Wie schnell schmilzt Grönlands Eis?

KlimaLounge

Eine der grossen Unsicherheitsfaktoren bezüglich des zukünftigen Meeresspiegelanstiegs betreffen dynamische Prozesse, die zum Abschmelzen des grönländischen Eisschildes beitragen. In den letzten Monaten und Jahren wurden verschiedene Studien veröffentlicht, die sich mit diesen Prozessen beschäftigen. Zur Zeit ist der Beitrag von Grönland zum Meeresspiegelanstieg noch relativ gering, ist aber in den letzten Jahren bereits auf 10-20% angestiegen. In Zukunft könnte er noch deutlich ansteigen. Aktuelle Beobachtungen zeigen jedoch so hohe Schwankungen in der Eisdynamik, dass sich daraus keine klaren Trends ablesen lassen [1,2] und im letzten IPCC-Bericht auf eine Quantifizierung dieser Prozesse verzichtet worden ist.

Der grönländische Eisschild ist die nach der Antarktis zweitgrösste Eismasse auf der Erde. Er enthält eine Masse, die als Wasser für eine Erhöhung des weltweiten Meeresspiegels um rund 7 Meter ausreichen würde. Doch diese riesige Eismasse ist eigentlich nur ein Relikt aus der letzten Eiszeit, die vor über 10’000 Jahren endete. Seine Existenz unter heutigen Klimabedingungen verdankt er seiner grossen Masse und der auf bis zu 3000 Metern hoch gelegenen zentralen Fläche, wo durch die dort herrschenden kalten Temperaturen der Niederschlag als Schnee fällt. Aus Beobachtungen aus der Vergangenheit und anhand von Modellrechnungen lässt sich ableiten, dass unter den heutigen Klimabedingungen in Grönland kein vergleichbar grosser Eisschild entstehen würde, wenn es ihn nicht schon gäbe. Daraus lässt sich bereits der Schluss ziehen, dass ein mögliches Abschmelzen des Eisschildes wohl für zehntausende von Jahren irreversibel wäre.

Die Abschmelzprozesse zeigen verschiedene positive Rückkopplungen: Wenn die Dicke des Eisschildes abnimmt, liegt dadurch die Eisoberfläche in geringerer Höhe und ist damit höheren Temperaturen ausgesetzt. Diese höheren Temperaturen beschleunigen das Abschmelzen, die Dicke nimmt weiter ab und die Temperaturen weiter zu, usw.  Im Weiteren ist Eis nicht eine feste Masse, sondern fliesst wie ein zähflüssiger Pudding, der sich auf alle Seiten ausbreitet, soweit er nicht durch Hindernisse gestoppt wird. Die Eismasse schmilzt vor allem am Rand, dort wo das Eis in tiefen Lagen liegt und die Temperaturen relativ hoch sind. Schmilzt am Rand Eis weg, so fliesst Eis aus den höher gelegenen Gebieten nach. Auf diese Weise kann sich die Eisoberfläche in grossen Gebieten absenken.

Hohe Dynamik am Rand des Eisschildes im Nordatlantik

Ein beträchtlicher Teil des im Inneren des Eisschildes gebildeten Eises wird durch riesige Ausflussgletscher direkt ins Meer transportiert, wo es langsam schmilzt. In den letzten zehn Jahren hat sich die Fliessgeschwindigkeit vieler Ausflussgletscher stark erhöht, bei einigen Gletschern bis auf das Doppelte, womit natürlich auch der Abfluss von Eis aus dem Eisschild entsprechend zunahm. Ursprünglich wurde als Ursache vermutet, dass vermehrter Zufluss von Oberflächen-Schmelzwasser durch Spalten und Höhlen zum Gletscheruntergrund wie ein Schmiermittel wirkt, so dass die Reibung ab-, und die Fliessgeschwindigkeit zunimmt. Neuste Auswertungen zeigen jedoch, dass zwar lokale Beschleunigungen des Eisflusses beobachtet werden, die großen Eisströme jedoch nicht sehr stark auf die erhöhte Schmelzwasserzufuhr zu reagieren scheinen.

Inzwischen nimmt man aufgrund von Beobachtungen und Modellrechnungen an, dass die Beschleunigung der Ausflussgletscher primär auf erhöhte Ozeantemperaturen zurückzuführen ist [3]. Durch das wärmere Wasser schmelzen die schwimmenden Gletscherzungen, werden dünner und zerbrechen schließlich ganz. Dadurch werden die Druckverhältnisse im Gletscher so verändert, dass das Eis schneller ins Meer fließt und auch schneller abbricht. Durch die Beschleunigung wird mehr Eis vom Inneren des Eisschildes wegtransportiert, und die Eisoberfläche senkt sich bis weit in den Eischild hinein ab.

Auch kleine Gletscher am Rand des Eisschildes, die nicht im Meer enden, verlieren zur Zeit stark an Masse. Dies trägt wesentlich zum Massenverlust des Eisschildes bei [4], doch wurde dies bisher nur regional begrenzt erfasst.

Die Frage, ob diese Dynamik des Eisflusses zu einer starken Beschleunigung des Abschmelzens des grönländischen Eisschildes und damit zu einem starken Meeresspiegelanstieg führen kann, ist zur Zeit sehr schwierig zu beantworten. Es fehlen ganz einfach (noch) die Daten, um die in den letzten Jahren und Jahrzehnten abgelaufenen Prozesse genügend erfassen und interpretieren zu können. Bezüglich Katastrophenszenarien wurde kürzlich eine, wenn auch nicht sehr beruhigende, Obergrenze abgeschätzt: Die Menge des möglichen Eisabflusses durch die Ausfluss-Gletscher ist begrenzt, da deren Zahl und Querschnitt beschränkt sind. Entsprechende Berechnungen zeigen, dass Ausflussgeschwindigkeiten, die zu einer Meeresspiegelerhöhung von über zwei Metern bis zum Ende dieses Jahrhunderts führen würden, physikalisch unwahrscheinlich sind [5].

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sehr rasche Veränderungen möglich sind. Vergleiche mit früheren Epochen mit starken Abschmelzvorgängen und Meeresspiegelanstiegen vor 125’000 oder 15’000 Jahren sind allerdings nur beschränkt hilfreich, weil damals die Vergletscherung der Arktis anders aussah als heute und weitere große Eismassen vorhanden waren (z.B. der Laurentidische Eisschild, der das ganze heutige Kanada und Teile der USA bedeckte). Kürzlich veröffentlichte Untersuchungen zeigen immerhin, dass das Abschmelzen des Laurentide-Eisschilds anscheinend zu Meeresspiegelanstiegen von rund einem Meter pro Jahrhundert geführt hat. Obwohl Vergleiche schwierig sind, liegen die damaligen Verhältnisse in ähnlichen Größenordnungen wie heute in Grönland [6].

Die aktuelle Entwicklung der Massenbilanz ist aus lokalen Messungen kaum abzuschätzen. Deshalb wurden ausgeklügelte Messmethoden über Satelliten entwickelt, die flächendeckend angewendet werden können (z.B. feinste Änderungen in der Erdanziehung, Laser-Höhenmessungen, GPS). Die unterschiedlichen Methoden geben ähnliche Resultate: In den letzten Jahren verlor der grönländischen Eisschild rund 150 bzw. 200 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr. Neuste Berechnungen ergeben für 2007 bereits einen Verlust von rund 270 Milliarden Tonnen [7]. In den letzten 10 Jahren wurde beinahe eine Verdreifachung des Massenverlustes pro Jahr beobachtet. Aber es besteht zur Zeit keine Möglichkeit, auch nur die Grössenordnung der zukünftigen Entwicklung abzuschätzen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor in der Entwicklung bildet der zur Zeit unerwartet rasche Rückgang der sommerlichen Eisbedeckung in der Arktis. Es gibt kaum Anhaltspunkte dafür, was ein sommerliches Schmelzen des Meereises an der Nordküste Grönlands für den Eisschild genau bedeuten würde. Die entstehende freie Wasseroberfläche führt zu einer verstärkten Erwärmung und verstärkten Schmelzprozessen, mindestens im Sommer. Das erhöhte Feuchtigkeitsangebot führt im Zentrum des Eisschildes wohl zu erhöhtem Schneefall und Eisbildung, doch wird damit das zusätzliche Abschmelzen am Rand kaum kompensiert. Die Stärke dieser Einflüsse ist nicht bekannt. Eine weitere massgebliche Beschleunigung des Massenverlustes ist jedoch durchaus möglich.

In Bezug auf den Meeresspiegelanstieg haben wir es ja nicht nur mit Grönland zu tun. In der Westantarktis, stehen wir vor ähnlichen Ungewissheiten. Auch dort wurde in den letzten Jahren eine Beschleunigung von Eisabflüssen beobachtet, und es gibt riesige Eismassen, die unter dem Meeresspiegel aufliegen und beim Abschmelzen vom Boden weggehoben würden. Weil die Temperaturen am Südpol viel kälter sind als am Nordpol, spielt in der Antarktis weniger die Erwärmung der Luft als vielmehr die Erwärmung des Meerwassers eine entscheidende Rolle.

Trotz vielen offenen Fragen lässt sich der mögliche Rahmen aufgrund der physikalischen und geographischen Bedingungen etwas einschränken. Eine katastrophal schnelle Entwicklung, die zu einem Meeresspiegelanstieg von über zwei Metern noch in diesem Jahrhundert führen würde, ist unwahrscheinlich. Doch bereits ein Meeresspiegelanstieg von rund einem Meter, was beim heutigen Kenntnisstand nicht unrealistisch scheint, ist bei der heutigen Bevölkerungsdichte an den Küsten sehr problematisch.

