Vorsicht, Biowaffe Anthrax!

Ganz ehrlich: Noch nie bin ich in einem Forschungsinstitut der Bundeswehr gewesen. Die Premiere verdanke ich dem neuen Thema von Spektrum der Wissenschaft. Amerikanische Forscher berichten in Die Milzbrand-Bedrohung über neue Szenarien terroristischer Angriffe und sehen mit gentechnisch veränderten Milzbrandsporen ganz neue Gefahrenpotenziale aufkommen. Zu Recherchen konnte ich nicht nach Amerika aufbrechen, aber auch hierzulande, so dachte ich, müsste sich jemand mit solchen Fragen befassen – so bin ich auf das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr am Standort in München gestoßen. Ich besuchte die grünen Jungs, die hier unter anderem in einem mikrobiologischen Hochsicherheitslabor der Stufe III – also da, wo man nur mit Schutzanzügen hantieren darf – ihrer wissenschaftlichen Arbeit nachgehen. Sie forschen natürlich nicht an Biowaffen, was schon vom Grundgesetz her unzulässig ist und außerdem mit der Biowaffenkonvention der United Nations weltweit als geächtet gilt. Die wissenschaftlichen Arbeiten drehen sich vielmehr um Fragen, wie biologische Kampfstoffe in Patienten, Tieren oder Lebensmitteln schnell und sicher diagnostisch identifiziert und bekämpft werden können. Außerdem wird untersucht, wie der Erreger bioforensisch zurückverfolgt werden kann und wie man Militärangehörige und Bevölkerung im Fall eines terroristischen Anschlags besser schützen kann.

Bacillus anthracis, der Erreger von Anthrax, auch Milzbrand genannt, gehört zu den Bakterien, die Sporen bilden können. Diese sind in der Lage, im Boden Jahrzehnte und noch länger ohne Nährsubstrate quasi schlafend zu überleben, bis ein geeigneter Wirt verfügbar wird. Meist ist das ein Pflanzenfresser, der beim Äsen kontaminierten Boden beispielsweise zusammen mit Gras aufnimmt und sich dabei infiziert. Durch verseuchte Tierprodukte kann der Erreger dann sogar in die Nahrungskette des Menschen gelangen. Außerdem kann er über die Luft in die Atemwege eindringen und Lungenmilzbrand verursachen, die gefährlichste Form von Anthrax, die selbst heute noch meist zum Tod führt. Weniger gefährlich ist der Hautmilzbrand, der mit Antibiotika gut zu behandeln ist.

Also, erste Erkenntnis: Anthrax ist zuerst einmal ein natürlicher Erreger, mit dem sich Menschen schon seit Urzeiten infiziert haben. Aber die gute Lagerungsmöglichkeit auf kleinstem Raum, verbunden mit der hoch entwickelten Resistenz der Sporen gegen Trockenheit, Hitze und sogar UV-Bestrahlung hat den Erreger eben in der Vergangenheit auch zu einem hervorragenden biologischen Kampfstoff bei kriegerischen Auseinandersetzungen gemacht. Heute, im Zeitalter von terroristischen Attacken, geht von Anthrax aus den gleichen Gründen eine Gefahr aus. Nach amerikanischen Berechnungen aus den neunziger Jahren könnten bei Freisetzung einer Menge von hundert Kilogramm Milzbrandsporen als Aerosol aus einem Flugzeug über einem Ballungsraum zwischen Hunderttausend und mehreren Millionen Menschen sterben … Jack Bauer aus der Kultserie 24 lässt grüßen!

