Schau mir in die Augen, Kleines

BLOG: KlarText Blog

KlarText Blog

Für ihre Bewerbung um den KlarText-Preis für Wissenschaftskommunikation 2023 in der Kategorie Informatik veranschaulichte Christina Breil, was sie für ihre Promotion erforscht hat.


Neuere Computeralgorithmen können Augenkontakt nun auch in Videokonferenzen simulieren. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine große Hilfe, hat bei näherer Betrachtung jedoch erhebliche Nachteile. Denn auch bei Blickkontakt ist weniger manchmal mehr.

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Mag sie mich? Was hat er vor? Darf ich mir das letzte Stück Kuchen nehmen? Indem wir unseren Mitmenschen in die Augen schauen, gewinnen wir wichtige Einblicke in ihr Denken, Fühlen und Handeln. Gleichzeitig nutzen wir unsere eigenen Augenbewegungen, um gezielt mit anderen zu kommunizieren. Ganz im Sinne des Film-Zitats „Schau mir in die Augen, Kleines“ scheint direkter Blickkontakt dabei eine besondere Wirkung zu haben. Wer viel Augenkontakt sucht, wird als besonders sympathisch, attraktiv, vertrauenswürdig und intelligent wahrgenommen – ganz unabhängig davon, ob er oder sie es tatsächlich ist. Doch auch das Gegenteil kann zutreffen. So gibt es Situationen, in denen es akzeptiert oder sogar erwünscht ist, den Blick anderer Menschen zu meiden. Wir kennen es alle: die Fahrt im Aufzug eines Kaufhauses. Alle schauen leicht beklemmt auf den Boden, denn man will ja kein unangenehmes Gespräch beginnen. Berühren sich die Blicke doch, ringt man sich ein kurzes Lächeln ab – man will ja nicht unhöflich sein – und ist dann sehr dankbar, wenn man wieder aussteigen kann. Welches Blickverhalten als angemessen empfunden wird, kommt also auf den Kontext an. Zum Glück meistern viele von uns das ganz natürlich, ohne großartig darüber nachdenken zu müssen. Alles andere wäre auch ganz schön anstrengend!

Leider zeigen diese intuitiven Regeln in Videokonferenzen, die bei den meisten von uns mittlerweile zum Alltag gehören, nicht die gewohnte Wirkung. Das hat einen einfachen Grund: um ein Gefühl von Blickkontakt mit den anderen Beteiligten herstellen zu können, müsste die Kamera mitten auf dem Bildschirm angebracht sein, idealerweise genau auf den Augen der anderen Person. Die derzeit gängigen Geräte können diesen Aufbau leisten. Um das Problem zu beheben, wurden in jüngster Zeit Computeralgorithmen entwickelt, die unsere Blickrichtung in Videotelefonaten so „korrigieren“ können, dass man sich scheinbar gegenseitig in die Augen schaut: während ich in Wirklichkeit die Person auf dem Monitor anschaue, statt direkt die Kamera zu fixieren, nimmt die andere Person es so wahr, als würde ich ihr direkt in die Augen sehen. Das wirkt zunächst vielversprechend, hat aber seine Tücken. Wie meine Kolleg:innen und ich in unserer Forschungsarbeit zeigen konnten, ist es nämlich häufig gerade das Wechselspiel aus direktem und abgewandtem Blick, dass uns einander nahe bringt.

In unseren Studien haben wir Personen unterschiedlichsten Alters und Geschlechts an vorher aufgenommenen Videokonferenzen teilnehmen lassen. Sie sollten dabei in die Rolle der Person schlüpfen, aus deren Perspektive die Konferenz aufgenommen wurde und die im Video nicht zu sehen, sondern nur zu hören war. Während diese Erzählperson eine hoch emotionale Geschichte aus ihrem eigenen Leben erzählte, konnten die Versuchspersonen die Reaktionen des Gegenübers auf dem Bildschirm beobachten. Nach jedem Gespräch haben wir die Versuchspersonen gefragt, wie sie die zuhörende Person, die sie zuvor beobachten konnten, einschätzen. Dabei fanden wir: Personen, die während einer dramatischen Geschichte durchgängig direkten Blick zeigten, schnitten deutlich besser ab als Personen, die permanent wegschauten. Am empathischsten wirkten jedoch Personen, die in solchen Situationen abwechselnd hin- und wieder wegschauten. Sie schafften es, ein stärkeres Gefühl der Nähe zwischen den Beteiligten aufzubauen.

Diese Art des Blickverhaltens scheint sich nicht nur auf die Wahrnehmung von uns Menschen auszuwirken, sondern auch das tatsächliche Verhalten beeinflussen zu können. In weiteren Experimenten haben wir Versuchspersonen erneut an kurzen Videokonferenzen mit verschiedenen, ihnen völlig fremden Personen teilnehmen lassen. Im Anschluss an jedes Gespräch gaben wir den Teilnehmer:innen Geld, das sie entweder behalten oder mit der anderen Person teilen durften. Der Clou dabei: wie die Versuchspersonen wussten, haben wir ihre Geldabgaben nicht einfach überwiesen, sondern den Betrag vorher verdreifacht. Die begünstigte Person konnte der Versuchsperson anschließend einen frei wählbaren Betrag zurückschicken, sozusagen als Dank. Sie konnte sich aber auch dazu entschließen, den kompletten Geldbetrag selbst einzustecken. Für die Versuchspersonen war es in diesem Szenario also am sichersten, nicht zu teilen. Allerdings stellte die Alternative, nämlich Geld abzugeben, die Strategie mit dem größeren Gewinnpotenzial dar: im günstigsten Fall zeigte sich die andere Person erkenntlich. Wenn sie zum Beispiel vier der neun Münzen zurückschickte, gingen beide mit mehr Geld nach Hause, als ihnen vor der Interaktion zur Verfügung stand. Wenn sich die andere Person hingegen dazu entschloss, den überwiesenen Betrag in voller Höhe zu behalten, ging die Versuchsperson leer aus. Das Vertrauen hat sich nicht ausgezahlt.

Wie wir erwartet haben, wurde der fremden Person eher vertraut – also eher Geld geschickt – wenn sie zuvor abwechselnd direkten und abgewandten Blick gezeigt hatte. Das galt sogar dann, wenn wir der fremden Person die Möglichkeit entzogen, Geld zurückzuschicken. Wenn die Versuchsperson also freiwillig Geld an die fremde Person verschenkte oder „spendete“, ohne dabei einen Gewinn erzielen zu können.

Aus all diesen Experimenten haben wir geschlossen, dass Personen, die in emotionalen Gesprächen zwischen abgewandtem und direktem Blick wechseln, nicht nur empathischer und vertrauenswürdiger wirken, sondern dass ihnen auch bereitwilliger geholfen wird.  Das war ein relativ neuer Befund, da man bisher davon ausging, dass direkter Blickkontakt ohne Einschränkungen die besten Wirkungen erzielt. Bei Gesprächen mit neutralem Inhalt konnten wir diesen Effekt übrigens nicht finden. Auch hier war wichtig, dass Blickkontakt hergestellt wurde, ob er aber permanent gehalten oder zeitweise unterbrochen wurde, machte keinen Unterschied. Wir vermuten, dass eine Unterbrechung des Blickkontakts in emotionalen Gesprächen eine wichtige Funktion erfüllt, zum Beispiel, sich selbst und dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, die eigenen Gefühle zu regulieren. Wer bei einer traurigen Geschichte hin und wieder wegsieht, könnte damit also Mitgefühl signalisieren.

Was aber bedeuten unsere Befunde für Videokonferenzen, in denen Blickkontakt gar nicht möglich ist? Zunächst einmal, dass die Wahrnehmung von direktem Blick auch hier äußerst positiv auf uns wirkt – und das, obwohl wir wissen, dass unser Gegenüber genau in diesen Momenten die Kamera fixiert und nicht uns. Außerdem zeigen unsere Studien, dass Algorithmen zur Blickkorrektur wichtige Aspekte von natürlichem Blickverhalten vernachlässigen. Die Algorithmen lassen es so aussehen, als schauten wir unseren Gesprächspartnern permanent in die Augen. Wenn wir zwischendurch wegschauen, kommt das beim Gegenüber also gar nicht mehr an. Das ist tragisch, denn oft ist es genau dieses Verhalten, das echtes Mitgefühl und echte Emotionen signalisiert. Momentan ist der Verzicht auf Blickkorrekturen also das Mittel der Wahl, zumindest so lange, bis es Algorithmen gibt, die natürliches Blickverhalten widerspiegeln können. Bis dahin können wir zum Glück selbst etwas tun, wenn wir uns die Bedeutung von Augenkontakt in Videokonferenzen ab und zu ins Gedächtnis rufen. Ein Blick in die Kamera ist wie ein Blick in die Augen unserer Gesprächspartner. Er signalisiert Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann dazu beitragen, dass wir uns einander ein bisschen näher fühlen, selbst wenn in Wahrheit eine Kamera zwischen uns helfen muss, die fehlende räumliche Nähe zu ersetzen.

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +