Polarluft auf Abwegen

Die USA ächzen unter eisiger Kälte bis hinunter in den Süden von Texas. Mindestens dreißig Menschen kamen ums Leben, Millionen sind ohne Strom. Auch bei uns in Deutschland ist gerade eine Kältewelle vorübergegangen, und im Januar gab es einen historischen Schneesturm in Madrid. Was ist da los?

Temperatur am 15. Februar. Grafik: NASA

Zwei konkurrierende Effekte beeinflussen unsere nördlichen Winter:

#1. Die globale Erwärmung.

#2. Zunehmende polare Kaltluftausbrüche durch Störungen des stratosphärischen Polarwirbels.

Auf lange Sicht gewinnt #1 – unsere Winter werden wärmer.
Das ist zu erwarten, da #2 nur gelegentlich auftritt, und die Polarluft wird ja ebenfalls wärmer.

Bereits vor drei Jahren habe ich hier erläutert, was der stratosphärische Polarwirbel über der Arktis mit Kaltluftausbrüchen auf angrenzende Kontinente zu tun hat – und kürzlich wieder im Spiegel. Datenanalysen belegen, dass gestörte Polarwirbelzustände mit Polarluftausbrüchen und damit Kälteextremen in Eurasien oder den USA verbunden sind.

Der Jetstream umschließt die Kaltluft. Darstellung der Washington Post
Schöne Darstellung der US-Rekordkälte von Thomas Ronge vom Alfred Wegener Institut

Kälteeinbrüche in den mittleren Breiten der Nordhemisphäre werden vom stratosphärischen Polarwirbel auf zwei unterschiedliche Arten beeinflusst.
Eine objektive Clusteranalyse der verschiedenen Polarwirbelzustände durch Marlene Kretschmer und Kollegen zeigt, dass Cluster 4 mit Kälte in den USA, Cluster 5 dagegen mit Kälte in Eurasien verbunden ist.

Beobachtete Temperaturabweichungen, die während der Phasen auftreten, in denen die Form des Polarwirbels zu Cluster 4 bzw. Cluster 5 gehört. Grafik aus Kretschmer et al. 2018.

Nehmen diese Cluster in ihrer Häufigkeit zu? Die Reanalysedaten zeigen, dass dies im Zeitraum 1979-2018 der Fall ist. Und das kann erklären, warum sich die eurasischen Winter nicht stärker erwärmt haben.

Luftdruckmuster und Häufigkeit (1979-2018) von Cluster 4 und 5. Grafik aus Kretschmer et al. 2018.

Wir können natürlich nicht ausschließen, dass das einfach nur an zufälligen Wetterschwankungen liegen könnte. Andererseits gibt es plausible Mechanismen, die diese zunehmende Polarwirbelinstabilität mit der Erwärmung der Arktis und dem Meereisverlust verbinden. Die Analyse kausaler Wirkungsnetzwerke (eine Datenkorrelationsmethode, die in der Lage ist, kausale Zusammenhänge herauszukitzeln) legt nahe, dass das tatsächlich der Fall ist.

Kausalnetz zwischen der Meereisbedeckung der Barents-Kara-See (BK-SIC) und der Atmosphärendynamik. Grafik aus Kretschmer et al. 2016.

Den Einfluss der Barents-Kara-See Eisdecke habe ich schon 2013 hier im Blog diskutiert. Und Daniel Lingenhöhl hat ihn 2014 bei Spektrum.de geschildert. Sein Fazit damals:

Angesichts der fortgesetzten Eisschmelze in der Region erwarten die Klimatologen auch zukünftig weitere heftige Wintereinbrüche.

Darüber hinaus zeigt die Analyse von 35 Klima-Modellen der CMIP5-Generation, dass der Effekt des Meereisverlustes, obwohl er in den Modellen schwächer ist als in den Beobachtungsdaten, “die gesamte projizierte Ensemble-Mittelwert-Schwächung des stratosphärischen Polarwirbels erklären kann”.

Mit anderen Worten: sowohl die Beobachtungsdaten als auch die Klimamodelle weisen auf einen Einfluss der arktischen Eisschmelze und damit der globalen Erwärmung auf die Instabilität des Polarwirbels hin.

Weblinks

Mein Spiegel-Kommentar Achtung, Wetterstörung!

