Plastik ≠ Plastik

HYPERRAUM.TV

In dieser Doppelsendung aus dem Studio von HYPERRAUM.TV gebe ich, nochmals zusammen mit den Umweltexperten Gerhard Herndl, Thilo Hofmann und Rainer Bunge, einige grundlegende Informationen zu Plastikarten und um Additive, die ihnen beigemischt werden. Im zweiten Teil befasse ich mich mit plakativen Lösungsansätzen, die nach mehr Recycling und mehr Bioplastik fordern – und mit der Tatsache, dass solch eindimensionale Lösungsansätze leider nicht geeignet sind, das Problem tatsächlich zu lösen. Denn Plastik ist nicht gleich Plastik, und nur zahlreiche Strategien im Verbund werden helfen, die jeweils regionale Unterschiede wie unterschiedliche Materialien  berücksichtigen.

Der Grundbaustein jeden Kunststoffes ist Kohlenstoff. Der Herstellungsprozess beginnt in sogenannten Steam Crackern. Dort wird das Rohbenzin, das ursprünglich aus langen Kohlenstoff-Ketten besteht, erst einmal aufgespalten. Dabei entstehen kürzere Kohlenstoff-Moleküle, Grundbausteine für die folgende Kunststoff-Produktion. Die zahlreichen Kunststoffarten sind schon im Herstellungsprozess unterschiedliche Ressourcen- und Energiefresser. Und auch ihre Recyclingfähigkeit sowie die Umweltverträglichkeit variieren stark. Diese Heterogenität ist eine große Verständnis-Hürde und macht auch die Debatte von Lösungswegen reichlich kompliziert. Doch damit nicht genug, denn dann kommen noch die sogenannten Additive, vor allem Weichmacher, Farbstoffe und Stabilisatoren. Mit ihnen entstehen für den Markt viele zehntausend verschiedenartige Kunststoff-Produkte. Durch diese Additive erhalten Kunststoffe also erst zahlreiche ihrer sehr speziellen Eigenschaften. Es gibt tausende von ihnen, nicht alle sind wahrscheinlich bekannt. Denn was im Kunststoff so alles drin ist, fällt meist unter die am besten gehüteten firmeninternen Produktgeheimnisse. Die einzelnen Additive müssen allerdings vor ihrem Einsatz in der chemischen Produktion den sogenannten REACH-Prozess der EU durchlaufen (REACH steht für Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals), in dem die „Unbedenklichkeit“ einzelner Additive nach heutigem Kenntnisstand definiert ist. Die BASF teilte mir mit, dass sie weltweit nur noch Additive einsetzen, die REACH-konform sind.

Kein Kunststoff kommt heute ohne mehr oder weniger Additive aus. Ihre Vorteile sind enorm, aber auch die dadurch entstehenden Umweltbelastungen erheblich – ein in der öffentlichen Diskussion eher unterschätztes Problem. Die Umweltexperten aus der Wissenschaft sind sich jedenfalls weitgehend einig: Es sind vor allem diese Additive, die über die Umweltschädlichkeit der Kunststoffe bestimmen. Denn oftmals stellt sich erst Jahre oder Jahrzehnte später heraus, dass ihr Einsatz in der Umwelt negative Wirkung zeigt.

Schauen wir uns ein paar Zahlen an: 2015 wurden laut OECD knapp 400 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert. Recycelt für eine industrielle Wiederverwendung wird davon weltweit weniger als zehn Prozent. Wie aber schaffen wir es dann in Deutschland, rund 50 Prozent des Kunststoffes zu recyceln? – eine Zahl, die in staatlichen Statistiken gern propagiert wird. Übrigens sind wir im Europäischen Vergleich, wie diese Grafik zeigt, beim Recycling alles andere als führend. Die Recycling-Quote von 50 Prozent ist zudem erklärungsbedürftig, denn sie sagt nur aus, dass dieser Anteil am Gesamtaufkommen von Kunststoffabfall einem Recycling zugeführt wird, nicht aber, dass 50 Prozent des neu produzierten Kunststoffes aus recyceltem Material bestehen. Denn: Nur die Hälfte der 50 Prozent wird überhaupt industriell für eine Wiederverwertung recycelt. Der Rest von 50 Prozent wandert zur Energiegewinnung direkt in die Verbrennung. Das zählt mit zur Quote, denn auch die thermische Nutzung ist Teil des Recycling. In modernen Verbrennungsanlagen kann bei diesem Prozess mehr Energie erzeugt werden, als für den Prozess benötigt wird.

