Flüchtlinge im Irrgarten

Labyrinth des Schreibens

Ich sitze in meiner gemütlich warmen Drei-Zimmer-Wohnung und notiere mir Gedanken zum Thema “Flüchtlinge” für das aktuelle Blog-Gewitter von SciLogs. Ich hadere ein wenig mit mir, weil ich nicht weiter an der Buchführung und Steuererklärung für “2014” arbeite (die endlich vom Tisch muss), sondern für den Blog tätig bin. Ich schreibe also relativ entspannt über Menschen, die all dies in der Regel nicht haben, und zwar für lange Zeit nicht: Eine gemütlich warme Wohnung und Muse, Buchführung und Steuererklärung zu gestalten.

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Abb.1: “Europäische Flüchtlingsroute” betitelt der Münchner Karikaturist Pepsch Gottscheber seine Zeichnung (c) Pepsch Gottscheber, Südd. Zeitung vom 17. Sep 2015, S. 4)

Vergangene Nacht habe ich mir Teil Zwei der Hobbit-Trilogie von Peter Jackson angeschaut. Da ging es, jenseits von unterhaltsamem Action-Kino, um Folgendes:
Krieg, Flucht, Vertreibung, Flüchtlingsströme und Zerstörung ganzer Städte und Völker. Was sich alles in der anderen, chronologisch später angesiedelten, Trilogie vom Herr der Ringe noch heftiger fortsetzt:
Krieg, Flucht, Vertreibung, Flüchtlingsströme und Zerstörung ganzer Städte und Völker.
Und ich erinnere mich, 1940 geboren, wie es damals nicht im fernen Fantasy-Land von Mittelerde zuging, sondern mitten in Deutschland und Europa:
Krieg, Flucht, Vertreibung, Flüchtlingsströme und Zerstörung ganzer Städte und Völker.
Jenes Elend also, das wir vor 76 Jahren aus dem Größenwahn des Tausendjährigen Reiches über den ganzen Erdball getragen haben. Und spätestens da bin ich mittendrin und schau mir das Flüchtlingselend von heute plötzlich gar nicht mehr aus gemütlicher Distanz an, sondern werde geschüttelt von den Erinnerungen:

iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft
iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft

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In einer der Nächte, es muss kurz vor Kriegsende gewesen sein, wachten wir alle durch ein merkwürdiges Geräusch auf. Wir schauten aus dem Fenster und sahen im Dämmerlicht des grauenden Morgens einen endlosen Zug von Menschen durch die Bahnhofstraße wanken. Das Geräusch kam von den schlurfenden Schritten, mit denen sie sich kraftlos dahinschleppten. Dabei sangen sie ganz leise, um sich wachzuhalten. Es waren Hunderte von kleinen Buben in Uniform, Zwölfjährige, Dreizehnjährige, Vierzehnjährige …
Man hatte sie aus Kinderheimen in Breslau und anderswo, gut tausend Kilometer von uns entfernt, evakuiert, und nun sollten sie zu ihren Familien in die Heimat zurück. Sie waren den größten Teil des langen Weges zu Fuß marschiert. Die Bewohner von Rehau kamen aus ihren Häusern und brachten den völlig Erschöpften Essen und etwas zum Anziehen, eine warme Jacke, ein Paar Schuhe, was immer man entbehren konnte. Schon eine Stunde später zogen die jungen Flüchtlinge weiter und bald war der Zug – wie ein Spuk – am anderen Ende des Städtchens verschwunden. Nur der eine oder andere blieb zurück, weil er einfach nicht mehr konnte.

