Die Queen empfängt mich

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Im Buckingham-Palast bin ich zu Gast bei der britischen Königin. Prinzgemahl Philip ist auch dabei, ebenso meine Frau. Die Queen ist freundlich, aber neutral, so wie man sie aus den Medien kennt. Ich weiß, dass ich ihr keine Fragen stellen soll, sondern lediglich auf Fragen von ihr antworten darf. Aber bevor das Gespräch in Gang kommt 

  … wache ich auf aus diesem Traum. Aufmerksame Leser werden sich wahrscheinlich schon gedacht haben, dass da etwas nicht stimmt in meinem kleinen Bericht. Denn die Queen empfängt doch nur Menschen, die etwas sehr Außergewöhnliches geleistet haben oder sonstwie systemrelevant sind und schon gar nicht einen Blogger, der wahrscheinlich Dinge ausplaudert, über welche die Queen dann vielleicht “not amused” wäre.

Aber warum berichte ich von meinem Traum in diesem Blog? Und was könnte der Traum bedeuten?

Ich erzähle dieses nächtliche Erlebnis, weil die Arbeit mit Träumen ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit in den Schreib-Seminaren ist und deshalb meines Erachtens ein Thema für dieses Forum. Schon die Tatsache, dass ich mich nach längerer traumloser Zeit wieder mal an so ein nächtliches Produkt erinnert habe, zeigt mir, dass ich mich innerlich auf das nächste Seminar vorbereite, welches ein Traum-Seminar sein wir.

Dieses Erinnern von Träumen funktioniert bei mir recht zuverlässig und lässt sich lernen. Doch was mache ich im Seminar mit den Träumen der Teilnehmer? Sie sind eine doppelte Quelle für Schreibanlässe:

° Zum einen ermöglichen Träume ein besseres Verständnis der gegenwärtigen Lebenssituation des Träumers (ganz im Sinne der Freudschen Tradiition der Traum-Deutung, die immer eine Annäherung an die Bedeutugn der einzelnen Elemente des Traum ist und an die Geschichte als Ganzes, die er erzählt).
° Zum anderen liefern die Szenen, Gefühle und Symbole des jeweiligen Traums interessantes Material für Geschichten, die sich nach entsprechender Vorbereitung erzählen lassen.

In diesem Sinne sind Träume ganz allgemein ein Zugang zur Kreativität und, tiefenpsychologisch gesehen, “der Königsweg zum Verständnis des Unbewussten”, wie Sigmund Freud das 1899 sehr treffend bezeichnete. Die andere Frage zielt auf die (mögliche) Bedeutung des eingangs zitierten eigenen Traums.

Auch das Labyrinth-Thema lässt sich hier ganz zwanglos einbeziehen: Ist doch das Deuten eines Traums und sein allmähliches Verstehen
° die Verwandlung eines zunächst äußerst rätselshaften, unverständlichen und dadurch verwirrenden Geschehens voller Geheimnisse
° in ein immer verständlicheres Gebilde

– und somit genau das, was vor sich geht, wenn man einen Irrgarten oder ein Yrrinthos mit all seinen Irrwegen und Sackgassen betritt und daraus nach und nach ein klar strukturiertes Labyrinth wird, in dem man gar nicht in die Irre gehen kann.

 

Was will dieser Traum mir sagen?

Dass ich nach traumlosen Monaten wieder mal träume*, hat gewiss auch damit zu tun, dass ich zur Zeit ein Buch, das ich vor geraumer Zeit über Träume schrieb, für eine Neuausgabe vorbereite.
* Genauer: Dass ich wieder mal einen Traum erinnere – denn geträumt wird von jedem Menschen jede Nacht etwa sieben Mal, wie man aus der Traumforschung weiß

Der andere Tagesrest als Auslöser des Traum sind sicher die Feierlichkeiten zum Jubiläum der englischen Königin. Dazu kam der exzellente Film von Stephen Frears “Die Queen”, den ich zufällig nicht lange vor diesem Traum auf Blu-ray angeschaut hatte (und der, anlässlich des Thronjubiläums, gar nicht zufällig am 10. Juni auf Arte gesendet wurde. Aus langjähriger Beschäftigung mit meinen Träumen weiß ich außerdem, dass die Queen (unter anderem) symbolisch für meine Mutter steht. Da gibt es eine Querverbindung, weil meine Mutter wohl so etwas wie ein Fan der Queen war. Jedenfalls habe ich als Jugendlicher deutlich ihr Interesse an den Medienberichten gespürt, als Elizabeth II. im Jahr 1952 gekrönt wurde. Das 60. Jubiläum dieser Krönungsfeier war ja vergangene Woche in den Medien nicht zu übersehen. Irgendetwas hat da in mir wohl “klick” gemacht und eine assoziative Verbindung in meine tieferen Gedächtnisspeicher hergestellt.

