Buchmesse: ein Nachtrag

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Ich weiß nicht, ob sich in diesen Tagen, Wochen, Monaten (Jahren?) der wirtschaftlichen Turbulenzen überhaupt noch jemand für so etwas Ephemeres wie das Labyrinth-Thema interessiert. Trotzdem: Hier gibt es was Hübsches zu betrachten.

Die Buchmesse ist vorbei. Dieses Jahr habe ich mir den Besuch gespart. Zu stressig. Aber das Logo von Bülent Erkmen für das diesjährige Gastland Türkei möchte ich doch gerne vorstellen: einen sehr hübsch gestalteten dynamischen Irrgarten aus Buchstaben, den Sie sich unbedingt anschauen sollten.
Da es sich um einen kleinen Film handelt, den ich hier aus technischen Gründen nicht darstellen kann, biete ich Ihnen einfach den Link an, der Sie direkt auf die entsprechende Website des Börsenvereins (Vereinigung der deutschen Buchhändler) führt:

Ich habe darüber schon in meinem Beitrag vor gut einem Jahr berichtet, konnte aber damals das Logo nicht  vorstellen. Hier bringe ich noch einmal das betreffende Zitat mit der sehr anschaulichen Beschreibung aus dem Literat (Heft 12/2007, S. 3) 

Das Logo besteht aus dem Wort Türkei, das in ein visuelles Gewebe eingebettet ist. Dieses Gewebe sieht aus wie ein Labyrinth, ist aber keines, sieht geschlossen aus, ist es aber nicht; es ist einfach nicht so, wie es von draußen aussieht. Es ist eine Struktur, in die man eintreten kann, wobei das auch für die Literatur und alle ihre Themen gilt. Es hat die Eigenschaft und Besonderheit, dass man sich leicht in diesem Gewebe bewegen kann. Es verweist dadurch auf das kulturelle Erbe der Türkei.

In der Süddeutschen Zeitung schrieb Christiane Schlötzer zur Buchmesse unter dem Titel "Türkische Öffnung" einen ausführlichen Kommentar über die Chancen und Probleme der Literatur in der Türkei, die sie geschickt mit allgemeinen Betrachtungen über die politische Lage in diesem so wichtigen Land zwischen Okzident und Orient verband. Darin heißt es:

[…] erst jetzt bringt Ankara den Mut auf zu einem Messe-Motto, das weit mehr ist als ein literarisches Statement: "Faszinierend farbig" steht auf den Plakaten in einem dichten Buchstaben-Labyrinth [erreichbar über den Link oben – JvS] Das ist ein Symbol für den Abschied von einem starren Türkentum – und ein politischer Befreiuungsschlag […]
Aber es geht um mehr als um Optik: Denn in diesem Labyrinth ist plötzlich Platz für alle Leerstellen der türkischen Vergangenheit, für die ewigen Tabus, die schwarzen Löcher der Geschichte dieses Landes.

Ergänzen möchte ich den Auftritt der Türkei als Gastland der Buchmesse (der einhellig gelobt wurde, weil er eine sehr moderne, aufgeschlossene Seite der Türkei zugänglich macht) mit einer interessanten Labyrinth-Nennung von Christiane Schlötzer im Mai 2007, der die – leider ebenfalls noch vorhandene – düstere Seite (nicht nur) der Türkei vorstellt:

Wird ein Kind in der Türkei geboren, dann steht in der Geburtsurkunde in der Rubrik Religion: Islam. Keiner fragt, ob für die Eltern Mohammed ein Prophet und der Koran eine Offenbarung ist. Oder ob sie an einen anderen Gott glauben oder vielleicht an gar keinen. So kommt es, dass 99 Prozent der Türken offiziell Muslime sind. Ihr Staat will es so. Es ist derselbe Staat, der Studentinnen verbietet, an Universitäten Kopftücher zu tragen, und der schon in seinen Schulen lehrt, der Islam sei eine rückwärtsgewandte Religion. Die türkische Republik ist ein einziger Widerspruch.
Dies macht es der Türkei schwer, und auch den Europäern, die sich ein Urteil über das Land bilden wollen. Dabei finden sie sich nicht selten in einem Irrgarten  wieder, in dem die Aufschriften der verstreuten Wegweiser auch nicht weiterhelfen [. . .]
In einer anderen Ecke des türkischen Labyrinths steht eine Regierung, die es den Orientierung Suchenden schon deshalb schwermacht, weil sie kein einfaches Etikett trägt: Ist Premier Tayyip Erdogan nun ein Islamist oder ein geläuterter Islamist, ein Islamisch-Konservativer oder vielleicht doch ein Demokrat, der nicht gefährlicher ist als ein CDU-Politiker, der sonntags in der Kirche kniet?

