Um wie viel müssen wir die Deiche an der Nordsee erhöhen?

Was meinen Sie: Wenn der Meeresspiegel einen halben Meter steigt, müssen die Deiche dann einen halben Meter erhöht werden, um denselben Schutz vor Überflutung zu erhalten? Weit gefehlt – erläutert der folgende Gastbeitrag von Arne Arns

Änderungen des mittleren Meeresspiegels (engl. mean sea level, MSL) sind nicht nur Grundlage unzähliger (oftmals) wissenschaftlicher Diskussionen, sondern beeinflussen auch direkt die Küstenschutz-Strategien der Anrainerstaaten. So dienen Küstenschutzbauwerke üblicherweise dem Schutz des Hinterlandes vor großflächigen Überflutungen durch extreme Wasserstände und Wellen. Der Wasserstand setzt sich dabei aus den astronomischen Gezeiten, dem Windstau sowie dem mittleren Meeresspiegel (MSL für mean sea level) als Basishöhe zusammen. Dabei addieren diese drei Faktoren sich nicht einfach nur linear sondern können sich gegenseitig beeinflussen, etwa indem tieferes Wasser die Bodenreibung vermindert. Während ein nichtlinearer Zusammenhang zwischen Tide und Windstau bereits für viele Regionen weltweit nachgewiesen werden konnte (siehe z.B. Horsburgh & Wilson, 2007; Rego & Li, 2009), basieren die meisten Küstenschutzkonzepte auf der Annahme, dass ein Anstieg des MSL zu einer gleich großen Erhöhung von Extremwasserständen führt – 50 Zentimeter Meeresspiegelanstieg würde nach dieser Annahme also eine Erhöhung der Deiche um 50 Zentimeter erfordern.

In einer im Januar in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichte Studie zeigen wir nun jedoch, dass diese Annahme aufgrund nichtlinearer hydrodynamischer Rückkopplungen zu einer deutlichen Unterschätzung der erforderlichen Bemessungshöhen führen könnte. Demnach müssen Landesschutzdeiche entlang der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste im statistischen Mittel um etwa das 1,5-fache des Meeresspiegelanstiegs erhöht werden, um diesen Effekt zu kompensieren. Die Analysen basieren zwar auf einer regionalen Fallstudie, lassen sich jedoch auch weltweit auf andere Flachwasserküsten übertragen.

Zum generellen Hintergrund: die erforderlichen Schutzhöhen werden global (wie auch in Schleswig-Holstein) häufig aus extremwertstatistischen Verfahren abgeleitet. Hierzu werden aus langjährigen Wasserstandszeitreihen (d.h. an punktuellen Pegelmessstellen aufgezeichnete Wasserstände) Stichproben gebildet, die die größten Wasserstände der Beobachtungsperiode umfassen. Mit Hilfe von theoretischen Verteilungsfunktionen lässt sich das generelle Systemverhalten der höchsten beobachteten Wasserstände beschreiben und Aussagen über Wasserstände mit definierten Überschreitungswahrscheinlichkeiten (bzw. Jährlichkeiten – also z.B. ein Mal alle 120 Jahre) ableiten. Mittels Extrapolation können dabei sogar robuste Aussagen über seltene Ereignisse abgeleitet werden, die in der Beobachtungsperiode bislang gar nicht vorgekommen sind. So lassen sich z. B. aus einer 70-jährigen Zeitreihe Aussagen über ein Ereignis mit einem mittleren Wiederkehrintervall von 100 oder sogar 200 Jahren ableiten. Im Bereich der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste werden Landesschutzdeiche unter Verwendung ebendieser Prozedur auf einen Referenzwasserstand mit einem mittleren Wiederkehrintervall von 200 Jahren bemessen. Hinzu kommt der sogenannte Wellenauflauf, der die vertikale Auslenkung der Welle beim Eintreffen auf den Deich beschreibt.

Mit Hilfe dieses klassischen Ansatzes lassen sich unter stationären Bedingungen – also in einem stabilen Klima – robuste Ergebnisse erzielen. Berücksichtigt man jedoch die bereits im letzten Jahrhundert beobachteten Änderungen des MSL (14-22 cm im globalen Mittel; siehe z.B. Dangendorf et al., 2017) bzw. die für Ende diesen Jahrhunderts projizierten Anstiege, dann stellt sich unweigerlich die Frage, welchen Einfluss dieser Meeresspiegelanstieg auf Extremereignisse hat?