Literatur:

[1]  F.M. Nick et al., Nature Geoscience, doi:10.1038/ngeo394 (online 11 Feb 2009) http://www.nature.com/ngeo/journal/vaop/ncurrent/abs/ngeo394.html 

[2]  R. Kerr, Science, Vol. 323: S. 458 (2009) http://www.sciencemag.org/cgi/content/summary/323/5913/458ac

[3] D.M. Holland et al., Nature Geoscience, Vol. 1, 659ff (2008) http://www.nature.com/ngeo/journal/v1/n10/abs/ngeo316.html

[4] I.M. Howat et al., Geophysical Research Letters, Vol. 35: L17505 (2008). http://www.agu.org/pubs/crossref/2008/2008GL034496.shtml

[5] W.T. Pfeffer et al., Science 321: 1340ff (2008). http://www.sciencemag.org/cgi/content/abstract/sci;321/5894/1340

[6]  A.E. Carlson et al., Nature Geosciences 1: 620ff (2008). http://www.nature.com/ngeo/journal/v1/n9/abs/ngeo285.html

[7]  E. Rignot et al., Geophysical Research Letters, Vol. 35, L20502 (2008). http://www.agu.org/pubs/crossref/2008/2008GL035417.shtml

 

Veröffentlicht von

Urs Neu Der Geowissenschaftler Urs Neu promovierte 1994 an der Universität Bern über Atmosphärenchemie. Er ist Mitglied der Schweizer Akademie der Naturwissenschaften und seit 1997 Stellvertretender Vorsitzer des Klimaforschungs-Forums ProClim.

24 Kommentare

  1. Relationen

    270.000.000.000 Tonnen netto Eisverlust pro Jahr hört sich zunächst einmal für uns Laien nach enorm viel an. 7 Meter Meeresspiegelanstieg bedeutet eine unvorstellbare Katastrophe für die Menschheit, keine Frage. Deshalb erzeugen derartige Berichte, geschrieben von seriösen Wissenschaftlern, beim Normalbürger ein gewisses Schaudern und damit eine entsprechende Medienpräsenz.

    Allerdings braucht man nur einen Taschenrechner mit genügend Nullen, um auch als Laie zu der Erkenntnis zu gelangen, dass 270 Mrd. Tonnen ungefähr 0,0001% der gesamten Eismasse Grönlands ausmachen. Auch die Meßgenauigkeit sorgt für Erstaunen. Allerdings sorgt dann ein weiterer Rechengang für totale Konfusion, denn wenn die Messungen stimmen dauert es bis zum totalen abschmelzen stolze 15.000 Jahre, vorausgesetzt es bleibt bei den 270 Mrd. Tonnen Verlust pro Jahr. Da darf dann aber keine neue kleine Eiszeit dazwischen kommen.

    Deshalb meine Fragen: Was soll mit diesem Bericht bezweckt werden? Warum werden die von mir angerissenen Relationen nicht erwähnt? Wenn der Eisverlust dennoch ein wirkliches Problem ist, was kann man dagegen tun?

    [Antwort: Es ist völlig richtig, dass der gegenwärtige Massenverlust nur einen sehr kleinen Bruchteil der Gesamtmasse Grönlands ausmacht. Das Problem ist jedoch nicht dieser Betrag, sondern die beschriebenen positiven Rückkopplungen und die damit verbundene mögliche Beschleunigung. Damit wir uns richtig verstehen: Wir sprechen hier nicht von Prognosen, sondern von Risiken. Wir wissen viel zu wenig, um eine Prognose machen zu können. Aber wir können versuchen, Überlegungen über den maximal möglichen Schaden zu machen. In den letzten zehn Jahren hat sich der Massenverlust ungefähr alle fünf Jahre verdoppelt. Es ist kaum anzunehmen, dass diese Beschleunigungsrate so weitergeht, da die beobachteten Prozesse nicht beliebig beschleunigt werden können. Aber auch bei einer Verdoppelung alle zehn Jahre (also halb so schnell) kann man mit dem Taschenrechner ausrechnen, dass nach hundert Jahren zwei Drittel des Eisschildes, entsprechend einem Meeresspiegelanstieg von ungefähr fünf Metern, weggeschmolzen sind (exponentielle Entwicklungen gehen viel schneller als man meint). Auch eine solche Entwicklung wird als sehr unwahrscheinlich eingestuft. Die postulierte Obergrenze von zwei Metern Meeresspiegelanstieg bis 2100 rechnet mit einem Beitrag von 50cm von Grönland. Das ist noch einmal ein Faktor Zehn weniger. Aber es gibt immer noch viele Unbekannte. Noch vor fünf Jahren hätte man die mittlerweile beobachteten Fliessgeschwindigkeiten von Gletschern nicht für möglich gehalten. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass bei grossen Eisschildern in der Grössenordnung von Grönland Massenverluste, die einem Meeresspiegelanstieg von rund einem Meter pro Jahrhundert entsprechen, möglich sind. Wir haben zwei solche gefährdete Eisschilder, Grönland und der Westantarktische Eisschild. Dabei ist das Risiko in der Westantarktis, dessen Eisschild sechs Meter Meeresspiegel entspricht, wohl grösser als in Grönland, da ein beträchtlicher Teil des Randes weit unter dem Meeresspiegel liegt und von wärmerem Meerwasser angegriffen wird. Wir haben also ein Risiko, das kaum bezifferbar ist. Vielleicht haben wir Glück, und es geht alles schön langsam. Wir können es einfach gleich machen wie mit der Finanzwirtschaft und ein bekanntes, aber kaum bezifferbares Risiko ignorieren. Allerdings ist es für unsere Staaten trotz aller Unannehmlichkeiten wohl einfacher Banken zu retten als den Meeresspiegel zu senken. Auf der andern Seite betrifft das Risiko in der Finanzwirtschaft vor allem unsere Generation, während das Risiko beim Meeresspiegel vor allem unsere Nachkommen vor Probleme stellen könnte. Das ist dann eine moralisch-ethische Frage. Was wir tun können? Die Erwärmung möglichst klein halten. Nach dem bekannten ökonomischen Credo, den maximal möglichen Schaden zu minimieren.
    Urs Neu]

  2. Ist schon interessant. Wieso sind die Eisschilde in Nordamerika und Nordsibirien abgeflossen und in Grönland nicht? Ist das die Ausprägung der Luftströmungen?

    [Antwort: Ob ein Eisschild abschmilzt oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere jedoch von der Bilanz von Abschmelzen und Zuwachs. Beides ist abhängig von Temperatur, Niederschlag und der atmosphärischen Zirkulation. Dabei kann eine relativ geringe Verschiebung eines oder mehrerer dieser Faktoren dazu führen, dass die Bilanz negativ wird, d.h. dass der Verlust überwiegt. Dann kommt es häufig zu den beschriebenen positiven Rückkopplungen. Die Verhältnisse bezüglich dieser Faktoren war in Sibirien und Nordkanada offensichtlich anders. In Grönland hingegen ist der nötige Schwellenwert der Bilanz für ein Abschmelzen zu Beginn der jetzigen Warmzeit nicht überschritten worden. Dies könnte mit zunehmender Erwärmung jedoch bald der Fall sein.
    Urs Neu]

  3. Herr Neu

    Danke für die ausführliche Erläuterung. Wenn man sich allerdings einmal die tatsächlich gemessenen Temperaturen in Grönland anschaut:

    http://data.giss.nasa.gov/…1&num_neighbors=1

    ist zumindestens an dieser Meßstation schon seit ca. 80 Jahren überhaupt kein Erwärmungstrend erkennbar. Jedenfalls nicht für einen Laien.

    Vor einigen Jahren, als erstmals der russische Eisbrecher im Sommer mit Touristen zum Nordpol gefahren ist, gab es ein ziemlich merkwürdiges Satellitenbild von der Arktis: Die eisfreie Fläche sah wie ein Keil aus, der sich im Bereich zwischen Island und Spitzbergen nordwärts bis fast zum Pol zog.

    Da war mein erster Gedanke, dass sich möglicherweise ein Seitenarm des Golfstroms in der Richtung geändert hat. Gibt es inzwischen eine wissenschaftlich gesicherte Erklärung für dieses Phänomen?

    Beste Grüße aus dem Tropenbüro, Jochen

    [Antwort: Mir ist keine detaillierte Untersuchung eines solchen Phänomens bekannt. Die Form des arktischen Meereises hängt vor allem im Sommer auch stark von den Windverhältnissen ab, indem Eisschollen zusammen- oder auseinandergetrieben werden.
    Urs Neu]

  4. “Nach dem bekannten ökonomischen Credo, den maximal möglichen Schaden zu minimieren.”

    Herr Neu, das ist kein Credo mehr, das ist eine Phobie.
    Leute, die den maximal möglichen Schaden einer potentiell tödlichen Infektion abzuwenden versuchen, indem sie alle Telefonhörer, Türklinken etc nur noch mit sterilisierten Handschuhen oder bewehrt mit Taschentüchern anfassen und ständig mit Mundschutz herumlaufen, gelten allgemeinhin als psychisch krank, nicht als ökonomisch optimiert.

    Zugegeben, das ist nur ein plakatives Beispiel. Aber starten Sie doch bitte einmal einen ehrlichen Selbstversuch: Versuchen Sie (und Ihre Familie – sie haben doch Familie?) einmal für 14 Tage, diesem ‘bekannten ökonomischen Credo’ zu folgen und vermeiden Sie wirklich konsequent alle ‘maximal möglichen Schäden’. Und berichten Sie uns dann hier aufrecht und ehrlich, ob und wie Sie Ihre alle Lebensqualität während dieser zwei Wochen verbessern konnten.