Beide Male ist natürlich, wie auch in den anderen Beispielen, nicht das klassische (kretische) Labyrinth gemeint, in dem man sich nicht verlaufen kann – sondern der Irrgarten, in dem man sich so leicht verrennt – was ja der so aktuellen Metapher erst ihren tieferen Sinn verleiht.

Ich war zweimal in der Türkei: 1964 und 1968. Es waren sehr eindrückliche Reisen durch ein tolles Land mit einer unglaublich reichen Geschichte und vielversprechenden Gegenwart. Gerne möchte ich mal wieder hin.

Quelle
Schlötzer, Christiane: "Türkisches Labyrinth". In: Südd. Zeitung vom 3. Mai 2007 (S. 4: Meinungsseite: Leitartikel)

dies.: Türkische Öffnung". In: Südd. Zeitung vom 18. Okt 2008 (S. 4: Meinungsseite: Leitartikel)

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

Avatar-Foto

"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

3 Kommentare

  1. “Ephemeres wie das Labyrinth-Thema”

    Lieber Herr Jürgen vom Scheidt,

    Erst seit Kurzem schaue ich hin und wieder mal in Blog-Seiten hinein. Über die Seite von Erwin Reißmann, der die Gestaltung meiner Internetseite gepflegt hat, kam ich zu Ihrer Seite. Und war erfreut, so manchen interessanten Beitrag darin zu finden.

    Der Anfang Ihres Beitrages vom 23. Oktober überraschte mich, ehrlich gesagt. Überraschend war für mich, das „Labyrinth-Thema“ von Ihnen als etwas „Ephemeres“ genannt zu hören. Es könnte ja eine beabsichtigte Provokation darstellen, dachte ich kurz, wahrscheinlicher scheint mir jedoch, dass Sie unter dem bedrückenden Einfluss der aktuellen wirtschaftlichen „Turbulenzen“ stehen und aus einer entsprechenden Stimmung heraus Solches schreiben. Jedenfalls haben Sie mich damit angesprochen und zum reflektieren veranlasst.

    Klärend erkannte ich, dass die Adjektivgestalt „ephemer“ mit den Bedeutungen eintägig, vorübergehend, kurzfristig, bzw. die substantivierte Gestalt „Ephemeres“ Eintägiges, Vorübergehendes, aus dem Wortklang „Ephemeride“ abgeleitet sind, mit der Bedeutung: „Jahrbuch/periodische Schrift, in dem die täglichen (treffender wäre „nächtlichen“, denn die sichtbare Bewegung der Gestirne wurde in Urzeiten bei Nacht gemessen) Stellungen der Gestirne vorausberechnet sind“.

    Weiterhin, mich der Erhörung der lautmalerischen Klanglichkeit des „sprechenden Namens“ „Ephemeride“ widmend, stellte ich fest, dass die aus den Inhalten seiner bildenden Urwortkerne hervorgehende, ursprüngliche Bedeutung „Heiles/Ganzes Messen der Zeit“ ist. Eine ausführlichere Formulierung hiervon wäre: „Komplette Messung der vergehenden Zeit am unvergänglichen, beständigen Bewegungsstrom der Gestirne in der tiefen Dunkelheit der Nacht“. Mit anderen Worten und kürzer gefasst: „Das Vergängliche ganz gemessen am Unvergänglichen“. Die Urwortkern-Zusammenstellung „Eph-e-mer-ide“ steht und fällt mit dem zentralen Zeitwort „mer“ misst, messen.