New York Times: Climate change may be why frigid weather has slid so far south, experts say.

Studien

Cohen, J. et al. Recent Arctic amplification and extreme mid-latitude weather. Nature Geoscience 7, 627-637 (2014). doi:10.1038/ngeo2234

Cohen, J., Pfeiffer, K. & Francis, J. A. Warm Arctic episodes linked with increased frequency of extreme winter weather in the United States. Nat Commun 9, 869 (2018). doi:10.1038/s41467-018-02992-9

Cohen, J. et al. Recent Arctic amplification and extreme mid-latitude weather. Nature Geoscience 7, 627-637 (2014). doi:10.1038/ngeo2234

Garfinkel, C. I., Son, S. W., Song, K., Aquila, V. & Oman, L. D. Stratospheric variability contributed to and sustained the recent hiatus in Eurasian winter warming. Geophys Res Lett 44, 374-382 (2017). doi:10.1002/2016GL072035

Jaiser, R., Dethloff, K., Handorf, D., Rinke, A. & Cohen, J. Impact of sea ice cover changes on the Northern Hemisphere atmospheric winter circulation. Tellus Series a-Dynamic Meteorology and Oceanography 64 (2012). doi:1159510.3402/tellusa.v64i0.11595

Francis, J. A., Vavrus, S. J. & Cohen, J. Amplified Arctic warming and mid-latitude weather: new perspectives on emerging connections. Wiley Interdisciplinary Reviews: Climate Change, e474 (2017). doi:10.1002/wcc.474

Kretschmer, M., Coumou, D., Donges, J. F. & Runge, J. Using Causal Effect Networks to Analyze Different Arctic Drivers of Midlatitude Winter Circulation. Journal of Climate 29, 4069-4081 (2016). doi:10.1175/jcli-d-15-0654.1

Kretschmer, M., Cohen, J., Matthias, V., Runge, J. & Coumou, D. The different stratospheric influence on cold-extremes in Eurasia and North America. npj Climate and Atmospheric Science 1 (2018). doi:10.1038/s41612-018-0054-4

Kretschmer, M., Laurie Agel, Mathew Barlow, Eli Tziperman, Judah Cohen. More-persistent weak stratospheric polar vortex states linked to cold extremes. Bulletin of the American Meteorological Society (2018). doi:10.1175/BAMS-D-16-0259.2)

Kretschmer, M. & Matthias, V. The Influence of Stratospheric Wave Reflection on North American Cold Spells. Monthly Weather Review 148, 1675-1690 (2020). doi:10.1175/mwr-d-19-0339.1

Kretschmer, M., Zappa, G. & Shepherd, T. G. The role of Barents–Kara sea ice loss in projected polar vortex changes. Weather and Climate Dynamics 1, 715-730 (2020). doi:10.5194/wcd-1-715-2020

 

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Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

32 Kommentare

  1. Zitat:

    unsere Winter werden wärmer.
    Das ist zu erwarten, da #2 [polare Kaltluftausbrüche] nur gelegentlich auftritt, und die Polarluft wird ja ebenfalls wärmer.

    Frage: Langfristig nimmt also der Temperaturunterschied zwischen hohen und mittleren Breiten ab. Bedeutet das, dass das europäische Wetter einförmiger wird, mit längeren gleichbleibenden Wetterlagen (z.B. 12 Wochen Sommerhitze oder 10 Wochen trübes Winterwetter) ? Oder weiss man das noch nicht?

  2. Der Jetstream umschließt die Kaltluft.

    Ist der Jetstream also das atmosphärische Pendant zum Zirkumpolarstrom um die Antarktis?

    Woraus sich die Frage ergäbe, was das bedeutete – vor allem hinsichtlich dessen, das dieses eine im Ozean und das andere in der Atmsophäre stattfindet. Das es stattfindet, mag sich im Mindesten daraus ergeben, das sich die Erde um ihre eigene Achse dreht.
    Das Phänomenale daran ist also, das dazwischen (zwischen dem Ozean und der höheren Atmosphärenschicht) nun also andere Verhältnisse bestehen, und im Falle von “Unregelmäßigkeiten” plötzlich vom Extremwetter gesprochen wird.