Hierzu ist es erforderlich, die Wasserstandskomponenten Tide und Windstau getrennt voneinander zu betrachten. Betrachten wir zunächst die Tide der Nordsee. Diese  entsteht zu großen Teilen durch die gezeitenerzeugenden Kräfte in den Tiefwasserbereichen des Nordatlantiks, d.h. die Gezeiten der Nordsee werden indirekt durch eine Art „Mitschwingung“ angeregt. Bei der Wanderung von den tiefen Bereichen des Nordatlantiks in die flachen Regionen der Deutschen Bucht wird die Tide durch sogenannte Flachwasser- und Reibungseffekte deformiert. Dabei gilt: je flacher desto stärker die Deformation! Steigt der Basiswasserstand (MSL) nun an, dann reduzieren sich hierdurch auch die deformierenden Effekte. Die Tidekurve nähert sich dabei immer stärker einer sinusartigen Form an, während die Amplitude der Tideschwingung zunimmt. Diese analytisch begründete Entwicklung konnten wir auch durch Computersimulationen bestätigen. Im Hinblick auf den Windstau (engl. Surge) ist dagegen bekannt, dass eine Erhöhung des Basiswasserstandes eine Reduktion der Windstauwirkung verursacht. Folglich verursacht ein steigender MSL eine Verringerung des Windstaus. Auch dies konnten wir in unseren Analysen zeigen.

Abb. 1 Untersuchungsgebiet und Meeresspiegel-Projektionen: (a) Grenzen des numerischen Modells, das zur Simulation der Wasserstände und Wellen verwendet wurde. Die Untersuchungen beziehen sich primär auf die sehr flachen Bereiche der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste, die in (b) im Detail dargestellt sind. Die Farbskalen in (a) und (b) geben die Tiefen im Untersuchungsgebiet an. (c) Zeigt die beobachteten (schwarz) und projizierten (farbig) Meeresspiegeländerungen der Szenarien RCP4.5, RCP8.5 und RCP8.5HE, die innerhalb der Computersimulationen berücksichtigt wurden.

Die für den Küstenschutz spannende Frage lautet nun: wie wirken Änderungen des MSL auf bemessungsrelevante Sturmflutwasserstände (d.h. die Summe aus Tide und Windstau) und auf Wellen? Da eine analytische Betrachtung unter Berücksichtigung aller potentieller Einflussfaktoren nicht möglich ist, basieren unsere Analysen auf numerischen Sensitivitätsanalysen. Hierzu haben wir innerhalb eines numerischen Wasserstands- und Seegangs Modells (Arns et al., 2015 & 2017) den Basiswasserstand um die MSL Projektionen der IPCC Szenarien RCP4.5 (+54 cm) und RCP8.5 (+71 cm) (Church et al., 2013) sowie um das RCP8.5 high end (RCP8.5HE) Szenario (+174 cm) (Grinsted et al., 2015) erhöht (siehe Abbildung 1). Dabei zeigen die Simulationen insgesamt eine netto Zunahme des Wasserstandes mit einem mittleren Wiederkehrintervall von 100 Jahren um 12 cm (RCP4.5) bis 17 cm (RCP8.5), zusätzlich zum Anstieg des mittleren Meeresspiegels. Zwar variieren die Ergebnisse entlang der betrachteten Küstenlinie, jedoch zeigt sich eine generelle Tendenz zu Sturmflutwasserständen, die den mittleren Meeresspiegelanstieg noch deutlich überschreiten. Folglich würde die Erhöhung der Deiche allein um den Betrag des MSL-Anstiegs zu einer Verringerung des Schutzniveaus gegen Sturmfluten führen.

Wie Tide und Windstau, werden auch Wellen durch Flachwasser- und Reibungseffekte beeinflusst. Dabei sind die Wellenhöhen im Flachwasser tiefenbegrenzt, d.h. sie können nicht höher werden, als das 0,78 bis 1,2-fache (je nach Brechertyp) der Wassertiefe. Wir haben dies etwas anschaulicher als eine Art Filtereffekt beschrieben. Mit steigendem MSL nimmt diese Filterwirkung allmählich ab und Wellen, die zuvor durch die Tiefenbegrenzung im Küstenvorfeld gebrochen wären, können nun frei bis an den Deich auflaufen (siehe Abbildung 2). Betrachten wir nun die Ergebnisse der numerischen Sensitivitätsstudie, dann zeigen die Wellenhöhen (für ein Wiederkehrintervall von 100 Jahren) eine Zunahme zwischen 26 cm (RCP4.5) und 78 cm (RCP8.5HE). Am Deich verursacht die Welle den sogenannten Wellenauflauf, d.h. ein Hochlaufen der Welle an der Böschung des Bauwerkes. Die dabei erreichte Höhe beschreibt die Wellenauflaufhöhe. Für Bemessungsfragen wird dieser Wellenauflauf mit den Wasserständen zu definierten Wiederkehrintervallen überlagert, d.h. die Zunahme der Wellenhöhen hat ebenfalls direkte Konsequenzen für erforderliche Deichhöhen.

