Schreiben und die Universität 1

Das mit dem Schreiben und der Universität ist ganz einfach. Nehmen wir das Schreiben aus dem Universitätsleben heraus – dann ist die Universität tot. “Publish or perish!”

Dieser gewissermaßen akademische Imperativ, der früher vor allem amerikanischen Akademikern im Nacken saß und heutzutage längst überall seine Peitsche schwingt, drückte es auf krasse Weise am klarsten aus: Wer nicht schreibt, existiert – fast – nicht an einer Universität. Was nicht als Schriftstück vorliegt, das gibt es überhaupt nicht. Das fängt mit der Einschreibung (sic!) im ersten Semester an. Das zeigt sich in jeder schriftlichen Prüfung (es gibt fast keine anderen). Das zeigt sich vielleicht am eklatantesten in den Bibliotheken: “No books – no brains!”

Ohne Klausuren und Seminararbeiten ist der Student nahezu unsichtbar. Ohne eine Abschlussarbeit, sei es als Bachelor, sei es als Master, war das ganze Studium für die Katz´. Eine Promotion ist schon etwas besseres (deswegen wird sie ja so gerne plagiiert); wie ich erfahren habe, bekommt man mit Doktortitel sogar einen stolzen €uro mehr bezahlt, wenn man an der Universität Seminare durchführt. (Ja, Sie haben richtig gelesen: einen €uro gibt´s zusätzlich.)

Und dann erst die Habilitation, die zum Professor adelt –

All dies gäbe es nicht, wenn da nicht unaufhörlich geschrieben würde. In vielen Fällen (Germanistik, Literaturwissenschaften, Jura, Geschichte) sind sogar die Forschungsgegenstände weitgehend Schriftstücke: Dokumente, Gerichtsurteile, Romane. Schriftlose Kulturen führen allenfalls ein Nischendasein in der Forschung. Geschriebenes ohne Ende also. Wer nicht schreiben kann, hat schon in der Schule keine Chance – in die Universität kommt er oder sie gar nicht erst hinein.

 

Warum ich dies doch so Selbstverständliche so ausführlich benenne?

Weil diese Realität der Universität in krassem Gegensatz zu dem steht, welcher Bedeutung dort der Vermittlung von Schreibfähigkeiten, Schreibtechniken, Umgang mit Schreibblockaden und – last but not least – der “Freude am schriftlichen Formulieren” beigemessen wird. Bereits in den zur Universität hinführenden Höheren Schulen wird der Umgang mit dem Schreiben geradezu sträflich einseitig betrieben: nämlich im Wesentlichen als Prüfungsvehikel. Auf den Hochschulen setzt man also etwas als vorhanden voraus – was die Studenten gar nicht kennen.

Gut, als Schüler haben sie gelernt, Ausätze und Prüfungsarbeiten zu schreiben. Aber haben sie damit auch schon gelernt, was im Schreiben alles drinsteckt und wie sich man vor allem hilft, wenn es zu einer Blockade (writer´s block) kommt – beispielsweise durch Prüfungsangst? Je näher der Abgabetermin für eine Arbeit rückt, umso schlimmer werden erfahrungsgemäß die Blockaden.

 

Mit Platon und Aristoteles fing es an

An der ursprünglichen Akademie, wo Platon und Aristoteles lehrten, wurde eher nicht geschrieben, sondern man redete (vorzugsweise im Gehen: Ambulieren genannt). Man diskutierte liegend und essend beim Symposion, womöglich mit hübschen, klugen Lustknaben (Frauen waren eh ausgeschlossen). Platon hielt das Schreiben sogar für eine dem Denken eher abträgliche Übung:

(…) diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen. Also nicht ein Mittel zur Kräftigung, sondern zur Stützung des Gedächtnisses hast du gefunden. Und von Weisheit gibst du deinen Lehrlingen einen Schein, nicht die Wahrheit: wenn sie vieles gehört haben ohne Belehrung, werden sie auch viel zu verstehen sich einbilden, da sie doch größtenteils nichts verstehen und schwer zu ertragen sind im Umgang, zu Dünkelweisen geworden und nicht zu Weisen.”

Nun, auch große Geister können sich in Details leicht täuschen*. Dazu ist nur anzumerken, dass man von Platons schlauen Anmerkungen über das Schreiben und auch sonst von seinem Denken, Reden und Philosophieren absolut nichts mehr wüsste – wenn es nicht ein fleißiger Mensch aufgeschrieben hätte. Und die modernen Akademien sind jedenfalls ohne Schreiben und Geschreibenes undenkbar (s. oben).
* – vergl. diesbezüglich auch Sigmund Freuds Äußerungen zum Labyrinth hier im Blog.

 

Viele brechen ihre Promotionsbemühungen ab

Warum bricht mehr als ein Fünftel aller Promovierenden die Bemühungen mit einer Doktorarbeit wieder ab? Dafür gibt es viele Gründe, wie ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung aufführt: Geldmangel, Änderung des Berufsziels, Selbstüberschätzung (Osel 2013). Einen sehr gewichtigen Grund findet man in dieser Liste nicht: Zu wenig Erfahrung mit dem Schreiben eines längeren Manuskripts.

Ich habe einige Doktoranden ein Stück auf ihrem Weg begleitet (was sich darauf beschränkte, vorhandenen Blockaden abzubauen, das war alles). Wesentliche Erkenntnisse in dieser Richtung verdanke ich einem Gespräch etwa 1973 bei einem Spaziergang mit einem befreundeten Doktoranden, der mir von den Blockade-Qualen mit dem Schreiben seiner Dissertation berichtete. Spontan fragte ich ihn nach dem Thema seiner Studie. Wie sich herausstellte, war dieses emotional stark negativ mit der Lebensgeschichte des Doktoranden verknüpft. Die Blockade löste sich vergleichsweise rasch, nachdem dieser Zusammenhang erkannt war und zudem noch ein besserer, nicht ständig überfordernder Arbeitsplan entwickelt worden war. Vor allem regte ich an, parallel zur Dissertation ein Begleitendes Logbuch zu führen (wie ich das nenne). Dadurch kam so etwas wie die schon erwähnte “Freude im Schreiben” (die ich für ganz wesentlich beim kreativen Prozess des Schreibens halte) zurück in die Forschungs- und Formulierungsarbeit, und die Dissertation konnte zügig fertig gestellt werden.

Was das Schreiben einer Dissertation angeht, so empfehle ich sehr das flott geschriebene kleine Büchlein einer Amerikanerin (Joan Bolker), die im Titel sicher typisch amerikanisch kräftig übertreibt – aber viele brauchbare Tipps vermittelt: Writing Your Dissertation in Fifteen Minutes a Day. Sehr lesenswert!

Und noch dies: Ich denke, dass das Schreiben eines wissenschaftlichen Blogs, wie hier in den SciLogs, eine exzellente Vorbereitung für das Verfassen einer Dissertation sein könnte (falls man nicht bereits promoviert wurde)!

 

Zufall “Schnapszahl”

Dies hat nun nicht unbedingt etwas mit dem Thema dieses Artikels zu tun. Aber ich liebe Zufälle, ich liebe das wundersame Land Serendip und die Serendipity. Der Artikel, zu dem dieser Link führt, macht jedoch mit etwas bekannt, was man durchaus als Wissenschaft und damit wiederum doch zu diesem Blog-Post passend verstehen kann: Serendipität in der Informationswissenschaft:

Auch im Bereich des Information Retrievals können Serendipitätseffekte eine Rolle spielen, wenn beispielsweise beim Surfen im Internet unbeabsichtigt nützliche Informationen entdeckt werden. Aber auch bei der Recherche in professionellen Datenbanken und vergleichbaren Informationssystemen kann es zu Serendipitätseffekten kommen. Hier wird die Serendipität zu einem Kennwert der Fähigkeit eines Informationssystems, auch im eigentlichen Ballast nützliche Informationen zu finden.

Dieser Blog-Post hat in meiner Datenbank (Zufall!) eine hübsche Schnapsnummer: 888. Es war also der 888. Eintrag, den ich zum Thema Schreiben resp. Labyrinth in meiner Blog-Datenbank vorgenommen habe. (Inzwischen bin ich bei Datensatz “974” angelangt – die magische Zahl “1000” rückt also immer näher.)

(Die “Schnapszahl” war übrigens das Juni-Thema der im November 2006 von mir gegründeten Virtuellen Schreib-Werkstatt; diese hat inzwischen 83 Teilnehmer und hat sich bislang 350 mal getroffen, immer am Samstag um 10:00 bis ca. 11:30 Uhr. Mehr dazu.)

 

Im nächsten Beitrag berichte ich über meine praktischen Erfahrungen in der Vermittlung von den Möglichkeiten des Kreativen Schreibens in Blockseminaren für Studenten der Universität Mannheim, die ich im kommenden Januar bereits zum fünften Mal durchführe. Danach veröffentliche ich, quasi als Anschauungsmaterial, einige der Kurzgeschichten, die im Januar 2013 entstanden sind.

 

Quellen
Bolker, Joan: Writing Your Dissertation in Fifteen Minutes a Day. New York 1998 (Henry Holt)
Osel, Johann: “Karriere schlägt Doktorhut. In: Südd. Zeitung Nr. 173 vom 29. Juli 2013, S. 14 (Feuilleton)
Platon: Phaidros. In: Sämtliche Dialoge. Hamburg 1993. Bd. 2, S.103
Wikipedia (anonym): Stichwort “Serendipität”.

# 268 / 888 JvS / ScliLogs 1658
Aktualisiert: 25. August 2013/12:59
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"Zwei Seelen wohnen a(u)ch in meiner Brust." Das Schreiben hat es mir schon in der Jugend angetan und ist seitdem Kern all meiner Tätigkeiten. Die andere „zweite Seele“ ist die praktische psychologische Arbeit plus wissenschaftlicher Verarbeitung. Nach dem Psychologiestudium seit 1971 eigene Praxis als Klinischer Psychologe. Zunächst waren es die Rauschdrogen, die mich als Wissenschaftler interessierten (Promotion 1976 mit der Dissertation "Der falsche Weg zum Selbst: Studien zur Drogenkarriere"). Seit den 1990er Jahren ist es das Thema „Hochbegabung“. Mein drittes Forschungsgebiet: Labyrinthe in allen Varianten. In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth C. Cohn fand ich ein effektives Werkzeug, um mit Gruppen zu arbeiten und dort Schreiben und (Kreativitäts-)Psychologie in einer für mich akzeptablen Form zusammenzuführen. Ab 1978 Seminare zu Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Creative Writing, gemeinsam mit meiner Frau Ruth Zenhäusern im von uns gegründeten "Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie" (IAK). Als "dritte Seele" könnte ich das Thema "Entschleunigung" nennen: Es ist fundamentaler Bestandteil jeden Schreibens und jedes Ganges durch ein Labyrinth. Lieferbare Veröffentlichungen: "Kreatives schreiben - HyperWriting", "Kurzgeschichten schreiben", "Das Drama der Hochbegabten", "Zeittafel zur Psychologie von Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung", "Blues für Fagott und zersägte Jungfrau" (eigene Kurzgeschichten), "Geheimnis der Träume" (Neuausgabe in Vorbereitung). Dr. Jürgen vom Scheidt

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