    Kleiner Seitenhieb darauf, das eine eindeutige Winterwetter-Lage” plötzlich als Extremwetter erklärt wird:

    was der stratosphärische Polarwirbel über der Arktis mit Kaltluftausbrüchen auf angrenzende Kontinente zu tun hat

    Zu anderen Zeiten nannte man das schlicht Winter und nicht Extremwetter.

    Insofern wäre zu erklären, wieso sich diese Wetterlagen nicht in einer Konstanz ergeben, sondern in Kurzen Schüben eine extreme Änderung ergeben.

    Mit Starkregen-Ereignissen ist es ja ebenso.

    Rein energetisch muß man hier einen hohen Spannungsaufbau konstatieren, dessen regelmäßige Entladung durch einen Widerstand verhindert wird, und dann zu noch höherer negativen Entropie (Negentropie) führt – also hohem Spannungsaufbau

    Allerdings wäre “Klimawandel” als Antwort kaum hinreichend.

    • Die Antarktische Oszillation der Südhalbkugel (AAO) ist stärker und langlebiger als die die Arktische Oszillation, weil die Region der Westwindzone zwischen 40 und 50 Grad südlicher Breite kaum durch Landmassen gebremst werden. Drei Minuten Google. Und dass, was jetzt in Nordamerika abgeht, ist auch im letzten Jahrtausend aus Extremwinter durchgegangen.

  3. >> Auf lange Sicht gewinnt #1 – unsere Winter werden wärmer.
    Das ist zu erwarten, da #2 nur gelegentlich auftritt, und die Polarluft wird ja ebenfalls wärmer. <<

    # 3
    Gleichzeitig zu solch Wintereinbrüchen in Nordamerika oder Eurasien, welche auf die zunehmende Polarwirbelinstabilität zurückzuführen sind, ist es dafür anderswo auf der Welt gleichzeitig überdurchschnittlich warm – nicht nur in der Arktis. Korrekt?

      • :-), Danke, offtoppic, aber habe mitgeschnitten, dass der IPCC anno 2007 die Feuer in Australien in Szenarien abgebildet hat, welche seit 2019 verheerende Ausmaße haben. Weiß, dass der “Cold Blob*” im Atlantik auch schon vorher in Projektionen zu sehen war. Kann mich erinnern, in meiner Jugend im letzten Jahrtausend einen SPIEGEL-Artikel gelesen zu haben, dass es in Brandenburg trockener würde.

        Würde gerne noch viele mehr Beispiele haben, auf die verlinken kann icke, in denen die Klimawissenschaft darauf verweist, wie verdammt oft und verdammt richtig sie gelegen hat. Wie genau und seit wann mit welchen Konsens sind Kälteeinbrüche wo durch den schlingernden Polarwirbel von der Klimaforschung in Modellen erstellt worden? Siehste, wieder die Kurve zum Thema gekriegt. 🙂

        *https://scilogs.spektrum.de/klimalounge/qa-zum-golfstromsystem-und-dem-cold-blob-im-atlantik/

        • Die Mitarbeiter vom sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie haben vor ca. 20 Jahren Aussagen zur Niederschlagsentwicklung in Nordsachsen getroffen. Die letzten 3 Jahre und die Reaktion der Großvegetation zeigen das Eintreffen dieser Voraussagen. Ebenso gab es Aussagen zur Lausitz. Die Braunkohleverstromung wird wohl bald wegen des Kühlwasserproblems enden. Die Wasserproblematik steht auch einer wie auch immer gearteten “Renaissance der Kernenergie” im Wege. Trockenkuehltuerme sind eine sehr teure Angelegenheit und Wind- und Sonnenenergie brauchen keine besondere Kuehlung.

  4. Kaltluftausbrüche im Winter und Hitzewellen im Sommer. Schwierige Kombination, nicht zuletzt auch für Land- und Forstwirte. Hier in Nordfinnland halten manche die globale Klimaerwärmung (in Finnland doppelt so schnell wie im globalen Schnitt) für eine gute Sache, da die Vegetationsperiode sich verlängert und der Wald in Lappland und anderswo schneller wächst. Auf der anderen Hand wird der hiesige Winter hier immer kürzer (Ruosteenoja et al. Int J Climatol 2020;1-19) und in der Folge wird man in Sumpfgebieten dann wohl bald kaum mehr mit schwerem Gerät die Sumpfwälder erreichen können, weil der Sumpf nicht mehr gefroren ist.

