Wie man mit alten Tests Hochbegabte produziert

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

So, Frau Baudson ist wieder aus dem Urlaub zurück (schön war’s!) – jetzt wird wieder gebloggt! Heute geht es um eine Frage, die Herr Müller und ich im letzten Artikel kurz angerissen haben: die Frage nach der Normierung von Tests. Normierung, das klingt nach Gleichmacherei, Auf-Spur-Bringen. In der Psychologie (und insbesondere, wenn es um die Messung menschlicher Eigenschaften geht) ist das aber ganz und gar kein negativer Begriff, sondern im Gegenteil etwas sehr Nützliches!
Normierung heißt für uns Psychologen, einen Vergleichsmaßstab schaffen. Um einen repräsentativen Vergleich zu haben, braucht man viele Leute; und genau das macht man, wenn man einen Intelligenztest entwickelt. Vorab überlegt man sich, welche Aufgaben sinnvoll sind, um Intelligenz zu messen. Da Intelligenz ja ein recht komplexes Konstrukt ist, gibt es eine Vielzahl von Aspekten, die man erfassen kann. Manche Tests wie der HAWIK (Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder), der wohl am weitesten verbreitete Intelligenztest für Kinder, sind eher sprachlastig; andere wie der CFT (Grundintelligenztest – Culture-Fair Test) verwenden eher abstrakte grafische Aufgaben. Was man messen will, hängt auch von der Zielsetzung des Tests ab. Sprachliche Fähigkeiten sind für den Schulerfolg besonders wichtig; wenn ich etwa überprüfen will, ob ein Kind früher eingeschult werden kann, würde ich folglich einen Test verwenden, der Sprachaufgaben mit einschließt. Wenn ich vermute, dass ein Kind aus einem bildungsfernen Elternhaus kommt (und seine sprachlichen Fähigkeiten folglich nicht so ausgeprägt sind wie bei einem anderen, das jeden Abend vorgelesen bekommt, wo Konflikte verbal ausgetragen und Emotionen in Worte gefasst werden), würde ich eher etwas mehr oder weniger Sprachfreies verwenden, eben abstrakte Aufgaben, bei denen eher die Fähigkeit zum logischen Schlussfolgern gemessen wird.

Nachdem die Aufgaben also stehen, wird erst einmal optimiert. Hierbei spielen statistische Kennwerte eine Rolle. Gemäß der klassischen Testtheorie muss eine Aufgabe – oder, wie wir Psychologen sagen, ein Item – zunächst einmal Vielfalt bei den Antworten zulassen. Die Statistiker sprechen von “Streuung” oder “Varianz”. Darüber hinaus ist die Schwierigkeit von Bedeutung. Insbesondere bei Hochbegabten ist es wichtig, dass auch eine ausreichend hohe Anzahl schwieriger Items dabei ist, damit der Test auch im Extrembereich gut differenziert. Die Trennschärfe ist das dritte Kriterium: Sie bezeichnet, wie gut einzelne Aufgaben mit dem Gesamttest zusammenhängen. Wenn ich ein trennscharfes Item lösen kann, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich auch insgesamt ein gutes Ergebnis erziele. Auf Grundlage dieser drei Kriterien wählen wir die endgültigen Aufgaben dann aus.

So, wir haben es geschafft, unser Test liegt vor uns! Jetzt gilt es, ihn mit einer ausreichend großen Stichprobe (mindestens mehrere hundert Teilnehmer, besser im vierstelligen Bereich), die für meine Zielgruppe repräsentativ ist, durchzuführen. Hinreichend groß sollte sie sein, um systematische Verzerrungen zu vermeiden (sobald genug Leute zusammen sind, nullen sich die Fehler heraus – wenn ein paar Leute am Testtag nicht in Form sind, gibt es dafür auch ein paar, die besser in Form sind als sonst), repräsentativ, damit aussagekräftige Ergebnisse abgeleitet werden können. Einen Intelligenztest, der auf Hochbegabte abzielt, sollte man also sinnigerweise nicht an Kindern mit Lernbehinderungen normieren, da er für diese Gruppe zu schwer ist. Wenn ich alle Ergebnisse beisammen habe, schaue ich mir die Verteilung an; diese sollte etwa der Normalverteilung entsprechen. Diese “Rohwerte” lassen sich dann durch eine relativ unkomplizierte mathematische Transformation in die bekannte IQ-Verteilung überführen, mit dem Mittelwert von 100 und der Standardabweichung (der Wurzel aus der Varianz) von 15. So bekomme ich meine Vergleichsgruppe, anhand der ich ein individuelles Testergebnis einordnen kann.

