Indische Medizin, Wandel, Forschung: Wie kommt es zu diesem Blog?

BLOG: Indische Medizin im Wandel

Der Forschungsblog
Indische Medizin im Wandel

Wie kommen vier Wissenschaftlerinnen auf die Idee, über die Arbeit in einem Forschungsprojekt zu berichten? Die kurze Antwort heißt: Das Bloggewitter „Bloggen und Karriere“ auf den SciLogs-Seiten. Und hier die lange Antwort: Aus Neugier habe ich mir verschiedene Beiträge von Kollegen aus den Natur- und Geisteswissenschaften angesehen und mich davon überzeugen lassen, daß es der wissenschaftlichen Arbeit gut tun kann, wenn man über sie bloggt. Von hilfreichen Kommentaren, die inhaltliche Anstöße geben, war ebenso die Rede wie von nützlichen Kontakten für die weitere Laufbahn – sei es nun in der Forschung oder außerhalb.

Außerdem finden wir einige Themen unseres Projekts wie Geschlechtsverkehr, das Badehaus, Schröpfen und Aderlaß, Herzkrankheiten und die heutige „Unani Medicine“ in Indien so interessant, daß wir sie gern mit möglichst vielen Menschen teilen wollen. Und schließlich soll die Forschung ja die ganze Gesellschaft in ihrem Wissen über die Welt weiterbringen, nicht nur die Fachleute. Also haben wir uns entschlossen, diesen Blog zu eröffnen – als Teil der ChronoLogs, weil wir uns viel mit Geschichte befassen. Damit auch unsere Kontakte im Ausland verfolgen können, was wir hier erzählen, werden wir hin und wieder auch Beiträge auf englisch schreiben. Soviel zum Blog.

Aber was ist eigentlich diese indische „Unani Medicine“? Und warum interessiert sie uns? – Vielleicht sollte ich zuerst eine Antwort auf die zweite Frage geben, denn daß „Unani Medicine“ etwas mit Medizin zu tun hat, sagt ja schon der Name. Wir untersuchen diese Medizintradition, weil wir herausfinden wollen, welche Vorstellungen Ärzte und Autoren von Medizinwerken in der Vergangenheit und der Gegenwart vom Menschen, seinem Körper, seiner Gesundheit und Lebensführung hatten und haben und wie sie diese Vorstellungen anderen Menschen nahebrachten und heute noch nahebringen. Wenn wir nämlich die Vorstellungen anderer Menschen verstehen lernen, dann lernen wir auch ihre Art zu denken kennen. Das wiederum hilft uns zu erkennen, daß nicht alle Menschen immer und überall auf dieselbe Weise denken und fühlen, daß wir sie aber trotzdem verstehen können, wenn wir uns Mühe geben. Wir erfahren also mehr über die vielen Facetten des Menschseins und werden dabei vielleicht ein bißchen verständnisvoller gegenüber Menschen, die anders sind als wir selbst. Das ist es, was mich an meiner Arbeit besonders fasziniert. Aber natürlich mag ich auch alte Texte in weniger gängigen Fremdsprachen.

Solche Fremdsprachen muß man nämlich beherrschen, wenn man sich mit der „Unani Medicine“ beschäftigen will. Was ist das nun für eine Medizin? Das Wort „Unani Medicine“ sieht zwar englisch aus, ist es aber nur zur Hälfte. „Unani“ wird „junani“ gesprochen (alle Vokale lang) und bedeutet „griechisch“. Das Wort kommt von „ionisch“ und hat im Arabischen, Persischen und im Urdu die Form „junani“. Wenn man das englisch umschreiben will, kommt „Unani“ dabei heraus. Wörtlich ist „Unani Medicine“ also „griechische Medizin“. Geht es also doch nicht um indische Medizin?

Tatsächlich beruht diese Medizintradition, die heute noch in Indien praktiziert wird, auf der alten griechischen Medizin. Sie wurde von den Muslimen übernommen und zunächst auf arabisch, später auch auf persisch weiterentwickelt. Vorherrschend ist in dieser Medizin die Vorstellung, daß im menschlichen Körper vier „Säfte“ (lat. humores) wirken, die in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen müssen. Kommen diese Säfte aus dem Gleichgewicht, wird der Mensch krank. Die Medizin muß also darauf hinwirken, daß die Säfte im Gleichgewicht bleiben oder wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Dabei muß der Arzt berücksichtigen, welches „Temperament“ der jeweilige Patient hat. Denn bei den meisten Menschen überwiegen von Natur aus bestimmte Säfte im Körper. Wenn z.B. der „Schleim“, oder vornehmer: das Phlegma, überwiegt, so handelt es sich um einen Menschen mit phlegmatischem Temperament. Daran, daß den meisten von uns Begriffe wie Temperament und phlegmatisch, aber auch humor bekannt vorkommen, kann man schon sehen, daß es sich um dieselbe Medizintradition handelt, die auch in Europa lange Zeit vorherrschend war. Aber eben nicht nur in Europa.

