Wo DAX und Kaninchen sich treffen!

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Für ihre Bewerbung um den KlarText-Preis hat Madlen Ziege in ihrem Beitrag in der Kategorie Biologie veranschaulicht, was sie in ihrer Doktorarbeit erforscht hat:

Die Auswanderer – warum Wildkaninchen das Feld verlassen und lieber an die Deutsche Börse gehen.

„Achtung, Sie stehen auf meinem Untersuchungsobjekt!“ Irritiert schaut sich eine Passantin im Frankfurter Bankenviertel um und entdeckt zu ihren Füßen eine kleine Öffnung im Erdreich. „Das sind Eingänge von Wildkaninchenbauten“, erkläre ich ihr. „Und gleich daneben liegt die Kommunikationszentrale der Tiere.“ Ich zeige auf eine Ansammlung von Kaninchenkot – eine sogenannte Latrine – und schaue in das staunende Gesicht der jungen Frau.

Das ursprünglich aus Spanien stammende Europäische Wildkaninchen Oryctolagus cuniculus vermehrt sich in deutschen Städten sprichwörtlich. Die Tiere machen auch vor den Grünanlagen der Finanzmetropole am Main keinen Halt und das sehr zum Leidwesen der Stadt: „Wir hatten schon Winter, in denen die ganz massiv an die Rinde alter Bäume gegangen sind“, klagt Herr Roser vom Grünflächenamt. Ganz anders sieht es in vielen ländlichen Gegenden Deutschlands aus. Hier nimmt die Kaninchendichte seit Jahren stetig ab. Dieser Trend betrifft auch andere Tierarten und bereitet Naturschützern zunehmend Sorge. Stellen unsere Städte wirklich bessere Lebensräume für Wildtiere dar? Worin unterscheidet sich das Verhalten der “Stadttiere“ von dem ihrer Artgenossen auf dem Land? In meiner Doktorarbeit am Institut für Ökologie, Evolution und Diversität der Goethe-Universität in Frankfurt ging ich diesen Fragen am Beispiel des Wildkaninchens auf den Grund.

Nach Einbruch der Dunkelheit, wenn alle Kaninchen ihren Bau verlassen, wurde mein Team und ich mit Handscheinwerfern und Klickzählern aktiv. Zwischen Brombeerbüschen auf dem sternenklaren Land bis hin zur innerstädtischen Grünfläche vor der nächtlichen Frankfurter Skyline kamen wir den Säugern in der Mainmetropole und dessen Umland auf die Spur. Wie wir exakte Bestandszahlen wortwörtlich ans Licht bringen stand in der Literatur beschrieben. Um den Grad der Verstädterung in den 17 Studiengebieten zu messen, entwickelte ich meine eigene Methode: Die Störintensität durch den Menschen und der Anteil der bebauten Fläche im Studiengebiet gehörten zu den vier Werten, aus denen ich den Index für Urbanität berechnete. Je höher der Index, desto städtischer die Gegend, in der die Kaninchen vorkamen.