Für die nächsten Jahre haben wir erst einmal Ruhe. Leider nur für die nächsten Jahre, denn ein neuseeländischer Forscher namens Flynn hat beobachtet, dass die Menschen heute mehr Aufgaben aus einem Intelligenztest der 1960er Jahre lösen können als Gleichaltrige in den 1960er Jahren. Pro zehn Jahre macht das etwa ein Plus von drei IQ-Punkten aus – das ist eine ganze Menge! Der “Flynn-Effekt” wurde dann auch nach dem Entdecker benannt. (Inzwischen haben einige Forscher beobachtet, dass der Effekt seit etwa zehn Jahren leicht rückläufig ist; ob dies alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betrifft, wird noch diskutiert.) Werden unsere Kinder also schlauer? Nicht wirklich – denn wir nehmen ja an, dass sich die Intelligenz über die Zeit und über die gesamte Bevölkerung immer gemäß der IQ-Verteilung darstellt. Deshalb ist es notwendig, Tests kontinuierlich neu zu normieren, damit die Vergleichsgruppe stimmt und das Ergebnis somit zuverlässig die wahre Intelligenz repräsentiert. Im Extremfall lassen sich mit alten Tests sogar selektiv Hochbegabte “produzieren” – deshalb sollte man darauf achten, wie alt die Normen sind (als Faustregel sollten sie nicht älter als etwa sieben Jahre sein). Einem Kind, das fälschlicherweise als hochbegabt diagnostiziert wird und dann möglicherweise durch gut gemeinte Fördermaßnahmen überfordert wird, tut man keinen Gefallen.

Tanja Gabriele Baudson

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

12 Kommentare

  1. ein Artikel zu Normierungen usw.:

    Hier werden ein paar interessante Punkte dazu und zu Interpretierbarkeitsfragen genannt. Daneben stellt sich auch die Frage, wieso man auf die Idee kommt, derartige Messkonstrukte mit assoziationsreichen Bezeichnungen wie “Intelligenz”, “Begabung” u. dergl. zu belegen, wenn Leute wie Grothendieck, etc. sich zwar in den mit solchen Wörtern assoziierten Fähigkeiten, nicht aber messtechnisch auszeichnen.

  2. Hallo Herr T.,

    klar sind die Konstruktionen von Tests immer abhängig von der Kultur, die sie konstruiert — leider sind alle Versuche, wirklich faire Tests zu erstellen, bislang mehr oder weniger fehlgeschlagen. Hängt natürlich auch von der Definition von Intelligenz ab: Wenn ich Intelligenz als die Fähigkeit definiere, die Probleme meiner Lebenswelt möglichst gut zu lösen, sehen die für einen WEIRDo (tolles Akronym, das wird direkt mal in meinen aktiven Wortschatz übernommen!) ganz anders aus als für jemanden, der im Dschungel lebt. Auch ein für unserer Begriffe Hochbegabter würde vermutlich nicht lange überleben …

    Im Grunde basiert ja leider sehr viel, was wir über den Menschen wissen, auf Psychologiestudierenden im ersten und zweiten Semester 😉 — wir arbeiten dran.

    LG -tgb

  3. IQ-(d)evolution?

    Hallo Frau Baudson,

    gibt’s Aussagen der Psychologie zu?:
    “Evidence shows that over the last 30,000 years there has been an overall decrease in brain size and the trend seems to be continuing. That’s because we can outsource our intelligence. I don’t need to remember as much as a Neanderthal because I have a computer. I don’t need such a dangerous and expensive-to-maintain biology any more. I would argue that humans are going to continue to get less biologically intelligent.”(link, evt. dazugehörige Spekulationen)

    LG, T.

