Was man in Deutschland über Hochbegabte denkt

“Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit” – dieses Aristoteles zugeschriebene Zitat war in der Antike vermutlich auch schon nicht richtiger als heute. Inzwischen wissen wir aus empirischen Studien, dass Hochbegabte insgesamt sich hauptsächlich – wenig überraschend – in ihrer hohen Intelligenz und damit direkt assoziierten Merkmalen wie Leistungsstärke, schulischem Selbstkonzept o. ä. unterscheiden, sozial und emotional aber eigentlich recht unauffällig sind (und wenn, dann sogar eher im positiven Sinne). Dennoch halten sich Klischees wie das “verrückte Genie” oder die “schwierigen Hochbegabten” hartnäckig. Eine aktuelle Studie, die ich in Zusammenarbeit mit dem Hochbegabtenverein Mensa in Deutschland e. V. durchgeführt habe, untersucht erstmals auf Basis einer repräsentativen Stichprobe, welche Hochbegabtenstereotype die Deutschen eigentlich haben.

Insgesamt wurden Daten von 1029 Personen erhoben, die als Teil einer Omnibusbefragung repräsentativ nach Geschlecht, Alter und Bundesland ausgewählt worden waren. Neben den ohnehin im Panel vorhandenen Fragen zum soziodemographischen Hintergrund kamen insgesamt neun weitere Items zu Intelligenz und Hochbegabung dazu. Fünf davon erfragten relevante Aspekte wissenschaftlicher und subjektiver Hochbegabungstheorien: (1) höheres intellektuelles Potenzial Hochbegabter im Vergleich zu durchschnittlich Begabten – das ist eigentlich immer ein relevantes Merkmal, egal, ob man Laien oder in der Begabungsforschung Tätige fragt; (2) höhere Leistungsfähigkeit – das ist Teil des “harmonischen” Bildes von Hochbegabung, das davon ausgeht, dass sich Potenzial auch in Leistung manifestiert; (3) generelle Überlegenheit – das geht auf die Harmoniehypothese in ihrer starken Form zurück, die Hochbegabte auch in anderen Bereichen, etwa Körpergröße, Gesundheit etc. als überlegen ansieht – Terman lässt grüßen; (4) größere Schwierigkeiten im sozialen Umgang und (5) mehr emotionale Probleme – die letzten beide sind Teil der “Disharmoniehypothese”, ich habe die beiden Aspekte noch mal separat aufgeschlüsselt.

Durch unterschiedliche Kombinationen dieser Parameter lassen sich durchaus einige Auffassungen über Hochbegabte abdecken. Welche Muster tatsächlich vorherrschen, lässt sich mit einer typologischen Methode ermitteln. So genannte “Latente Klassenanalysen” sind hier der Ansatz der Wahl: Sie schauen sich die Profile der verschiedenen Personen über die fünf Variablen an und gruppieren diejenigen mit ähnlichen Profilen so, dass sich die Personen innerhalb einer Gruppe maximal ähnlich sind, die Gruppen sich gleichzeitig aber maximal unterscheiden. Mit Hilfe verschiedener statistischer Kennwerten und theoretischer Ansätze lässt sich dann einschätzen, wie gut eine Lösung mit einer, zwei, drei … Klassen zu den Daten passen würde – und die beste nimmt man dann.

Im vorliegenden Fall wären von der Theorie her mindestens zwei Klassen zu erwarten gewesen: eine “harmonische” und eine “disharmonische”. Zunächst zur harmonischen: Aus Studien über Hochbegabte wissen wir, dass Hochbegabte ein höheres intellektuelles Potenzial haben und als Gruppe insgesamt auch leistungsstärker sind als durchschnittlich Begabte (der Zusammenhang ist positiv, aber nicht perfekt – so erklären sich die Abweichungen im Einzelfall, etwa im Falle des Underachievements). Die gegenläufige Sichtweise, die auch über die Medien gern propagiert wird, ist die, dass Hochbegabte eher soziale und emotionale Probleme haben – das wäre dann die so genannte “Disharmoniehypothese”, die davon ausgeht, dass hohe Begabung ihren Preis hat.

Die statistischen Ergebnisse passten sehr gut zu den beiden Theorien: Ein Drittel der Befragten hatte ein harmonisches Bild von Hochbegabten, das mit empirischen Forschungsergebnissen im Einklang stand. Doppelt so viele jedoch schrieben Hochbegabten neben diesen Eigenschaften zu, sie seien sozial schwierig und emotional labil – und das stimmt nun gar nicht mit der Befundlage überein!