    Alles Materiell-Individuelle ist „ephemer“, vergänglich, wir Menschen und unsere Labyrinthos-Zeichnungen inbegriffen. Es entsteht und es vergeht. Unvergänglichkeit liegt hingegen im Strömen des Stromes. Kontinuität erfährt der Mensch im „roten Faden“ des Ader-Blut-Stromes (ér-vér-ár in Magyarisch), der die Generationen verbindet. Allgemeingültiges, Universales liegt im Geistigen. Unvergänglich ist die Geist-Essenz der Inhalte, die wir körperliche Menschen mit immateriellen Lautklang-Qualitäten in Wortklängen zum Ausdruck bringen. Unvergängliches liegt in der hörbaren Klanglichkeit von LABYRINTHOS gespeichert. In seinen Lautklängen und in ihrer Sukzessions-Ordnung sowie in seinen Urwortkernen. Ja, LABYRINTHOS scheint mir in gewisser Weise einem aus Aminosäuren zusammengesetztem Eiweißmolekül sehr ähnlich zu sein. Nur eben immateriell, ätherisch-subtil. Die Sequenz der auf die Realität eingestimmten Urwortkerne des „Wortklangmoleküls“ LABYRINTHOS habe ich in meinem Buch „Labyrinthos Wortkernschichtung“ bereits präsentiert. Das Zeichen des Ur-Labyrinthos ist bildhafte Entsprechung der in den Urwortkernen gespeicherten geistigen Inhalt-Essenzen. Unvergängliches geäußert im Vergänglichen.

    Das „Labyrinth-Thema“ als etwas „Ephemeres“ zu bezeichnen, scheint mir unzutreffend zu sein. Schließlich spielt die Menschheit mit dem „Labyrinthos-Thema“ seit mehr als Fünftausend Jahren. Ja, wir spielen heute noch damit, und Lust und Spaß an diesem Spiel sind nach wie vor unvermindert. Unzählige Generationen mit ihren Labyrinthos-Zeichen sind vergangen. Das „Thema“ aber, ist geblieben.

    Doch selbst wenn die Menschheit die Spielfreude am „Labyrinthos-Thema“ verlieren würde, was ich für sehr unwahrscheinlich halte, würde sie in ihrem Sprechen weiterhin mit den Urwortkern-Schlüsseln des LABYRINTHOS – Schlüsselbundes spielen. Zwar unbewusst, wie es seit sehr langer Zeit schon geschieht, doch zwangsläufig. Denn die im Gehirn des Menschen gespeicherten Engramme bewirken in ihm, schon seit den Anfängen, den Äußerungsdrang der sensoriell erfahrenen Realität. Und der Mensch reflektierte und reflektiert sie, stets eingestimmt, mit entsprechenden Lautqualitäten. Mit einer Wenigkeit an subtilen Lautqualitäten übrigens. In ihrer Wenigkeit und Zartheit innewohnt ihnen aber konkrete Evokationskraft. Diese nur ermöglicht die sinnprägende und –reflektierende Wirkung der Wortklänge. An sich bringt der Mensch ein Zauberwerk zustande, indem er mit seinem begrenzten doch prägungsstarken Lautklangsystem einem System unbegrenzter Inhalte Ausdruck verleiht. Die Kombinatorik des Spiels, im Universum auf allen Ebenen präsent, ermöglicht es ihm.

    Können Sie sich denn vorstellen, Lieber Herr vom Scheidt, ohne die Gesamtheit der im LABYRINTHOS gespeicherten heilen Lautklang-Qualitäten (ihre Wandlungsformen selbstverständlich inbegriffen) in Ihrer Sprache und Schriften auszukommen? Oder etwa ohne die Zehn Ordnungszahlen ihrer topographischen Dimension? Oder etwa ohne die Ur-Wort-Kerne, die durch geeignete Fokussierung in ihm gelesen werden können und das Rückgrat des Wortschatzes unserer Sprachen ausmachen?
    Bitte prüfen sie es, ob Lautsprachen-Kommunikation ohne dieser im LABYRINTHOS gespeicherten, essentiellen Grundlage, gelingen kann.
    Über Resonanz würde ich mich freuen!