  4. Gehirngröße

    Einen schönen guten Tag,

    dass die Gehirngröße abnimmt, hätte ich jetzt nicht vermutet – im Gegensatz nehmen doch gerade die für höhere kognitive Funktionen interessanten Bereiche (Neocortex) an Größe zu, so weit ich weiß. Und dass man basale Funktionen (z.B. Gedächtnis) auslagern kann, kann ja auch bedeuten, dass dadurch Ressourcen für anderes frei wird 🙂

    À propos frei, ich assoziiere mal: Evtl. könnte Sie das Phänomen der “extended cognition” interessieren. Wo hört unsere Kognition auf, wenn wir beispielsweise einen Computer als ausgelagertes Gedächtnis verwenden? Ganz faszinierendes Thema.

    Beste Grüße
    -tgb

  5. extended/substituted cognition etc.:

    Hallo Frau Baudson,

    über die allgemeine Hirnschrumpfung beim modernen Menschen seit ein paar Jahrzehntausenden scheint Konsens unter Anthropologen usw. zu bestehen. Lynch beschrieb die und die daraus resultierenden Probleme in der Neurologie (z.B. meint er, allgemeine Muster der Hirn- und mentalen Entwicklung wären beim modernen Menschen durch solche vermutlich inhomogen verlaufenden Regressionen gestört) eindrücklich. Interessant ist, dass die betrachteten Zeitspannen grob denen der Entwicklung moderner Sprachen und komplexer Gesellschaften entsprechen. Sprache ersetzt ja oft das Denken, simplifizierte formale soziale Strukturen lassen sich als externes Substitut komplexer, interner Sozialkompetenzen betrachten.

    “Extended cognition”: interessant, würde ich aber eher durch intensive Rückkopplungskreisläufe zwischen dem Einzelnen und dem Medium kennzeichnen. Als Beispiel liesse sich das Lesen und Schreiben nehmen, dazu hatte ich am Ende ein paar mir interessant erscheinende links zusammengestellt. “Gedächtnis”: da muss man allerdings auch die Interaktionsstruktur hinzunehmen und wie man damit umgeht. “Gedächtnis”, “Internet”, “Computer”, “Bibliotheken” usw. funktionieren ja meistens wie ein Rorschachtest: es kommt heraus, was und wie man hineinschaut.

    Viele Grüße, T.

  6. @Baudson: noch ein link

    Hier eine sehr schöne Beschreibung und Umsetzung der zuvor erwähnten Renaissance-Version von “extenden cognition”. Es wäre also ein Thema für Spezialisten für die frühe Neuzeit. Ihre Frage hört sich so an, als arbeiteten Sie dazu. Wie kamen Sie zu dem Thema?

  7. Tests

    Als ich mich in der Region mit dem „Problem“ Hochbegabte vertraut machte erfuhr ich, dass vor allem Eltern und wenige Lehrer die hochbegabten Kinder ohne spezielle Tests „herausgefunden“ hatten. Trotzdem konnten in Wismar, Schwerin und Umgebung z. B. solche Kinder ganze Schulklassen füllen.
    Verschiedene Förderkurse an der HS Wismar liefen über 3 Jahre, an denen ich mit unterschiedlichen Themen beteiligt war. Schwierigen Bedingungen förderten keine weitere Fortsetzung.
    Eigentlich müssten wir daran interessiert sein, solche Fähigkeiten zu fördern. Die Politik schafft mehr Schwierigkeiten als günstige Bedingungen – wie damals u. a. im FS berichtet wurde.
    Werden solche Kinder nicht richtig gefördert und gefordert, „kippen“ sie ab. Ein bundesweit bekannter Fall ist „Dagobert“, der auch verfilmt wurde. Oft werden solche unterforderten Kinder schnell zum Problemfall, weil nicht erkannt und speziell gefördert.
    Es gab mal das Wort von einer gebildeten Nation – wenn man alles zusammenfasst – ist der Weg noch lang. Alte oder neue Tests – wir müssen dran bleiben!
    Weltweit gibt es »Indigokinder«, die in den Superstar-Talentshows auftreten:
    http://info.kopp-verlag.de/armin-risi/-indigokinder-in-den-superstar-talentshows.html;jsessionid=252D4A0FEF95F8FFB091FD213AE85BCA
    Für Fachbereiche ist so etwas Vergleichbares auch bekannt, aber oft weniger medienwirksam.