Abb 2 Schematische Darstellung relevanter Wechselwirkungen zwischen Wellenbewegungen und Meeresspiegeländerungen im Küstenvorfeld. Die Wellen wandern mit unterschiedlichen Höhen in Richtung Küste. In küstennahen, sehr flachen Bereichen beginnen die höheren Wellen zu brechen. Beim aktuellen Meeresspiegel (schwarze Linie) passiert dies weiter entfernt von der Küste. Infolge dieser Filterwirkung können nur kleinere Wellen Richtung Küstenschutzbauwerk wandern. Steigt der Meeresspiegel an, dann wandert der Brechpunkt der Wellen weiter Richtung Strand während gleichzeitig auch weniger Wellen brechen und somit ungehindert auf das Schutzbauwerk treffen.

Da die bisherige Bemessungspraxis keinen Zusammenhang zwischen den Jährlichkeiten von Wasserstand und Wellen vorsieht, haben wir einen neuen Ansatz entwickelt, bei dem die beiden Größen unter Berücksichtigung von deren Abhängigkeit gekoppelt werden (für Details siehe Arns et al., 2017). Fast man nun alle, für die Bemessung relevante Komponenten mit Hilfe dieses Ansatzes zusammen, dann müssen Deiche im statistischen Mittel um das 1,5-fache (stellenweise sogar bis zum doppelten) gegenüber dem mittleren Meeresspiegelanstieg erhöht werden, um das aktuelle Sicherheitsniveau zu halten.

Die Ergebnisse deuten also darauf hin, dass aktuelle Bemessungspraktiken den Einfluss von Meeresspiegeländerungen auf die hydrodynamischen Belastungen am Deich unterschätzen. Dabei haben insbesondere die bislang weniger beachteten Komponenten (Sturmflut, Welle) den größten Einfluss. Gleichzeitig muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Studie auf einer Reihe von Annahmen basiert. So wurden keine Wetteränderungen in den Projektionen berücksichtigt, da es bislang keine gesicherten Aussagen gibt, wie sich die Häufigkeit schwerer Stürme im Zuge des Klimawandels verändern wird. Ähnliches gilt auch für potentielle Veränderungen der Wattflächen (Morphologie). In den Modellstudien wurden diese als konstant angenommen, jedoch würde ein „Mitwachsen“ der Watten dem nichtlinearen Anstieg entgegenwirken. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass damit in der Deutschen Bucht zumindest teilweise zu rechnen ist (siehe z.B. Hofstede et al., 2016). Jedoch zeigen sich auch dabei räumlich stark unterschiedliche Entwicklungen. Erst räumlich hoch aufgelöste Projektionen der Morphodynamik im Küstenvorfeld erlauben daher robuste Abschätzungen von Veränderungen des Sturmflutrisikos.

Arne Arns ist promovierter Bauingenieur mit dem Schwerpunkt Küstenwasserbau, Oberingenieur und Leiter der „Coastal Extremes“ Gruppe am Forschungsinstitut Wasser und Umwelt der Universität Siegen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Ermittlung küstenhydrologischer Extremereignisse sowie im Bereich vom Impactanalysen.

Quellen

Arns, A., Wahl, T., Dangendorf, S., Jensen, J. The impact of sea level rise on storm surge water levels in the northern part of the German Bight. Coastal Engineering, DOI:10.1016/j.coastaleng.2014.12.002, 2015.

Arns, A., Dangendorf, S., Jensen, J., Talke, S., Bender, J., Pattiaratchi, C.B.: Sea-level rise induced amplification of coastal protection design heights. In: Scientific Reports 7. DOI: 10.1038/srep40171, 2017.

