Auch die Piratenpartei

Labyrinth des Schreibens

… hat ihren Minotauros. Der sensationale Start dieser neuen politischen Bewegung erinnert sehr an den Beginn der Grünen vor (gefühlt) einer Generation. Wunderbar, wie sich auf dem Parteitag in Neumünster der Widerspruchsgeist demonstrativ zeigte. Mich faszinieren diese politischen Newcomer sehr – erinnern sie mich doch an die turbulente Zeit, als aus der Bürgerinitiativbewegung vor etwa 30 Jahren die Grünen entstanden.

Ich habe damals (etwa 1978) an einem Wochenende mit der Münchner Gründungsgruppe der Grünen Slogans für die Europawahl erarbeitet. Mit einer der anderen Parteien wäre so ein Seminar mit der Methode TZI und Anteilen von Selbsterfahrung absolut undenkbar gewesen (damals jedenfalls) – mit dieser neuen Partei im Aufbruch ging das problemlos.

Meine Meinung zu der Piratenpartei? Sehr spannend, wie da – wieder – versucht wird, mehr Basisdemokratie einzuführen. In der Schweiz funktioniert das ja bestens – warum nicht bei uns? Vielleicht gelingt den Piraten ja das, was den Grünen nur bedingt gelungen ist: dass (alle) mitdiskutieren können und am Ende doch brauchbare Beschlüsse entstehen.

Sehr sympathisch finde ich den Einsatz für das Bedingungslose Grundeinkommen. Darüber wird viel Unsinn verbreitet – dabei ist es realiter längst vorhanden: Im Durchschnitt bekommt jeder Bundesbürger derzeit bereits etwas mehr als 1.000 €uro an staatlichen Transferleistungen (Subventionen, Hartz IV etc.) – die würden dann natürlich wegfallen, sobald ein BG eingeführt wurde. (Werner 2010, S. 50).

Für absoluten Schwachsinn halte ich die Forderung einiger Piraten nach dem, was hinausliefe auf eine Aufhebung des existierenden Urheberrechts und damit des Schutzes der Kreativität (und des daraus resultierenden Einkommens) der Künstler, Schriftsteller und sonstigen Freiberufler. Schon um diesen Unsinn zu verhindern respektive in sinnvolle Form zu kanalisieren, sollte man Mitglied dieser Partei werden. Dadurch, dass alle jungen Leute sich daran gewöhnt haben, dass die Inhalte im Internet weitgehend kostenlos sind (Pornografie interessanterweise mal ausgenommen), heißt das ja noch lange nicht, dass auch in dieser Form “die Gedanken frei” sind.

Toll fände ich es, wenn diese neue Partei, zu der ja offensichtlich viele Leute aus der IT-Branche gehören, es fertigbrächte, endlich mal eine brauchbare und öffentlich zugängliche Wirtschafts-Simulation zu programmieren, eine Art “Modell Deutschland”. Dort müsste man Parameter verändern und vor allem eingeben können , wie sich die Forderungen der einzelnen Parteien zu bestimmten Themen und Gesetzesanträgen wirtschaftlich und umweltmäßig etc. auswirken. Es gibt dafür bereits seit vielen Jahren einen interessanten Vorläufer, der allerdings zu wenig Parameter aufweist: Frederic Vesters kybernetisches Weltmodell Ecopolicy.

Was das mit dem Labyrinth-Thema dieses Blogs zu tun hat? Die Reporterin der Süddeutschen Zeitung notierte vom Parteitag, der mich aus der Ferne ein wenig an die Conventions der Science-Fiction-Fans mit ihren Verkleidungsabsurditäten erinnert:

Die Idee mit dem Piratenhut hatten mehrere, die mit der Augenklappe nur einer (wenn es denn hoffentlich tatsächlich eine Idee war). Zudem gibt es natürlich: den minotaurushaften Piraten, ein kuhfleckiges Stück Stoff zum Rock gewickelt; den Kellerbleichen mit dem T-Shirt. das den Tod des Berliner Promi-Eisbären Knut feiert; den Langhaarigen, der liebevoll über seinen Laptop streicht; den ergrauten Kopfschüttler in der ersten Reihe.

Mit Letzterem habe ich mich am leichtesten identifizieren können. Aber der Minotauros hat mir natürlich am besten gefallen: verkörpert er doch besser als sonst irgendein Motiv den Widerspruchsgeist und die – noch – ungezähmte Wildheit dieser Partei. Möge den Piraten speziell dieses Motiv lange erhalten bleiben!

Quellen:
Perkuhn, Anja: “Noch Fragen? Egal”. In: Südd. Zeitung vom 30. April 2012, S. 2
Scheidt, Jürgen vom: “Bürger erfahren sich selbst – Zur psychosozialen Seite der Bürgerinitiativen”. Westermanns Monats-Hefte 1978
Vester, Frederic: Ecopolicy [früher: Ökolopoly]. Das kybernetische Umweltspiel. München 1997 (Studiengruppe für Biologie und Umwelt) – Update: ca. 2005 (Westermann)
Werner, Götz und Adrienne Göhler: 1000 € für jeden. Freiheit Gleichheit Grundeinkommen. München 2010 (Econ Paperback)

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem die Vorbemerkung zu diesem Labyrinth-Blog und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

10 Kommentare

  1. PIRATEN

    Sehr spannend, wie da – wieder – versucht wird, mehr Basisdemokratie einzuführen.

    Eine grundsympathische Partei, die auch – gerade wg. den Möglichkeiten, die das Web bietet – Transparenz und direkte Mitbestimmung verspricht, dabei auch als einzige Partei zurzeit glaubhaft Webkompetenz vermittelt.