    Mit freundlichen Grüßen,

    Zoltán Ludwig Kruse

  2. Dank @ Zoltan Ludwig Kruse

    Lieber Herr Kruse:
    Danke für Ihren ausführlichen Kommentar.
    Das mit dem „ephemer“ habe ich in der Tat, wie Sie andeuten, mehr ironisch gemeint.
    Natürlich gibt es für uns Labyrinthologen nichts Wichtigeres als das Jahrtausende überdauernde Labyrinth-Thema – und das meine ich nun nicht nur ironisch.
    Aber der weltweite Wirtschafts-Krach ist schon ein „Irrgarten“ ganz eigener Bauweise und Wirksamkeit.
    Mit freundlichen Grüßen
    Jürgen vom Scheidt

  3. Danke

    Lieber Herr Jürgen vom Scheidt,

    Danke für Ihre klärende Antwort. Ihre ironische Aussage hat auch eine positive, anregende Nebenwirkung auf mich gehabt. Denn sie bot mir den Anlass zur Klärung des „sprechenden Namens“ Ephemeride. Dank Ihrer Aussage habe ich mich diesem Namen zugewandt und seine inhärenten Bedeutungen geklärt. Der entstandene Text bereichert eine Sammlung von „sprechenden Namen“, an der ich z. Z. arbeite. Die jahreszeitlich bewirkte Muße, die stille Heiterkeit der Natur und der ruhige Rhythmus meiner Tagesaktivitäten ermöglichen mir hierüber noch einige Sätze zu schreiben.

    Wie Ephemeride, werden in den Lexika auch viele andere archaische „sprechende Namen“ als „griechisch-lateinischen“ oder oft auch „hebräisch-biblischen“, manchmal auch „akkadischen“ Ursprungs klassifiziert. Darin äußert sich, meines Erachtens, die eindeutig tendenziöse Fixiertheit der kulturpflegenden, -übermittelnden Gremien und Medien. Diese, für die Kultur des Abendlandes so bedeutenden Kulturen, kann man kaum als Ursprung nennen. Sie alle konnten nur entstehen, wachsen, gedeihen und die wichtige Funktion der Kulturübertragung erfüllen, weil es eine mehrtausendjährige Kulturgrundlage davor schon gab, deren Schöpfer die Kingir/Šumerer waren (die selbstverständlich ihrerseits auch organisch „gewachsen“ ist), und die sie integrieren, ja, einverleiben konnten. Den Kingir/Šumerern, Erfinder des ersten ausgereiften Schriftsystems und Kulturkolonisatoren der alten Welt, gebührt bekannter Weise die Ehre für eine sehr lange Liste von Erfindungen und Kultur-Erstlingen. Von diesem Ursprung, von dieser Kultur-Essenz zehrt die Welt heute noch. Übrigens, diese in unserer Zeit vorhandene, verkrustete, meines Erachtens machtpolitisch bedingte, Beschränktheit des Kulturhorizontes (eine äußerst heikle Angelegenheit!) bildet den Hauptgrund für das unkenntnisbewirkte Unverständnis der im Labyrinthos – Schlüsselbund enthaltenen Urwortkern-Schlüssel. Für die Menschen des ausgedehnten mesopotamisch-nahöstlich-kaukasisch-kleinasiatisch-
    ägäisch-balkanisch-mediterran-europäischen
    Gesamtgebietes der alten Welt der Jahrtausende vor u. Z. waren diese Urwortkern-Diamanten allgemein verstandene Selbstverständlichkeiten.

    Nach weiterer Erkundung Ihres Internet-Tagebuches möchte ich Ihnen meinen Dank aussprechen für Ihre Arbeit am „Labyrinthos-Thema“, ja, für die Hingabe und die Beständigkeit, mit der Sie Ihre Blog-Seite pflegen!

    Mit freundlichen Grüßen,

    Zoltán Ludwig Kruse

Schreibe einen Kommentar