Church, J. A. et al. Sea Level Change. Climate Change 2013: The Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, Cambridge University Press, 2013.

Dangendorf, S., Marcos, M., Wöppelmann, G., Conrad, C., Frederikse, T., Riva, R.: Reassessment of 20th century global mean sea level rise, PNAS, doi:10.1075/pnas.1616007114

Grinsted, A., Jevrejeva, S., Riva, R.E.M., Dahl-Jensen, D. Sea level rise projections for northern Europe under RCP8.5. Climate Research; 64 (1): 15 DOI: 10.3354/cr0130, 2015.

Hofstede, J.L.A., Becherer, J., Burchard, H.: Are Wadden Sea tidal systems with a higher tidal range more resilient against sea level rise?, J Coast conserv, Vol. 20, Issue 5, doi: 10.1007/s11852-016-0469-1, 2016.

Horsburgh, K. J. & Wilson, C.: Tide-surge interaction and its role in the distribution of surge residuals in the North Sea, J. Geophys. Res., 112, C08003, doi:10.1029/2006JC004033, 2007

Rego, J. L. & Li, C.: Nonlinear terms in storm surge predictions: Effect of tide and shelf geometry with case study from Hurricane Rita, J. Geophys. Res., 115, C06020, doi:10.1029/2009JC005285, 2010

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

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  1. Danke, für mich sehr spannend das Thema! Ich halte es für relativ wahrscheinlich, dass die Intensität von Stürmen zunimmt. Zumindest gibt es für vergangene längerfristige Warmzeiten gemäß Standardwerken geologische Evidenz für erhöhte Erosionsraten – wobei dies auch „heavier rainfalls“ zugeschrieben werden kann, die vielleicht im Küstenschutz auch eine Rolle spielen könnten. (Würden sie dies?)
    Beim ersten „mea[n] sea level, MSL“ im Text fehlt das n.

  2. Man könnte es auch anders formulieren, je höher der Wasserstand, desto mehr Wasser brandet gegen den Damm.
    Und ich vermute, dass auch die Geschwindigkeit der Wassermassen dabei zunimmt. Und die Bewegungsenergie die Wassermassen wächst quadratisch mit der Geschwindigkeit.
    Also muss der Damm geometrisch an Höhe zunehmen und nicht linear. Vermutung eines Laien.

  3. Müsste nicht auch die Umlagerung von Sand (-bänken) im Küstenvorfeld viel mehr berücksichtigt werden? Wie ändert sich der Meeresboden und dessen Bewegung, wenn das Wasser tiefer wird?

    Vielleicht wird der Sand näher an die Deiche heran umgelagert, bis sich wieder eine gewisse mittlere Neigung ab der Küstenlinie ergibt, aber entsprechend dem höheren Wasserstand auf höherem Niveau. Die Sandmenge fehlt dann aber anderswo, was sind die Folgen?

  4. Sehr geehrter Hr Arns
    Wenn alle ihre Annahmen und Simulationen stimmen, und allgemein auf andere Küsten übertragen werden können, müssten die Deiche also um den Faktor 1.5-2 zum tatsächlichen (nicht prognostizierten) Meeresspiegelanstieg erhöht werden.
    So what?
    Was in ihrer Analyse fehlt wären die Kosten solcher Deiche und Deicherhöhungen. Im Netz habe ich z.B. gefunden dass Niedersachsen seit 1955(!) nur etwas mehr als 2Mrd Euro ( http://www.haz.de/Nachrichten/Der-Norden/Uebersicht/Deiche-an-Niedersachsens-Kueste-sollen-wachsen-die-Kosten-aber-auch ) für Küstenschutz ausgab und ein brauchbarer Deich für Bangladesch nur ca. 5Mrd Euro kosten würde ( http://www.tagesschau.de/wirtschaft/klimawandel116.html ). Allein der gescheiterte Versuch durch die sogenannte Energiewende CO2 Emissionen zu reduzieren kostet uns jährlich(!) mehr als 25Mrd Euro an direkten Kosten.
    Weiterhin ist Abb 1 zu entnehmen dass der Anstieg sehr langsam verläuft. Die Welt wird im Jahr 2100 oder 2200 sicher ganz andere technische und finanzielle Möglichkeiten haben (zumindest dann wenn wir sie nicht mit einem carbon law (https://scilogs.spektrum.de/klimalounge/koennen-wir-die-globale-erwaermung-rechtzeitig-stoppen/) ins frühe Mittelalter zurück-beamen). Wenn zukünftige Generationen Flächen vor Überflutung schützen wollen wird das für diese kein Problem sein. Aber wir wissen nicht wie und wo zukünftige Generation wohnen und wirtschaften. Woher wollen wir wissen ob eine Fläche für die Menschen im Jahr 2XXX einen wirtschaftlichen Wert darstellt. Schon heute überlassen wir ehemals (land)wirtschaftlich genutzte Flächen wieder der Natur und freuen uns über deren Rückkehr.
    Fazit: Postulierte Folgen des Klimawandels sind eher harmlos, Folgen der Klimapolitik katastrophal

