Das Fallschirmmesser, oder: Waren Sie schon mal auf Kreta?

Labyrinth des Schreibens

Wer sich mit dem Labyrinth befasst, sollte unbedingt auch nach Kreta reisen. Von dort kommt diese Geschichte, dieses Symbol, dieser Mythos schließlich. Es wird Sie wahrscheinlich wundern, wenn ich hier schreibe: Ich war noch nie dort.

Viele Menschen beschäftigen sich mit dem Mond, oder dem Mars – und waren ja auch noch nie dort. Dort oben waren erst Neil Armstrong und Buzz Aldrin (der dritte Mondflieger, Michael Collins, musste die Kommando- und Rückkehreinheit in der Umlaufbahn hüten) und noch einige weitere Astronauten. So steht es in jedem Lexikon. Doch hier geht es ja jetzt auch nicht um den Mond, sondern um Kreta.

In Gedanken war ich natürlich schon oft dort. Wenn Freunde und Bekannte davon erzählen – ach was: schwärmen!, dass sie auf dieser Mittelmeerinsel Ferien machten. Viele waren schon dort, fast alle, vermute ich. Einige mehr als nur einmal.

Meine Frau war auch schon auf Kreta . Dreimal.

Ich kenne natürlich den Film Alexis Sorbas mit Anthony Quinn und seinem Sirtaki. Und ich habe zwei DVD über die Insel:
° Eine Doku (die zum Hinfahren animieren soll und viele schöne Aspekte der Insel vorführt);
° Eine Doku über die Besetzung Kretas im Zweiten Weltkrieg durch die Fallschirmjäger von General Student etc.

Ich habe auch das autobiographische Taschenbuch eines jener Kretakämpfer gelesen – der nichts dazugelernt hat und immer noch begeistert von diesem Husarenritt ist, aber kein Wort darüber verliert, was man damals mit den überfallenen Kretern angerichtet hat (Kurowski 1995).

Aber so richtig, persönlich, war ich noch nicht vor Ort.

Warum?

Das ist eine Geschichte für sich, die jetzt noch nicht erzählt werden soll.

Wenn dies ein Roman wäre, würde ich ja auch nicht gleich alles am Anfang verraten. Und dieser Blog ist erst am Anfang – naja, er ist doch schon recht weit gediehen. Aber als ich diesen Blog-eintrag konzipierte und kurz danach den Flug nach Kreta buchen wollte, kam so vieles dazwischen, dass ich es sein ließ. Da war ich etwa beim 50. Blog-Eintrag!

Eines kann und will ich immerhin verraten – Aha, werden Sie denken, jetzt kommt´s: das Messer. Das Fallschirmmesser.

Okay. Ich hab das vor einigen Minuten so spontan hingeschrieben, weil mir das beim Abendessen plötzlich einfiel. Ich öffnete eine Fischkonserve, eine Dose mit Heringsfilet in Paprikasoße. Plötzlich sah ich, vor meinem inneren Auge, meinen Vater in seiner Wohnung sitzen, wie ER eine Dose mit Ölsardinen aufmacht und genüsslich mit einem Stück Brot auslöffelt. Dazu sollte ich ergänzen, dass mein Vater als junger Mann (etwa 1927 bis 1936) zur See fuhr. Erst auf einem Fischdampfer, später auf dem Weltreisedampfer "Columbus", danach auf der "Bremen". Und was hat das jetzt mit Kreta zu tun, werden Sie insistieren, und mit dem Labyrinth-Thema?

Nun, mein Vater war als Soldat auf Kreta. Weil er dort für einen gewissen Adolf Hitler Krieg spielen musste, habe ich ihn in meinen ersten fünf Lebensjahren nur zwei oder dreimal gesehen, wenn er Heimaturlaub hatte. Damals brachte er einige organisierte Kanister kretischen Olivenöls mit (von welcher Kostbarkeit ein Exemplar in der Familie blieb, die anderen Kanister verhökerte er weiter). Und einmal hatte er ein Fallschirmjägermesser dabei.

So, jetzt steht das richtige Wort da: Fallschirmjägermesser. Ein tolles Ding. Hat mich als Kind so beeindruckt, dass ich immer dachte: Mein Vater ist Fallschirmjäger gewesen und dieses spezielle Messer aus Kreta (mit dem ein FJ sich im Notfall nach einem Absprung aus dem Gewirr der Schnüre seines Fallschirms befreien konnte – vielleicht wurde er ja auch vom bösen Feind beschossen) – also dieses ganz spezielle Kretamesser, dachte ich viele Jahre lang, müsse doch noch irgendwo in den Erinnerungsstücken meines Vaters existieren. Und ich wollte das unbedingt haben.