In einem zweiten Schritt ging es nun darum zu erklären, wie es dazu kommt, dass jemand Hochbegabte eher “harmonisch” oder “disharmonisch” sieht. Das statistische Verfahren, das ich angewandt habe – eine so genannte “binär-logistische Regression” – basiert letztlich auf Korrelationen, also statistischen Zusammenhängen. Eine sogenannte “abhängige Variable” (hier, ob jemand eher ein harmonisches oder ein disharmonisches Bild von Hochbegabten hat) wird durch eine oder mehrere “unabhängige Variablen” vorhergesagt – neben den soziodemographischen Fragen nach Geschlecht, Familienstand, Einkommen, Alter, Herkunft etc. waren das hier die subjektiv eingeschätzte Intelligenz, die Einstellung zu Hochbegabung, Interesse am Thema und die Frage, ob man Hochbegabte kenne.

Diese leisteten insgesamt nur einen sehr kleinen Beitrag zur Erklärung, ob jemand eher ein negatives oder positives Bild von Hochbegabten hat. Männer, Alleinerziehende, Arbeitssuchende, Personen mit höheren Einkommen und Personen mit negativer Einstellung zu Hochbegabung schrieben Hochbegabten eher negative soziale und emotionale Eigenschaften zu, aber diese Merkmale erklärten nur einen Bruchteil der Variation in den Urteilen – mindestens 94 % bleiben unaufgeklärt.

Für die Forschung heißt das, dass wir uns auf jeden Fall die psychologischen Mechanismen und Prozesse anschauen müssen, die an der Bildung und Aufrechterhaltung von Stereotypen beteilgt sind – damit lässt sich möglicherweise noch besser erklären, ob jemand eher ein realistisches oder ein klischeebelastetes Bild von Hochbegabten hat. Spannend war auch das Ergebnis, dass es egal war, wie intelligent sich jemand selbst einschätzte. Ich persönlich vermute, dass “intelligent” und “hochbegabt” in der subjektiven Wahrnehmung zwei unterschiedliche Dinge sind – vielleicht auch wegen des ganzen Rattenschwanzes an Klischees, die sich mit dem Begriff “hochbegabt” verbinden.

Aber das Ganze hat auch eine ganz praktische Seite für die Hochbegabten selbst: Wenn zwei von drei Leuten von vornherein meinen, man sei schwierig im Umgang und emotional labil – was macht das mit einem? Hier sehe ich auch die Medien in der Verantwortung, die häufig ein falsches Bild von Hochbegabung vermitteln, weil es sich besser verkauft, und die damit dazu beitragen, das Stereotyp aufrechtzuerhalten.

Vermutlich ist es auch deshalb so schwer, gegen das Klischee anzukommen, weil es so etwas fundamental Menschliches berührt: Während die eigene Gruppe gern in jeder Hinsicht positiv gesehen wird, zeigen Studien aus der Sozialpsychologie, dass man andere Menschen anhand zweier Dimensionen verortet: Kompetenz und Wärme (es gibt noch etliche weitere Bezeichnungen für diese fundamentale Zweiteilung). Um selbst besser dazustehen, kann man andere auf diesen Dimensionen abwerten – und da bei Hochbegabten die grundsätzliche Überlegenheit auf der Kompetenzdimension ziemlich auf der Hand liegt, wären das in dem Fall eben die sozialen und emotionalen Aspekte des Menschseins. Denn natürlich ist es schon irgendwo eine narzisstische Kränkung, wenn andere einem selbst nicht nur intellektuell überlegen sind, sondern dabei auch noch echt nett sind (und unter Umständen sogar netter als man selbst).

Auf jeden Fall kann man wohl gar nicht oft genug betonen, dass die Unterschiede zwischen Hochbegabten und durchschnittlich Begabten so riesig eigentlich gar nicht sind, wenn man vom intellektuellen Bereich und den damit verbundenen Eigenschaften mal absieht. Flapsig gesagt: Hochbegabte sind auch nicht gestörter als der Rest der Menschheit; im Gegenteil ist Hochbegabung eine ganz wundervolle Ressource, und das Umfeld hat einen massiven Einfluss auf ihre Entfaltung. Negative Vorurteile behindern Entwicklung und können dazu beitragen, dass Menschen ihre Begabung verstecken, um nicht aufzufallen, statt ihr Potenzial umzusetzen.

Literatur:

Baudson, T. G. (2016). The mad genius stereotype: Still alive and well. Frontiers in Psychology, 7, 368.

Ich danke Mensa in Deutschland e. V., die die Untersuchung finanziert haben, und ganz besonders dem Strategieteam von Mensa für die Anregung, eine solche Studie durchzuführen, sowie für die angeregten Diskussionen.

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Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungs- und Allgemeine Psychologie an der Universität Luxemburg. Davor hatte sie ein Jahr lang die Vertretung des Lehrstuhls für Methoden der Empirischen Bildungsforschung an der Technischen Universität Dortmund inne. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Hierzu hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „March for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis 2016.

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