    [Antwort: Man kann jede Regel ad absurdum führen, wenn man sie entsprechend interpretiert. Es geht hier weder um komplette Vermeidung jedes erdenklichen Risikos, noch um Vermeidung von Risikos, die unbeeinflussbar sind (wie Meteoriteneinschläge, Erdbeben, Krankheiten, etc.). Es geht um Risikomanagement, d.h. darum, bei beeinflussbaren Risiken den maximalen Schaden möglichst klein bzw. in einem tragbaren Rahmen zu halten. Es steht natürlich jeder Person frei, persönlich beliebige Risiken einzugehen. Wenn das Risiko jedoch andere Personen, ganze Firmen, die Volkswirtschaft etc. gefährdet, dann sollte das Risiko des maximalen Schadens in Grenzen gehalten werden. Genau das wurde z.B. im Investmentbanking nicht gemacht. Und wird auch von Rasern nicht gemacht. Das war gemeint.
    Urs Neu]

  5. Credo

    Hallo Herr Neu,

    “Nach dem bekannten ökonomischen Credo, den maximal möglichen Schaden zu minimieren.”

    Dies ist mir nun als “ökonomisches Credo” ebenfalls völlig unbekannt. Welcher Ökonom auch immer das vertritt, ein Marktwirtschaftler ist es ganz sicher nicht.

    Vielmehr haben Sie in nur einem kurzen Satz die ganze Diskussion über “Klimaschutz” auf den zentralen Punkt gebracht. Wenn wir über die Sinnhaftigkeit von Klimaschutzmaßnahmen diskutieren, dann sprechen wir eigentlich nicht über die Genauigkeit von Messungen und den Wahrheitsgehalt von Hypothesen, das sind nur Nebengefechte. Wir streiten im Kern über dieses Credo.

    (Es ist schon interessant, daß dieser zentrale Satz nicht in Ihrem Artikel, sondern in einer Antwort, eher am Rande also, vorkommt. Kann es sein, daß die Klimadebatte eigentlich falsch geführt wird?).

    Nach meiner Auffassung ist Ihr Credo äußerst riskant. Ihm zu folgen erzeugt also nicht weniger, sondern mehr Risiken und mehr Probleme. Wir können froh sein, daß die Menschheit in ihrer Geschichte niemals diesem Credo gefolgt ist, und, im Lichte der Evolution, sich auch keine andere Art auf diesem Planeten so verhält.

    Ich möchte dem entgegenhalten, was aus meiner Sicht das Credo ökonomisch vernünftigen Handelns ist. Nämlich, sich so zu verhalten, daß unter allen denkbaren Umständen die Gewinnmöglichkeiten maximiert werden.

    M.a.W.: Es geht darum, eine Strategie zu finden, die robust ist gegenüber konträr wirkenden Faktoren.

    Im konkreten Beispiel heißt dies, daß es keinen Sinn macht, Maßnahmen zu ergreifen, die eine mögliche Erhöhung des Meeresspiegels verhindern oder zumindest abschwächen bzw. verlangsamen. Es geht darum, die Folgen möglicher Überschwemmungen beherrschbar zu machen.

    Denn die nächste Sturmflut kommt in jedem Fall, ob Grönland nun schmilzt, oder nicht. Und es wird immer eine Flut geben, die mehr Gewalt entwickelt, als alle vorhergehenden.

    Ergo: Nicht CO2 “vermeiden”, sondern Deiche bauen, Hochwasserschutz verbessern und die Reaktionsfähigkeit im Falle von Katastrophen effizienter und effektiver gestalten, ist eine ökonomisch vernünftige Strategie.

    Für den Bewohner einer Küstenregion ist es letztlich völlig uninteressant, ob es in Zukunft eine höhere oder eine geringere Wahrscheinlichkeit für Überflutungen gibt.

    Entscheidend ist, daß es eine nächste Überflutung mit hundertprozentiger Sicherheit geben wird (wann und wie auch immer) und die zu behandelnde Frage lautet: Wie stellen wir uns darauf ein?

    [Antwort: Und welche technische Lösung bieten Sie denn z.B. gegen grossräumige Dürren und Trinkwassermangel an? Und was sollen arme Länder tun, die kein Geld für den Bau von Deichen etc. haben (und notabene nicht zu den Verursachern gehören)? Wir hier können uns schon anpassen und das Problem (vielleicht) technisch lösen. Aber ob das billiger ist, als das Problem zu verhindern, ist überhaupt nicht klar und möglicherweise alles andere als ökonomisch. Im Übrigen siehe Antwort zum vorherigen Kommentar.
    Urs Neu]

  6. Vorsorge

    Die derzeitigen Strategien der Risikovorsorge sehen in erster linie folgende Punkte vor:

    1. Konzerne kassieren ihre Kunden für Emissionszertifikate ab, die sie von der Regierung geschenkt bekommen.

    2. Es werden im großen Stil Urwälder gerodet, um unter Einsatz gigantischer Mengen an Kunstdünger und Chemie Energiepflanzen zu produzieren.

    3. Eine internationale Klimakonferenz jagt die andere, immer mit mehr aus 10.000 Teilnehmern in touristisch bevorzugten Orten.

    4. Die Regierungen geben der Klimaforschung hächste Priorität, dadurch fehlt es der Wissenschaft in anderen wichtigen Bereichen an Geld.

    Durch all diese ultrateuren Maßnahmen wird kein Gramm CO2 eingespart, im Gegenteil. Keine Ahnung, was das alles mit Risikovorsorge zu tun haben soll?

    [Antwort: Es gibt durchaus Entwicklungen, die nicht so laufen, wie sie sollten. Das gibt es jedoch in allen Bereichen des täglichen Lebens und ist nichts spezielles. Dass Konzerne unter falschen Vorwänden Preise erhöhen, ist nun wirklich nichts Neues. Dasselbe gilt für Konferenzen in Ferienorten. Dass die Produktion von Biotreibstoffen je nach Pflanze, Produktionsart, etc. grosse Nachteile aufweist und nicht sinnvoll ist, hat man relativ rasch bemerkt und ist bekannt. All diese Punkte haben jedoch überhaupt nichts mit dem Risiko und dessen Einschätzung zu tun.
    Urs Neu]

  7. Vorsorge?

    ” All diese Punkte haben jedoch überhaupt nichts mit dem Risiko und dessen Einschätzung zu tun. Urs Neu”

    Das verstehe ich jetzt nicht. Uns wird doch täglich durch die Medien suggeriert, dass durch CO2-Vermeidung die negativen Folgen des Klimawandels abgemildert werden. Ich kann nicht beurteilen ob die CO2-These stimmt oder nicht. Aber wenn sie stimmt, warum werden dann ausschließlich Maßnahmen getroffen die teuer und zugleich in dieser Beziehung völlig wirkungslos sind?

    Wir arbeiten hier an einer neuartigen Landwirtschafts-Methode. Die hat einen Nebeneffekt, nämlich eine dauerhafte und sichere CO2-Endlagerung. Eine Förderung im Rahmen des Emissionshandels ist im Kyoto-Protokoll usw. jedoch ausdrücklich ausgeschlossen.

    Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Mal nur gut dass sich das auch ohne Subvention rechnet.

    [Antwort: Von welchen teuren Massnahmen sprechen Sie denn? Die meisten Massnahmen, die bisher getroffen worden sind, rechnen sich. Das haben viele Firmen, die in Energieeffizienz investiert haben, sehr rasch gemerkt. Gerade im Verkehr und im Gebäudebereich gibt es sehr viele mögliche Massnahmen, die sich langfristig lohnen, je nach Ölpreisentwicklung wahrscheinlich auch mittel- oder sogar kurzfristig. Die Verlierer sind die Erdölwirtschaft und die Autobranche. Gewinner sind Unternehmen, die effiziente Technologie entwickeln. Ein wesentlicher Vorteil vom Umrüsten auf Energieeffizienz ist, dass viel Geld in die Wirtschaft und in Arbeitsplätze im Inland gesteckt wird statt in die Erdöl- und Erdgasstaaten. Die Förderung von Landwirtschaftsmethoden ist Sache der Verhandlungen des Nachfolgeprotokolls von Kyoto.
    Urs Neu]

  8. Das Wasser und das Credo

    Hallo Herr Neu,

    in meiner ganz persönlichen Liste der wichtigsten Herausforderungen für die Menschheit liegt die Frage der Wasserversorgung in der Tat auf dem zweiten Platz (nach der Malaria). Hätte ich allerdings eine Lösung, wäre ich ganz sicher dabei, diese zu implementieren, statt hier zu diskutieren.

    (Haben Sie denn eine?)

    Ich weiß nur, daß wir ein Wasserproblem in vielen Teilen der Welt schon immer hatten und haben. Dürren hat es immer gegeben und auch der Zugang zu sauberem Trinkwasser war immer problematisch.

    Eine Vermeidung von CO2-Emissionen, um irgendetwas beim grönländischen Eisschild zu erreichen (oder auch nicht), wird also keinesfalls dazu führen, daß es in der Zukunft keine Dürrekatastrophen mehr gibt. Und hier ist es wie mit dem Hochwasser: Es interessiert die betroffenen Bauern nicht, ob es in der Zukunft mehr oder weniger Dürren mit mehr oder weniger großer Wahrscheinlichkeit gibt. Es interessiert genau eine Dürre: Nämlich die nächste. Und diese wird eintreten, irgendwann und irgendwie.

    Sie schreiben in Ihrer Antwort auf den berechtigten Einspruch von Wolfgang Flamme (auf die Sie mich verweisen):

    “Es geht um Risikomanagement, d.h. darum, bei beeinflussbaren Risiken den maximalen Schaden möglichst klein bzw. in einem tragbaren Rahmen zu halten.”

    Dies ist keine Begründung für Ihr Credo, sondern nur eine andere Formulierung desselben.

    Ich halte Ihnen nach wie vor entgegen: Das ist Risikomanagement im Sinne von Risikomaximierung.

    “Risikomanagement” bedeutet eigentlich genau nicht, Risiken zu vermeiden oder zu beeinflussen. “Risikomanagement” geht vom Eintreten des Risikos aus und versucht die Schäden zu minimieren, bzw. beherrschbar zu machen, die mit ihm verbunden sind.

    Es geht also darum, den Bauern dazu in die Lage zu versetzen, die nächste Dürre unbeschadet zu überstehen. Dann wird ihm das auch mit der übernächsten und allen weiteren gelingen können.

