Vögel – Nachfahren der gefiederten Dinos

Alle Nicht-Biologen aufgemerkt! – und Hand aufs Herz: Gehören auch Sie, wie bis vor kurzem ich selbst, zu denjenigen, die ganz locker vom großen Sauriersterben sprechen, bei dem auch die Dinos vor rund 65 Millionen Jahren von unserem Planeten verschwanden? Dann sollten Sie sich das Video anschauen, in dem die Paläontologen Dino Frey, Gerald Mayr sowie Steve Brusatte zu Wort kommen. Die Forscher sind in vielen Detailpunkten reichlich uneinig, denn die Saurierwelt bietet noch viele offene Fragen, deren wissenschaftlich eindeutige Klärung richtig schwierig ist. Jeder Wissenschaftler setzt da also individuelle Schwerpunkte für die Interpretation der Daten aus der Vergangenheit. Doch eines sagen sie uns unisono klipp und klar: ausgestorben, das sind die Dinos nicht! Der lebende Beweis: die bunte Vielfalt unserer Vogelwelt – und das Paläontologen-Statement dazu: Vögel sind Dinosaurier!

Ursprünglich entstanden aus der Untergruppe der zweibeinigen, schnell laufenden Theropoden – zu denen übrigens auch T-Rex gehört -, haben die gefiederten Flieger nicht nur das große Sauriersterben überlebt, sondern sich mit heute rund 10.000 verschiedenen Arten extrem erfolgreich weiter entwickelt. Die Eroberung der dritten Dimension brachte den flugfähigen Lebewesen viele Vorteile, dort hin zu gelangen, war allerdings ein ausgesprochen langwieriger Evolutionsprozess. Es brauchte viele Jahrmillionen, bis sich aus Borsten richtige Federn und Flügel entwickelt hatten. Doch das allein reichte bei weitem nicht aus, um wirklich fliegen zu können. Der Knochenbau musste kleiner und besonders leicht werden, zudem brauchte es ein spezielles, viel Sauerstoff gewinnendes Lungenorgan. Und dann war noch ein Nervensystem mit einem gut entwickelten Gehirn erforderlich. Denn es wären nur Sturzflüge herausgekommen, wenn das Hirn nicht die gesamte Motorik beim Fliegen so filigran hätte steuern können, dass sich der Körper langfristig in der Luft halten kann.

Der Archaeopteryx, rund 150 Millionen Jahre alt, gilt als Urvogel aus der Dinowelt. Richtig fliegen wie heutige Vögel konnte allerdings auch er noch nicht. Viele von der Wissenschaft nicht abschließend beantwortete Fragen ranken sich um diesen Frühflieger: War er schon warmblütig? Lebte er bereits vorwiegend in den Bäumen und glitt mit seinem Federwerk vor allem zu Boden – oder war der mit seinen langen Beinen schnell laufende Raubsaurier noch ein richtiger Bodenbewohner, der mit Unterstützung seiner Federn nur hin und wieder auf niedrige Äste hüpfte?

Für die Recherche zu der oben gezeigten Reportage habe ich über die generelle Entwicklung der Vogelflugwelt in der Saurierzeit ein einführendes Hintergrundgespräch mit Steve Brusatte via Skype geführt, das hier zu sehen ist.

Es gibt noch viele Fragen, die heute von der Wissenschaft nicht gesichert beantwortet werden können. Aber Paläontologen haben dennoch ihre persönliche Sicht auf die Historie. Dino Frey gehört zu jenen, die seine eigene Meinung gern zum besten geben. So hat er mir bereitwillig auf viele Fragen geantwortet, bei denen andere Paläontologen zuerst einmal auf Absicherungskurs sind und damit beginnen, dass diese Frage wissenschaftlich völlig offen sei. Frey hingegen präsentiert seine individuelle Interpretation der Faktenlage weitgehend ungeschützt und mit hohem Unterhaltungswert, beispielsweise auch zur Frage, warum gerade die Vorfahren der Vögel nicht ausgestorben sind. Er nämlich ist überzeugt, dass das Ei dabei eine zentrale Rolle gespielt hat, während manche Kollegen aus der Paläontologie ganz andere Fakten höher gewichten. Sicher ist: Es war nicht ein einziger Grund, sondern ein Wirkungsgefüge komplexer Zusammenhänge.

Der Vollständigkeit halber sei zuletzt noch erwähnt, dass die Evolution in der Saurierzeit nicht nur den Flug mit Federn hervorgebracht hat. Wir sind in der Welt der sogenannten „Flugsaurier“, die der Paläontologe “Pterosaurier” nennt. Sie zählen nicht zu den Dinosauriern, sind also nur entfernte Verwandte der Theropoden, und nutzten für das Fliegen eine Membran – also eine Flughaut – als aufspannbares Segel. Da sich die Flügelhaut dieser Gleiter – wie bei heutigen Fledermäusen auch – zwischen Armen und Beinen befand, konnten diese Tiere zwar gut fliegen, aber nicht besonders gut laufen. Trotz dieses Handicaps am Boden waren sie dennoch überaus erfolgreich: 140 Millionen Jahre haben sie den Himmel unseres Planeten bevölkert.


Flugsaurier-Skelett eines Quetzalcoatlus im Senckenberg-Museum Frankfurt (Bild: Senckenberg-Museum)

Heute lassen sich solche Gleitflieger neben anderen Sauriern als Fossilien oder herauspräparierte Skelette bewundern – in Stätten wie dem altehrwürdigen Frankfurter Senckenberg-Museum – oder sogar als Ganzkörpermodelle in Freiluftparks wie dem Dino-Park im Altmühltal. Dagegen fehlen moderne, noch lebende Nachfahren von solchen Flugsauriern in den Zoos der lebenden Tierwelt. Denn anders als die damals nur mäßig flugbegabten, zweibeinigen Theropoden aus der Gruppe der Dinosaurier gehören die Millionen Jahre durch die Luft gleitenden Pterosaurier zu jenen Spezies, die das “große Sterben“ in der Kreidezeit nicht überleben konnten.


Flugsaurier Geosternbergia aus dem Dino-Park im Altmühltal (Bild: Dino-Park Altmühltal)

Der Sprechertext zum Video wie üblich bei HYPERRAUM.TV.

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Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat: War er [der Archaeopteryx] schon warmblütig?
    Vielleicht waren schon die nichtgefiederten Vorfahren des Archaeopteryx warmblütig. Diese Frage wird auch im Wikipedia-Artikel Physiology of Dinosaurs gestellt.

    Jedenfalls zeigten die Dinosaurier eine ungemeine Artenvielfalt und sie eroberten sämtliche Lebensräume (Wasser, Erde, Luft) – und dennoch starben sie fast komplett aus. Das scheint mir doch ein Rätsel und einfache Antworten wie die, ein Asteroideneinschlag oder ein verändertes Klima seien der Grund, überzeugen mich gerade wegen der Artenvielfalt und den vielen Lebensräumen, die sie bevölkert haben, nicht. Logischer scheint mir dann doch die Annahme, die Dinosaurier seien aufgrund einer gemeinsamen Schwäche gestorben – ähnlich wie heute fast sämtliche Amphibien von einem einzigen Pilz (dem Chytridpilz) dezimiert werden.

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