Entschleunigung ist angesagt

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Wenn man einen neuen Begriff in die Welt setzt, freut man sich logischerweise, wenn andere ihn akzeptieren und weiterverwenden. Entschleunigung ist ein Wort, das offenbar seinen Weg gemacht hat.

Wenn gleichzeitig im Zitat noch der Rote Faden auftaucht – umso besser und  gewissermaßen eine Steilvorlage für diesen Blog ( bei dem ich in diesem Zusammenhang gerne selbstreferentiell tätig werde). Also hier erst einmal das Zitat – aus einem etwas feuilletonistisch aufgedonnerten Bericht über eine aktuelle Ausstellung in Wolfburg: „Kunst der Entschleunigung“:

[…] die neue große Themenschau mit dem Titel „Die Kunst der Entschleunigung” beschäftigt sich mit einem dezidiert beschleunigten Modethema und kreist deswegen im Mahlstrom medialer Hektik, der vor allem mit katastrophischen Vokabeln rauscht.

[…] Vom Bombardement der Bilder, Reizüberflutung und Burn-Out wird in den Pseudo-Diagnosen unserer Gesellschafts-Dynamik permanent gesprochen – und natürlich auch in der Argumentation dieser Ausstellung -, als führten Informationen einen selbstständigen Krieg gegen wehrlose Menschen. „Entschleunigung”, eine geradezu paradiesische Versprechung für stressgeplagte Berufstätige, erscheint da als umso schönerer Sonnenuntergang der Ratio […] Vergisst man die abgemagerte These von der Be- und Entschleunigung als Fluch und Segen des modernen Menschen, dann stellt sich die Frage nach der Balance als Kriterium künstlerischen Gelingens – und plötzlich hat man eine Roten Faden durch die rund 250 Jahre Kunstgeschichte. Erzeugt Friedrichs düsteres Meer bei Nacht nicht eine Stimmung intensiver Romantik, also ein sehr erregtes Gefühl, und ist nur in dieser Komposition aus Ruhe und Emphase ein Meisterstück? Sind die „Schreitenden” nicht alle absurde Gefangene ihrer Bildträger, egal ob sie von Rodin in Bronze gegossen, von Bruce Nauman mit Neonröhren geformt oder von Julian Opie als Icon-Männchen von LED-Blitzen animiert wurden?

Google macht´s möglich

Wenn man Entschleunigung googelt, werden 322.000 Ergebnisse angezeigt – Stand 18. Nov 2011 (die Zahl kann man leider nicht nachprüfen). Meine Website iak-talente.de, auf welcher der Begriff erläutert wird, kommt schon auf Platz 6 der Google-Liste. Das freut einen denn auch – und ist fast so gut, wie die beiden Nennungen unserer Site an 3. und 6. Stelle beim Google-Suchwort Heldenreise*.
* Apropos Heldenreise: Sie ist ein sehr interessanter Aspekt des Labyrinth-Themas – eröffnet doch Joseph Campbell sein Buch über den „Heros in 1000 Gestalten“ mit der Reise des Theseus durch das Labyrinth und mit seinem Kampf mit dem Minotauros! Doch darüber ein andermal mehr.

Googelt man den Begriff Labyrinth, bekommt man 46.900.000 Ergebnisse. Wenig Glück hatte ich bisher mit meinem Vorschlag für Labyrinthe, die eigentlich Irrgärten sind, den Begriff Yrrinthos einzuführen (2.510 Ergebnisse bei Google für Yrrinthos). Da muss man wohl schon Direktor eines Universitäts-Instituts sein, um so ein Neologismus durchzusetzen.
Und wenn wir schon beim egomanischen Googeln sind: Kaum verwendet wurde bisher auch mein Vorschlag des Krypto-Single (nur 73 Nennungen – obwohl der Begriff ein weit verbreitetes soziokulturelles und psychologisches Problem recht genau beschreibt).
Mit der Innenwelt-Verschmutzung (mein Buchtitel und -thema von 1973) ging es etwas besser: – derzeit 3.360 Googel-Nennungen*.
* Vorschlag für einen weiteren Neologismus: Warum die Google-Hits nicht “Googelinge” oder “Googelismen” oder schlicht “Googles” nennen? “3.733.812 Googles erzielte (was auch immer)”. Den “Google” einfach als Maßeinheit für Internet-Präsenz definieren.  Nicht gut?

Wirklich gut angenommen wurde die EntSchleunigung – ein Wort, das ich 1979 zum ersten Mal in einem Buch vorgeschlagen habe und das inzwischen die Wikipedia aufgenommen und dadurch gewissermaßen mit “höheren Weihen” versehen hat, mit korrekter Quellenangabe.

Doch genug der Selbstbeweihräucherung. (Aber irgendwie muss man sich ja noch so langer Blog-Abstinenz wieder motivieren.)

Quelle
Briegleb, Till: „Das Übel der Modekrankheiten“. In: Südd. Zeitung Nr. 262 vom 14. Nov 2011, S. 12 (Feuilleton)
Ausstellung „Die Kunst der Entschleunigung”, Kunstmuseum Wolfsburg, bis 9. April 2012; Katalog: Hatje Cantz Verlag, 260 Seiten, 49,80 Euro.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

1 Kommentar

  1. Worte

    Dass wir Menschen immer neue Worte und damit Wirk-lichkeiten schöpfen, ist pfiffig! Bitte mehr davon! ^_^

    Wissen Sie, was aus ‘sitt und satt’ geworden ist?

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