Nobelpreisträger diskutieren Weltprobleme

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Was passiert, wenn man 20 Nobelpreisträger für einige Tage mit Umweltforschern und Entscheidungsträgern zusammenbringt, um die drängendsten Probleme unseres Planeten zu diskutieren? In wenigen Stunden beginnt in Stockholm das 3. Nobel Laureate Symposium on Global Sustainability, bei dem wir die Antwort erleben werden.

Ich habe das Glück, als einer der eingeladenen Experten mitdiskutieren zu dürfen, so wie u.a. meine Kollegen Will Steffen von der ANU in Canberra, V. Ramanathan von der University of California oder die Meeresbiologin Katherine Richardson von der Copenhagen University (mit der ich ein populäres Taschenbuch über den Zustand der Weltmeere geschrieben habe). Heute Morgen habe ich schon mein bestes Hemd aufgebügelt für das Abendessen im Stockholmer Schloss beim schwedischen König Carl-Gustav, der auch selbst am Symposium teilnimmt.

Am Abend: Stockholm begrüßt uns mit einem herrlichen Mondaufgang. Foto SR.

Aber auch die breite Öffentlichkeit bleibt nicht außen vor: es wird eine Reihe von live-Webcasts geben. Zudem sind auch einige Journalisten bei den Diskussionen dabei, die in den Medien darüber berichten werden. Und am Ende werden die Folgerungen aus dem Symposium in einem Memorandum veröffentlicht.

Unter den teilnehmenden Nobelpreisträgern sind Physiker wie Peter Grünberg, Murray Gell-Mann oder der in Potsdam tätige Carlo Rubbia; Chemiker wie Paul Crutzen (der seinerzeit den Mechanismus des Ozonloches aufzuklären half); aber auch Ökonomen, Mediziner und die Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer.

Worum wird es gehen? Die Veranstalter schreiben dazu:

Klimawandel, Reduzierung der Artenvielfalt, Degradation von Ökosystemen, Armut und eine weiter wachsende Bevölkerung tragen alle zu einer Verringerung der Belastbarkeit unseres Planeten bei, mit potentiell katastrophalen Folgen für die Menschheit.

Jedes dieser Probleme für sich ist von der internationalen Gemeinschaft mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden, allerdings ohne Bezug auf die Wechselwirkungen untereinander.

Es ist an der Zeit, dies zu ändern.

Drei Themenfelder gliedern das Symposium: Ökosysteme und menschliche Entwicklung, die Grenzen eines vom Menschen dominierten Planeten ("planetary boundaries"), und die "große Transformation" hin zu einer nachhaltigen Entwicklung. Zu Letzterem hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung (WBGU) kürzlich ein Hauptgutachten erarbeitet. Einen sehr lesenswerten Einstieg in das Thema bietet der FAZ-Essay des WBGU-Vorsitzenden John Schellnhuber, der auch Initiator der Reihe von Nobelpreisträger-Symposien ist. Schellnhuber sagt zum Symposium:

Einige der klügsten Köpfe der Welt nehmen sich hier einiger der größten Probleme der Menschheit an. Nicht, weil das ihr Spezialgebiet ist, auf dem sie wissenschaftlichen Ruhm suchen – den haben sie schon. Sondern weil sie wissen, dass es ums Ganze geht.

Dabei wird nicht nur akademisch und folgenlos debattiert, sondern die im Symposium erarbeiteten wissenschaftsbasierten Lösungsvorschläge werden am Mittwoch in der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften den Mitgliedern der vom UN-Generalsekretär eingesetzten hochrangigen Expertengruppe zur globalen Nachhaltigkeit übergeben, der neben mehreren Staatspräsidenten und Ministern auch die EU-Umweltkommissarin Connie Hedegard angehört.

Auf diese Diskussionen und ihre Ergebnisse kann man also gespannt sein!