    Über die Probleme, die die Waldbesitzer in Deutschland nach drei trockenen Jahren zu bewältigen haben, brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Oder die deutsche Landwirtschaft. Oder die Rheinschifffahrt… Ich wünsche Deutschland sehr, sehr, sehr viel Regen!

  5. Sorry, aber dieser Artikel bewegt sich im hochspekulativen Bereich und stärkt daher mein Vertrauen in die Klimawissenschaft eher nicht .

  6. Sehr geehrter Herr Rahmstorf,
    erst mal vielen Dank für Ihren Blog, der stellt einen seriösen Pol in der Wust der Misinformation im Internet dar. Ich weiß leider nicht, wie ich Sie sonst kontaktieren soll, daher auf diesem Weg: Unter dem youtube-Video ‘Klimaschau (Ausgabe 1)’ (der infamen cherry-picking-Sendereihe von Sebastian Lüning) werden Sie beschuldigt, der Titel Ihres Spiegel-Artikels ‘Das Golfstromsystem macht schlapp’ zeuge von ‘Overconfidence’, da im Artikel selbst nur Hinweise genannt werden, keine eindeutigen Belege.
    Könnten Sie mir vielleicht erklären, warum der Titel nicht so besonders gut zum Artikel passt?
    Vielen Dank!

    • Der Titel ist von der Redaktion und nicht von mir, er ist flapsig formuliert, aber er beschreibt richtig, worum es in dem Artikel geht, nämlich um die Abschwächung des Golfstromsystems. Meine Einschätzung zu solchen Fragen beruht immer auf meiner Gesamtsicht auf die Evidenz, was in der Regel auch Arbeiten umfasst, die noch nicht in der Fachliteratur erschienen sind sondern in der Fachcommunity auf Konferenzen etc. diskutiert werden.

    • Es handelt sich nicht um eine Studie sondern Korrespondenz, also eine Art Leserbrief. Gezeigt sind dort Winter-Mittelwerte von Temperatur und anderen Parametern – was belegt, was ich oben geschrieben habe, nämlich dass die globale Erwärmung siegt, das heißt die Winter wärmer werden. Der Polarwirbel ist in dieser Korrespondenz überhaupt nicht erwähnt und auch nicht die Arbeiten dazu u.a. von Marlene Kretschmer. Darum geht es gar nicht. Haben Sie es gelesen?

      • Klar, ich habe die Publikation (stimmt, keine Studie) gelesen.
        Ich beziehe mich in meinem ersten Kommentar auf folgende Sätze:
        “The idea that rapid Arctic warming might be changing weather patterns at lower latitudes rose to prominence in 2012. At that time, amidst rising global temperatures and record low Arctic sea-ice cover, parts of the mid-latitudes had just experienced a run of extremely cold winters1. Some scientists speculated that these cold snaps were driven by Arctic-induced changes in the atmospheric circulation, pointing to an unexpected 25-year winter cooling trend over Eurasia, an ostensible shift in the Arctic Oscillation and increased meandering of the jet stream as evidence2,3. These tendencies would continue as the Arctic warmed further, they predicted. Such ideas were controversial from the outset.”
        …..
        “So, six years on, what has changed? Arctic amplification and sea-ice loss have indeed continued (Fig. 1). But predictions of a more negative Arctic Oscillation, wavier jet stream, colder winters in mid-latitudes or, more specifically, in Eurasia, and more frequent and/or widespread cold extremes have not become reality.”
        ….
        “Temperature-related metrics all indicate warming in the longer term, with fewer and milder cold extremes .”
        ….
        ” Here we have shown that multiple metrics purported to be affected by Arctic amplification corroborate a weakening of evidence for detectable mid-latitude effects of Arctic warming.”

        Also im Gegensatz zu Ihrer Aussage, dass die Polarwirbel instabiler werden und dadurch diese gerade gewesenen winterlichen Extremwetterlagen häufiger werden, sieht diese Studie die Entwicklung zu selteneren und milderen Extremwetterlagen.

        • Der Artikel untersucht nicht die Häufigkeit von Kälteeinbrüchen sondern zeigt dass die mittleren Wintertemperaturen nicht gesunken sind. Das habe ich hier im Blog in früheren Jahren selbst mehrfach erläutert, dass das nicht der Fall ist: die Winter werden wärmer, auch wenn es kurzfristig starke Kälteeinbrüche durch instabilen Polarwirbel gibt. Auch der abgelaufene Winter war – trotz der Kältephase – in Deutschland zu warm. Es gibt keinen Widerspruch zwischen insgesamt wärmeren Wintern und häufigeren Kälteeinbrüchen; beides trifft zu.