Vom “lieben Jesulein” und der brutalen Wirklichkeit des Jahres 2015

Ja, die CSU pflegt heimatlich-christliches Gedankengut und singt an Weihnachten vom “lieben Jesulein” – baut aber im Alltag unter prominenter Führung von Landesvater Seehofer Bastionen auf zur Abwehr von Asylanten (das klingt inzwischen viel schlimmer als Flüchtlinge) – und übersieht tunlichst, dass einst, vor 2.000 Jahren, die Eltern dieses “lieben Jesulein” Flüchtlinge waren und froh sein mussten, einen kalten Stall mit Ochs und Esel zur Geburt ihres Sohnes zugewiesen zu bekommen.
Oder dieser unsägliche Herr Orban aus Ungarn, den unser Landesvater Seehofer eben im asylantenabwehrender Kampfbereitschaft brüderlich umarmt hat – dieser Herr Orban, der offensichtlich völlig vergessen hat, wie viele seiner Landsleute 1956 vor der Sowjetarmee in den Westen geflohen sind und dort sehr freundlich aufgenommen wurden.

Man möchte kotzen, wenn man all den Pegida-Mist liest und was sonst noch an fremdenfeindlichen Äußerungen die in diesem Fall very unsocial media überschwemmt – von den wirklich ungeheuerlichen Brandstiftungen ganz zu schweigen. Und gleichzeitig bin ich tief berührt von der überwältigenden Freundlichkeit, mit der nicht nur wir Münchner (trotz drohendem Oktoberfest) Zehntausende von Flüchtlingen begrüßt haben.
Eindrucksvoll auch, wie in Hamburg eine “bislang unbekannte Welle der Hilfsbereitschaft” Unglaubliches zustande bringt, wie ich in einer Dokumentation von Hendrik Buth, Martin Rieck und Nikolas Migut entdeckte, die ich zufällig am 24. September auf Phoenix-TV sah: In der Sendung “7 Tage… helfen” (Pressetext von Phoenix):

…Viele Menschen und Unternehmen spenden Geld, Lebensmittel, Shampoo oder Kleider. Überall melden sich Freiwillige, die die Flüchtlinge aufnehmen wollen oder die die vielen Spenden organisieren. So auch in den Hamburger Messehallen. Seit Mitte August türmen sich dort Kleider und Schuhe, werden von Hunderten Freiwilligen sortiert und ausgegeben.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Es war unglaublich eindrucksvoll, wie vorher einander fremde Menschen sich in dieser gigantischen Messehalle zusammenfanden und aus einem Chaos von Spenden jene Hilfspakete zusammenstellten, die gleich an bedürftige Flüchtlinge weitergegeben wurden.

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Abb.2: Auschnittvergrößerung aus Pepsch Gottschebers Karikatur: Um zu verdeutlichen, wie es am Eingang zu diesem Irrgarten zugeht.
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Labyrinthisches und Entschleunigung
Der Zufall hat starke Beziehungen hergestellt zu den Themen, die ich in diesem Blog pflege: Labyrinthisches, Entschleunigung und Schreiben. Da war zunächst die bestürzend hellsichtige Karikatur von Pepsch Gottscheber (s. oben) am 17. September 2015 auf der Meinungsseite der Süddeutschen Zeitung, deren Nachdruck der Zeichner freundlicherweise erlaubte. Noch treffender kann man die mentale Situation der Flüchtlinge nicht darstellen – die den konzentrationslagerähnlichen Stacheldrahtkern dieses Irrgartens an Ungarns Grenze leibhaftig erleben können.

Auch Entschleunigung wird heraufbeschworen: Derzeit hat die furchtbare Flüchtlingskatastrophe gleich zwei Innenminister leider zu einem eklatanten Missbrauch des Begriffs verführt: Statt ihre Behördenmaschinerie angesichts von weit über hunderttausend zutiefst traumatisierten Menschen deutlich zu beschleunigen, wollen sowohl Brandenburgs Karl-Heinz Schröter als auch Thomas de Maizière das genaue Gegenteil erreichen. Der Bundesinnenminister hält das Tempo der Flüchtlingszuwanderung für zu hoch:

Deswegen müssen wir an einer Entschleunigung arbeiten, damit wir auch in Deutschland nicht an eine Belastungsgrenze stoßen…

