Äther oder Gottesteilchen?

BLOG: Labyrinth des Schreibens

Die Suche nach dem roten Faden
Labyrinth des Schreibens

Gemeint ist das, was im Jargon der Kernpysiker auch als Higgs-Boson bezeichnet wird. Aber gibt es dieses Teilchen überhaupt? Hat das Experiment wirklich stattgefunden – oder wurde das Geld ähnlich sinnlos verpulvert wie das für den Flug zum Mond, auf dem bekanntlich noch nie ein Mensch gewesen ist!

Jedenfalls glauben das 25 % der Amerikaner. Alles eine große Verschwörung. Genau wie das mit den zig Milliarden €uro, die in diesem Teilchenbeschleuniger auf den Kopf gehauen wurden. Angeblich! Gibt es CERN eigentlich? Gibt es Genf? Gibt es die Schweiz? Oder ist alles auch nur so eine gigantische Verschwörung wie die von der NASA und den Mondfliegern?

Gibt es die €uro-Krise? Gibt es den €uro? Gibt es einen Libor-Betrug mit 360 Billionen €uro?

Dass es all dies wirklich gibt, lernen wir aus den Medien. Es ist dort von jemandem aufgeschrieben worden oder fotografiert, gefilmt. Nur deshalb existiert es. Nur deshalb glauben wir es. Nachprüfen können wir das nämlich nicht. Wir müssen diesen Journalisten in der Süddeutschen Zeitung und im Spiegel mit ihren Titelgeschichten und den schicken Fotos glauben, und diese wiederum müssen den 5.000* Professoren und Doktoranden im CERN und drumherum glauben.
* Im Zitat unten ist die Rede von “4000” Physikern. In einem anderen Bericht vom Vortag, ebenfalls von Illinger, sind es “5000”. Was stimmt nun? Doch alles Lüge? Doch eine Verschwörung? Ist das der alles entschlüsselnde Hinweis?

Dass es Genf gibt, weiß ich. Ich war schon dort, Dass es die Schweiz gibt, weiß ich ebenfalls. Ich war nicht nur dort, sondern bin seit mehr als 30 Jahren mit einer Schweizerin verheiratet. Oh ja, es gibt die Schweiz, den Thuner See, das Wallis mit seinen Viertausendern und dem Brigerbad.

Und Sie wissen es jetzt auch und glauben es mir, weil ich es für Sie aufgeschrieben habe.

 

Zwischenwelt des Geschriebenen

Schreiben ist überhaupt etwas äußerst Wichtiges in unsererer modernen Welt. Ohne Schreiben und die von den Schreibenden aller Couleur beschriebene Zwischenwelt* gäbe es unsere moderne Welt, ja überhaupt die Welt praktisch nicht, jedenfalls nicht als uns prägende und bestimmende Repräsentanz in unseren Köpfen, nach der wir denken, wahrnehmen und handeln.
*Mit dieser Zwischenwelt meine ich eine ganz eigene Welt zwischen der realen Außenwelt und der Welt im eigenen, persönlichen Inneren, an die wir uns von Fall zu Fall erinnern.

Im Falle des Higgs-Teilchens haben den Sachverhalt und die Umstände des Experiments freilich keine Menschen aufgeschrieben, sondern Maschinen. Der gigantische unterirdische Teilchenbeschleuniger von CERN hat Milliarden (Billiarden?) von Teilchen beschleunigt, die sind ineinandergeknallt und haben andere Teilchen erzeugt. Die dabei stattgefundenen Ereignisse wurden gemessen und aufgeschrieben von Detektoren, ausgewertet von Computern-Programmen (die von Software-Ingenieuren geschrieben wurden) – und dann hat ein Plotter das statistische Ergebnis ausgedruckt und nochmals sauber als Diagramm präsentiert:

Das deutliche Signal eines neuartigen Partikels soll der Öffentlichkeit präsentiert werden. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um das seit mehr als 30 Jahren gesuchte „Higgs”-Teilchen, welches den bereits bekannten Grundbausteinen des Universums. ihre Masse verleihen soll. Ob sie ausdrücklich von einer „Entdeckung” sprechen wollen, darüber waren die Cern-Physiker noch am Vortag ihres Seminars uneins. Zu groß ist bei manchen Forschern die Sorge, das gemessene Signal könnte sich am Ende doch noch als Artefakt erweisen. Womöglich wurde bei den Messungen mit den kirchenschiffgroßen, unterirdischen Detektoren ein teuflischer Fehler übersehen, der die Daten verzerrt. Andererseits lässt das aus Milliarden energiereichen Protonen-Zusammenstößen mühsam herausgefilterte Signal nach Angaben teils anonym bloggender Cern-Physiker praktisch keine Zweifel mehr zu: Zwei große Experimente am unterirdischen Beschleunigerring des Cern, Atlas und CMS, haben es unabhängig voneinander gemessen. In beiden Fällen liege die Wahrscheinlichkeit für einen Zufall bei weniger als 0,0001 Prozent. Damit ist die Schwelle erreicht, von der an Experimentalphysiker üblicherweise von einer Entdeckung sprechen. Dass ein neues Teilchen aufgetaucht ist, scheint somit sicher zu sein. Weniger sicher hingegen ist, dass es sich exakt um das 1964 vom schottischen Physiker Peter Higgs vorgeschlagene Partikel handelt, das sogenannte Standardmodell-Higgs. Dieses soll der Theorie zufolge eine Art Äther im gesamten Universum erzeugen, der allen bekannten Materie-Bausteinen wie dem Elektron und den Atomkernen ihre Massen verleiht. (Illinger)

Kann man das alles glauben? Als Steuerzahler, der ein paar Cent zur Durchführung dieses Experiments beiträgt?