    Viele technische Ansätze, von modernen Wasserbausystemen, über Präzisionslandwirtschaft bis hin zu grüner Gentechnik müssen und werden hier zusammenwirken, um das zu erreichen.

    CO2-Emissionen zu vermeiden, das erreicht hier aber überhaupt nichts.

    Es ist die Aufgabe unserer Generation, diese Lösungen jetzt, für uns, zu implementieren, so weit wir es können. Denn dann erst versetzen wir die nachfolgenden Generationen dazu in die Lage, mit möglichen anderen Herausforderungen umzugehen.

    Wir müssen unseren Nachkommen nicht unbedingt den grönländischen Eisschild in der Form hinterlassen, in der er sich heute präsentiert. Wir müssen ihnen vielmehr die Möglichkeiten und Chancen hinterlassen, besser als wir zu leben, unabhängig vom Ausmaß dieser Eismasse.

    Alle Generationen vor uns haben so gehandelt. Zum Glück. Dies zu ändern, wäre verantwortungslos.

    [Antwort: Einverstanden, was die Problematik der Dürre an sich angeht. Hingegen ist die Häufigkeit und Dauer der Dürre kaum so unerheblich, wie Sie das darstellen. Je länger die Dürre, umso grösser die Folgen, je kürzer der Abstand zur nächsten, desto geringer die Möglichkeit zur Erholung. Dass durch die Klimaänderung die Anzahl und Dauer der Dürren generell steigt, ist eines der robustesten Resultate der Klimaprognosen (und lässt sich durch Verringerung der CO2-Emissionen eindämmen). Das Argument, dass die grösse eines Risikos keine Rolle spielt, verstehe ich nicht. Damit können Sie alle risikomindernden Massnahmen vom Tisch wischen (z.B. das Gurten tragen im Auto, da Unfälle trotzdem tödlich sein können.
    Urs Neu]

  9. Vorsorge für den Extremfall

    “Wir wissen viel zu wenig, um eine Prognose machen zu können. Aber wir können versuchen, Überlegungen über den maximal möglichen Schaden zu machen.”

    Sehr geehrter Herr Prof. Rahmstorf, Sie brauchen diesen Beitrag nicht zu veröffentlichen, aber ich will Sie doch darüber informieren, welche Gedanken mir beim Lesen Ihre og. Sätze gekommen sind.

    Ich sitze in meinem Zimmer und schaue aus dem Fenster. Ich überlege mir, was wohl passieren könnte, wenn in der 6 km von unserem Wohnort entfernten Bundeswehrkaserne ein Artilleriegeschoss durch eine Trainingspanne das Geschütz verlässt und mein Zimmer trifft. Ich weiß natürlich viel zu wenig, um über die Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Geschehens genaue Aussagen machen zu können, aber: Wäre es nicht richtig, für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein und das Fenster mit einer meterdicken Betonmauer zu schützen? Was würden Sie raten?

    [Antwort: (Der Satz wie übrigens auch der Beitrag stammt von mir und nicht von Herrn Rahmstorf.) Ich würde die Betonmauer um die Kaserne bzw. das Schiessareal bauen soweit eine Gefährdung vorhanden ist, und nicht vor sämtliche Fenster der möglicherweise betroffenen Umgebung. Der Aufwand wäre bedeutend kleiner.
    Urs Neu]

  10. Herr Neu, Sie haben mir folgendes geantwortet:

    “Es geht um Risikomanagement, d.h. darum, bei beeinflussbaren Risiken den maximalen Schaden möglichst klein bzw. in einem tragbaren Rahmen zu halten.”

    Ich weiß wirklich nicht wie Sie darauf kommen, daß Risikomanagement mit der Vermeidung des extremsten Schadensereignisses oder Begrenzung seiner Auswirkungen gleichzusetzen wäre.
    Risikomanagement kreist doch nicht bloß darum, wie man das Armageddon verhindert/überlebt.

    [Antwort: Nein, nicht nur, aber auch. Abgesehen davon geht es nicht um Armageddon. Bei der Klimaerwärmung geht es weder um den Weltuntergang noch um den Untergang der Menschheit. Aber es geht um möglicherweise sehr grosse und wahrscheinlich auch sehr teure Unannehmlichkeiten, die nicht nur uns, die wir von der Ignorieriung des Risikos profitieren, sondern primär die Armen und die folgenden Generationen treffen. Und die haben leider keine Mitsprache beim Entscheid.
    Urs Neu]

  11. Ende des Schmelzens

    FALL MEETING OF THE AMERICAN GEOPHYSICAL UNION:
    Galloping Glaciers of Greenland Have Reined Themselves In
    Richard A. Kerr

    Ice loss in Greenland has had some climatologists speculating that global warming might have brought on a scary new regime of wildly heightened ice loss and an ever-faster rise in sea level. But glaciologists reported at the American Geophysical Union meeting that Greenland ice’s Armageddon has come to an end.

    http://www.sciencemag.org/…summary/323/5913/458a

    Eine britisch-amerikanische Forschergruppe um Faezeh Nick und Andreas Vieli von der Durham University hat die entsprechenden Modelle nun einer kritischen Vergleichsstudie unterzogen. Dabei kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass aus der gegenwärtigen Rekordmenge an Schmelzwasser der Rückzug der Gletscher nicht langfristig hochgerechnet werden kann.

    Konsequenzen für prognostizierten Meeresspiegelanstieg

    Wie die Forscher in der Zeitschrift “Nature Geoscience” schreiben, besteht auch ihrem neuen Modell zufolge kein Zweifel daran, dass die seit einigen Jahren beobachtete verstärkte Eisschmelze unmittelbare Auswirkungen auf den Zungenbereich des Gletschers hat. So simuliert das Modell beispielsweise das bis zum Jahre 2005 gemessene schnelle Vordringen des Helheim-Gletschers, eines der größten bis ins Meer reichenden Gletscher Grönlands, recht genau. Im Gegensatz zu den anderen Modellen der Gletscherbewegungen erfasst das britisch-amerikanische Modell aber auch die erhebliche Verlangsamung des Gletschervorstoßes, die seit einigen Jahren gemessen wird. Die Modellrechnungen ergeben sogar, dass sich der Helheim-Gletscher in einigen Jahren weiter im Inland stabilisieren wird.

    Sollte das Modell tatsächlich die langfristigen Verhältnisse in Grönland beschreiben, dann hätte das erhebliche Konsequenzen für die Berechnung des künftigen Meeresspiegelanstieges. Käme es nämlich zur vorhergesagten Stabilisierung der Gletscher, wäre der Anstieg weit weniger dramatisch, als die Forscher gegenwärtig annehmen.

    http://www.faz.net/…C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    [Antwort: “Sollte, hätte, käme”. Ihre Formulierungen und der Artikel von R. Kerr bestätigen genau das, was ich geschrieben habe: Wir wissen nicht, wie stark die Trends sein werden. Vielleicht wird der Eisabfluss relativ gering sein, vielleicht aber auch nicht. Die Prognose von zwei Metern Meeresspiegelanstieg bis 2100 rechnet mit einer viel geringeren Beschleunigung als die Entwicklung der letzten Jahre. Die Tatsache, dass das Abschmelzen auch relativ gering sein könnte, schliesst das Risiko eines schnellen Abschmelzens nicht aus.
    Urs Neu]

  12. Energieeffizienz

    Hallo Herr Neu, ich denke wir reden ein wenig aneinander vorbei. Man sollte folgende Dinge etwas auseinanderhalten:

    1. Energieeffizienz-Maßnahmen, die auch ohne Subventionen bares Geld sparen, werden natürlich von der Wirtschaft und den Verbrauchern realisiert. Die CO2-Einsparung und Veringerung der Abhängigkeit von Energieimporten sind dabei nur Nebeneffekte.

    2. Techniken zum Ersatz fossiler Energien bzw. CO2-Verminderung werden fast ausschließlich wegen der Subventionen durchgeführt. Ohne EEG gäbe es vermutlich keine einzige Windmühle oder Solaranlage. Ob die EEG-Strategie sinnvoll ist oder nicht, möchte ich nicht beurteilen.

    3. Maßnahmen, die ausschließlich die CO2-Verminderung zum Ziel haben sind meiner Meinung nach kontraproduktiv. Wenn man z.B. hört, dass die geplante CO2-Abscheidung bei Kohlekraftwerken den Wirkungsgrad reduziert und damit mehr Kohle verfeuert werden muß, und gleichzeitig die CO2-Lagerung in Bergwerken extrem teuer und unsicher ist, fragt man sich was das eigentlich soll.

    Es geht doch letzlich um die Frage, wie man die gewünschten Ziele, nämlich die Reduzierung der fossilen Energieerzeugung, Unabhängigkeit von Energieimporten und Senkung des CO2-Gehaltes mit den vorhandenen Mitteln am besten realisiert. Wenn alle Mittel in die genannte CO2-Abscheidung, Zertifikatehandel und Klimakonferenzen gesteckt werden, bleibt das Problem mit der Importabhängigkeit nicht nur bestehen, sondern vergrößert sich durch den höheren Verbrauch an Primärenergie auch noch.

    Eine Konzentration des Problems auf das CO2 ist deshalb kontraproduktiv, weil sie den Blick auf das große Ganze verdeckt.

    PS: Die Sache mit der Holzkohle (Terra Preta) steht in Kopenhagen meines Wissens auf der Tagesordnung. Mal sehen, was die Düngemittel- und Energiekonzerne dagegen unternehmen werden. Aber selbst wenn es in den CDM-Katalog aufgenommen wird bedeutet das noch nicht viel. Es sind ja fast ausschließlich Kleinprojekte betroffen und die haben weder die 6-stelligen Summen für eine Zertifizierung noch wird denen jemand die Zertifikate zu einem vernünftigen Preis abkaufen. Zu diesem Thema verfüge ich über Insider-Informationen, das ist eine echte Horror-Story.