So sagte der CDU-Politiker am Freitag, den 11. September 2015, in Dresden.
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Und was das Schreiben angeht – das zentrale Thema meines Blogs:
Das erste, was Flüchtlinge diesbezüglich bei uns erleben, ist die (schriftliche) Registrierung. Und das ist gut so. Effiziente Hilfe (nach der humanitären Erstversorgung, zum Beispiel am Bahnhof
in München), ist nur möglich, wenn die Flüchtlinge irgendwie im sozialen Netz verankert werden. Wenn sie bleiben wollen, wenn sie arbeiten wollen (was die Wirtschaft ja laut und deutlich wünscht und auch die demographische Entwicklung geradezu fordert), werden sie auch selbst schreiben müssen. Oft. Und viel.
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Ja, ich weiß: Unter diesen Flüchtlingen befinden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit…
… etliche IS-Kämpfer, die uns noch viel Ärger bereiten werden; dazu kriminelle Kleinganoven, die sich mit Drogendeals und Diebstählen über Wasser halten und sicher auch frustrierte Jugendliche und junge Männer, die sich mit freundlich lächelnden Hass-Predigern umgarnen und indoktrinieren lassen
Aber das überwältigende Groß dieser Flüchtlinge sind doch Menschen wie du und ich, selbst wenn sie fünfmal am Tag zu Allah beten und (noch) kein Wort unserer deutschen Sprache sprechen.
Wie es für jeden aussieht, der es sehen will, sind Flüchtlingsströme jedweder Art immer schon der stärkste Motor der Evolution gewesen.
Wir haben 1945 in Deutschland an die 13 Millionen geflüchtete und vertriebene Landsleute aus den Ostgebieten integriert – und ich darf versichern, dass zumindest im überwiegend protestantischen Oberfranken (meiner damaligen Heimat) diese katholischen Schlesier und Sudetendeutschen mit ihren seltsamen Dialekten ähnlich exotisch wirkten, wie auf uns heutige Bayern (die ja inzwischen durch Urlaubs- und Geschäftsreisen weit in der Welt herumgekommen sind) ein muslimischer, arabisch sprechender Flüchtling aus dem Kriegsgebiet Syrien.
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Und vergessen wir doch bei alledem nicht: Da kommt heute auf uns zurück…
… was wir (spätestens) seit dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland in die ganze Welt hinausgetragen haben und bis auf den heutigen Tag mit legalen wie illegalen Waffenexporten kräftig gefüttert haben:
Krieg, Krieg, Krieg…
Sigmund Freud schrieb einst von der “Wiederkehr des Verdrängten” – einer seiner wortmächtigsten Begriffe, der (nicht nur Psychologie-) Geschichte geschrieben hat. Nun erleben wir es: Dass das scheinbar Erledigte (der Zweite Weltkrieg, unsere Waffenlieferungen) nur zeitweilig ins Kollektive Unbewusste verdrängt war.
Besonders München hat sich ja, als einstige Hauptstadt der Bewegung, gut siebzig Jahre dagegen gewehrt, die Verstrickung nicht nur weniger, sondern erschreckend vieler ihrer Bewohner in den braunen Terror der Nazis aufzuarbeiten. Nun ist endlich das NS-Dokumentationszentrum seit diesem Sommer eröffnet und die Aufarbeitung des Verdrängten kann weitergehen. Umso wohltuender, dass es gerade Münchner waren, und viele von ihnen, die am Hauptbahnhof Unglaubliches geleistet haben beim Empfang und der Weiterversorgung dieses gigantischen Flüchtlingsstroms.
Während des Oktoberfestes leitet man weitere Flüchtlinge zwar wohlweislich um diesen Hauptbahnhof weit herum. Aber das ist okay für mich. Schließlich fließt einiges von der Milliarde €uro Umsatz, die da auf der Wies´n generiert werden, über das Steueraufkommen auch in die Kassen, welche den Flüchtlingen weiterhelfen.
Robert Lewandowski ist zwar kein Wirtschaftsflüchtling, sondern hochbezahlter Gast- und Wanderarbeiter aus Polen. Aber seine sagenhaften sechs Tore für Bayern München in kaum mehr als acht Minuten gegen den Saisongegner Wolfsburg* haben dieser Tage wieder mal gezeigt, welches Potenzial in diesen Flüchtlingsströmen steckt. Und was wäre, zu einer früheren Zeit, der deutsche Bergbau ohne die polnischen Gastarbeiter gewesen – alles Wirtschaftsflüchtlinge jener Tage!
* ja, das sind die, welche sich das VW-Werk als quasi Hausmannschaft gönnt und sich vielleicht demnächst nicht mehr gönnen kann, wenn da wirklich 18 Milliarden Dollar Strafe wegen der Diesel-Affaire zu zahlen sein sollten!
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Wie könnte es weitergehen mit der “Flucht nach Europa”?
Katrin Göring-Eckardt von den Grünen/Bündnis 90 sagte in einer Talkshow bei Anne Will am 17. September 2015 sinngemäß den prophetisch anmutenden Satz:
Deutschland befindet sich angesichts dieser Flüchtlingsströme in einer Situation, die noch stärkere Auswirkungen haben wird als die Wiedervereinigung Deutschlands!
Eine sehr bedenkenswerte Aussage!

