Der kleinste Weihnachtsmann der Welt

Labyrinth des Schreibens


Mein persönliches, “Labyrinth des Schreibens” hat eine passive Entsprechung seiner vielfältigen Aktivitäten: Mein Archiv mit seinen derweil 5201 Texten hat durchaus die Bezeichnung “Labyrinth des Geschriebenen” verdient.

Wie im berühmt-berüchtigten Bibliotheks-Labyrinth von Borges kann man sich leicht darin verlaufen. Wenn ich darin herumspaziere (und meine Datenbank erleichtert mir das zum Glück), stoße ich manchmal auf die eigenartigsten Zufallsfunde. Gestern entdeckte ich bei so einem Herumvagabundieren in altem Geschreibsel eine kleine Geschichte, die ich im Dezember 2007 in einem meiner Seminare aus einer vorweihnachtlichen Laune heraus verfasst habe.
Gestern war der 5. Dezember. Da passt es doch wunderbar, wenn ich Ihnen, verehrte Leser dieser Zeilen, zum heutigen Nikolaustag diese kleine Geschichte präsentiere. Stellen Sie sich einfach vor, sie hätten diese Story heute früh in Ihrem Kamin vorgefunden oder in den Socken, die sie gerade anziehen wolten, um die Semmeln fürs Frühstück zu kaufen. Hoffentlich viel Vergnügen also mit

Der kleinste Weihnachtsroman aller Zeiten vom kleinsten Weihnachtsmann der Welt
Es war einmal –
Nein, so soll das nicht anfangen. Es soll ja kein Märchen werden, sondern eine Weihnachtsgeschichte. So richtig was für “warm ums Herz”. Allerdings – eine märchenhafte Geschichte soll es schon sein, mit Happyend und so. Darf doch sein, oder?
Weihnachten ist ja im Grunde auch nur ein religiös verbrämtes Märchen: Prophezeiung im Traum, Jungfrauengeburt, angeblich kostenlose Beherbergung in einem ausgebuchten Hotel (naja, im Stall, immerhin), der Stern von Bethlehem, die Heiligen Drei Könige (wo sind Könige schon heilig außer in Märchen?). Dazu etliche Wunder, Auferstehung von den Toten, erster Astronaut und so –
Also bitte sehr: äusserst märchenhaft das alles.
Aber gemach und der Reihe nach, schliesslich bewegen wir uns in die “stade Zeit”, wie das in Bayern heisst (andernorts nennt man das Entschleunigung). Die Geschichte, die ich erzählen will, handelt von einem Weihnachtsmann. Nicht von irgendeinem, sondern vom kleinsten, den es je gab. Dazu muss man wissen, dass es nicht nur einen einzigen Weihnachtsmann gibt, wie irrtümlich gerne kolportiert wird, sondern mehrere, viele sogar (alles andere wäre ein Märchen). Wie sonst sollten denn zwei oder drei Milliarden Kinder mit Wunscherfüllungen beliefert werden, und das noch dazu an einem einzigen Abend!?
Einer dieser Weihnachtsmänner war logischerweise der kleinste – Das kann man sich doch vorstellen: Wenn sie in einer Reihe nebeneinanderstehen beim Appell für den Heiligen Abend: links der größte, wohl ein Halbriese – rechts der kleinste. Wie damals in der Schule wir Schüler (aber ich will mich jetzt nicht mit aller Gewalt selbst in die Geschichte hineinschreiben).
Dieser kleinste Weihnachtsmann, kurz kWm, war logischerweise für die kleinsten Kinder zuständig; und das sind die der Wichtel und Zwerge. Die sind wirklich klein, winzig, kaum mit der Lupe zu erkennen. Für manche braucht man sogar ein Mikroskop.
Diesem kWm ist nun etwas Seltsames passiert. Weil er es so eilig hat, herumzukommen auf der ganzen Welt mit seinen Geschenken. Eigentlich war es ja schon lange zu erwarten – aber nun ist es tatsächlich passiert: Dass er einer Weihnachtsfrau begegnete. Klar doch, wäre ja wirklich märchenhaft, wenn es im Zeitalter der Emanzipation nicht irgendwann Frauen auch in dieses Amt gedrängt hatte (obwohl der Papst sich angeblich lange mannhaft dagegen gesträubt hat). Und Amt ist es ja auch keines mehr, sie sind nur noch Angestellte, die Weihnachtsleute.
Diese nun, von der jetzt die Rede sein soll, diese Weihnachtsfrau, war zufällig die kleinste Weihnachtsfrau der Welt, kurz kWf. Kommt schon mal vor, so ein Zufall. Den Jackpot im Lotto knackt ja auch immer wieder mal jemand. Auch diese kWf war für Wichtel und Zwerge zuständig, was schon wegen der Größe der Geschenke gar nicht anders möglich ist. Rein zufällig, ja wirklich, befand sich ihr Zustellbezirk gleich neben dem vom kWm.
So waren beide mitten im Geschenkeverteil-Stress, als sich trotz modernstem GPS-Navi ihre Zustellwege kreuzten. Noch genauer: ihre Schlitten krachten mitten auf einer schlecht beleuchteten Kreuzung bei Untermittraching-Tuntenhausen zusammen. Alle Geschenke flogen im hohen Bogen durch die Gegend, gefolgt von ein paar sehr unweihnachtlichen Flüchen, von denen “So a Bescherung, deppert´s Mannsbild!” und “Ja da verreck, a Frau auf´m Schlitten!” noch die harmlosesten waren. Beim Austauschen ihrer Visitenkarten wegen versicherungstechnischer Behandlung des Vorfalls und noch intensiver beim Einsammeln der Geschenkpäckchen lernten sie sich jedoch ein wenig näher kennen. Es funkte zwischen ihnen, wie man so sagt, und so verabredeten sie sich für “nach der Arbeit” zu einem Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Aus dem einem Glühwein wurden bald zwei, dann drei, dann vier, dann fünf (damit es eine Primzahl wurde – Weihnachtsmänner stehen auf Primzahlen, Weihnachtsfrauen haben es mehr mit den ordentlichen geraden Zahlen – aber da zweimal fünf ja zehn ergibt, hatte das dann auch wieder seine Richtigkeit).
Man merkt, dass das eine – pardon – verdammt, kalte Weihnacht war (von wegen Klimaerwärmung! auch so ein Märchen – was ist denn schon ein Ansteigen des Meeresspiegels um ein paar Meter, wenn es dabei schön warm wird, irgendwo jedenfalls).
So ging es dann weiter. Sechs Monate später (bei Zwergen und Wichteln und sehr kleinen Weihnachtsleuten geht alles ein bisschen schneller) kam das – natürlicherweise – kleinste Christkind, pardon: Weihnachtskind der Welt zur Welt, ein echtes kWk.
Aber das ist eine andere Geschichte. Diese ist jetzt zuende. Damit es der kleinste Weihnachtsroman (kWr) aller Zeiten bleibt. Oder wenigstens der von diesem Jahr.
Frohes Fest allerseits wünscht der viegAdWJvS*

* h.h. “vielleicht irgendwann einmal größte Autor der Welt” – schließlich ist es ja ein Märchen

Post 281 / #1011 JvS / 1008 SciLogs / Aktualisiert 06. Dez 2014/20:10 / v 1.7

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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