    mfg

    • Ich schlage vor, dass wir konsequent die externen Kosten des Straßenverkehrs internalisieren. Dann können wir jahrzehntelang Deiche erhöhen und es bleibt noch genug Geld für diverse Entschädigungen und weitere sinnvolle Investitionen. In einem früheren Beitrag habe ich übrigens einmal auf die erheblichen externen Nutzen der Erneuerbaren verwiesen.

      Ich empfehle Ihnen, sich etwas fundierter mit kostenrechnerischen Problemen zu befassen. Fangen Sie mit den Begriffen „externe“, „relevante“ und „versunkene“ Kosten an!

      Klimaskeptiker philosophieren z.B. regelmäßig – (weil sie irgendwo einen Blödsinn gelesen haben) – über „abgeschriebene AKW“ herum. Das ist schon peinlich, wenn man die Klappe riesenweit aufreißt, aber den Unterschied zwischen planmäßig/außerplanmäßigen, steuerrechtlichen und handelsrechtlichen (US-GAAP, IAS/IFRS, HGB???) sowie kalkulatorischen Abschreibungen bzw. Investitionsrechnung nicht verstanden hat.

    • @ michaelE

      Sie schmeißen in einer sehr plakativen Art und Weise mit Zahlen um sich, die Sie offenkundig nicht in einen Kontext setzen können oder wollen.

      1. Die 2 Milliarden € sind falsch. Es sind 3 Milliarden €. Und diese Zahl ist nicht inflationsbereinigt.

      http://www.nlwkn.niedersachsen.de/hochwasser_kuestenschutz/kuestenschutz/antworten_auf_haeufig_gestellte_fragen/kuestenschutz-und-deichbau-in-niedersachsen-45182.html

      2. Die Kosten in Höhe von 5 Milliarden € für Bangladesch sind eine vorsichtige Schätzung. Die Nordsee und der Indische Ozean sind zwei völlig verschiedene paar Schuhe und Bangladesch ist ein(!) bitter armes Land.

      Haben Sie bei Ihren verlinkten Artikeln auch gelesen, das so ein Deich gepflegt und instandgesetzt werden muss? Schauen Sie sich mal den Link bei Punkt 1 an, wie viel Millionen Niedersachsen Jährlich in den Küstenschutz investiert.
      Ein Bundesland, das ökonomisch weitaus stärker ist als Bangladesch.
      Nehmen Sie die 61,6 Millionen Euro von Niedersachsen mal 100. Dann landen sie bei über 6 Milliarden € an „ihren Kosten“ in den nächsten 100 Jahren.

      Und Bangladesch ist nur ein (!) armes Land das diesen Küstenschutz benötigt.
      Wie viele Länder gibt es noch? Wie lang ist deren Küstenlinie? Woher nehmen Sie die Experten und das notwendige Gerät um auch diese Küsten zu schützen?
      Müssen bei so umfangreichen Maßnahmen, nicht sehr wahrscheinlich viele Menschen umgesiedelt werden? Haben die betroffenen Länder ähnlich viel Fläche zum brach liegen lassen wie Deutschland?

      3. Erklären Sie mir doch bitte einmal, was direkte Kosten sind und wie sich diese (möglichst) exakt zusammensetzen.

      4. Was wir uns in Zukunft als Gesellschaft leisten können, technisch und ökonomisch, wie viel Fläche wir benötigen, oder welche anderen Folgen der Klimawandel hat, sind sehr schwer zu ermessen und entsprechend schwer zu kalkulierende Faktoren.

      Zu versuchen diese schwer einschätzenden Faktoren auch noch zu relativieren ist falsch.
      Für etwas was wir nach Ihrer Aussage gar nicht wissen können, ist Ihre Kosten-Nutzen-Analyse erstaunlich präzise und etwas einseitig.