Wir wissen alle, wie schwierig dieser Prozess der Wiedervereinigung war- aber wir wissen auch, dass er einigermaßen gelungen ist!
Hoffen wir, dass dies mit der aktuellen Flüchtlingskrise ähnlich verläuft. Wozu auch gehört, dass – nicht nur – die Politiker begreifen, dass man die Ängste vieler Deutscher ernst nehmen muss, die sich von eben diesem Flüchtlingsstrom gewaltig bedroht fühlen.
Da mag es nämlich wenig tröstlich sein, dass solche Menschenströme und Völkerwanderungen ein ganz wesentliche Motor der Evolution der Menschheit waren und sind und dass dies auch in Zukunft zentraler Teil der Menschheitsgeschichte sein wird. Es ist fast eine Binsenweisheit, dass die Menschheit immer wieder kräftig durchgeknetet wird.
Wer jedoch in unserem Land keine Arbeit hat oder seinen Arbeitsplatz bedroht sieht (die Diesel-Katastrophe von VW in eben diesen Tagen lässt grüßen!) sieht dies wohl ganz anders.
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Der Rote Faden in alledem
Sucht man nach so etwas wie einem Roten Faden und entsprechend einem tieferen Sinn in diesem schrecklichen Geschehen, das sich ja über viele Jahrtausende dahinzieht, muss man vielleicht so etwas wie eine Ansicht von außen riskieren, und zwar eine von sehr weit außen. Ich denke daran, wie Außerirdische unsere Welt und deren Geschichte vielleicht betrachten würden. Eine der großen Konstanten dieser Alien View (wie ich das nenne) wäre dabei sicher das unaufhörliche Auftreten von Kriegen zwischen Staaten, Bürgerkriegen und bürgerkriegsähnlichen Geschehnissen wie Revolutionen – die immer (!) mit entsprechend großen Fluchtbewegungen verbunden sind.
Wir wissen auch, dass nach solchen Desastern oft (meistens? immer?) große Erneuerungen eintraten. Der Nationalökonom Joseph Schumpeter (1883-1950) würde auf solche Geschehnisse wohl den von ihm geprägten Begriff der kreativen Zerstörung anwenden – eine sicher nicht nur zynische, sondern auch kühl abwägende Formulierung.
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“Fremd ist der Fremde…”
Es trifft sich gut, dass auch in meinem aktuellen Roman-Projekt Fremde (Aliens nennt man sie in der Science-Fiction) eine zentrale Rolle spielen. Eine der Hauptfiguren, Venn Korr, ist zwar kein Flüchtling. Aber er wurde auf die Erde ins Exil geschickt – das ist wenig anders.
An dieser Stelle muss man endlich einmal Karl Valentin zitieren, der zu Unrecht nur als “Münchner Hauskomiker” betrachtet wird. Sein Satz ist schwer verständlich und irgendwie unbeholfen (so wie Valentin sich auf der Bühne gerne gab) – aber er ist auch tiefsinnig und Nachdenkens wert: “Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.”
(Forts. folgt).
Post 290 / JvS #1044 / SciLogs #1208 / Aktualisiert: 28. Sep 2015/11:34 / v 1.1

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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