Mit den muslimischen Eroberern, die seit dem 11. Jahrhundert immer wieder in Indien eingefallen sind und dort schließlich eigene Fürstentümer gründeten, kam diese Medizintradition auch nach Indien. Schließlich entwickelte sie sich unter den muslimischen Mogulherrschern und anderen muslimischen Dynastien unter dem Einfluß der ursprünglich indischen Medizin (vor allem der indischen Heilpflanzen) weiter. Die meisten Werke wurden nun auf persisch abgefaßt. Auch in der Kolonialzeit und danach lebte die „Unani Medicine“ fort. Jetzt wurden die persischen und arabischen Grundlagenwerke ins Urdu und ins Englische übersetzt. Bis heute sind dies die Sprachen, in denen die Vertreter der Unani Medicine arbeiten und Bücher schreiben.

In den folgenden Beiträgen werden wir sicher noch viele Einzelheiten über die „Unani Medicine“ mitteilen und Einblicke in unseren Arbeitsalltag geben. Wir hoffen, daß wir passende Ausdrucksformen dafür finden und daß das Lesen dieses Blogs genauso viel Vergnügen bereitet wie das Schreiben.

Susanne Kurz

Veröffentlicht von

Dr. Susanne Kurz hat in Tübingen Islamwissenschaft und Religionswissenschaft studiert und beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte und Kultur des persischsprachigen Raumes vom 11. bis 19. Jahrhundert. Sie interessiert sich besonders für humoristische Literatur und Geschichtsschreibung und hat sich seit 2008 auch der medizinischen Literatur in persischer Sprache zugewandt.

9 Kommentare

  1. Wiki und Anführungszeichen

    Zitat aus Wikipedia: “Grundlage ist die griechische Säftelehre. Sie wurde erweitert und verfeinert, galt und gilt jedoch als Grundlage des Unani. Somit ähnelt Unani dem Ayurveda sowie der traditionellen chinesischen Medizin, in denen ähnliche Säftelehren zur Grundlage gehören.”

    Abschreckend, denn auch in Google sind bereits Titel zu finden wie “Unani-Medizin, das Wissen der alten Hochkulturen”. Hier handelt es sich wohl eher um völlig Überholtes bis Quacksalberei. Da hilft es auch nicht, dass in Indien und zwei anderen Ländern ein Hochschulstudium dazu angeboten wird.
    “Arzt” in Anführungszeichen wäre also in jedem Falle notwendig gewesen.

  2. Herzlich willkommen!

    Hui, das sieht ja nach einem ganz spannenden Blog aus! Medizin, Geschichte, Interkulturelles, Indien, ein aktuelles Forschungsprojekt – und das Ganze auf den Chronologs! Super! 🙂

    Da sage ich doch mal einfach gut-nachbarschaftlich: Herzlich willkommen! Hier sind Salz & Brot! (Reicht man in Indien eigentlich eigentlich das Gleiche beim Neueinzug? Oder etwas analoges?)

  3. Wie kommen vier Wissenschaftlerinnen auf die Idee, über die Arbeit in einem Forschungsprojekt zu berichten? Die kurze Antwort heißt: Das Bloggewitter „Bloggen und Karriere“ auf den SciLogs-Seiten.

    Ah, das wußte ich noch nicht. Aber das finde ich sehr erfreulich.
    Dann wünsche ich noch einen guten Start mit der Bloggerei. Viele Leser und geistreiche Kommentare, damit es richtig Spaß macht.

  4. @ Herzlich willkommen

    Na, das ist doch mal eine nette Überraschung. 😉

    Ich grüße dich liebe Susanne und heiße dich und deine Kolleginnen herzlich willkommen.

    Ich freue mich auf eure Projektberichte.

    Einen guten Start und viele Grüße aus Tübingen!

    Hussein

  5. @ Markus A. Dahlem und Catio: “Arzt”?

    Zunächst einmal vielen Dank für den Hinweis, daß man beim Begriff “Arzt” auch über Anführungszeichen nachdenken könnte.