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Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

2 Kommentare

  1. Nobelpreisträger diskut. Weltprobleme

    Die meisten Wechselwirkungen auf andere Bereiche hat das dominierende atomar-fossile Energiesystem. Es hat durch billige Energien den die Biosphäre zerstörenden Raubtierkapitalismus erst ermöglicht und die Menschen in eine suchtartige Abhängigkeit von Energie gebracht. Aus diesem und den oben genannten Dilemmata hilft neben der raschen Etablierung – weil die Zeit drängt – eines regenerativen Energiesystems vor allem eine kulturelle Neuausrichtung der Menschen. Wir brauchen eine neue Kultur der Bescheidenheit in allen Bereichen.
    Doch hier hält sich die Politik mit Vorschlägen sehr zurück, weil sie die unbeliebte Verzichts- und Ideologiefalle fürchtet. Viele Menschen aus NGOs, Kirchen und anderen sozialen Bewegungen sind da schon weiter. Politische Konzepte sind hier aber äußerst dringlich, weil der Übergang gestaltet werden muss und Bewegungen von unten das nicht alleine schaffen.

  2. Nur Betriebsmittel des Systems tauschen?

    Das FAZ-Essay von John Schellnhuber passt gut zum Anspruch der Nobelpreisträger sich dem Konflikt zwischen den weiter zunehmenden menschlichen Einwirkungen und Zumutungen an den Planeten und den immer deutlich sichtbar werdenden Grenzen der Erde zu widmen und neue Lösungsansätze zu finden.
    John Schellnhuber spricht da vom fossilnuklearen Betriebssystem, das nicht zukunftsfähig sei und verspricht als neues Betriebsmittel effizient-erneuerbare, uns von Sonne, Erde und Mond geschenkte Ressourcen.
    Doch auch aus Schellenhuber’s Essay lässt sich heraushören, dass ein reiner Wechsel der Betriebsmittel bei sonst gleich bleibenden Systemzielen – wachsender Wohlstand für alle: für die Armen und Randständigen aus Notwendigkeit, für die schon Begüterten, damit sie ihre ebenso berechtigten Ansprüche nach einem längeren Leben in Gesundheit und einem gesicherten Alter einlösen können – wohl nicht genügen wird.
    Es gilt zwischen dem Allgemeinwohl und der blossen Vektorsumme von Einzelinteressen zu unterscheiden und das Allgemeinwohl nimmt sicherlich Schaden, wenn die Menschheit planetare Grenzen verletzt – da müssen die Einzelinteressen zurückstehen.

    Interessant an Schellenhuber’s Essay sind die Hauptakteure, die das fossilnukleare Betriebssystem zu verantworten haben und die es dann auch überwinden: Als Gründer des fossilnuklearen Zeitalters sind es die Kernstaaten Europas, als Vollender und Errichter eines fossilnuklearen Imperiums sind es die Vereinigten Staaten. Und dann: “Deutschland als Schauplatz einer neuen Gründerzeit an der Spitze einer internationalen Bewegung in Richtung nachhaltiger Industriekultur? Warum eigentlich nicht?”

    Man könnte Hoffnung haben, wenn die Grundgedanken Schellnhuber’s Essay in vielen Nationen der Erde aufgenommen würde, nur eben mit einem Appell an die eigene Nation. Wenn also ein amerikanischer Kollege Schellenhuber’s das gleiche Essay publizieren würde, nur dass als Schauplatz der neuen Gründerzeit, die das fossilnukleare Zeitalter überwindet, Amerika auftritt. Ebenso für China.
    Doch das ist vorläufig nicht zu erwarten, denn andere Länder haben ganz andere Prioritäten.
    Die Schwellenländer neigen zur Brachial-Industrialisierung, sie wollen nicht zurückstehen, weil sie zum falschen Zeitpunkt “zum grossen Sprung nach vorn” angesetzt haben. So gesehen würden viele Länder der grossen Transformation wohl nur zustimmen, wenn ausser dem Betriebsmittel nichts ausgewechselt wird.
    Eine Änderung von mehr als nur den Betriebsmitteln unseres industriell/gesellschaftlichen Komplexes wird wahrscheinlich nicht freiwillig stattfinden, sondern gezwungenermassen – wenn unüberwindbare Grenzen erreicht und überschritten sind.