Wie stellen sich hochbegabte türkische Jugendliche eine/n Wissenschaftler/in vor?

Heute ist das letzte Vorrundenspiel der Türkei – die Gelegenheit, der Hochbegabtenforschung in diesem Land einen Besuch abzustatten! Zu diesem Thema gibt es in der Türkei durchaus zahlreiche Studien; insbesondere die Förderung Hochbegabter scheint eine zunehmend wichtige Rolle zu spielen. Eine Untersuchung fand ich aber besonders originell: Was passiert, wenn man Hochbegabten die Aufgabe gibt, Wissenschaftler zu malen? Die Ergebnisse will ich der geschätzten Leserschaft natürlich nicht vorenthalten.

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Der “Mann-Zeichen-Test” von Florence Goodenough (heute heißt er “Menschen-Zeichen-Test”, und auch aus dem englischen “Draw a man” ist inzwischen ein “Draw a person” geworden) ist ein recht altes Verfahren der Diagnostik. Hierbei handelt es sich um einen sogenannten “projektiven Test”. Solche Verfahren gehen davon aus, dass, wenn die Aufgabe sehr offen gehalten ist, die Ergebnisse darauf rückschließen lassen, was die Person bewegt, was sie motiviert, wie sie ist. (Der ebenfalls auf dieser Logik basierende Rorschach-Test ist möglicherweise manchen der Mitlesenden bekannt.) Da diese eher tiefenpsychologisch orientierten Diagnoseverfahren den Standards der Objektivität, Messgenauigkeit und Validität, die man heute an Tests anlegt, nicht genügen, sind sie etwas aus der Mode gekommen. Bei allen messtheoretischen Problemen haben sie jedoch den Vorteil, dass man darüber sehr gut mit seinem Gegenüber ins Gespräch kommt: Solche Zeichenaufgaben sind sehr niederschwellig (ein bisschen kritzeln kann jeder) und machen den meisten Kindern und Jugendlichen Spaß (und auch vielen Erwachsenen).

Die Studie, um die es geht, stammt von Sezen Camcı-Erdoğan (2013). Sie ließ 25 Siebt- und Achtklässler Wissenschaftler malen. Das ist zwar eher keine repräsentative Stichprobe, aber mit solchen kleinen Studien kann man durchaus mal schauen, ob es sich lohnt, in eine bestimmte Richtung weiter zu forschen. Wie sieht also der prototypische Wissenschaftler aus Sicht der untersuchten Jugendlichen aus? Zunächst einmal ist er in etwa zwei Drittel der Fälle männlich, wenn man sich die Gesamtgruppe anschaut. Für Jungen war der Wissenschaftler ausnahmslos männlich (und trug oft einen Bart), jedoch nur für ein Drittel der Mädchen. Das deutet möglicherweise darauf hin, dass eine gewisse Identifikation besteht, zumal auch gut die Hälfte der Mädchen und knapp 2/3 der Jungen ihre berufliche Zukunft in Wissenschaft und Technik sehen. 40 % der Jugendlichen zeichneten Personen die etwa zwischen 30 und 40 Jahre alt waren.

Das Labor mit Reagenz- und anderen Gläsern und Chemikalien scheint ein typisches Habitat von Wissenschaftlern zu sein. Und leider ist Wissenschaft aus Sicht der Jugendlichen ein ziemlich einsames Geschäft: Nur eine Person zeichnete ein Forscherteam, und nur in einem Fall war die Person nicht in einem Innenraum angesiedelt.

Als Einflussfaktoren auf das subjektive Bild von Wissenschaftler/innen wurden vor allem Film, Internet und Biographien genannt – die Medien haben also (wenig überraschend) einen starken Einfluss. Das unterstreicht jedoch wiederum die Verantwortung, die diesen bei der Verbreitung des Wissenschaftler-Bildes zukommt, ähnlich, wie wir das bei der Studie zu Hochbegabtenstereotypen feststellen konnten. Wissenschaft ist sehr vielfältig und geht weit über diese Klischees hinaus, das kann ich aus der Innensicht sagen – im Labor bin ich beispielsweise eher selten, und wenn ich mit Chemikalien hantiere, dann allenfalls mit hochkonzentriertem Koffein. (Von der Altersgruppe her passt es aber zumindest.)

Ein Punkt, der auf jeden Fall so nicht stimmt, ist die Einsamkeit. Beim Schreiben selbst ist man natürlich am besten allein am Laptop; aber unser Wissen ist in vielen Bereichen so hochspezialisiert, dass man um die Expertise anderer Wissenschaftler/innen in vielen Fällen nicht herumkommt. Und abgesehen davon macht es auch großen Spaß, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, die sich für die Materie ebenso begeistern können wie man selbst. Man muss ja nicht übertreiben und gleich mit 1014 oder gar 5154 Coautor/innen publizieren, wo vermutlich kaum noch nachvollziehbar ist, welche Einzelleistung sich dahinter verbirgt (“Autor Nr. 2577 setzte den i-Punkt im ersten Wort in Zeile 15 auf Seite 3 …”? – kleiner Scherz am Rande) – aber ich denke, Teamfähigkeit ist auch für Wissenschaftler/innen eine wichtige Qualifikation. Für Hochbegabte, denen man ja zu Unrecht gerne nachsagt, sie seien sozial eher wenig kompatibel, die sich selbst aber so gar nicht im Einklang mit dem Klischee wahrnehmen, ist das ja möglicherweise eine ganz erfreuliche Erkenntnis. Denn ein gleichermaßen intelligentes wie interessiertes Umfeld (wie man es in der Wissenschaft allen Missständen zum Trotz zum Glück immer noch häufig findet!) ist vermutlich mit das Beste, was einem hochbegabten Menschen passieren kann.

Literatur:

  • Camcı-Erdoğan, S. (2013). Gifted and talented students’ images of scientists. Turkish Journal of Giftedness and Education, 3, 13–37.
  • Chambers, D. W. (1983). Stereotypic images of the scientist: The draw a scientist test. Science Education, 67, 255–265.

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Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2016 vertritt sie die W3-Professur für Methoden der Empirischen Bildungsforschung an der Technischen Universität Dortmund. Davor hatte sie zwei Jahre lang die Vertretung des Lehrstuhls für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Hierzu hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Im April 2016 erhielt sie den SciLogs-Preis 2016.

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