  7. Spielt bei dem beschriebenen meteorologischen Geschehen in den USA nicht auch die Geologie eine wichtige Rolle?

    • Ja, die Geologie bzw. Topologie spielt eine große Rolle. In den USA ist der Nord-Süd-Verlauf der Rockies und eine fehlende Ost-West-Barriere -die Apalachen sind dazu zu “klein”- immer wieder die Ursache, dass sich Kaltwetterlagen im Winter bis nach Texas und Florida in den Süden ausdehnen können.

    • Eher die Morphologie!
      Der alpidische Gebirgsgürtel verhindert das Kaltluft so weit in den Süden fliessen kann.

  8. Bisweilen frage ich mich, ob der Klimawandel und die damit verbundenen Extremwetterereignisse (das Auftreten extremer Kältewellen zähle ich dazu) nicht irgendwann eine Panikreaktion hervorrufen wird.

    Oder sind wir Menschen so abgestumpft, dass wir selbst dann noch nur mit den Achseln zucken wenn, sagen wir mal, der nächste Sommer so trocken wird, dass 80 % des deutschen Waldes abstirbt. Oder lieber 90 %?

    Man sollte meinen, dass 2020 mit Waldbränden in Australien, USA und Sibirien, einer Hammerhurricansaison sowie Hitzerekorden in Death Valley und Verchojansk wachgerüttelt hätte – aber irgendwie hab ich nicht so recht das Gefühl. Gut, es geht wohl irgendwie in die richtige Richtung, aber so richtig Dampf geben in Richtung Klimaneutralität sieht ander aus.

    • Das frage ich mich auch, wieviel noch passieren muss, bis die Mehrheit der Menschen realisiert, dass die Umwandlung von immer mehr Räumen auf der Raumstation, in denen Lebenserhaltungssysteme installiert sind, zu Vergnügungsparks, irgendwann die Überlebensfrage stellt. Ich bin ein Pionier der Elektromobilitaet, habe mich viel für die leichte Variante eingesetzt und stelle nun mit Schrecken fest, dass auch und gerade da sich das SUFF durchsetzt. Die leichte Variante war z. B. das TWIKE oder CityEl, dann der Twizzy. Unser Kapitalismus kann nicht ohne größer, aufwendiger, mehr Materialverbrauch, mehr Zerstörung der Lebensgrundlagen.

  9. Zur Erwärmung der Arktis habe ich diese Grafiken bei der DMI gefunden:
    http://ocean.dmi.dk/arctic/meant80n_anomaly.uk.php
    Interessanterweise sind die Sommertemperaturen überhaupt nicht gestiegen, aber besonders stark die immer noch “eisigen” Wintertemperaturen sowie auch Herbst- und Frühlingstemperaturen.
    Wie dies in den einzelnen Jahren aussieht kann man beim DMI in der interaktiven Grafik hier anschauen: http://ocean.dmi.dk/arctic/meant80n.uk.php

    Das heißt dann wohl, dass das zeitweise starke Abschmelzen des grönländischen Eissschilds und des Meereises, das bisher 2012 am stärksten war und ähnlich nochmal 2019, besonders “schwach” dagegen 2017, 2018 und jetzt 2020 (lt. Greenland today und Polar portal) nicht auf gestiegenen Sommertemperaturen sondern auf höheren Temperaturen der andern Jahresezeiten beruht.

    Die höheren Wintertemperaturen können dann wohl auch Auswirkungen auf unsere Winter haben.

  10. Halten wir fest: Hier wird noch mal wie schon seit spätestens 2018 davor gewarnt, dass es noch verheerende Winter geben kann und warum. Und was macht jene deregulierte postneoliberale wissenschaftsfeindliche Fossilindustrie in Texas? Spart an der falschen Stelle und pestet gegen Windräder und Klimawissenschaft. Ein US-Veteran kriegt ‘ne horrende Stromrechnung und Menschen erfrieren in den Vereinigten Staaten, weil die Leitungen nicht gegen Kälte abgedichtet sind und der Strom ausfällt.