    Über die Personen darf gestritten werden, Dr. W könnte hier gallig werden, aber das Vorhaben ist sehr begrüssenswert.

    Wobei dann auch endlich angemessen neu entstandene Fragen, die Rechtsphilosophie betreffend, bearbeitet werden könnten. Niemand will Urhebern etwas wegnehmen, aber es muss schon ins (Web-)System passen, wenn gefordert wird. Die Kriminalisierung beträchtlicher Teile der Bevölkerung oder ein sich verstärkendes Abmahnwesen kann nicht in Ordnung sein.

    Mehr PS wären nicht schlecht, auch um mit dem Freibiergedanken aufzuräumen, auch um die Seriösität des Vorhabens zu betonen; die Namenswahl ist natürlich ein wenig zweischneidig.

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. Die Piraten gut zu finden, obwohl man ihre Ansichten zum Urheberrecht nicht teilt, ist genauso sinnvoll, wie die Grünen gut zu finden, obwohl man für Atomkraft ist. Und es ist ähnlich aussichtsreich, sie zum Umdenken zu bewegen.

  3. Wirtschaftssimulationen, nachtragend

    Toll fände ich es, wenn diese neue Partei, zu der ja offensichtlich viele Leute aus der IT-Branche gehören, es fertigbrächte, endlich mal eine brauchbare und öffentlich zugängliche Wirtschafts-Simulation zu programmieren, eine Art “Modell Deutschland”.

    Sowas geht wohl nicht. Also es geht schon, aber es funktioniert nicht i.p. Prognostik. Wegen Komplexität. – Oder vielleicht mal bei den Klimatologisten nachfragen, die sind hier vielleicht weiter…

    MFG
    Dr. Webbaer

  4. @Dr. Webbaer:Wirtschafts-Sim geht nicht?

    Wenn eine Wirtschafts-Simulation Deutschlands nicht machbar ist – weder durch die Piraten, noch durch sonst jemand (Zitat: Sowas geht wohl nicht. Also es geht schon, aber es funktioniert nicht i.p. Prognostik.) – dann bedeutet dies doch auch: Es gibt keine Ökonomen, die halbwegs zuverlässige Prognosen machen können wie sich die deutsche Wirtschaft entwickelt und welche Faktoren dabei eine entscheidende Rolle spielen. Und es bedeutet sogar: Die Volkswirtschafter – immerhin Absolventen eines akademischen Faches – verstehen Volkswirtschaften nicht wirklich tief genug, um gültige Prognosen zu machen. Und dafür gäbe es dann zwei mögliche Gründe:
    1) Sie können die richtigen, entscheidenden Rahmenbedingungen für eine prosperiernde Volkswirtschaft nicht benennen
    2) Sie verstehen zwar das Getriebe der Volkswirtschaft können aber die externen Faktoren – wie Weltkonjunktur, Entwicklung der Rohstoffpreise, etc.- nicht richtig voraussagen

    Natürlich könnte es auch eine Kombination von beidem sein.

  5. Schätzungen, @Holzi

    Es gibt keine Ökonomen, die halbwegs zuverlässige Prognosen machen können wie sich die deutsche Wirtschaft entwickelt und welche Faktoren dabei eine entscheidende Rolle spielen.

    Das ist korrekt verstanden. Schaun’S mal auf die Steuerschätzungen, die manche schon abschaffen wollten, oder auf mögliche Wetten, die profitabel werden könnten, auch in bestimmten Finanzprodukten bereitstehen, wenn es denn irgendwie ginge, was die Prognostik betrifft.

    Dennoch muss man hier aus Sicht dieses Schreibers die bemühte Zunft nicht abwerten, die Theoretisierung funktioniert näherungsweise und mit ein wenig Glück. Es gibt +EV, Investoren handeln nicht ohne Grund, ROI und so, aber es gibt keine zuverlässige Groß- oder volkswirtschaftliche Prognostik.

    Erwarteten Sie etwas anderes?

    Zurückkommend auf das Piratische, dort ahnt oder weiß man entsprechend, idealerweise, manche Piraten sollen sogar in der Wirtschaft unterwegs sein, äh, also ja.

    MFG
    Dr. Webbaer

  6. U(h)rheberrecht

    Das Heben von Uhren ist heute leider aus der Mode….

    Ernsthaft : Das Urheberrecht in der bisherigen Form kann Bestand haben in einer Gesellschaft, die die heutigen(und folgenden) digitalen Möglichkeiten hat. Ein Durchgriff des Urhebers auf die digitale Kopie ist nur mit einer kompletten Überwachung möglich.

    Es ist schon öfter mal vorgekommen, daß durch neue Entwicklungen bestimmte Geschäftsmodelle obsolet wurden.

    Es müssen neue Geschäftsmodelle gefunden werden, die unter den neu vorhandenen Bedingungen funktionieren.

    Ich denke, ein entscheidender Grund für die Aufgeregtheit der Diskussion besteht darin, das diesmal die Lautsprecher der Mediengesellschaft auch betroffen sind.

  7. “Kultur-GEZ”

    wie soll denn das urheberrecht anders aussehen?

    Man könnte auf die Idee kommen eine allgemeine monatliche Pflichtzahlung einzuführen für den kulturellen Genuss, wichtig: Software bleibt gerade auch im Internet schutzfähig, bestimmte Online-Prozeduren vorausgesetzt.

    Diese Pflichtzahlung könnte dadurch ergänzt werden, dass der Zahlende seinen Zahlungsempfänger selbst auswählt.

    Ob das praktikabel ist, weiß man noch nicht, aber zum Vergleich: man hat ja in D sogar eine teure GEZ durchgesetzt.
    Sexy sind solche Lösungen natürlich nicht.

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