  8. Buch “Grenzen des Geistes”?

    Nachdem ich gerade einen link zu Frau Baudson’s Buch zum obigen Thema und “ext. cogn.” fand, nun eine Frage nach sonstigen Themen darin. Welche sonstigen “Grenzen” werden wie und mit welchen Anschlussüberlegungen erörtert?

  9. @T.: Grenzen des Geistes

    Hallo, zu dem Buch: Wir sind gerade im Endlektorat 😉 — Die Grenzen sind recht weit gefasst (hehe), von ganz konkreten Problemen, die sich den Menschen in Grenzgebieten stellen, über Interkulturalität, Stereotype, Regeln des menschlichen Miteinanders, Illusionen des modernen Menschen bis hin zu Gedächtnisgrenzen und besagter Extended Cognition ist allerhand dabei 🙂

    LG Tanja Gabriele Baudson

  10. @ Klaus Deistung

    Hallo Herr Deistung,

    ich stimme Ihnen absolut zu, dass man das für eine vernünftige Identifikation erforderliche Wissen um Hochbegabte noch deutlich ausbauen muss. In der Praxis gerät man ab und an an Lehrkräfte, die behaupten, in 35 Jahren Berufspraxis noch nie ein hochbegabtes Kind in der Klasse gehabt zu haben … umgekehrt aber auch Eltern, die nie vermutet hätten, dass ihr Kind hochbegabt wäre, weil es ihnen so “normal” vorkam 😉

    Wenn wir intellektuelle Hochbegabung feststellen wollen, ist der IQ-Test immer noch das beste Mittel. Klar, Eltern und Lehrkräfte treffen in der Regel die Vorselektion – und hier könnte man ansetzen. In der Regel gibt es bei den meisten Förderprogrammen ja ein mehrstufiges Auswahlverfahren: erst die Vorauswahl, bei der möglichst kein potenziell hochbegabtes Kind übersehen werden soll, und dann das Feintuning (z.B. IQ-Test, Auswahlgespräche …), wobei möglichst kein Kind fälschlicherweise als hochbegabt klassifiziert werden soll. Im ersten Schritt zeigt sich in der Praxis, dass Lehrkräfte oftmals die Sorge haben, ein “falsches” Kind vorzuschlagen, und deshalb im Zweifelsfall dieses Kind lieber nicht nominieren.

    Zu den “Indigokindern”: Diesen Begriff mag ich gar nicht, weil er so unklar definiert ist und in der Öffentlichkeit inzwischen schon so begrifflich überfrachtet ist, dass er nicht (mehr) viel aussagt und insofern auch wenig praktischen Nährwert hat. Ich bleibe daher lieber bei “(intellektueller) Hochbegabung” 🙂

    Liebe Grüße
    Tanja Gabriele Baudson

  11. Aus der New Scientist – seriös?:

    “But there are few more controversial areas of science than the study of intelligence and, in reality, there’s not even agreement among researchers about what this word actually means. Unlike weight and height, which are unambiguous, there is no absolute measure of intelligence, just as there are no absolute measures of honesty or physical fitness. Nonetheless, over the decades, legions of scientists have devised tests that can show that one person is smarter than another just as surely as Olympic events can shed light on how much you can lift or how far you can jump. Now my team at the UK Medical Research Council’s Cognition and Brain Sciences Unit in Cambridge has come up with the ultimate test of intelligence. Like many researchers before us, we began by looking for the smallest number of tests that could cover the broadest range of cognitive skills that are believed to contribute to intelligence, from memory to planning. But we went one step further. Thanks to recent work with brain scanners, we could make sure that the tests involved as much of the brain as possible – from the outer layers, responsible for higher thought, to deeper-lying structures such as the hippocampus, which is involved in memory. Here’s a longer explanation of the theory and evidence that we used when devising the tests. The result is a set of tests that probe what might be called your 12 pillars of wisdom. In all, they take about half an hour to complete. Click here to test your own brain now:

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