    Derweil in Sibirien die Windkraftanlagen seit Jahren laufen auch bei bitterer Kälte. Derweil die Klimawissenschaft verdammt gut ist mit ihren Szenarien, Projektionen, Computermodellen und der guten alten Klimaphysik seit Jahrzehnten und seit über hundert Jahren. Bis hin zum Beweis der Auswirkungen des zunehmend eisfreien Barents-Kara-Sees auf den Jetstream von Klimawissenschaftlerin Marlene Kretschmer 2018. Und noch viel mehr.

    Korrekt?

    Weil korrekt wie auch sonst die Klimawissenschaft verdammt richtig liegt seit den 1970er Jahren, was kommt, je nach dem, was Politik und im globalen und historischen Vergleich privilegierte Industriebürger tun, sollte doch der wissenschaftsfeindliche inhumane fossilpfadabhängige Postneoliberalismus sich endlich ausgeschissen haben mit der Bitte um Verzeihung für die Fäkalsprache. Für eine Welt, die weniger verheerend ist, ist sie so alt wie …

    … icke.

    Wolf Niese, ehemals eingemauerter Westurberliner, 66er Geburt, Genträger der Adrenoleukodystrophie

  11. Ich frage mal regulatorisch. Generell gilt ja, dass mit zunehmendem Klimawandel, oder besser mit dessen zunehmender Manifestation Extremereignisse vielleicht nicht häufiger wohl aber im Ausmaß extremer werden.
    Von dem Ereignis in Texas höre ich
    a) in Deutschland, in der Süddeutschen Zeitung, dass “sie der Staat … alle paar Jahrzehnte … erlebt”
    b) aus den USA in einer Analyse (von Wood Mackenzie): “next-day load forecast for Monday evening hour ending (HE) 20 peaked over 74 GW, 10% higher than the extreme planning case load peak”.
    Nach a) war der Auslöser ein etwa alle 30 Jahre vorkommendes normales Extremereignis – dann wäre der Auslegungsfehler trivial, dann hätte man die Häufigkeitsstatistik nicht ernst genommen; b) hingegen deutet auf ein erstmaliges Extremereignis hin, welches in Häufigkeitsstatistiken nicht auftauchen konnte.
    Meine Fragen vor diesem Hintergrund sind:
    i) kann man bestätigen, dass es in Texas ein neuartiges extremes Extremereignis war.
    ii) Wie kann eine Öffentlichkeit checken, ob die für die angemessene Schutz-Auslegung kritischer Infrastrukturen verantwortlichen Institutionen ihren job angemessen machen?
    Ich weiss: In Texas, wo der Klimawandel strittig gestellt ist, ist das, selbst wenn es checkbar wäre, eine schwierige Debatte. Aber selbst in Deutschland weiss ich nicht, ob die BNetzA darüber Auskunft gibt, ob die Schutzauslegungskriterien dynamisiert sind, ob eine solche Katastrophe wie in Texas Anlass ist, dass nachgeschaut wird, ob wir in Deutschland die Schutzniveaus für unser kombiniertes Strom- und Gassystem an die klimawandelbedingte Tendenz zu extremeren Extremen anpassen.

  12. Bei den vielen Problemen, die uns Menschen entstehen, wenn die Polkappen immer mehr abschmelzen, habe ich von einem noch nicht gehört: Wenn das Eis an Nord- und Südpol immer mehr abschmilzt, wird auch die Auflast für die Erdkruste an den Polen immer geringer mit der möglichen Folge, daß diese sich an diesen Stellen anhebt. Dafür wird sie sich an anderer Stelle sehr wahrscheinlich absenken. In diesen Stellen wird sich also der höheren Meeresspiegel noch extremer bemerkbar machen.

    Und noch eins zum Jetstream: Kreisende Systeme haben eine umso größere Eigenstabilität, je schneller sie um sich kreisen und umgekehrt, was man an dem bekannten Brummkreisel ja gut sehen kann. An ihn wurde ich erinnert, als ich die immer größeren Amplituden des Jetstreams gesehen habe. Der Weg für den Jetstream wird folglich länger bei ohnehin schon geringerer Geschwindigkeit. Das mag die langanhaltenden stabilen Wetterlagen mit erklären – neben anderen Veränderungen.