Für die Wiederverwertung recycelten Materials in der Industrie gibt es zwei unterschiedliche Methoden: die sortenreine Zerkleinerung von Plastik zu Granulat (Einblendung: werkstoffliches oder materielles Recycling) sowie das heute wesentlich seltenere rohstoffliche oder chemische Recyceln, bei dem die Kunststoffe wieder in die einzelnen Grund- und Rohstoffe zerlegt werden.

Nur sortenreiner Kunststoff kann indessen für eine Wiederverwertung recycelt werden. Die Quote dafür ist EU-weit geregelt. Sie kommt vor allem durch das Recyceln von Industrieabfall, der schon bei der Herstellung von Kunststoff anfällt, aber auch von  PET-Mehrwegflaschen und durch die Rücknahmepflicht von Verpackungen im Handel. Das sind heute die großen Bringer bei der Recycling-Quote. Allerdings gilt auch das: Verpackungs-Kunststoffe, die aus dem privaten Hausmüll kommen, sind besonders schwer zu recyceln. Sie werden heute nur zu einem kleinen Prozentsatz tatsächlich industriell wiederverwertet. Das Gros des Hausmülls wandert trotz Müll-Trennung in Haushalten in die Verbrennung und wird nicht in der Industrie verwertet. Deshalb sprechen sich manche Umweltexperten gegen immer besseres Mülltrennen im Haushalt aus, wo die Trennung von Kunststoffabfällen sowieso nie  sortenrein erfolgen kann. Die Abfallwirtschaft in München beispielsweise wehrt sich derzeit deshalb standhaft, den Gelben Sack in der Müllversorgung einzuführen. Der Umwelttechniker Rainer Bunge erklärt in meiner Sendung, warum er eine noch extensivere Trennung des Mülls im Privathaushalt in Regionen mit gut entwickelter Abfallwirtschaft nicht nur hinsichtlich der ökonomischen Effizienz, sondern auch bezüglich des ökologischen Nutzens ablehnt. Seine etwas provokative Analyse: Wenn jeder Bürger im Durchschnitt einmal im Jahr auf ein Steak verzichten würde, hätte er mehr für seinen Umweltfußabdruck geleistet als durch Mülltrennung im Gelben Sack.

Unter globalem Maßstab betrachtet, verliert die deutsche Recycling-Vorliebe der Bürger sowieso gänzlich an Relevanz. Da fehlt es schon an den Grundlagen eines geordneten Müllmanagements. Sollte  statt immer mehr neuen Materialien mit aufwändig verbessertem Recycling der bestehenden Kunststoffwelt nicht viel mehr für die Entwicklung  neuer, umweltfreundlicher Materialen am Beginn der Wertschöpfungskette getan werden? Ein weiterer Aspekt auf das  weltweite Kunststoff-Müllproblematik, der viel zu wenig in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Auch die sogenannte Bioplastik hat nicht das Zeug zum Königsmacher. Schon der Begriff ist eher irreführend. Denn auch Bioplastik ist nicht gleich Bioplastik. Die in der Öffentlichkeit weit verbreitete Annahme, es stünde als Synonym für biologisch leicht abbaubare Kunststoffe, ist ein Irrglaube.  Unter Bioplastik versteht der Fachmann zuerst einmal die sogenannten „biobasierten Kunststoffe“. Sie werden nicht aus Rohbenzin, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen, etwa Mais, hergestellt. Der spart zwar kostbares Öl unter der Erde, geht aber zu Lasten der erforderlichen Anbaufläche auf ihr. Eine Komplett-Umstellung auf Biokunstoff dieser Art wäre schon wegen der erforderlichen  Anbauflächen unvorstellbar.

Es gibt auch biologisch abbaubare Bioplastik – die übrigens auch biobasiert sein kann, aber nicht sein muss. Doch die fällt heute kaum ins Gewicht. Diese Zahlen machen das deutlich: Aktuell werden in Europa jährlich etwa 60 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert, dem stehen nur magere 100.000 Tonnen biologisch abbaubaren Kunststoffs gegenüber  – und das auch noch bei wachsender Ernüchterung über deren Nachhaltigkeits-Potenzial. 

Ein weiteres Problem der Bioplastik macht deutlich, dass auch hier der Teufel im Detail steckt. Denn deren Abbaubarkeit ist teuer bezahlt: mit gleichzeitig verschlechterter Recycling-Fähigkeit. Als zentraler Baustein einer derzeit politisch stark propagierten künftigen Kreislaufwirtschaft ist Bioplastik derzeit also denkbar ungeeignet. Das sagt die IG Plastics in diesem Statement. Und auch die Wissenschaft pflichtet dem bei. Auch plastikfressende Bakterien, die in der Presse gelegentlich schon euphorisch als Problemlöser gefeiert werden, haben ein Geschwindigkeitsproblem. Ihre Arbeit ist zwar hilfreich, aber der natürliche Prozess so langsam, dass er den produzierenden Plastikhunger der Menschheit nicht beherrschen kann. Und die Conclusio: Wir müssen uns damit abfinden, dass es in der Plastik-Krise keine einfachen Antworten gibt. Ohne mühsame Detaildiskussion ist das Ziel nicht zu erreichen. Es müssen sowohl die unterschiedlichen Plastikarten und Additive als auch regionale Maßstäbe auf dem Globus  berücksichtigt werden. Einfache Antworten gibt es leider nicht.

Bei diesem Text handelt es sich um eine bearbeitete Fassung meines Moderationstextes.  

Susanne Päch

Veröffentlicht von

Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

7 Kommentare

  1. Zitat: Wir müssen uns damit abfinden, dass es in der Plastik-Krise keine einfachen Antworten gibt.
    Eine einfache Antwort gibt es aber: Plastikabfall darf nicht in Gewässer gelangen und Verbrennen ist besser als Deponieren. Recycling dagegen ist problematisch, wenn man nicht garantiert, dass der Recycling-Kreislauf geschlossen ist. Und leider ist er in der Praxis oft nicht geschlossen und der Kunstoff landet irgendwo.

    Es gibt übrigens noch weitere einfache Antworten: Industrieländer wie Deutschland haben alles was es braucht um zu verhindern, dass Plastik in die Umwelt gerät. Indien aber hat diese Infrastruktur und Abfallkultur nicht. Deshalb wundert es einen nicht, dass mehr als 90% allen Plastikabfalls im Ozean aus 10 Flussystemen stammt. Diese Flüsse fliessen durch Schwellenländer – Länder, die schon nicht mehr mausarm sind, die aber auch nicht genügend reich sind um Plastikabfall zu managen.

    Im übrigen eine gute Übersicht über alles was mit Plastikabfall zu tun hat. Und ja, einfache Lösungen sind oft besser als ausgeklügelte, die nicht richtig funktionieren.

  2. Sofern man der englischen Sprache mächtig ist, gibt es eine sehr unterhaltsame „alternative Stimme“ zum Thema Plastik zu hören. Siehe das youtube-video George Carlin – Saving the Planet ab Minute Fünf zum Thema Plastik. Insgesamt sind die 8 Minuten von George Carlin ein – u.a. aus erkenntnisorientierter Sicht – hervorragendes „Theater-Stück“ zur irrationalen Besorgnis einer sich maßlos überschätzenden Menschheit.

  3. Design for recyclability
    Rezyklierbarer Plastik muss bewusst so entworfen werden, dass er rezyklierbar ist, toxischen Abrieb etwa darf es nicht geben. anstatt Produktrecycling ist auch chemisches Recycling möglich, also Recycling der Grundsubstanz des Plastiks, anstatt Recycling des ganzen Plastikteils.

    Keeping Plastic out the Environment
    5 Länder (China, Indonesien, die Philippinen, Vietnam und Sri Lanka) sind für über 80% des Plastiks im Ozean verantwortlich. Genau so wie es Entwicklungshilfe gibt um die Armut zu überwinden, sollte es auch Entwicklungshilfe geben um gemeinsam Umweltprobleme zu lösen.

    Plastic is fantastic and solving problems around plastic is even more fantastic: Objectives
    Quelle: Creating a Circular Economy for Plastics
    Skalierbarkeit : Verbesserung der Wirtschaftlichkeit von Recyclinginfrastruktur und recycelten Polymeren.
    Ganzheitlicher Ansatz: wie wirkt sich meine Plastikinnovation auf das umfassendere System der Sammlung und Wiederverwertung aus.
    Lokal als auch global denken: Kunststoffabfälle verursachen globale Umweltverschmutzung, aber Lösungen müssen auf lokaler Ebene geliefert werden, wenn sie nachhaltige Auswirkungen haben sollen. Die Maßnahmen sollten immer die lokalisierte Infrastruktur berücksichtigen, die weltweit unterschiedlich sein wird.
    Zusammenarbeiten, um innovativ zu sein: Die Zusammenarbeit zwischen Harzlieferanten, Verpackungsherstellern, Marken, Entsorgern und Recyclern ist der einzige Weg, um eine Kreislaufwirtschaft mit Vorteilen für die gesamte Gesellschaft aufzubauen.
    Langfristig Denken: Für Unternehmen, die bereit sind, längerfristig zu investieren, wird es erhebliche wirtschaftliche Vorteile geben, wenn sich die Recyclinginfrastruktur und die Technologie weiterentwickeln und das Verpackungsdesign weiterentwickelt.