  13. Peter Heller

    “Viele technische Ansätze, von modernen Wasserbausystemen, über Präzisionslandwirtschaft bis hin zu grüner Gentechnik müssen und werden hier zusammenwirken, um das zu erreichen.”

    Das ist ein Teilaspekt einer möglichen Lösung des Gesamtproblems. In vielen Gegenden der Dritten Welt, aber auch in Osteuropa, liegen die Hektarerträge drastisch unter denen in den Industrieländern. Eine Vervielfachung der Ernten ist technisch möglich.

    Damit würde allerdings eine gigantische Überproduktion an Nahrungsmitteln nebst Preisverfall entstehen, das nennt man Schweine-Zyklus. Die große Chance liegt darin, die so frei werdenden Flächen für Energiepflanzen zu nutzen. Damit hätten die Bauern zusätzliches Einkommen und könnten sich dann u.a. auch vernünftige Bewässerungen, Trockenanlagen, Saatgut usw. leisten, ganz ohne Entwicklungshilfe und Subventionen.

    Offenbar ist dies aber politisch nicht gewollt. Ich habe kürzlichen einen deutschen Landwirt gefragt, warum er nach der Getreideernte nicht noch Bohnen pflanzt, um proteinhaltiges Futter für seine Tiere selbst zu produzieren. Antwort: Es ist billiger, das Monsanto Roundup Gensoja aus Brasilien und Argentinien zu importieren…

  14. Nein, Herr Neu,

    ich sehe in Ihrer Stellungnahme vor allem eines: Sie versuchen, Ihre persönliche Überzeugung und Lösung – man müsse das Schlimmste verhindern – so darzustellen, als handele es sich um das Resultat eines nüchternen, ergebnisoffenen Bewertungsprozesses namens ‘Risikomanagement’.

    Sie reduzieren Ihre Version von Risikomanagement dafür auf Vermeidungs- und Begrenzungsstrategien und den Umgang mit extremsten Ereignissen … und natürlich läßt diese verstümmelte Auffassung dann gar keine andere Betrachtungsweise mehr zu.

    Deshalb erwähnen Sie auch keine anderen, alternativen Strategien aus dem Portefeuille des Risikomanagements wie zb Anpassung, Streuung und Akzeptanz, denn dann müßten Sie auch offenlegen, wieso Ihre Strategie die bessere sein soll.

    Sie vermeiden auch darzulegen, daß beim Risikomanagement keineswegs das größte Schadensereignis maßgebend ist. Tatsächlich beinhaltet schon die elementare Definition von Risiko, daß der Eintrittswahrscheinlichkeit eine ebenso hohe Bedeutung zukommt wie der Schadenshöhe.
    Das RM konzentriert sich deshalb schwerpunktmäßig gerade nicht auf die extremsten Schäden, weil gerade Extreme a) sehr selten, b) nur mit hoher Unsicherheit abzuschätzen und c) überaus schwierig und unzuverlässig steuerbar sind.

    Zur Verdeutlichung ein Beispiel aus dem Hochwasserschutz. Dort wird nicht versucht, Extremereignisse mit einer (vermuteten) Jährlichkeit von 1 000 oder mehr Jahren zu verhindern oder für diesen Fall kontrollierte Schadensbegrenzung zu betreiben. Und das ist das nüchterne, ergebnisoffene Ergebnis von RM-Prozessen und nicht etwa Fahrlässigkeit.

    [Antwort: Wir sprechen von zwei völlig unterschiedlichen Dingen: Sie sprechen über den Umgang mit nicht beeinflussbaren Risiken (z.B. Vulkanausbrüche, Tornados, usw.). Da haben Sie mit Ihren Überlegungen recht. Da ist sinnvolle Anpassung die einzige Lösung. Ich spreche jedoch über Risiken, die beeinflussbar sind, bzw. wie man mit beeinflussbaren Risiken umgeht, wo man wählen kann zwischen Anpassung und Verminderung des Risikos. Bleiben wir bitte dabei.
    Urs Neu]

  15. Der Sicherheitsgurt

    Zitat aus Ihrer Antwort an mich:

    „Das Argument, dass die Grösse eines Risikos keine Rolle spielt, verstehe ich nicht. Damit können Sie alle risikomindernden Massnahmen vom Tisch wischen (z.B. das Gurten tragen im Auto, da Unfälle trotzdem tödlich sein können).“

    Ich denke, hinter Ihrem Credo steckt ein anderer Begriff von „Risiko“, als er gemeinhin verwendet wird. Sie verwechseln nach meiner Auffassung „Schaden“ mit „Risiko“.

    Der Gurt im Auto ist hierfür der perfekte Beleg.

    Der Gurt ist keinesfalls dazu geeignet, Unfälle zu vermeiden. Er macht lediglich, so wie eine Vielzahl anderer Sicherheitssysteme im Automobil auch, die Folgen eines Unfalls beherrschbar. Das Argument für den Gurt ist genau nicht die Unfallvermeidung, sondern die Abmilderung der Folgen.

    […] Man kann mit einem Sicherheitsgurt keinen Unfall vermeiden, man kann auch nicht die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls senken. Denn ob man einen Unfall erleidet oder nicht, hängt neben der eigenen Fahrweise und der der vielen hundert anderen Autofahrer, denen man so begegnet, auch von einer Vielzahl fahrzeugtechnischer und äußerer Einflüsse ab.

    [Antwort: Sie haben Recht, dass das Gurt-Beispiel auch mit Anpassung zu tun hat. Aber es geht auch um Risiko, nämlich um das Risiko des tödlichen Unfalls. Und das können Sie mit dem Gurt senken. Der entscheidende Punkt ist Ihre Behauptung, die Folgen eines Extremereignis
    Urs Neu]

    Und ebensowenig kann man mit der Vermeidung von CO2-Emissionen erreichen, daß Wetterextreme wie Dürren oder Überschwemmungen nicht mehr geschehen.

    [Antwort: Man kann nicht erreichen, dass sie nicht mehr geschehen. Davon war auch nie die Rede. Sie werden jedoch kaum bestreiten, dass die Schäden von der Stärke eines Sturms oder der Dauer einer Dürre abhängen. Und das lässt sich mit der Vermeidung von CO2-Emissionen höchstwahrscheinlich beeinflussen.
    Urs Neu]

    Das Äquivalent zum „Sicherheitsgurt“, das ich einfordere, wäre in diesen Fällen ein entsprechendes Krisenmanagement und die Entwicklung technischer Lösungen. Lösungen, die helfen, trotz eines Wetterextrems sicher überleben zu können.
    Es stellt sich nämlich beim Risikomanagement nicht nur die Frage nach der Robustheit einer Strategie, sondern auch die Frage nach der Optimierbarkeit.

    [Antwort: Richtig. Es ist alles andere als klar, dass Anpassung besser ist als Vermeidung. Nicht aus ökonomischer Sicht und noch viel weniger aus moralischer Sicht, da Anpassung für die Hauptverusacher günstiger sein mag, für die Hauptbetroffenen jedoch mit Sicherheit nicht.
    Urs Neu]

    Ihr Ansatz, ein Risiko auszuschließen, ist bspw. im Straßenverkehr nur dann optimierbar, wenn man nicht am Straßenverkehr teilnimmt. Diesen Ansatz für alle Menschen gleichermaßen umzusetzen, hieße, den Straßenverkehr zu verbieten. Dies ist offensichtlich unvernünftig.

    [Antwort: Es geht wie gesagt nicht um Risikoausschluss. Wir können Überschwemmungen als solches nicht verhindern, aber Häufigkeit und Ausmass senken. Genau das tun wir auch im Strassenverkehr, nämlich durch Geschwindigkeitsbeschränkungen.
    Urs Neu]

    In Fragen des Klimaschutzes aber gibt es keine optimierbare Strategie nach Ihrem Credo. Denn so wenig, wie Sie als Autofahrer das Verhalten aller anderen Fahrer bestimmen oder vollständig vorhersehen können, so wenig können wir als Menschen die natürlichen Faktoren, die letztendlich unser Wetter bestimmen, beeinflussen.

    [Antwort: Den natürlichen Teil können wir nicht beeinflussen, aber den anthropogenen Einfluss. Im Strassenverkehr beeinflussen wir durch Geschwindigkeitsbeschränkungen auch das durchschnittliche Verhalten der anderen Fahrer und damit das Unfallrisiko. Das Risiko ist natürlich nicht ausschliessbar. Aber Risikomanagement bedeutet nicht die Unterscheidung zwischen gar kein oder volles Risiko.
    Urs Neu]

    Anders ausgedrückt: Wenn Sie, als einzelner Autofahrer, beschließen, nicht mehr am Verkehrsgeschehen teilzunehmen, ändert das nichts an dem möglichen Schaden, den andere Autofahrer durch Unfälle erleiden können. Und Klimaschutz, also CO2-Vermeidung, ändert in genau derselben Weise nichts am möglichen Schaden durch extremes Wetter.

    [Antwort: Wenn Sie das Autofahren sicherer machen wollen, müssen nicht alle auf das Autofahren verzichten, aber es müssen nicht nur Sie, sondern alle langsamer und vorsichtiger fahren. Das gleiche gilt für die CO2-Vermeidung. Es reicht natürlich nicht, dass Sie allein etwas tun (das verlangt auch niemand), sondern dass alle etwas tun.
    Urs Neu]

    Die in Wahrheit vernünftige Strategie in Bezug auf den Straßenverkehr ist es, ihn so auszustatten, daß im Falle eines Falles niemand mehr stirbt, der Totalverlust also nicht mehr eintreten kann. Und das ist eben möglich. Somit ist diese Strategie optimierbar. Und so, wie man es durch Technologie erreichen kann, daß jeder Autofahrer sich frei von der Angst vor einem tödlichen Mißgeschick auf den Weg machen kann, so besteht auch die Möglichkeit, uns von der Angst vor Wetterextremen zu befreien.