    Zum Schluß noch ein Dank an Sie, Herr Rahmstorf, daß Sie mit einer bewundernswerten Geduld selbst dem letzten Klimaleugner noch ein wenig Sinn und Verstand versuchen einzuhauchen.

    Harald Jochums / Archetekt für Ökologisches Bauen und Stadtentwicklung / Duisburg-Rheinhausen

    • Die Landhebung gibt es an vielen Orten noch als Folge der letzten Eiszeit; man hat aber in Alaska inzwischen ihre Beschleunigung durch den modernen Gletscherschwund nachgewiesen.

  13. Interessant ist bei den beiden von Ihnen beschriebenen Effekten, lieber Herr Rahmstorf, daß z.B. in Deutschland trotz der Kälteperiode im Februar der Monat dann im Vergleich zum langjährigen Schnitt (1961-90 nehme ich immer, und da gab es die Klimaerwärmung ja auch längst) fast im ganzen Bundesgebiet – der Februar teils deutlich überm Schnitt lag. Es war hier insgesamt wieder ein sehr milder Winter. Ganz, ganz wenige Gebiete wiesen einen Wert wie im langjährigen Mittel auf. Kein Gebiet lag stark unterm Mittel. Doch wenn sie Leute fragten, sagten alle: “der Februar war mindestens 10° zu kalt”. Das ist ein Problem, auf lange Sicht…

    Und das hat Gründe. Die teils stark übertriebenen Meldungen diverser Wettershows haben die Kältephase ausführlich (und wie wetter.com z.B. mit haarsträubenden Vergleichen a la “Wetterlage wie 1978/9”) wochenlang recht reißerisch beschrieben.
    Die dann einsetzende extrem milde Periode im Februar wurde dagegen kaum weiter analysiert. So kommen dann Fehl-Wahrnehmungen zustande.

    Bedauerlich, daß inzwischen auch seit längerem ARD/ZDF solche doch tendenziell reißerischen Meldungen bringen. Dazu zählt etwa, wenn inzwischen Prognosen über 10 Tage so berichtet werden, als wäre die Vorhersage “sicher”. Für den Hamburger Raum wurde “Horrorwinter” und “30-40 cm Neuschnee mit starken Stürmen” 10 Tage vorher pausenlos als Fakt erzählt. Leider auch wieder in den öff.rechtlichen Medien. Das ist bedauerlich, da diese nicht per Übertreibungen clicks generieren müssen wie die Wettershows, die ja wie wetteronline oder wetter.com jahrelang z.B. von Tourismus- und Flugwerbung Einnahmen gerierten.

    Tatsächlich gab es dann in Hamburg weder 40 cm Schnee noch Sturm. Man hatte sich um 250 Kilometer geirrt. Alles war weit südlich abgelenkt worden, und kam dann z.B. um Hildesheim und Bielefeld an. Übrigens war es in nicht wie “1978/79”.

    Würde man sachlich berichten, würde all das auch von vielen Menschen besser verstanden werden. Dieses Problem umgibt alle Meldungen zur menschengemachten Klimaerwärmung bereits seit Jahrzehnten.

    Wenn man langfristige Wetterprognosen mit dem Zusatz “Wahrscheinlichkeit um 40-60%” erklärt, wäre es etwa wissenschaftlicher. Daß das nicht geschieht, verzerrt leider. Doch das ist ein Problem unserer Medien und der Art, wie sie Aufmerksamkeit schaffen wollen. Man kann es leicht nachweisen, leider auch wieder anhand des Februars 2021.
    Wie viel besser wäre es, ein wissenschaftlicher Beitrag wie etwa Ihrer hier würde die Aufbauscherei ersetzen. Natürlich gibt es viele sachliche Berichte, so im ZDF etwa von Prof. Lesch. Aber insgesamt ist es leider zu oft zu unsachlich und aufgebauscht.

    • Die Kraftwerke sind für andere klimatische Verhältnisse ausgelegt worden hinsichtlich des Kühlwasserbedarfs als sich das nun mit sich verstetigendem Trend darstellt. Die Flutung des Ex-Tagebaus Cottbus Nord findet nun ausgangs des Winters mit 1,7 m3/s anstelle der geplanten 5 statt. In 2,5 Jahren wurden 5% geschafft! Den Kraftwerksmitarbeitern erzählt man, es laufe alles nach Plan.