  4. Besten Dank für die inhaltlich interessanten Kommentare. Besonderer Dank allerdings an Dirk Freyling. Das Video ist klasse und trifft hinsichtlich der maßlosen Selbstüberschätzung der menschlichen Spezies voll meine eigene Haltung. Wir nehmen uns einfach viel zu wichtig. Aber trotzdem können wir als vernunftbegabte Wesen doch versuchen, den durch uns angerichteten Schaden so gering wie möglich zu halten, um – ganz im Sinn des Selbsterhaltungstriebes jeder Art – so lange wie möglich auf diesem Planeten bleiben zu können. Da sind die internationale Zusammenarbeit sowie das Konzept einer am Horizont auftauchenden, aber – ehrlich – noch weit entfernten Kreislaufwirtschaft, beide Aspekte oben in einem Kommentar von Martin Holzherr schon erwähnt, bei diesem Thema Hoffnungsschimmer, dass wir diese Zeit etwas ausdehnen könnten.

  5. Das Dilemma an der Umweltdiskussion ist der Begriff Plastik.
    Es besteht ein großer Unterschied zwischen Polyethylen und Polyvenylchlorid z.B.
    In Schweden wurde der Verkauf von Polyvenylchlorid bei Geschirr verboten, in Deutschland ist es als Tupperware erlaubt. Wie doch mit Begriffen die Politik unterlaufen wird.
    Und so ist es auch bei der Verpackung. Wenn wir schon unterschiedliche Kunststoffe verwenden, dann sollte man sie auch benennen und auch die Gefahrenstufe angeben. Die Feuerwehr fordert das schon seit langem.
    Wir unterschieden doch auch, ob ein Ford, ein Opel oder ein Mercedes auf der Straße fährt.
    Da werden ganze Straßenfronten mit Polystyrol wärmegedammt und keiner weiß, dass die Hausfasaden im Falle eines Brandes kaum zu löschen sind.
    Das Thema “Kunststoff” gehört als Lernthema in den Lehrplan der Schulen. Leider kennen unsere Lehrerinnen die Unterschiede der Kunstsoffe nicht und es gibt keine Möglichkeit, das in kurzer Zeit zu ändern.

  6. @fliegenklatsche 22. Juni 2019 @ 18:22

    Das ist wohl ein wichtiger Punkt. In den 70ern gab es etwa eine Sendung zum Müllproblem, wo gesagt wurde “beim Verbrennen von Plastik entsteht Salzsäure”. Dies trifft aber auf PVC und nicht auf Polyäthylen zu. Ich weiss nicht, ob es heute besser ist, aber möglicherweise gibt da immer noch Unkenntnis.

    Wie ist es denn mit den Kunstoffsorten wie Zellophan oder Zellulloid? Sind das dann Bioplastik?

  7. Rudi Knoth
    Zellophan kann man als Bioplastik bezeichnen, weil es aus Zellulose hergestellt wird und demnach kein Erdöl als Grundlage braucht. Unter Sonnenlicht wird es auch schnell abgebaut. Zelluloid ist Cellulosenitrat, eine Stickstoffverbindung, auch mit dem Grundstoff Zellulose und sehr beständig. Puppen hat man früher aus Zelluloid gemacht.
    UV-Licht baut Zelluloid ab.
    Die Gefährlichkeit oder Umweltbedenklichkeit würde ich von der Zeit abhängig machen, in der die Polymerketten zerfallen. Bei PVC beträgt sie 400 Jahre, wodurch Wasserleitungen aus PVC durchaus sinnvoll sind. Für Gebrauchsartikel , Wegwerfartikel gehört es verboten.

    Sogar bei der Abfallwirtschaft besteht Unkenntnis, die haben einfach keine Leute, die die Kunststoffe verstehen und unterscheiden können. Das ist das Hauptproblem.

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