Ja, ich glaube das. Weil ich den Leuten, die all dies aufgeschrieben habe. vertraue. Weil ich Geschriebenem grundsätzlich erst einmal vertraue. Obwohl ich weiß, dass in Texten immer wieder auch gelogen wird, dass sich die Balken – naja: die Zeilen biegen.

Manches ist ja auch pure Science Fiction, was ich da sehe und lese. Das Titelbild des aktuellen Spiegel (Nr. 28 vom 9. Juli 2012) zeigt sicher nicht zufällig eine Ansicht des unterirdischen CERN-Beschleunigers, die verblüffend dem Sternentor der Stargate-Serie im Fernsehen gleicht. Der Titel “DAS TOR ZU EINER ANDEREN WELT” (gelettert in fetten GROSSBUCHSTABEN) schiebt sich in das Tor hinein wie die Forscher und Soldaten in der Serie, wenn sie das Tor durchqueren. Muss wohl auch aus so einer Art Äther bestehen, die Membran dieses geheimnisvollen Tores.

 

Einstein würde sich am Grab umdrehen

Apropos Äther: Einstein würde sich am Grab umdrehen – hatt er doch vor hundert Jahren den Äther durch seine neuen Ideen und Gleichungen abgeschafft! Und jetzt bringen sie den Äther (s. oben den Schluss des Zitats) durch die Hintertür wieder rein, via Higgs-Boson und das von ihm erzeugte geheimnisvolle Feld, das alles im Innersten zusammenhält – oder halten soll. Doch heißt das heutzutage nicht Quantenschaum? Oder ist das nur eine persönliche Worterfindung des Redakteurs des P.M. Magazins, in dessen Artikel ich diesen tollen Ausdruck vor Jahren zum ersten Mal gelesen habe?

Q u a n t e n s c h a u m – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen wie ein Baiser. Klingt viel besser als Higgs-Boson-Feld, oder Äther, wie gehabt – oder wie Gottesteilchen, wie manche Wissenschaftsjournalisten es flott getauft haben. Aber vielleicht hat Patrick Illinger von der Süddeutschen diesen Äther in seinen Text ja nur reingeschmuggelt, um Reaktionen wie meine und wütende Leserbriefe von Quantenphysikern zu provozieren? Auch das machen Schreiber ja manchmal, nicht nur in SF-Romanen: Provozieren mit Dingen oder Sachverhalten, die es nicht gibt. Da kann das Internet so manches Lied von singen.

Aber ich mach jetzt mal Schluss für heute. Denn diese aktuelle Information zu Technik und Kosmologie und Teilchenphysik soll nur locker eine kleine Serie einleiten, die ich Die Macht des Schreibens und der Schreibenden betiteln möchte. Jetzt noch ein hübsches zweites Zitat (ebenfalls aus dem oben zitierten Bericht), das zugleich steht für die ständige Medienpräsenz und

 

Allgegenwart des Labyrinth-Mythos

Joe Incandela, ein eloquenter und – für Physiker ungewöhnlich – in Anzug und Krawatte gekleideter Amerikaner, konnte seine Anspannung kaum verbergen, während er die Ergebnisse des Cern-Experiments namens CMS vortrug, an dem mit ihm rund 4000 Wissenschaftler arbeiten. Nachdem er die technischen Details seines Teilchendetektors sowie die Datenanalyse erläutert hatte, zeigte er die entscheidende Grafik mit einem deutlich sichtbaren Buckel in den Messwerten. „Das ist ziemlich bedeutend”, murmelte Incandela und verlor einige Sekunden lang den Faden. Frenetischen Applaus bekam er dann für eine weitere Folie, auf der die für Physiker alles entscheidende Zahl stand: 5,0 Sigma. Das ist eine statistische Größe, die über die Gewissheit einer Messung entscheidet. Und 5,0 Sigma , das ist exakt die Schwelle, von der an Physiker von einer Entdeckung sprechen. Sie besagt, dass ein statistischer Zufall so unwahrscheinlich ist wie ein Würfel, der neun Mal hintereinander die selbe Zahl zeigt. 5,0 Sigma – dieser Wert riss die Zuhörer zu einem Applaus hin, wie man ihn in der Welt der Wissenschaft nicht oft erlebt. (Illinger) 

Ja, dieser rätselhafte Faden, der stets gefunden werden muss, wenn man etwas schreibt (damit man es später vortragen kann) – und der immer wieder mal verlorengeht! Ohne diesen Faden wäre Schreiben unmöglich. Und woher kommt er, dieser “Rote Faden” (wie er nämlich korrekt und vollständig heißen muss): Genau, die Leser dieses Blogs wissen es längst. Es ist der Rote Faden der Prinzessin Ariadne, mit dessen Hilfe Held Theseus aus dem schrecklichen Labyrinth wieder herausfindet, nachdem er den Minotauros erschlagen hat.