      MfG

    • @michaelE: Auf der Tagesschauseite hieß es, dass der 5 Mrd. Euro-Deich die Folgen des Klimawandels abmildern. Also nicht vollkommen abwehren. Die Frage wäre aber, wer bezahlt das, denn Bangladesch wird dieses Geld nicht aufbringen können? Zudem heißt es, dass die OECD-Staaten pro Jahr an die 95 Mrd. Euro ausgeben müssen, um sich überhaupt anzupassen.

      Man kann Klimaschutz auch aus rein ökonomischer Sicht sehen. Und da zeigt der Stern-Report, dass ein weiter so (also ohne Maßnahmen) die Weltwirtschaft enorm belasten wird und mit erheblichen Einbrüchen rechnen muss. Umgekehrt kosten die Maßnahmen vielleicht 1-2 % der Wirtschaftsleistung. Ein Land wie Deutschland hat ein Bruttosozialprodukt von über 3 Billionen Euro. Da macht eine Energiewende von 25 Mrd. Euro nicht mal 1% aus, die zudem eine temporäre und keine dauerhafte Belastung darstellen.

      „Weiterhin ist Abb 1 zu entnehmen dass der Anstieg sehr langsam verläuft.“

      Das hängt aber ganz von unserem Verhalten ab. Wenn wir wenig in der Vermeidung von CO2-Emissionen machen, müssen wir umso mehr in die Anpassungsmaßnahmen stecken.

      „Wenn zukünftige Generationen Flächen vor Überflutung schützen wollen wird das für diese kein Problem sein. Aber wir wissen nicht wie und wo zukünftige Generation wohnen und wirtschaften.“

      Natürlich wissen wir, wo die nächsten Generationen wohnen werden. In den Städten, die heute schon existieren. Oder kennen Sie Großstädte in Europa, die nicht älter als 100 Jahre sind? Auch möchte ich Zweifel anmelden, ob der Überflutungsschutz in der Zukunft „kein Problem“ darstellt. In Anbetracht dessen, um wie viel teurer Großbauprojekte geworden sind, aber ich nicht den Eindruck, dass das für zukünftige Generationen plötzlich ein Klacks sein sollte. 1920 hätten die Menschen auch sagen können, dass es eine Leichtigkeit für die Menschen in 100 Jahren sein müsste, einen neuen Bahnhof zu bauen. Jetzt fragen Sie mal die Stuttgarter. 😉

      „Fazit: Postulierte Folgen des Klimawandels sind eher harmlos, Folgen der Klimapolitik katastrophal“

      Ein merkwürdiges Fazit, was sich nicht mal aus ihren Aussagen ergibt.

    • Naja, ein großer Teil aller Menschen lebt in küstennahen Regionen. Die Welt hat übrigens über 350 000 Kilometer Küste, Bangladesh etwa 580 Kilometer. Würden 100 000 km eingedeicht werden, dürfte das also über 860 Milliarden kosten, vermutlich um einiges mehr, da Deiche etwa in Japan (Küstenlinie 29 000 Kilometer) um einiges teurer sein dürften als Deiche in Bangladesh. Aber diese Zahlen sind natürlich höchst spekulativ.

      Ihre Rechnung klammert in jedem Fall weitere monetäre (in Folge von Dürren etwa) und nicht monetäre Kosten (u. a. Verlust von Artenvielfalt) des Klimawandels aus. Diese sollte vor einem derartigen Fazit wohl miteinbezogen werden.

      Von daher sollten – selbst streng ökonomisch gesehen – Klimaschutzziele weiterverfolgt werden. Darüber hinaus sind viele Maßnahmen auch im Blick auf andere Ziele sinnvoll:
      – weniger Fleischverbrauch: Tierwohl, Gesundheit, Wasserverbrauch, Energieumsatz
      – weniger Autoverkehr: weniger Lärm/Schadstoffe/Flächenverbrauch
      usw. usf.

      Überhaupt: Das monetäre Kostenargument ist zwar wichtig, aber nicht alles.
      Der bloße Blick auf die monetären Kosten verstellt nämlich oft, dass der status quo kein Idealzustand ist. Städte wie Oslo und Kopenhagen planen so die autofreie Innenstadt auch nicht (nur) deshalb, weil sie das Klima retten wollen. Sie wollen für ihre Bewohner (und Besucher) ein attraktiver Ort sein (was übrigens im Wettbewerb ein Standortvorteil ist. M.W. waren die autofixierten Städte (wie L.A.) auch nie in den (natürlich auch fragwürdigen (aber sicher nicht aufgrund eines Ökobias‘) diversen Rankings) vorne, sondern Wien, Zürich, Oslo, Vancouver, usw.

