Hitlers Wunderwaffe: Störfall der Geschichte?

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Manchmal sind es die Zufälle im Leben, die Bedeutung haben. Manfred Popp wollte eigentlich nur sein Gedächtnis auffrischen, fand dann aber, dass die Faktenlage von Historikern, Wissenschaftshistorikern sowie Physikern doch so unterschiedlich bewertet wird, dass er den Dingen lieber selbst auf den Grund gehen wollte. Das Ergebnis hat er nun in einer großen Geschichte in “Spektrum der Wissenschaft” veröffentlicht. Ich hatte die Gelegenheit, mit ihm in Karlsruhe ein längeres Gespräch über seine Sicht der Vorgänge um die Physiker und die deutsche Atombombe im Dritten Reich zu führen. Klar ist, dass er mit einem Fakt der Gesichtsschreibung aufräumt: Entgegen anders lautender Meinung von Historikern hatten die deutschen Theoretiker von der Technologie der amerikanischen Atombombe keinen Schimmer. Ihre eher kläglichen Versuche richteten sich auf eine Reaktor-Bombe, die aus Sicht des Kernphysikers Popp rein gar nichts mit der Atombombe der Amerikaner zu tun hat. Die Physiker um Heisenberg hätten, wie Popp sagt, “herum gestümpert”, und offensichtlich hatten sie die Entwicklung einer Waffe überhaupt nicht streng im Fokus ihres Tuns. Andererseits ließ sie die Politkaste gewähren, denn auch dort glaubte niemand an die Bombe. Wunderwaffen ja, aber Atombombe nein!

Ich bin gespannt, ob die Wissenschaftsgeschichte zu seiner Sicht Stellung bezieht, denn Popp attackiert durchaus frontal: Nach seinem Studium der Aktenlage sei die heute gültige Darstellung in den Geschichtsbüchern schlichtweg “falsch” – und für die Amerikaner vor allem recht “bequem”. Denn sie gäbe denen, die die Bombe gebaut zu haben, zumindest eine “kleine” Rechtfertigung ihres Tuns.

Reichen die von Popp, einem Außenseiter der etablierten Wissenschaftsgeschichte, jetzt zurecht gerückten Fakten aus, das grundlegende Fazit der Historiker über die Rolle der Atomphysiker und Hitlers Bombe als “falsch” zu bezeichnen?

Zu meiner Reportage zum Thema für das Magazin “Spektrum der Wissenschaft” geht’s hier.

Die anderen Teile der Serie von HYPERRAUM.TV zur deutschen Atombombe in meinem Video-Blog hier:

Spurensuche: die Atombombe, die es nicht gab

Systemforschung Wissenschaftsgeschichte

Zum Online-Artikel von Manfred Popp: “Warum es die Atombombe nie gab”

Zum Inhaltsverzeichnis von “Spektrum der Wissenschaft”

Susanne Päch

Veröffentlicht von

Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

8 Kommentare

  1. Deckt sich auch halbwegs mit dem Kenntnisstand des Schreibers dieser Zeilen, vielen Dank für die beiden WebLog-Artikel und das Interview (‘halbwegs’ deshalb, weil der Schreiber dieser Zeilen hier nicht so-o gut informiert ist, nicht weil er etwas zu ergänzen hätte)!

    Ansonsten:
    Musste FDR die Atombombe nicht bauen lassen? Aus Gründen der Fürsorgepflicht sozusagen seinem Volk gegenüber? [1]

    MFG + schönen Sonntag noch,
    Dr. Webbaer

    [1]
    Der dann erfolgte Einsatz dieser Waffe stellt dann natürlich noch ganz andere ethische Fragen, die nicht leicht zu bearbeiten sind.

  2. Vergleicht man das Vorgehen der US-Atombomenforscher mit denen der deutschen, erkennt man vielleicht bereits, was die US-Forschung und Technologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so erfolgreich gemacht hat: Es war das Organisatorische, es war die zielgerichtete Teamarbeit, man kann sogar sagen, das Engineering-Denken im Wissenschaftsbereich, welches zu US-Erfolgen führte, zu Erfolgen, die kein einzelner Wissenschaftler und auch keine lose Gruppe von ihren eigenen Interessen folgenden Wissenschaftlern, je hätte erreichen können.
    Mir scheint die deutschen Atombombenbauer hatten überhaupt nie die notwendigen organisatorischen Strukturen, die für ein solches Unterfangen wie den Atombombenbau nötig gewesen wären.
    Anders war es bei den deutschen Raketenbauern um die V2. Diese arbeiteten projektorientiert und waren äusserst erfolgreich – so erfolgreich, dass sie nach dem Krieg von den USA abgeworben wurden. Auch dieses Vorgehen der Amerikaner – jedem guten Forscher unabhängig von seinem Herkunftsland ein optimales Forschungsumfeld zu schaffen-, war mit ein Grund für die vielen Forschungs- und Technolgieerfolge der USA nach dem zweiten Weltkrieg.