Steht mein Urbanitätsindex in Zusammenhang mit den Eigenschaften der Kaninchenbaue? Diese zentrale Forschungsfrage beantwortete ich dank der örtlichen Jägerschaft. Zunächst spürten die Jagdhunde alle unterirdischen Behausungen in den Studiengebieten auf. Danach kamen die Frettchen zum Einsatz. Ein klickendes Geräusch zeigte an, dass ein Kaninchen vor dem Frettchen an die Erdoberfläche geflohen und in einen der Drahtkäfige gelaufen war. Mit diesen Käfigen verschlossen die Jäger zuvor alle Bautenausgänge. Neben der aktuellen Mitbewohnerzahl der “Kaninchen-WG“ erhielt ich so die Anzahl zu einem Bau gehörigen Öffnungen. Studien zeigten, dass Wildkaninchen bevorzugt im Schutz dichter Vegetation graben. Sind geeignete Sträucher Mangelware, kommen viele Kaninchen zusammen und nutzen die begrenzte Anzahl an “Baugrundstücken“ gemeinschaftlich. Die Tiere legen wenige, dafür sehr komplexe Behausungen mit Dutzenden Ein- und Ausgängen an. Diese großen Bauten bieten einer Kolonie mit bis zu 50 Tieren ein Dach über dem Kopf. In optimalen Lebensräumen hingegen ist das stressige Zusammenwohnen in einer großen WG nicht nötig. Die ausreichende Vegetation bietet Platz für die Anlage vieler kleiner Baue mit nur wenigen Öffnungen. Nicht selten sind diese kleinen Bauten von nur einem Kaninchen bewohnt. Wenn die Tiere in Frankfurt tatsächlich auf paradiesische Zustände treffen, sollte sich dies auch in der Dichte und Größe ihrer Baue widerspiegeln – so meine Annahme. Typisch für viele Säugetiere kommunizieren Kaninchen über Duftstoffe im Kot und Urin miteinander. Diese Duftstoffe konzentrieren sich an gemeinsam genutzten Latrinen. Direkt am Bau angelegt erleichtern Latrinen den Informationsaustausch innerhalb derselben Kolonie und stärken somit das Zugehörigkeitsgefühl der einzelnen Kolonie-Mitglieder. Die regelmäßige Nutzung der Latrinen hält insbesondere in großen Kolonien die hierarchischen Strukturen aufrecht. Latrinen sind zudem für die Abgrenzung des Territoriums von Bedeutung, das sich um den Bau befindet. Wie eine Art Duft-Zaun signalisieren sie die Größe des zugehörigen “Grundstücks“. Kommunizieren Stadtkaninchen eher intern miteinander oder wird mehr Wert darauf gelegt, dem Nachbarn die Grenzen aufzuzeigen? Auf der Suche nach den Latrinen und somit der Antwort auf diese Frage begaben meine Helfer und ich uns ein weiteres Mal in die Studiengebiete. Mit insgesamt 3273 Kotstellen wurden wir mehr als fündig. Erneut brachte ich meinen Urbanitätsindex ins Spiel und korrelierte diesen mit sechs Latrineneigenschaften. Dazu gehörten z. B. die Distanzen der Latrinen zum Bau und die Anzahl frischer Kotpellets als Zeichen aktueller Nutzung. In ergänzenden Verhaltensbeobachtungen sammelten wir abschließend Daten darüber, wann die Kaninchen ihre Bauten verlassen und was sie tun, wenn sie an der Erdoberfläche sind.

“Landflucht unter Langohren“, “Single-Kaninchen in der Großstadt“ und “Kot statt Zäune“ titelten die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Tagesspiegel und die Süddeutsche Zeitung kurz nach Veröffentlichung meiner Fachartikel. Die Schlagzeilen klingen überspitzt, bringen jedoch die Ergebnisse auf den Punkt: Landflucht, weil die Kaninchen- und Bautendichten von der Stadt hin zum Land kontinuierlich abnahmen. So tummelten sich vor der Frankfurter Oper durchschnittlich 45 Wildkaninchen auf einem Hektar Fläche. Im ländlichsten aller Studiengebiete war es rein mathematisch nicht mal ein einziges Tier. Single-Kaninchen, weil in der Frankfurter Innenstadt kleine Baue mit weniger als sechs Öffnungen dominierten und diese meist nur von Pärchen oder einzelnen Tieren bewohnt waren. Die Grabetätigkeit der zunehmend größer werdenden Kaninchengruppen auf dem Land nahm hingegen beeindruckende Ausmaße an. Hier gab es Baue mit mehr als 50 Einund Ausgängen, in denen bis zu 15 Tiere lebten. Kot statt Zäune als Anspielung darauf, dass mit zunehmendem Urbanitätsindex mehr Latrinen an den Grenzen der Territorien angelegt und genutzt wurden. Ein weiterer Unterschied zwischen Stadt- und Landtieren zeigte sich in ihrer Aktivität: Trauten sich die Wildkaninchen im Feld meist nur in der Dämmerung an die Erdoberfläche, waren die Stadtkaninchen trotz Störung durch den Menschen auch während des Tages aktiv. Einmal aus dem Bau, investierten sie 20 % ihrer Zeit darin, nach Fressfeinden Ausschau zu halten. Dieser Wert lag bei den Artgenossen auf dem Land bei 40 %.