    Ich bin aber anderer Meinung: “Unani Medicine” ist eine – noch dazu nicht unproblematische – (Selbst-)Bezeichnung, “Temperament” in diesem Kontext ein fester Terminus. Daher habe ich beides in Anführungszeichen gesetzt. Dagegen habe ich “Arzt” hier in demselben weiten Sinne gebraucht, in dem man auch von “Ärzten” spricht, wenn man sich über die europäische Geschichte – etwa über das Mittelalter – äußert. Auch in diesem Fall handelt es sich nicht um Ärzte im modernen schulmedizinischen Sinne, denn sie praktizierten ebenfalls Humoralmedizin vor dem Hintergrund einer Bildung und Weltsicht, die sich von der unseren erheblich unterschied. Dennoch ist es nicht unüblich, sie als “Ärzte” zu bezeichnen. Der Begriff selbst ist ja auch älter als unser heutiges Medizinsystem.

    Auch dazu kann man einen Blick in die Wikipedia werfen (unter “Arzt”). Dort findet sich folgende Definition: “Ein Arzt beschäftigt sich mit der Vorbeugung (Prävention), Erkennung (Diagnose), Behandlung (Therapie) und Nachsorge von Krankheiten und Verletzungen (Patientenversorgung).” (http://de.wikipedia.org/wiki/Arzt, 18.08.12) In genau diesem weit gefaßten und beschreibenden Sinne, der nicht zwingend auf eine bestimmte Medizintradition oder historische Entwicklungsstufe von Medizin verweist, habe ich den Begriff “Arzt” verwendet. Eine Bewertung der “Unani Medicine” oder der Schulmedizin war ebenfalls nicht impliziert, denn das ist eine eigene Diskussion, die hier nicht Thema war. In der “Unani Medicine” haben wir es ohnehin mit ganz anderen Bezeichnungen arabischer Provenienz zu tun.

    Ich finde es aber interessant, daß man ohne die Gewöhnung an einen Gebrauch des Begriffs in historischen Zusammenhängen mit “Arzt” offenbar sofort die aktuelle Bedeutung in unserem Medizinsystem assoziiert, auch wenn der Kontext auf anderes verweist. Das war mir nicht bewußt, und vor diesem Hintergrund muß ich insofern zustimmen, als Anführungszeichen dem offenbar eingetretenen Mißverständnis vorgebeugt hätten. So habe ich schon beim ersten Kommentar etwas dazugelernt.

  6. @ Michael Blume, Martin Huhn u. Hussein

    Vielen Dank für die Willkommensgrüße und guten Wünsche zum Start! Wie es aussieht, trägt der Blog ja schon die ersten Früchte.

    @ Hussein: Ja, die Welt ist klein geworden – insbesondere im WWW! Vielleicht sehen wir uns ja bald mal in Tübingen!

    @ Michael: Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, ob man in Indien etwas anderes reicht. Wahrscheinlich können meine Kolleginnen Kira Schmidt und Claudia Preckel das beantworten. Aber wir sind ja (fast) alle Islamwissenschaftler und nehmen daher auch Salz und Brot gerne an! 😉

  7. Begrüßung

    Zur Begrüßung von Gästen wird in Indien z.B. die Aarti-Zeremonie durchgeführt. Auf einem Tablett werden Blüten, durftende Gewürze, brennende Räucherstäbchen und kleine brennende Butterfett(Ghee)-Lampen angeordnet.
    Der Gast bekommt einen roten Punkt auf die Stirn gezeichnet bevor das Tablett als segnende Willkommensgeste im Uhrzeigersinn im Kreis geschwenkt wird.
    (Die Aarti-zeremonie spielt auch eine wichtige Rolle im religiösen Tagesablauf)

  8. Vielen Dank … :-))

    Vielen Dank an alle bisherigen Kommentatoren! Ich finde es sehr gut (und fast schon erstaunlich), dass unser Blog bereits am ersten Tag einige Reaktionen hervorruft!

    Ich bin auch sehr gespannt auf den Austausch von Ansichten zu dem Thema, auch schon was die Diskussion zum Thema “Arzt” angeht. Grundsätzlich muss man sagen, dass Unani Medizin und unsere heutige (in Deutschland praktizierte) Medizin dieselben Wurzeln haben – den Kanon der Medizin –
    In Indien gibt / gab es von Ayurveda und Unani Seite Versuche, Temperamente genetisch nachzuweisen (im Sinne von Anfälligkeiten für bestimmte Krankheiten) – laut Aussage von Ayurveda-Kennern ist das gelungen (ich fürchte, die Literatur ist auf Hindi….) Die Unani Praktizierenden sind noch dabei…

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