Und so bringen wir auf elegante Weise den (vier?) Jahrtausende alten Mythos zusammen mit den ultramodernen Ereignissen im CERN dieser Tage.

Quelle:
Freiberger, Harald: “Ein Mord und keine Leiche”: In: Südd. Zeitung Nr. 157 vom 12. Juli 2012, S. 17 (Wirtschaftsteil) – über den Betrug mit den Libor-Kursen für 360 Billionen €uro
Grolle, Johann: “Die Gegenwelt” (Titelgeschichte über das aktuelle CERN-Experiment). In: Der Spiegel Nr. 28 vom 9. Juli 2012. S. 112-123
Illinger, Patrick: “Partikelfieber“. In: Südd. Zeitung Nr. 152 vom 4. Juli 2012, S. 16
Illinger, Patrick: “Was die Welt im Innersten zusammenhält”. In: Südd. Zeitung Nr. 153 vom 5. Juli 2012, S. 2

 

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem Willkommen im Labyrinth des Schreibens und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs.

210 / #783 / 1326 / BloXikon: Schreiben, Macht des

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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

8 Kommentare

  1. ?

    Ist es nicht in der “Quantenwelt” genauso vermessen von Teilchen zu reden wie von Äther? 😉
    Quantenschaum hat was.

  2. Weltenhonig

    Das auf der Erde durchgeführte Michelson-Morley-Experiment hat gezeigt, dass die Lichtgeschwindigkeit vom Bewegungszustand der Erde unabhängig ist, und in allen Bewegungsrichtungen der Erde immer konstant ist.

    Vielleicht liegt das ja nur daran, dass der Weltenäther zähflüssig wie Honig ist, und so wie der Honig am Kaffee-Löffel von der Erde mitgenommen wird, dass also kein wehender Ätherwind existiert, der an der Erde vorbei bläst, und dass wir nur in der laminaren Grenzschicht eines viskosen Mediums leben.

  3. Zig Milliarden?

    Raumfahrt kostet zig Milliarden, nicht der LHC. Wir leisten uns die ISS (ca. 100 Milliarden $), um dort ein paar Astronauten eine gute Zeit zu verschaffen. Der LHC wird am Ende inklusive Bau ca. 8 Milliarden Euro gekostet haben. Das ist nämlich viel Geld – was man leicht vergisst bei 7 Milliarden für einen Bahnhof – oder einer halben Billion für die Bankenrettung. Und der LHC hat wenigstens einen Nutzen.

  4. Nick der Bösewicht Zig Milliarden?

    Ich bin der selben Meinung. Im Beitrag habe ich das bewusst ironisch gemeint.
    Jedenfalls danke für den erhellenden Kommentar, Nick (der Weltraumfahrer).
    Apropos “Nick der Bösewicht”:
    In dem Roman, an dem ich arbeite, gibt es einen Auftragskiller, der sich Nick nennt – nach dem Comic-Helden “Nick der Weltraumfahrer”.

  5. Ich sollte aufhören…

    ….Texte zu kommentieren, die ich nicht zu Ende lese. Btw, ist Psychologie eigentlich immer noch ein anerkanntes Studienfach?

  6. Dass Sie in der Schweiz waren und diese existiert wissen Sie aber auch nur, weil irgendjemand an einem willkürlich gezogenen Strich in einer schönen Landschaft ein Schild mit dem Hinweis “Schweiz” aufgestellt hat.

  7. @ego

    Naja, wer Nietzsche gelesen hat weiß, dass selbst Decartes mit seinem “…ergo sum” zu viel gesagt hat. Wer sagt denn, dass ich es bin, der da denkt und zweifelt? Nur weil man glaubt irgendwo gewesen zu sein heißt das noch nicht, dass dies auch stimmt. Ich denke, Herr von Scheidt ist in Wahrheit ein Hund, denn Hunde sind in Wahrheit die intelligente Rasse, aber er sitzt in einer Hunde-Irrenanstalt, weil er glaubt ein Mensch zu sein und diesen Wahn auch noch extrem detailliert erlebt. In Wahrheit sind wir alle Yorkshire-Terrier. Daher war Juri Gagarin wirklich das erste Lebewesen im All, aber als Versuchskaninchen. Nachdem er gesund zurückkam konnte endlich die Astronautin Leika die Erde 3 Mal umkreisen und wurde dann vom Hunde-Pendant Nikita Chrustschows zum Helden der Sowjetunion ernannt. Später stürzte sie betrunken mit einem Jadgflieger ab. Tja.

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