schreib-Seminaren. Das nächste Seminar ist “ABSTIEG IN DIE UNTERWELT” (19.-21. April 2013) aus dem Jahreskurs Minotauros-Projekt: Roman schreiben. Der Titel des Seminars verweist auf eine wichtige Station der Heldenreise. Diese stellt gewissermaßen den Roten Faden dieses Kurses dar.

254 / #898 Jvs /1583 SciLogs
BloXikon: Freie Assoziation, Kryptomnesie, Plagiat
v2-4 / 17. April 2013   

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

1 Kommentar

  1. Kryptomnesie

    aha, so heisst das also?
    kenne ich. Ich bin regelmässig etwas verunsichert.

    Diese nimmt zu mit der Reizüberflutung und der Flüchtigkeit von Informationen.

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