Zweite Erkenntnis: Um die Waffenentwicklung geht es bei der Bundeswehr nicht – woran also genau forscht die Instituts-Fachgruppe Milzbrand bei der Bundeswehr? Sie entwickelt zuerst einmal Nachweismethoden, die die Diagnostik in der Bundeswehr unterstützen, sowohl die stationäre wie die mobile Diagnostik im Einsatz. Übrigens stehen diese Verfahren nicht nur der Bundeswehr zur Verfügung, sondern auch zivilen Ärzten. Sie können Proben von potenziell mit Milzbrand infizierten Patienten für eine Untersuchung an den Zentralbereich Diagnostik des Instituts senden. Dabei geht es im Kern um die Feststellung oder aber den Ausschluss einer Infektion mit Bacillus anthracis. Eine wichtige Aufgabe dabei: Die Ermittlung des jeweiligen Genotyps des Bacillus anhand genetischer Marker. Die schnelle Aufklärung des Anthrax-Genotyps kann zwar nicht unmittelbar Leben retten, ist aber für die Ursachenaufklärung der Infektion hoch relevant. Denn anhand des Infektionsstammes lässt sich unter Umständen auf eine natürliche Infektion oder eine absichtliche Freisetzung schließen. Und auch die Therapierbarkeit ist von einer zeitnahen Bestimmung abhängig. Je früher mit einer gezielten Antibiotika-Behandlung begonnen wird, desto bessere Heilungschancen bestehen. Die Forschungen über die unterschiedlichen genetischen Varianten von Milzbrand-Erregern wurden auch in Kooperationen mit internationalen Behörden wie dem Department of Homeland Security in den USA vorangetrieben – vor allem, „um die von den Amerikanern entwickelten und jetzt gemeinsam genutzten molekulargenetisch-bioforensischen Typisierungsmethoden international zu harmonisieren“, wie mir der Bakteriologe und Milzbrandexperte der Bundeswehr, Privatdozent Dr. Gregor Grass, sagte. Eine umfangreiche Datenbank ist dafür aufgebaut worden, in der tausend verschiedene Vertreter von Bacillus anthracis samt ihrer Herkunft rund um den Globus – soweit jeweils bekannt – dokumentiert sind.

Wie aber sieht der Anthrax-Experte das terroristische Gefahrenpotenzial von Anthrax im 21. Jahrhundert? Dr. Grass hält die Sporen des „konventionellen“ Milzbrands aufgrund ihrer beschriebenen „Vorzüge“ immer noch für einen relevanten B-Kampfstoff, von dem ein hohes Risiko auch im Zusammenhang mit der Terrorszene ausgeht. Heute existieren überdies neue Möglichkeiten, mittels genetischer Manipulationen die Wirkung des biologischen Kampfstoffes weiter zu verschlimmern. Vorstellbar wären genetisch veränderte Bakterien, die beispielsweise die Behandelbarkeit mit Antibiotika erschweren. So könnten, warnen Molekulargenetiker bereits, im Labor noch gefährlichere Erregerstämme des Milzbrands entstehen. Allerdings sieht Grass diese Gefahren derzeit noch nicht als besonders hoch an. Denn die Entwicklung und Herstellung solcher genetisch veränderter Sporen erfordern erhebliches wissenschaftliches Knowhow, geeignete Infrastruktur und sind außerdem recht kostspielig. Auszuschließen ist das Risiko jedoch nicht, vor allem dann, wenn es sich um Täter handelt, die Zugang zu entsprechend ausgestatteten Einrichtungen haben. Denn für das bei den letzten Anschlägen in den Vereinigten Staaten eingesetzte Anthraxpulver, das nach dem 11. September 2001 in etlichen Briefen versandt worden war, konnte inzwischen eine mögliche Quelle identifiziert werden: Die Sporen hatte wohl ein Mitarbeiter eines hochspezialisierten Forschungslabors des amerikanischen Militärs in krimineller Absicht präpariert …

Den Sprechertext der Reportage gibt’s wie immer bei HYPERRAUM.TV.

Veröffentlicht von

Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat:

    Allerdings sieht Grass diese Gefahren derzeit noch nicht als besonders hoch an. Denn die Entwicklung und Herstellung solcher genetisch veränderter Sporen erfordern erhebliches wissenschaftliches Knowhow, geeignete Infrastruktur und sind außerdem recht kostspielig.