    • Der verlinkte Artikel ist von 2008. Im 2007er Report hat der IPCC die Meeresspiegel-Erhöhung bis 2100 noch mit „Mindestens 0,3m“ angegeben, im 2013er Report war er dann eher bei 1m, es gibt auch schon Aussagen, dass es deutlich mehr werden könnte, James Hansen hat eine Studie herausgebracht, die von 5m spricht. Wie hoch möchten Sie denn die Deiche bauen? Ich würde vermuten, dass bei 5m Erhöhung kein Deich die Niederlande retten wird, egal wie viel man zu investieren bereit sein wird.

  5. Folgendes geschieht schon heute.

    Die Deiche an der Nordseeküste werden alle erhöht. Damit sind wir auch in den nächsten Jahrzehnten vor Sturmfluten sicher.

    Die Sturmfluten und schweren Sturmfluten haben in den letzten Jahrzehnten nicht zugenommen. Die Sturmfluten von 1962 und 1976 waren immer noch die verheerendsten der letzten 100 Jahre an der Nordsee. Der Windindex nimmt seit den 1990er Jahren zudem ab.

    Selbst die Halligen sind noch nicht untergegangen, an der Nordseeküste wird zudem immer noch Land gewonnen. Durch Lahnungen, die überall an der Nordseeküste stehen.

    Und der wichtigste Punkt, die Tidenhochwasser laufen durch ständiges Ausbaggern und Vertiefen von Ems, Weser und Elbe zu immer höheren Sturmflutenhochwassern in den Großstädten Bremen und Hamburg auf. Die Weser hatte beispielsweise vor den Vertiefungen im 19 und 20 und 21 Jh. einen natürlichen Tidenhub um 0,75 m. Heute sind es ca. 4 Meter in Bremen. Die Sturmfluten laufen so ungehindert in Weser und Elbe bis in die Metropolen auf.

    Da muss man sich wirklich nicht wundern, wenn die Deiche dort mal irgendwann brechen und die Flüsse versalzen. Und dieser Prozess ist vom Menschen gemacht und von den Grünen mit abgesegnet und keinen „Klimaschützer“ stört es anscheinend.

    Die Grünen in Bremen haben auch der Vertiefung der Weser zugestimmt und demzufolge auch einer Deicherhöhung. Die am Weserufer stehenden Plantanan sollen daher jetzt abgeholzt werden. So funktioniert Klimaschutz.

    MfG

    Michael Krüger

    • Jetzt habe ich einige Zeilen lang geglaubt, dass Sie einmal für etwas sind, Herr Krüger, und nicht immer nur dagegen.

      Aber sagen Sie mal, was haben die Bremer Grünen in Ihrem Beitrag verloren? Es geht doch um einen klar umrissenen Sachverhalt, ist mir doch vollkommen egal, wofür oder wogegen die Bremer Grünen sind!

      Was bringt mir diese Information?

    • So wichtig sind die Vertiefungen von Ems, Weser und Elbe auch wieder nicht. Der Welthandel brummt und wenn Containerschiffe die deutschen Häfen nicht anlaufen können spielt das überhaupt keinen Rolle, denn Rotterdam und Amsterdam erledigen das Rotterdam und Amsterdam noch effizienter.

      Dennoch ist ein Trend bemerkenswert. Auch wenn der Containerumschlag schwächelt geht es aufwärts im Hafen Hamburg:

      „Insgesamt hat der Hafen in den ersten drei Monaten 35,4 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen und damit 1,7 Prozent mehr als im gleichen Vorjahresquartal. Das lag vor allem an einem STARK STEIGENDEN BEDARF AN KOHLE für das Kraftwerk Moorburg und andere energieintensive Produktionsbetriebe. Der Massengutumschlag des Hafens stieg um 6,7 Prozent auf 12,2 Millionen Tonnen, so viel wie noch nie in einem Quartal.“

      http://www.n-tv.de/wirtschaft/Hamburger-Hafen-verliert-weiter-Anteile-article19858386.html

  6. Was die Weservertiefung angeht, so habe ich aber ganz andere Informationen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Weservertiefung#Politik

    „Die 2012 geplante erneute Vertiefung der Weserfahrrinne wird von der Bundesrepublik und den Ländern Niedersachsen und Bremen aus ökonomischen Gründen befürwortet.

    Verbände der regionalen Seewirtschaft sowie die politischen Fraktionen von CDU, FDP, den Freien Wählern und große Teile der SPD halten die Vertiefung für wirtschaftlich notwendig. Der damalige SPD-Ministerpräsidentenkandidat bei der Landtagswahl in Niedersachsen 2013, Stephan Weil, spracht sich nach rechtlicher Prüfung für die Vertiefung aus und ist nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten ein Befürworter des Ausbaus.

    Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) sprach sich für die Weservertiefung aus. Die Häfen seien das „Kraftzentrum der Wirtschaft im Land Bremen“. Die Wettbewerbsfähigkeit des Containerterminals Bremerhaven müsse dauerhaft gesichert werden, forderte er im Sommer 2013.

    Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) sagte: „Eine zeitnahe Vertiefung der Weser ist im Interesse der Niedersächsischen Hafenwirtschaft und für die weitere Entwicklung gerade des Hafens Brake wichtig. Denn es geht um Arbeitsplätze in Niedersachsen und in den bremischen Häfen.“

    Die Grünen im Land Bremen wie in Niedersachsen sind gegen das Projekt. Der Niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) beurteilte die Entscheidung des Gerichts 2013 zum Planungsstop positiv.“

    Oder
    https://nord24.de/politik/bremer-gruene-stellen-geplante-weservertiefung-in-frage

  7. Sehr interessanter Artikel der den Schluss zulässt, dass eine lineare Erhöhung der Deiche entsprechend der angenommenen Erhöhung des Meeresspiegels nicht ausreicht, und ggfs. sogar regional unterschiedlich hoch ausfallen kann.

    Da sich ja mit einer Erhöhung der Deiche auch die benötigte Fläche für die Deichanlagen vergrößert stellt sich ja auch die Frage bezüglicher möglicher Nutzungskonflikte (z.B. Deichfläche mit extensiver Weidebewirtschaftung vs. Ackerflächen), ggfs. Notwendigkeit der Verlegung von Straßen und die Frage, woher das Material für die Deiche selber nehmen.

    Gibt es auch Überlegungen bzw. Untersuchungen, ob und wenn ja, in welchem Umfang die komplette Rückverlegung von Deichen notwendig ist, weil sich vielleicht durch die Erhöhung des Meeresspiegels regional Meeresströmungen so verändern könnten, dass die anliegenden Deiche besonders gefährdet sind, oder vielleicht durch die Aufgabe von Landfläche der entstehende Druck auf die Deiche abgemildert werden kann?

    Frage ich mal so als Laie.

  8. Bangladesh steckt gerade mitten in der Frühindustrialisierung. Arbeitsintensive Industrien wie die Textilbranche boomen, kapitalintensive Industrien werden sich erst ansiedeln, wenn die politischen Rahmenbedingungen (Rechtssicherheit vs. Korruption) besser sind. Wenn der Meeresspiegel im selben Tempo weiter steigt wie bisher seit der Zeit von Watt und Celsius, dann hat Bangladesh genug Zeit, so reich zu werden wie die Niederlande heute sind, um dann so hohe Deiche zu bauen wie sie die Niederlande heute haben.

    So gesehen: danke für die Entwarnung! 50cm MSL-Anstieg, 80cm höherer Deichbedarf – das wuppen wir, dank der ganzen Elektroautos bleibt ja in Zukunft mehr Diesel für die Bagger übrig 🙂

    • Die 50 cm waren ein illustratives Beispiel, keine Projektion. Der aktuellste Report der US-Ozeanbehörde NOAA von diesem Jahr geht von einem „worst case“ Anstieg (Obergrenze bei unbegrenzten Emissionen) von 2,50 Meter bis zum Jahr 2100 aus. Einen halben Meter mehr als der vorherige offizielle Bericht der NOAA aus dem Jahr 2012. Es gibt beim Meeresspiegel keinerlei Grund zur Entwarnung, sondern leider führt die wachsende Instabilität der großen Eisschilde zu immer höheren Anstiegsszenarien, je mehr wir davon verstehen.

  9. was wäre schädlicher?

    Ein Anstieg um 1m oder ein Absinken des Meeresspiegels um den selben Betrag?