Ich hab es nie gefunden (mein Vater war auch keiner der Fallschirmjäger, sondern Sprachenlehrer mit dem Rang eines Feldwebels, aber das hab ich erst später erfahren). Deshalb kaufte ich mir mit dreizehn selbst so ein richtig schönes feststehendes Messer zum Schnitzen und Werfen. Passte genau in die Scheide, die rechts an meiner Lederhose angebracht war. Irgendwann 1953 oder 1954 wurden solche feststehenden Messer dann verboten; jedenfalls durften wir keines mehr mit in die Schule bringen; wahrscheinlich, weil viel Unfug damit getrieben wurde. In Bayern jedenfalls und in Oberfranken (wo ich aufgewachsen bin).

Ich hab mein Messer trotzdem immer heimlich dabei gehabt, genau wie meine Schundheftchen. Auch in der Schule. Man konnte ja nie wissen. Wann man es brauchte. Zum Schnitzen. Zum Angeben.

Und vielleicht war es ja auch – symbolisch – ein Stück Vater (ein Stück Kreta?), was ich da mit mir herumtrug.

Irgendwann war das Messer weg. Und ich vergass es. Ich war ja auch kein Lausbub mehr, der mit seinen Freunden im Wald herumstreunte und Pfeil und Bogen und Speere und Old Shatterhands Donnnerbüchse und Winnetous mit Silbernägeln beschlagenes Gewehr schnitzte. Oder sich als Tarzan damit schmückte. Aber vor einigen Jahren sah meine Frau genau so ein Messer auf der Straße liegen und brachte es mit nachhause. Sie legte es auf den Tisch und wollte gerade erzählen, was und wie – als ich schon spontan rief: "Da ist ja mein Messer!"

Ich schwöre es: In diesem Augenblick war ich fest davon überzeugt, dass sie MEIN Messer von damals gefunden hatte. Nur ein paar Sekunden blitzte da etwas aus der Kindheit herauf, fast wie eine Halluzination.

Um diese Geschichte abzuschließen: Dieses gefundene Messer liegt seitdem auf meinem Scheibtisch und hat schon längst seine Rolle in dem Roman gefunden, an dem ich arbeite. Und DER hat wiederum mit dem Labyrinth zu tun (sehr, sehr viel sogar) und mit Kreta (ein wenig) und mit meinem Vater (ganz am Rande).

Aber das ist, wie gesagt, "eine andere Geschichte, die wird ein andermal erzählt" (um Michael Ende und seine Unendliche Geschichte zu zitieren).

Eines muss ich allerdings doch noch ergänzen. Dieser Zufall mit dem "FJ". Das ist ja nicht nur ein Kürzel für "Fallschirm-Jäger" – das sind auch die Kürzel der Vornamen von "Franz Joseph (Strauß)", der viele Jahre lang Bayerns Ministerpräsident war.  Und wollen Sie wissen, wo meine Frau jenes ominöse Messer gefunden hat, das mich so elektrisierte? Genau: In der "Franz-Joseph-Straße", gleich bei uns in Schwabing um die Ecke. Diese Straße ist allerdings nicht nach dem einstigen Ministerpräsidenten benannt, sondern nach einem bayrischen König (dafür hat der Strauß den Münchner Flughafen bekommen).

(Eine Weile war ich sogar der Meinung, F.J. Strauß sei damals als Fallschirmjäger ebenfalls über Kreta abgesprungen. Aber das war ein Erinnerungsirrtum – ich habe ihn mit Max Schmeling verwechselt. Die Verwechslung kam wohl daher, dass ich nach dem Studium bei der Zeitschrift Jasmin arbeitete und damals im selben Zeitraum je eine kurze Meldung über die jungen Jahre von Strauß und die von Schmeling schreiben musste.)

Naja, das sind halt so die seltsamen Zufälle. Nach Kreta kann ich dieses Messer natürlich nicht mitnehmen, Fetisch hin, Fetisch her. Das kriege ich nicht durch die Kontrollen am Flughafen "Franz Joseph Strauß". Wenn ich endlich mal hinfliege. Nach Kreta.

Ach ja: Nach Kreta fliegen: Morgen geht es tatsächlich los, mit einem Jahr Verspätung (genauer: mit etwa 30 Jahren). Um 14.35 h startet die Maschine vom Flughafen MUC. Ich bin schon richtig aufgeregt. Nicht wegen dem Fliegen. Aber wegen Kreta. Wie wird das sein? Werde ich dort was über das Labyrinth erfahren, vielleicht sogar etwas Neues?

Wir werden sehen – Hasta la vista! (wie das auf Griechisch heißt, weiß ich nicht.)

Und jetzt muss ich packen.

Quellen
Anonym (Regie): Der Fall Kretas. Deutschland – Spezialeinheit Fallschirmspringer. Deutschland 2003 (Eagle Rock Entertainment)
Anonym (Regie): Reise-Doku "Griechische Inseln / Kreta". Deutschland 2003 (e-m-s)
Kurowski, Franz: Der Kampf um Kreta. Anixi/Griechenland 1995 (Efstathiadis)

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blog rein! Hilfreich könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel sein.

  • Veröffentlicht in: Kreta

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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