    Ja, das notwendige Wissen und der nötige Aufwand , um einen biologischen Kampstoff herzustellen und „unter die Leute zu bringen“ , ist entscheidend. Wenn der Aufwand klein wäre, wäre es heute schon passiert – und in kleinem Umfang ist es ja schon passiert wie der Wikipedia-Eintrag 2001 anthrax attacks zeigt (Zitat):

    Letters containing anthrax spores were mailed to several news media offices and two Democratic U.S. Senators, killing five people and infecting 17 others

    Der Täter scheint damals ein US-Anthrax-Forscher gewesen zu sein und es werden wohl auch Forscher beteiligt sein, wenn die Menschheit zum ersten Mal einer Biowaffenattacke ausgesetzt sein wird, an der Millionen sterben. Dass dies früher oder später geschehen wird ist sicher, denn jede denkbare Attacke mit jeder noch so schrecklichen Waffe wird irgendwann ausgeführt. Umso schneller, je mehr Leute über das nötige Wissen und die notwendigen Mittel verfügen und umso schneller, je weniger Leute es dazu braucht. In einem kürzlich gegebenen Interview sagte die CRISPR/Cas9 Miterfinderin Jennifer Doudna, sie könnte ein CRISPR-System in der eigenen Küche zum Laufen bringen. Es ist also denkbar, dass ein einzelner Forscher mit entsprechendem Wissen in seiner Küche ein tödliches Virus zusammenbastelt, zum Beispiel durch genetisches Editieren eines Grippevirus. Früher oder später wird das auch geschehen. Die Folgen könnten weit schlimmer sein, als die der spanischen Grippe 1918 (25-50 Millionen Tote) , denn die spanische Grippe entstand durch Zufall, während ein Forscher die Letalität des von ihm konstruierten Supervirus genau planen und (fast) beliebig potenzieren kann. Um solche Attacken mit Biowaffen, die es zweifellos geben wird, in ihrer Wirkung zu beschränken wird es wichtig sein, schnell diagnostizieren zu können, wer infiziert ist. Auch Bioschleusen für ganze Regionen oder gar einzelne Gebäude könnten eine Lösung sein um die nach einem Angriff verbliebene Restmenschheit vor weiteren Attacken zu schützen.

  2. Massenvernichtungswaffen und Gewaltsame Tötungen von Hunderten gehen heute noch vorwiegend auf das Konto von Kriegen. Doch schon heute gibt es eine Verschiebung hin zum Terrorismus, wobei Terror allerdings auch eine andere Art der Kriegsführung sein kann. Jedenfalls starben im Irakkrieg G.W.Bush‘s nur gerade 4500 (aufgerundet) US-Soldaten, doch weltweit gab es im Jahr 2016 etwa 30‘000 Tote durch Terroranschläge. Die immer wieder gehörte Beschwichtigungsformel, durch Terror stürben doch weniger Menschen als durch Autounfälle ist doppelt irreführend, denn 1) sterben auch sehr viel weniger US-Soldaten in einem von der USA geführten Krieg als nur schon in einem Monat Menschen auf den US-Strassen sterben und 2) ist Tod durch Terror nicht mit Tod durch Unfall vergleichbar, denn Tod durch Terror und Terror überhaupt macht die Zivilgesellschaft zum Kriegsschauplatz mit nicht nur Verwundeten und Toten, sondern auch mit Traumatisierten, die einen Schock davontragen – ganz wie im richtigen Krieg.
    Ich behaupte: wir stehen am Beginn einer neuen Ära, in der Terror wichtiger wird als Krieg, nicht nur weil Terror gerade in der islamistischen Szene ein Art ist, unkonventionellen Krieg zu führen, sondern auch, weil die Möglichkeiten kleiner Terrorgruppen oder gar Einzelner mit der modernen Technologie (Digitalisierung, 3D-Printing, Internet) stark zunehmen. Ein aktuelles Beispiel dazu gibt das Video Slaughterbots, in dem autonome, mit Gesichtserkennung ausgerüstete Drohnen, Zielpersonen autonom töten. Diese Technologie wird wie viele andere Technologien demokratisiert werden und schliesslich auch von Terrorgruppen – vielleicht in einer vereinfachten Version ohne Gesichtserkennung – eingesetzt werden. Immer wichtiger werden Wissenschaftler und Technofreaks als ateil von Terrorgruppen oder auch als Einzeltäter.

  3. @Herrn Holzherr: Ich teile Ihre Ansichten – und genau darum meine ich auch, dass die Menschheit künftig das Reisen reduzieren wird. Man wird sich außerhalb der eigenen vier Wände immer weniger sicher fühlen. Das wird auch virtuelles Reisen attraktiver machen, aber das hatten wir ja an anderer Stelle schon besprochen.

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +