Systemforschung Wissenschaftsgeschichte

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Im Zusammenhang meiner Recherchen zu Hitlers Atombombe wollte ich auch einen Wissenschaftshistoriker befragen – weniger im Bezug konkreter Fragestellungen zur historischen Thematik, mehr zum Aspekt der von C. P. Snow einst als “zwei Kulturen” bezeichneten Forschungsbereiche von Natur- und Geisteswissenschaft, die in der Wissenschaftsgeschichte einen Grenzübergang haben. In dieser Angelegenheit bin ich Überzeugungstäter. In meinem Studium war ich von dieser “Schnittstelle” fasziniert, weil sie eine Verbindung des exakt-analytischen Ansatzes des naturwissenschaftlichen Denkens mit dem induktiv-kreativen Herangehen des geisteswissenschaftlichen Ansatzes schafft. Für mich, der sich in beiden Modi des Denkens wohl fühlt, war die Wissenschaftsgeschichte deshalb ein optimales Betätigungsfeld. Mit Michael Eckert vom Forschungsinstitut des Deutschen Museums, der wie jeder gute Wissenschaftshistoriker auch eine Ausbildung als Naturwissenschaftler hat, habe ich über die unterschiedlichen Methoden und über die gesellschaftliche Rolle der Wissenschaftsgeschichte gesprochen. Dabei hat Eckert einen, wie ich finde, interessanten und auch wichtigen Aspekt in den Vordergrund gestellt: Wissenschaftsgeschichte, meint er, ist Komplexitätsforschung par excellence. Allerdings gilt auch: Sie wird heute in der Regel nicht so betrieben wie Komplexitätsforschung in der Naturwissenschaft – und meint: Meist suchen Einzeltäter nach Antworten auf extrem komplexe Fragen. Nur ganz selten gibt es internationale Teams mit unterschiedlichem naturwissenschaftlichen Expertenwissen, die gemeinschaftlich auf historische Spurensuche gehen. Völlig außen vor bleiben vorläufig noch Experten, die – wie ich meine – auch einen interessanten Fachbeitrag zur Aufarbeitung der Geschichte leisten könnten, gerade dort, wo es um die so komplizierte Rolle von Wissenschaftlern in gesellschaftlich schwierigen Strukturen wie dem Unrechtsregime des Dritten Reiches geht. Ich denke an Verhaltenspsychologen und deren Bewertung, was sich im Kopf von Menschen abspielt und von welchen Motivationen sie geleitet sind.

Vorläufig ist die Wissenschaftsgeschichte jedoch weit von einer breit aufgestellten “Systemforschung” entfernt. Früher habe ich die Wissenschaftsgeschichte gern als “Orchideenfach” bezeichnet, das klingt irgendwie putzig – und rüttelt deshalb nicht genug auf. Ich bin inzwischen zur Bezeichnung “Underdog” der Geschichtsforschung gewechselt, und auch Eckert sieht das so in unserem Gespräch. In einer Gesellschaft, die in so massiver Weise von Wissenschaft und Technologie dominiert und vorangetrieben wird, ist es eigentlich unfassbar, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Teils ihrer Vergangenheit so wenig öffentliche Beachtung findet. Der große Physiologe und theoretische Mediziner Emil du Dubois-Reymond hat Ende des 19. Jahrhunderts gesagt: “Naturwissenschaft ist das absolute Organ der Kultur und die Geschichte der Naturwissenschaft ist somit die eigentliche Geschichte der Menschheit.” Das ist im 21. Jahrhundert immer noch nicht common sense. Der Brückenschlag der zwei Kulturen: bis heute ein schwieriges Thema.

Zur Reportage von HYPERRAUM.TV für das Magazin “Spektrum der Wissenschaft” geht’s hier.

Die anderen Teile der Serie von HYPERRAUM.TV zur deutschen Atombombe in meinem Video-Blog hier:

Hitlers Wunderwaffe: Störfall der Geschichte?

Spurensuche: die Atombombe, die es nicht gab

Online-Artikel Manfred Popp: Warum es die Atombombe nie gab

Zum Inhaltsverzeichnis von “Spektrum der Wissenschaft”

Susanne Päch

Veröffentlicht von

Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

2 Kommentare

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