    [Antwort: Wie Sie im Strassenverkehr tödliche Unfälle technisch ausschliessen wollen, ist mir ebenso ein Rätsel wie Sie technisch die Folgen von Wetterextremen beherrschen wollen.
    Urs Neu]

    So handelt der Mensch schon seit Jahrzehntausenden, und das allein ist der Grund, warum wir noch existieren.

    Technischer Fortschritt bedeutet eben auch zunehmenden Schutz vor destruktiven natürlichen Einflüssen.

    Und wir werden, so meine Überzeugung, irgendwann dahin kommen, daß uns ein Hurrikan, eine Flut oder eine Dürre schlicht nicht mehr interessieren. In der entwickelten westlichen Welt ist es ja auch in Teilen schon so (die Angst in den Niederlanden im Meer zu verschwinden, ist beispielsweise äußerst begrenzt – die Angst vor einer Mißernte ist in Europa nahezu gleich Null –usw.).

    [Antwort: In Europa schon. Wir sind jedoch nicht die einzigen Menschen auf der Welt.
    Urs Neu]

    Wenn ich mit engagierten Klimaforschern diskutiere, dann stelle ich immer fest, daß irgendwann der Punkt kommt, an dem diese nicht verstehen, warum in der breiten Bevölkerung der entsetzte Aufschrei angesichts apokalyptischer Visionen ausbleibt, warum der sog. „Klimaschutz“ in Wahrheit von den meisten als Spinnerei belächelt wird.
    Der Grund dafür liegt im Wesen des Menschen. Das sollten Sie immer in Ihr Kalkül einbeziehen. Nach Ihrem Credo handelt ein Mensch irrational, der am Autoverkehr teilnimmt, obwohl er weiß, daß der Gurt ihn nicht vor einem Unfall beschützt. Ihr Credo, daß die Basis für jegliche Klimaschutzmaßnahme im Sinne von “Vermeidung von Risiken” darstellt, ist also nicht alltagstauglich (wie Wolfgang Flamme schon geschrieben hat).

    Was also tatsächlich auf die Agenda muß, ist ein „Sicherheitsgurt“ für den Klimwandel im Sinne einer Strategie der Anpassung an Folgen von eintretenden Risiken. Und nicht die Vermeidung des Unvermeidbaren.

    “Klimaschutz” darf also nicht übersetzt werden mit “Schutz des Klimas”, sondern mit “Schutz vor dem Klima”.

    So gestalten die Menschen, jeder von uns, auch ihren Alltag. Auch Sie, Herr Neu, oder?

    [Antwort: Da ist das grundlegende Missverständnis: Es geht um Risikominderung, nicht -ausschluss.
    Urs Neu]

  16. Rückgang von Gletschern

    Hallo Jochen,

    die Dicke und Mächtigkeit von Gletschereis hängt nicht nur von der Temperatur und ihrem Jahresgang ab.
    Neben dem Schmelzprozess wirken, sicher unter anderem, außerdem die Sublimation, sowie die Neubildung durch Niederschläge.
    Deshalb hängt die Dicke und Mächtigkeit von Gletschereis auch von der Luftfeuchtigkeit und der
    Niederschlagsmenge bzw. deren Jahresgang ab.
    Wäre es in den letzten Jahrzehnten über Grönland besonders trocken gewesen bzw. niederschlagsarm,
    dann würde das sicher auch einen Rückgang erklären, obwohl die Temperatur konstant bleibt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Günter Heß

  17. Technik gegen den Unfalltod

    Hallo Herr Neu,

    ich denke, wir können das hier abschließen, denn wir drehen uns im Kreis.

    Ihr Credo der Vermeidungsstrategie ist nun einmal grundlegend für alle Klimaschutzmaßnahmen, die der Reduzierung von CO2-Emissionen dienen sollen. Sie können davon also kaum abrücken, das verstehe ich schon. Auch, wenn es vernünftig wäre, aber ich konstatiere nun mal, daß engagierte Klimaforscher wie Sie, die Sie sich ja dankenswerterweise der Debatte stellen, sich da in etwas verrannt haben.

    [Antwort: Darüber, wer sich verrannt hat, kann man sich streiten. Sie sehen die technische Lösung eines Problems als das in jedem Fall beste Mittel an und erwarten, dass so alle Probleme der Menschheit gelöst werden können. Dies mag in der Vergangenheit funktioniert haben. In letzter Zeit haben sich technische Lösungen jedoch immer häufiger als Ursachen neuer, zum Teil noch grösserer Probleme entpuppt. Zudem sind aus ihrer Sicht “optimale” technische Lösungen oft nur aus Sicht des Technikbenutzers optimal, aber nicht unbedingt für den Rest der Gesellschaft. So erhöhen schwere, robuste Fahrzeuge zwar die Sicherheit der Fahrzeuginsassen (sind also optimal für den Fahrer), erhöhen jedoch die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer (Fussgänger, Radfahrer, Fahrer leichterer Fahrzeuge). Auch bei der CO2-Vermeidung gibt es das gleiche Problem: Die ausschliessliche Strategie der Anpassung ist zwar für unsere Generation in den Industrieländern, die wir uns in den nächsten zwei Jahrzehnten noch gar nicht stark anpassen müssen, selbstverständlich optimal. Für die armen Länder, die diese Möglichkeit nicht haben, sowie für die kommenden Generationen, die immer weniger von fossilen Energieträgern profitieren können und nur die Kosten der Anpassung tragen müssen, ist diese Strategie kaum optimal. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Selbstverständlich wird Anpassung nötig sein, dazu ist der Klimawandel bereits zu weit fortgeschritten. Es geht tatsächlich darum, die optimale Strategie zu finden, doch Ihr ausschliesslicher Fokus auf die heutige Generation der Industrienationen zielt am Problem, das einen globalen und langfristigen Horizont hat, vorbei. Zur Zeit muss in der Schweiz eine Giftmülldeponie, die in den 1970er Jahren für die damalige Wirtschaft die “optimale” Lösung darstellte, für viele Milliarden Franken und mit hohem Gesundheitsrisiko der beteiligten Arbeiter saniert werden. Ihr unerschütterlicher Glaube an die Technik als Allheilmittel und die Ausblendung ethisch-moralischer Gesichtspunkte kann ich nicht teilen. Schliessen wir also die Diskussion hier ab. Wer sich verrennt, wird die Zukunft zeigen.
    Urs Neu]

    Zum Abschluß möchte ich aber noch auf einen Punkt eingehen, Zitat:

    „Wie Sie im Strassenverkehr tödliche Unfälle technisch ausschliessen wollen, ist mir ebenso ein Rätsel wie Sie technisch die Folgen von Wetterextremen beherrschen wollen.“

    Fangen wir mit dem Straßenverkehr an. Es handelt sich hier um ein synergetisches Zusammenwirken einer Vielzahl technischer Systeme. Statt hochtheoretisch und abstrakt zu werden, verwende ich mal als konkretes Beispiel einen beliebigen Kollisionsunfall.

    Nehmen Sie ein Auto, daß seine Umwelt inklusive der korrekten Interpretation dynamischer Vorgänge besser wahrnimmt, als der Fahrer selbst, und das mit seiner Umwelt (bspw. mit anderen Fahrzeugen) kommunizieren kann. Es gibt nun einen Zeitpunkt, zu dem das Auto weiß, daß ein Unfall unvermeidbar ist. Es kennt seinen Fahrer, seinen Zustand, seine Reaktionsfähigkeit, es kennt seinen Fahrtvektor und den des Hindernisses, es kennt den Straßenzustand und seine technischen Möglichkeiten. Wenige Zehntelsekunden vor einem Aufprall weiß es also, daß es einen solchen definitiv geben wird. An der Physik kommt auch unser kluges Auto nicht vorbei. Und diese wenigen Zehntelsekunden reichen aus, um eine Vielzahl äußerst cleverer Maßnahmen in Gang zu setzen. Gurtstraffung, Airbag auf die Auslösung vorbereiten, Ausweichmanöver und Vollbremsung einleiten sind dabei nur die wenigen, die demnächst in Fahrzeugen serienmäßig verfügbar sein werden. In naher Zukunft wird das Auto das vorausfahrende Fahrzeug warnen und vielleicht auch bitten können, einmal kurz die Geschwindigkeit zu erhöhen. Dann wird ein automatischer Notruf an eine Leitzentrale abgesetzt, der nicht nur die genaue Position unseres klugen Autos, sondern auch wichtige medizinische Informationen zum Fahrer enthält (Blutgruppe, Allergien, … – das ist nun eine wirklich aufregende Sache, der Notruf wird abgeschickt, noch bevor der Unfall tatsächlich passiert ist). Und irgendwann werden wir auch über adaptive Karosserien verfügen, die punktuell verstärkt oder abgeschwächt werden können, um die Kollisionsenergie aufnehmen und ablenken zu können. In Verbindung mit entsprechend gut ausgestatteten Rettungsdiensten (die bspw. über neuartige Fluggeräte a la Gyrocopter verfügen) ist es auf diese Weise mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr möglich, bei einem solchen Unfall zu Tode zu kommen.

    Einiges davon ist bereits Realität, anderes kommt bald in die Serie und an allen oben genannten Punkt wird gearbeitet. Kommen Sie zur CeBIT? Da kann man sich intelligente Fahrzeuge dieser Art ansehen.

    Wie gesagt, der Unfall als solcher wird bei diesem System als unvermeidbar akzeptiert. Er findet statt.
    Und dieselbe Vorgehensweise ist auch in Fragen der Wetterextreme erforderlich. Für Dürren, Überschwemmungen u.ä. kann ich mir eine Menge vorstellen. Das Spektrum reicht vom „adaptiven Deich“ (in dem gezielt Tore geöffnet werden, um bestimmte Areale zu überfluten, andere dagegen nicht) über gentechnisch optimierte Nutzpflanzen (die Dürren o.ä. problemlos überstehen), Maßnahmen effizienter und effektiver Vorratshaltung (um Hungersnöte zu vermeiden), effektive und effiziente Wasseraufbereitung und – gewinnung, bis hin zu entsprechend ausgestatteten Leitzentralen und Rettungsteams.

    Sie räumen doch oben auch ein, daß wir dies in Europa schon sehr gut umgesetzt haben. Warum also sollte das der Rest der Welt – mit unserer Hilfe möglicherweise – nicht auch können?

    Die Liste der Anpassungsideen, die durch moderne Technik, etwa telematische Systeme und neue Materialien in Verbindung mit Bio- und Gentechnik, erst möglich und denkbar werden, umfaßt locker mehrere Seiten.
    Unter der Überschrift „einhundert Dinge, die man hätte haben müssen, damit New Orleans den Hurrikan Kathrina ohne mit der Wimper zu zucken übersteht“ könnte man hier eine Menge zusammentragen. „Irgendetwas mit CO2-Vermeidung“ aber steht nicht auf dieser Liste…

    Womit also rettet man Menschenleben? Beispielsweise mit Einsatzteams, die über genaue Ortungs- und Navigationssysteme in Verbindung mit exakten digitalen Karten verfügen? Oder mit „CO2-Vermeidung“?

    [Antwort: Fragt sich nur noch, wer das bezahlt, vor allem in den armen Ländern (das Prinzip Hoffnung reicht dafür nicht aus). Und ebenso fragt sich, was mehr kostet, die CO2-Vermeidung oder die ganzen technischen Massnahmen. Je nach Klimaentwicklung könnten die Kosten für die Anpassung deutlich höher werden. Da fragt sich dann eben, was optimal bedeutet. Aber lassen wir die Diskussion hier stehen.
    Urs Neu]

    Nun gut, Ihnen Danke für diese angeregte Diskussion und viel Erfolg bei Ihren weiteren Forschungen. Daß Sie der Experte für die Kryosphäre sind, erkenne ich unumwunden an, aber lassen Sie mir meine intelligenten Autos, für die ich nun wiederum Fachmann bin. Und die Übertragung der Systemkonzepte vom intelligenten Auto auf den „intelligenten Deich“ oder die „adaptive Landwirtschaft“, nun, die sehe ich auch eher bei mir, als bei Ihnen.

    Alles Gute, beste Grüße und bis zum nächsten Mal.

  18. Herr Neu,

    Sie antworteten mir: “Wir sprechen von zwei völlig unterschiedlichen Dingen: Sie sprechen über den Umgang mit nicht beeinflussbaren Risiken (…)”

    Ich sehe keinen Anhaltspunkt dafür, daß ich mich in meinen Stellungnahmen auf unbeeinflußbare Risiken festgelegt hätte.

    Tatsächlich ist das von mir erwähnte Beispiel des Hochwasserschutzes oder das von Ihnen genannte Beispiel von Wirbelstürmen ja aus Ihrer Sicht grundsätzlich beeinflußbar, weil die Häufigkeit dieser Ereignisse nach Ihrer Auffassung vom Klimawandel mitbestimmt wird, dessen Ausmaß wir steuern können.

    Da wir jeden Euro nur ein einziges mal ausgeben können ist jetzt die Frage, wo wir die Mittel denn am ökonomischsten zur Risikosteuerung einsetzen – auch ein wesentlicher Bestandteil des RM. Sollen wir vielleicht gar nichts tun (Akzeptanz) und das gesparte Geld besser zur Steuerung anderer Risiken einsetzen?

    Oder sollen wir vielleicht mehr PV aufs Dach schrauben, damit Kohlestrom substituieren, damit das Ausmaß des CO2-Ausstoßes senken, damit den Klimawandel eindämmen, damit die Jährlichkeit von Hochwasserereignissen zu unseren Gunsten beeinflussen (Minderung)?

    Oder sich vielleicht doch durch konventionelle Strategien wie Ausbau von Rückhalteräumen, Anpassungen von Siedlungspolitik und Baurecht, Infrastrukturmaßnahmen und Kastastrophenschutz wappnen (Anpassung)?

    Versicherungszwang und Lastenausgleich wären ebenfalls eine Möglichkeit, um Härten vorzubeugen (Risikostreuung/-wälzung).

    Oder eben eine möglichst optimale Verteilung der Mittel auf diese (und andere) Maßnahmen, die das Gesamtrisiko oder unzumutbare Härten im Einzelfall – je nach Präferenz – minimiert und die begrenzten Mittel optimal einsetzt?

    Herr Neu, das ist jetzt bloß locker runtergeschrieben, erhebt keinen wissenschaftlichen oder fachspezifischen Anspruch. Es soll lediglich verdeutlichen, daß RM deutlich mehr Optionen beinhaltet und Möglichkeiten eröffnet als nur extremste Schäden zu verhindern/begrenzen. Und nach wie vor fehlt der Nachweis, daß die Verminderung des Treibhausgas-Ausstoßes die optimale Methode ist, auf die Problematik zu reagieren.

    U.a. der Stern-Report hat sich an diesem Nachweis versucht und ist heftig kritisiert worden … nicht nur von Konservativen, sondern u.a. auch von Umweltschützern.

    Der Klimawandel ist komplex genug, das Thema Klimawandelfolgen ist noch komplexer und das Thema optimierte Klimawandelfolgen-Minimierung sprengt nochmals diese Grenzen. Da kann man doch nicht kurzerhand mit einer ‘Lösung’ daherkommen und sich eine Vorstellung von ‘Risikomanagement’ zurechtzimmern, die zu dem Ergebnis paßt.

    Wenn jemand behauptet, er habe die beste Lösung für meine drängendsten Zukunftsprobleme gefunden, habe ich dann nicht das Recht – ja, die Pflicht – zu fragen, wie genau er zu dieser Lösung gekommen ist? Und wenn ich auf Unstimmigkeiten stoße, darf – muß – ich dann nicht mißtrauisch werden?

    [Antwort: Sie haben völlig recht, dass das Thema komplex ist und es keine Patentlösung gibt. Das Problem ist, dass wir die Grösse des Schadens, der ohne Minderungsmassnahmen eintritt, nicht kennen. Je nach Grösse des Schadens kann die eine oder die andere Strategie besser sein. Wir wissen allerdings, dass sehr grosse Schäden möglich sind, welche den Aufwand zur Verminderung vermutlich deutlich übersteigen. Ich habe keine Patentlösung, es geht um die Wahl der grundsätzlichen Strategie. Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Strategien, einerseits das Prinzip Hoffnung, nämlich dass der Schaden im untersten Bereich der möglichen Entwicklung liegt (mit dem Risiko der Möglichkeit eines sehr hohen Schadens) oder anderseits das Prinzip Vorsorge, das einen besser berechen- und planbaren Mitteleinsatz zur Verminderung (mit einem gewissen Verzicht auf kurzfristigen Gewinn) vorzieht und damit das Risiko eines hohen Schaden senkt. Ich ziehe die zweite Variante vor, auch unter Berücksichtigung bereits erwähnter moralisch-ethischer Aspekte und langfristiger Überlegungen. Die Finanzindustrie hat es mit der ersten Variante versucht. Das Problem beim Klima ist, dass im Falle des Eintreffens von Schäden im oberen Bereich der Erwartungen auf Ursachenseite keine Korrekturmöglichkeiten mehr bestehen und die Anpassungs- und Schadenskosten sehr, sehr teuer werden können. Welche Variante gewählt wird, entscheiden Gesellschaft und Politik. Dieser Entscheid hat auch nichts mit Wissenschaft zu tun.
    Urs Neu]

  19. Herr Neu,

    wenn Sie schreiben “dass wir die Grösse des Schadens, der ohne Minderungsmassnahmen eintritt, nicht kennen”, dann ist das doch eigentlich nur die halbe Wahrheit. Denn die Größe des Schadens, der *mit* Minderungsmaßnahmen eintritt, die kennen wir doch auch nicht wirklich.

    Und die zugehörigen Eintrittswahrscheinlichkeiten auch nicht. Wir können also eigentlich gar keine klare Aussage über das Risiko machen, außer daß es eines gibt und daß es potentiell groß sein könnte.

    Wir sind ja noch nichtmal imstande vorherzusehen und zu berücksichtigen, daß die US-Nachfrage nach Bioethanol den Mexikanern das Essen klaut und daß unsere Investitionen in umweltverträgliche Biotreibstoffe dazu führen, daß im indonesischen Raum unwiederbringlich Tropenwälder gerodet werden – dabei ist das eigentlich nicht anspruchsvoller, als beim Schach einen Halbzug vorauszudenken.
    In einer Zeit drängender Probleme und entsprechend knapper Mittel betreiben wir eine Energiepolitik, welche den Einsatz der Technologien mit den höchsten CO2-Vermeidungskosten am großzügigsten unterstützt.

    Da muß man die Illusionen doch einfach mal abstreifen. Ich sehe da Ihre Lösung und den Impetus des Moralischen und auch die Gewißheit, daß es für jedes komplexe Problem eine Lösung gibt, die einfach, klar und … falsch ist.

    Meine Einstellung ist deshalb: Gerade wenn man gefordert ist, das Beste zu tun, sollte man sich nicht für’s Erstbeste entscheiden. Verbraucherschützer warnen nicht umsonst vor Vertragsabschlüssen, bei denen man sich (angeblich) unbedingt sofort entscheiden müsse, weil sonst erheblicher Verlust drohe.