Im Interview mit BBC News erklärte ich, wie diese Ergebnisse zu beurteilen sind: Ländliche Gebiete werden zunehmend intensiv agrarwirtschaftlich genutzt und ausgeräumte Landschaften sind die Folge. Dies trifft auch auf das Frankfurter Umland zu – hier finden Kaninchen nur noch wenig dichte Vegetation zur Anlage ihrer Bauten. Im Gegensatz dazu stellen die vielen Grünanlagen, Gärten und Hecken der Mainmetropole ein Landschaftsmosaik dar. Hier gibt es nicht nur ausreichend Möglichkeiten für das Graben sicherer Behausungen. Wie Herr Roser zu bestätigen wusste, haben die Säuger auch über die kargen Wintermonate einen sehr guten Zugang zu Nahrung. Ein geringeres Risiko durch Fuchs, Habicht & Co. erbeutet zu werden führt weiter dazu, dass Wildkaninchen in der Stadt hohe Dichten erreichen und auch tagsüber aktiv sind. Zwischen den Frankfurter Hochhäusern wird der Platz jedoch langsam knapp und die Konkurrenz um ein gutes Territorium steigt. Das Ziehen von “Duft-Zäunen“ durch Latrinen scheint somit besonders wichtig für die Stadtkaninchen zu sein. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung der Kommunikation in ohnehin kleinen Kolonien durch Latrinen am Bau ab. Ganz im Gegensatz zu den ländlichen Studiengebieten: hier stärkt die häufige Markierung am Bau den “WG-Zusammenhalt“. Befindet sich der nächste Nachbarbau oft kilometerweit entfernt ist eine intensive Territorialmarkierung offenbar nicht notwendig. Warum sind einige Arten in der Lage Städte als neue Lebensräume zu nutzen, während andere es nicht sind? Wie gehen wir Menschen mit hohen Wildtierbeständen in der Stadt und schwindender Artenvielfalt auf dem Land um? Die internationale Presseresonanz auf die Ergebnisse meiner Doktorarbeit zeigt, wie sehr sich die Öffentlichkeit für Kernfragen stadtökologischer Forschung interessiert. Zunehmend schneiden Städte als strukturreiche Lebensräume für Tierarten wie das Wildkaninchen um Längen besser ab als das ländliche Umland. Wie schnell sich jedoch das Blatt wenden kann, zeigen die aktuellen Bestandszahlen der Frankfurter Wildkaninchen. Die neue Variante eines bekannten Virus breitete sich schnell unter den vielen „Mainhattan-Kaninchen“ aus und riss ein großes Loch in die Population. Diese aktuelle Beobachtung ändert nichts an der Tatsache, dass wir unsere Landschaften nicht weiter ausräumen dürfen wenn wir Wildtiere wieder vermehrt dort haben wollen, wo sie eigentlich hingehören.

Madlen Ziege hat in Potsdam, Berlin und in Australien Biologie studiert. In ihrer Promotion an der Goethe-Universität in Frankfurt untersuchte sie u.a. das Kommunikationsverhalten von Wildkaninchen in der Stadt und auf dem Land ehe sie als Postdoc zurück an die Universität Potsdam kam. Inzwischen arbeitet sie selbstständig als Verhaltensbiologin und Autorin. Inzwischen lädt Sie auch mit Ihrem Podcast “Die Sendung mit der Ziege” zum Nachdenken über biologische Phänomene ein.

1 Kommentar

  1. Zitat:

    Ländliche Gebiete werden zunehmend intensiv agrarwirtschaftlich genutzt und ausgeräumte Landschaften sind die Folge. Dies trifft auch auf das Frankfurter Umland zu – hier finden Kaninchen nur noch wenig dichte Vegetation zur Anlage ihrer Bauten.

    Ja, so ist es. Brach liegende Felder oder ungenutzt bleibende Graslandschaften gibt es kaum noch. Und dort wo sich anderes nicht mehr lohnt, werden „Energiepflanzen“ angebaut. Und dann wundern sich „Grüne“ (die sich für Flächen mit „Energiepflanzen“ einsetzen), dass die Zahl der Insekten zurückgeht. Allenfalls geben sie dem Einsatz von Pestiziden die Schuld, übersehen aber, dass gar kein Raum mehr für Insekten oder auch Wildkaninchen mehr bleibt, wenn jeder Quadratmeter für menschliche Zwecke eingesetzt wird.
    Es wundert mich immer wieder wie Menschen bereit sind, jeden Flecken Erde zu nutzen, so dass keine Freiflächen mehr übrig bleiben. Es gibt kaum Advokaten für Freiflächen. Dafür gibt es sehr viel Phantasie wie man ungenutzten Raum doch noch nutzen kann.

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