Der Traum enthält, kurz wie er ist, noch einige andere Botschaften und Erinnerungsfäden; aber davon möchte ich hier nicht weiter erzählen. Nur eines noch: Das Unbewusste, oder das kreative Vorbewusste (wie Freud das nannte) war mal wieder sehr treffsicher. Erst jetzt merke ich nämlich, dass das Wort Empfangen im Titel dieses Posts (“Die Queen empfängt mich”) auch noch eine sehr hintersinnige doppelte Bedeutung hat, und die wiederum betrifft nun wirklich nur meine Mutter und mich, ihr Kind.

Meine Mutter ist schon seit vielen Jahren tot. Aber ab und zu erinnern mich meine Träume sehr nachdrücklich an ihre Bedeutung für mein Leben. Tiefer möchte ich nicht in die Deutung des Traums einsteigen, das wird zu privat. Selektive Authentizität ist angebracht.

Mit Träumen und wie man sie für das Schreiben (nicht nur von Erzählungen) sinnvoll nützen kann, werde ich mich in diesem Blog immer wieder mal befassen.

 

Allgegenwart des Labyrinth-Motivs

Die Documenta in Kassel ist kaum eröffnet, da wird bereits Verwirrung angesichts des riesigen Angebots artikuliert. Die Süddeutsche Zeitung lässt ihre Mitarbeiterinnen guten Rat spenden und empfiehlt die “Highlights im Irrgarten” (Lorch 2012). Im Text zu dieser Überschrift finden man keinerlei Bezug zu irgend einem Irrgarten. Vielleicht hat ihn die Schlussredaktion rausgekürzt? Wahrscheinlicher ist, dass man hier, wie so oft, das Reizwort als Mindcatcher einsetzt. Oder sollte das Bild darüber (eine abendliche Ansicht eines der Ausstellungsgebäude in Kassel) der Schlüssel zum Verständnis des Titels sein? In der Bildunterschrift heißt es: “Wo bitte geht´s zur Kunst? Eine Documenta-Besucherin vor der Orangerie...”

Ansonsten gab es vergangene Woche im Fernsehen Labyrinthisches am laufenden (Film-)Meter:

° 3. Juni: In der von Pro Sieben gesendeten Version von “Star Trek” fehlt gleich am Anfang eine Szene, die in der Kino-Version von 2009 vorkam: Wenn ich mich richtig erinnere, hängt im Zimmer des jungen Kirk die Abbildung eines Irrgartens (das habe ich es mir jedenfalls nach dem Kinobesuch notiert).
° 4. Juni: Gegen Schluss des ersten “Simpson”-Films raunt Homer Simpson etwas von einem “roten Faden“.
° 5. Juni: In der Satire-Sendung “Neues aus der Anstalt” mit Urban Priol und Markus “Pelzig” Barwasser amüsiert sich Andreas Rebers über den Kammerdiener, der Geheimnisse des Vatikans ausgeplaudert hat, und singt in einem der Verse seines Couplets von “Labyrinthen des Vatikans“.
° 6. Juni: Über “FearDotCom” schreibt die Fernsehzeitschrift TV Spielfilm: “… mit vielen einfallsreichen Bildern, vielen Schockmomenten und ohne roten Faden.” (Hab ich mir nicht angeschaut.)

Quellen
Abrams, J.J. (Regie): Star Trek. USA 2009 (Sendung auf Pro Sieben am 3. Juni 2012, 20:15 h)
Frears, Stephen (Regie): Die Queen. Great Britain/Frankreich/Italien 2006 (Sendung auf Arte am 10. Juni 2012 um 20:15 h)
Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. Ges. Werke Bd II/III (1900 wird als Erscheinungsjahr angegeben – tatsächlich erschienen ist das Werk 1899)
Lorch, Catrin und Kia Vahland: “Highlights im Irrgarten (Wohin auf der Documenta, wenn die Zeit begrenzt ist?)”. In: Südd. Zeitung Nr. 131 vom 9. Juni 2012, S. 17 (Feuilleton)
Malone, William (Regie): FearDotCom. GB-D-USA 2002 (Sendung auf Kabel Eins am 6. Juni 2012 um 22:10 h)
Rebers, Andreas: Couplet über die “Geheimnisse des Vatikans” in “Neues aus der Anstalt” (Sendung im ZDF am 5. Juni 2012 um 22:15 h)
Scheidt, Jürgen vom: Geheimnis der Träume (1985). Landsberg am Lech 1999 – demnächst Neuausgabe im Verlag Allitera, München
Silverman, David (Regie): Die Simpsons – der Film. USA 2007(Sendung auf Pro Sieben am 4. Juni 2012 um 20:15 h)

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem Willkommen im Labyrinth des Schreibens und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

207/#739/1298 – BloXikon: Träume, Traumdeutung

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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