    [Antwort: Ich habe nie von erstbesten Lösungen gesprochen. Dass Bioethanol problematisch ist, habe ich schon vor drei Jahren, als die Schweizer Regierung Biotreibstoffe zuoberst auf den Massnahmenkatalog setzen wollte, in einer Stellungnahme erwähnt. Zur Zeit sind wir an einem ausführlichen Assessment von Biotreibstoffen der zweiten Generation, damit dort nicht die gleichen Fehler passieren (eine unbedingte Förderung) wie bei denjenigen der ersten Generation. Ich bin selbstverständlich dafür, die geeignetsten Massnahmen zu ergreifen. Von der Art der Massnahmen handelt der Beitrag jedoch gar nicht.
    Urs Neu]

  20. Konkrete Maßnahmen

    “Ich bin selbstverständlich dafür, die geeignetsten Massnahmen zu ergreifen. “

    Hallo Herr Neu, da sind wir glaube ich alle einer Meinung. Mich würde allerdings sehr interessieren, welche konkreten Maßnahmen Sie im Einzelnen vorschlagen. Ständig hört man Aussagen wie “Wir müssen umdenken” oder “der CO2-Ausstoß muß reduziert werden”. Dummerweise wird aber fast niemals vorgeschlagen, wie das denn nun genau vonstatten gehen soll.

    [Antwort: Es gibt sehr viele Möglichkeiten der Reduktion. In vielen Bereichen kann der Energieverbrauch und damit der CO2-Ausstoss bei gleicher Leistung stark reduziert werden. Häuser lassen sich mit äusserst geringem Energieeinsatz heizen, und auch die Mobilität ist viel effizienter zu haben. Aufgrund des grossen Luftvolumens der Atmosphäre war die Emission von Abgasen so lange kein Problem und deshalb ohne Preis, als die Konzentrationen keine Schäden verursacht haben. Dies hat sich zuerst beim Schwfeldioxid geändert (Wintersmog). Daraufhin wurden die SO2-Emissionen in Europa und den USA in den 1970er und 1980er Jahren stark reduziert (um 60-90 Prozent), ohne dass die Wirtschaft oder unser Wohlstand im geringsten darunter gelitten hat. Einerseits durch Emissionsvorschriften (v.a. Europa) oder durch Emissionslenkungsabgaben (u.a. USA). Beide Instrumente sind einfach und haben sich bereits als sehr effizient erwiesen. Beim CO2 stehen wir nun auch an der Schwelle, wo die Emissionen so gross geworden sind, dass sie in irgendeiner Form einen Preis erhalten müssen. Das heisst, dass die “Entsorgung” von CO2 wie diejenige von allem anderen Abfall (Hauskehricht, Abwasser, usw.) nicht mehr gratis ist. Vor allem in dieser Hinsicht ist ein Umdenken notwendig. Es geht nicht um den Abbau von Wohlstand oder die Zerstörung der Zivilisation. Es geht um eine intelligente und effiziente Nutzung unserer Ressourcen (inklusive Atmosphäre als Auffangbecken von Abgasen!). Aufgrund der billigen Energie und Moblilität haben sich in der Wirtschaft z.T. sehr ineffiziente Produktionweisen (v.a. enorme Transportwege) etabliert. Hier sind Korrekturen notwendig, die sich auch durch höhere Energiepreise ergeben werden. Es gibt natürlich sehr viele verschiedene Massnahmen, die nötig sind, die uns insgesamt aber auch verschiedene weitere Vorteile bringen werden (u.a. geringere Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten, geringere Luftverschmutzung wie z.B. Feinstaub).
    Urs Neu]

  21. Aasivik fire &ice 2009

    Ich freue mich auf eine Veranstaltung in Grönland hinweisen zu können:

    „Aasivik Fire & Ice 2009“ in Grönland
    Global Climate Forum
    17.-19. Juli 2009, nahe Kangerlussuaq, Grönland

    Alte Weisheit indigener Völker und moderne Wissenschaft verbinden sich für den Klimaschutz

    Die Auswirkungen des globalen Klimawandels sind auf Grönland besonders stark sichtbar und spürbar: Mit erschreckender Geschwindigkeit schmelzen Eisberge und verändern den Salzgehalt des Meeres, der den Verlauf des Golfstromes bestimmt; in den Sommermonaten werden Landflächen freigelegt, die für immer schneefrei bleiben. Das sind Veränderungen, die nicht nur auf die Bewohner der Insel Einfluss nehmen, sondern auch auf Europa, dessen Klima vom Golfstrom abhängt.

    Aasivik Fire & Ice 2009
    Vom 17. bis 19. Juli 2009 findet an der Westküste Grönlands unmittelbar am Eisschild „Aasivik Fire & Ice 2009“ statt auf Einladung der Föderation der Ältesten Grönlands und der Organisation „Ancient Wisdom for Earth“ (AWE).

    Delegationen indigener Völker aus aller Welt sowie international anerkannte Wissenschaftler, Politiker, Künstler, Umweltschützer, Führungspersönlichkeiten und die Öffentlichkeit finden sich zusammen, um moderne Wissenschaft und indigene Weisheit miteinander zu verbinden („Science meets Spirit“) und den Naturvölkern Gehör im globalen Diskurs über den Klimawandel zu verschaffen.

    Eine uralte Prophezeiung geht in Erfüllung
    Mit dieser Zeremonie wird sich eine uralte Prophezeiung der Kalaallit Grönlands erfüllen: Wenn das große Eis schmilzt, die Erde in großer Bedrängnis ist und wieder Bäume in Grönland zu wachsen beginnen, wird das Heilige Feuer dorthin zurückkehren – und mit ihm eine neue Weisheit, die in die Welt zieht.

    Auftakt des Global Climate Forums bildet eine Feuer- Zeremonie: Auf dem Fundament der Asche Heiliger Feuer aus aller Welt wird das große Heilige Feuer feierlich entzündet mit dem Holz der Bäume, die heute wieder in Grönland wachsen. Diese Zeremonie ist Symbol für die tiefgreifenden Veränderungen, die auf der größten Insel der Welt seit Jahren vonstatten gehen.

    Indigene Weisheit zum Nutzen der Klimaforschung

    Die Beobachtungen der Bewohner Grönlands stellen einen wichtigen Beitrag für die Klima- und Polarforschung dar. Die Klimaveränderungen haben bereits unmittelbar Einfluss auf ihr Leben. Die Fjorde frieren später zu, die Zeit zum Jagen wird immer kürzer. Die Jagd an sich wird von Jahr zu Jahr gefährlicher, da sich die Qualität des Eises aufgrund des erhöhten Süßwasseranteils immer stärker verändert. Für die Bewohner Grönlands zeigt sich jeden Tag, dass der Klimawandel einen Bewusstseinswandel auf allen Ebenen erfordert. In der modernen Welt Europas ist der tägliche Wandel des Klimas am dramatischen Rückgang der Gletscher in den Alpen zu sehen und ruft uns zum Handeln auf.

    In den Foren „Science meets Spirit“ von „Aasivik Fire & Ice 2009“ treffen Wissenschaftler mit Stammesältesten aus aller Welt zusammen, um die Stimmen der Naturvölker in den weltweiten Diskurs über den Klimawandels einzubringen.

    Das Ergebnis der verschiedenen Workshops und Foren soll auf der Kyoto-Nachfolgekonferenz in Kopenhagen präsentiert werden.

  22. Gletscherbeben & Eisschmelze

    In den letzten Jahren hat die Häufigkeit von Gletscherbeben deutlich zugenommen. Dies wird als Indiz dafür gesehen, dass sich das Eis in Folge von mehr Schmelzwasser zwischen Felsuntergrund und Eis schneller bewegt – also auch ein Hinweis auf zunehmende Abschmelzvorgänge. Näheres dazu z.B. unter http://www.groenlandinfo.de/index.php?id=3581

  23. 2 Fragen zu Ihrem Artikel

    Sehr geehrter Herr Neu

    Beim Lesen Ihres interesasnten Texts sind mir zwei Fragen gekommen:

    1. Wo auf Grönland wurde gezeigte Fotografie geschossen? Kennt man die ungefähre Meereshöhe?

    2. Wie gesichert ist es, dass die Niederschläge über Zentralgrönland zunehmen, solange dort ein Eisschild liegt? Rein gefühlsmässig würde ich eher davon ausgehen, dass die einzige kalte Oberfläche weit und breit, wenn denn das Meereis im Sommer erst einmal weg ist, zur Bildung eines stationären Kältehochs führen müsste, welches sämtliche Niederschläge verhindern und zusätzlich die Entstehung von Gletscherseen fördern würde.

    Besten Dank für Ihre Antworten
    R. Schwörer

    [Antwort: Die Häufigkeit und Stationarität von Kältehochs ist vor allem vom Umfang der kühlen Unterlage abhängig. Kältehochs gibts vor allem über Zentralasien und Nordkanada. Grönland ist hingegen eher klein. Zudem treten Sie vor allem im Winter auf, und im Winter verändert sich die arktische Meereisbedeckung kaum. Eine signifikante Veränderung von Kältehochs über Grönland ist also nicht zu erwarten. Die Zunahme der Niederschläge über Zentralgrönland ist vor allem aufgrund der höheren Feuchtigkeit von wärmeren, bzw. weniger kalten, Luftmassen zu erwarten. Bezüglich Foto müssen wir beim Autoren nachfragen. Urs Neu]

  24. Zeit der Wikinger

    Mich würde Interessiern wie die Ausdehnung des arktischen Meereises
    und die Eismasse Grönlands zur Besiedlungszeit der Wikinger in der mittelalterlichen Warmzeit waren.
    Vergleichbar mit heute ?
    Gibt es überhaupt wiss.Arbeiten darüber ?

    [Antwort: Die Eismasse Grönlands war zur Zeit der Wikingersiedlungen praktisch exakt genauso groß wie heute – dies kann man aus Daten über den Meeresspiegel folgern, der sich zwischen den Jahren 1000 und 1900 um maximal +/- 20 cm verändert hat (die Belege dazu sind im IPCC-Bericht diskutiert). Da die Eismasse Grönlands etwa 7 Metern Meeresspiegel entspricht, hätte schon ein Eisverlust von 3% von Grönland den Meeresspiegel um 21 cm angehoben. Stefan Rahmstorf]