  3. Gut, dass Popp sich nicht mehr historisch betätigen will:

    Ohne – mindestens auf den ersten Blick – falsche technische und/oder historische Einzelfakten anführen zu können, erweckt Popp meines Erachtens trotzdem einen völlig falschen Eindruck der (Gesamt-)Situation; zwei Aussagen aus Popps Artikel:

    1. „Reaktor und Bombe sollten nicht nur nach dem gleichen Prinzip arbeiten, sondern sogar die gleiche Form haben.“

    Das ist Unsinn, denn da handelt es sich um erste Überlegungen und Modellrechnungen von 1939 und 1940, und Heisenberg war zur Zeit, als er Bohr im September 1941 in Kopenhagen traf, (noch!) völlig klar, dass sein damaliges Wissen völlig unzureichend für eine (echte) Beurteilung war; ich zitiere aus einem Brief an Hermann Heimpel wenige Tage nach seinem Besuch bei Bohr (Seite 129 in [1]):

    „Denn vielleicht erkennen wir Menschen eines Tages, dass wir tatsächlich die Macht besitzen, die Erde vollständig zu zerstören, dass wir also durch eigene Schuld durchaus einen jüngsten Tag, oder so etwas, was ihm nahe verwandt ist, heraufbeschwören können. Doch es ist wohl noch Phantasterei, das zu denken.“

    Das ist auch das einzige mir bekannte Zitat eines prominenten Physikers aus dieser Zeit, der sich solche Fragen überhaupt stellte und der sich mit der Atombombenfrage beruflich befasste bzw. wohl eher befassen sollte; seine Überlegungen dazu hielt er damals aber offenbar noch für mehr oder weniger „Phantasterei“.

    Später – ich weiss allerdings nicht wann genau – kamen Heisenberg und Weizsäcker zum krass falschen Schluss, dass eine Atombombe nicht möglich sei, ja dass eine (gefährliche) Kettenreaktion nicht einmal in einem Reaktor möglich sei, man also keine Steuerstäbe brauche. Dies ergibt sich einerseits aus dem Aufbau des deutschen Spielzeugreaktors und andererseits aus den aufgezeichneten Aussagen Heisenbergs in Farm Hall, die ganz eindeutig belegen, dass Heisenberg damals direkt nach Hiroschima eine Atombombe für völlig unmöglich hielt. Dies wird auch durch eine Aussage Manfred von Ardennes bestätigt, der sagt, dass Weizsäcker ihm mitgeteilt habe, dass sie (wohl „Heisenberg & Co.“) jetzt herausgefunden hätten, dass eine Atombombe nicht möglich sei (siehe Seite 196 und 247 in [2]); allgemein bekannt gemacht haben sie dieses vermeintliche Wissen im Uran-Verein aber ganz offensichtlich nicht, wohl weil sonst das Uran-Projekt hätte abgebrochen werden können, mindestens wenn nach der (internen) Offenlegung ihrer Rechnungen nicht andere ihre(n) Kapitalfehler erkannt hätten.

    Vorher – wohl irgendwann 1942 – wird Heisenberg erkannt haben, dass man zur Abklärung der Machbarkeit einer (Uran-)Atombombe mit einem (fast reinen) U235-Modell ohne Moderator rechnen muss (Bild Seite 32 im Spektrum-Artikel oder Seite 132 in [1]), aus dem er selber oder einer seiner Mitarbeiter dann völlig falsche Schlüsse zog, was vordergründig wohl an „Popps schnellen Neutronen“ lag, aber der „Basisfehler“ war damals nicht das fehlenden Wissen über die Wirkungsquerschnitte von schnellen Neutronen, sondern die masslose Selbstüberschätzung und Ignoranz mancher reiner Theoretiker ohne jeglichen „Ingenieurverstand“, die die Unsicherheiten ihrer gemachten Rechenannahmen, wozu (unter anderem) die genannten Wirkungsquerschnitte gehören, halt nicht realistisch einschätzten. Hätte Oppenheimer beim amerikanischen Atomprojekt gleich viel Einfluss gehabt wie Heisenberg beim deutschen, wäre es vielleicht auch nicht erfolgreich gewesen oder erst viel später.

    Beim späteren Wasserstoffbombenprojekt wurde dann die ganz erstaunliche Ähnlichkeit zwischen den sich nicht mögenden, einseitig theorielastigen Kontrahenten Oppenheimer und Heisenberg offenkundig: Mir scheint nämlich aufgrund der Vernehmungsprotokolle von 1954 (fast) sicher zu sein, dass Oppenheimer ursprünglich nicht verstanden hatte, dass man eine Wasserstoffbombe bauen kann; er hat die Leute aber recht erfolgreich davon zu überzeugen gewusst, dass er eine solche Bombe aus ethischen Gründen nicht bauen wollte. Das sind überdeutliche Parallelen zu Heisenberg und Weizsäcker bezüglich der gewöhnlichen Atombombe. Von den Dreien ist Heisenberg meines Wissens aber der einzige, der sich – als er noch an die eventuelle Machbarkeit einer Atombombe glaubte (wohl bis etwa 1942 oder 1943) – nachweislich mindestens implizit ernsthafte Gedanken machte, ob man eine solche Waffe entwickeln dürfe (siehe Zitat weiter oben).

    2. „Die Rückbesinnung auf Goudsmits [offensichtlich falsches] Urteil hat auch den Vorteil, nun alle Erkenntnisse konsistent zu machen. So ist jetzt klar, warum die deutschen Wissenschaftler nicht versuchten, die Wirkungsquerschnitte für die Spaltung durch schnelle Neutronen mit einem Zyklotron zu bestimmen: Sie wussten nicht, dass sie für die [Uran-]Bombe wichtig waren.“

    Diese Sache war beim Wissensstand des Uran-Vereins noch recht unwichtig, denn wenn sie einen Reaktor zum Laufen gebracht hätten, was einer Bombe (fast) zwingend vorangehen muss – wäre es leicht gewesen, dazu zu lernen. Heisenberg konnte allerdings froh sein, dass ihr Spielzeugreaktor nicht kritisch wurde; das hätten die Beteiligten nämlich kaum überlebt. Das Problem des Uranvereins war primär sein „faktischer Konzept-Chef“; ich zitiere aus [2] (Seite 202 oben) Harteck:

    „Ich habe im Jahre 1942 oder so ganz richtig vorausgesagt, dass, wenn man den Reaktor kleiner machen will, man das Uran anreichern muss mit der Zentrifuge. Die [„Heisenberg & Co.“] haben das restlos abgelehnt.“

    Das wäre wohl aus heutiger Sicht beurteilt auch der einzige Weg gewesen, auf dem Hitler in nützlicher Frist zu einer Atombombe hätte kommen können. Aber schon damals hätte selbst weltfremden Theoretikern klar sein müssen, dass an der Urananreicherung kein Weg vorbeiführt, mindestens wenn man über einen Reaktor hinausdenkt. Ich verweise auch auf Seite 191 in [2], wo Diebner und Bagge in Farm Hall unter anderen mit folgenden Sätzen zitiert werden:

    „Heisenberg konnte niemanden [recte: niemand] überzeugen, dass die ganze Sache von der Isotopentrennung abhing. Die ganze Isotopentrennung wurde als Nebensache betrachtet.“

    Kurz: Die Unkenntnis über einige Wirkungsquerschnitte hatte nichts mit dem totalen Misserfolg des Uran-Vereins zu tun, sondern der lag primär an seinem welt- und realitätsfremden, faktischen „Konzept-Chef“; allen ,Historikern wie Kernphysikern (ausser offenbar Manfred Popp), müsste nämlich klar sein, dass Heisenberg-Kritiker wie Harteck recht hatten und das Hauptproblem – schon damals klar erkennbar! – die U235-Anreicherung war; wer die beherrscht, kriegt den Rest dann (fast) gratis.
    Referenzen:
    [1] Werner Heisenberg, Deutsche und Jüdische Physik, Herausgegeben von Helmut Rechenberg, Piper, München Zürich, 1992
    [2] Richard von Schirach, Die Nacht der Physiker, rororo, August 2014

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  6. Hm, schon 2015 gabs im ZDF!! eine Doku! mit dem Namen “die Suche nach Hitlers Atombombe”.
    Und inzwischen gibt’s im Netz und auf Papier auch eine Menge Material dazu.
    Wissenschaft = Philosophie = Elfenbeinturm (-> politisch korrekt, opportunistisch etc etc)?
    Die Nazis haben quasi die späteren “schwarzen Projekte” der USA erfunden.
    Möglicherweise waren die A9-Raketen noch nicht ganz einsatzklar (trotz erfolgreichem Ersttest, über >2000km nach Nordnorwegen).
    Die erste deutsche Atombombe (die hatten schon seit 1942 welche) sollte wohl am 6. August 1945 eingesetzt werden.
    Klingelt was?
    PS ein weiteres Stichwort wäre auch “U234”. Das hat die USA schockiert (D war in vielen Bereichen weit vor den USA)

  7. PS Stichworte wären zB:

    Weizsäcker 1942 Patent Plutoniumbombe
    Diebner (war wohl auch der Erfinder des GAU, in Berlin.. steht sogar in Wikipedia…!)
    Hohlladung
    Walther Gerlach
    Rainer Karlsch
    Thomas Mehner

    Etc etc.

    Und vieles was die sonst noch erfunden haben… steckt zB noch in der Tiefe an diversen Orten…

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