Was macht Wunderkinder aus?

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Sie erbringen schon in jüngsten Jahren herausragende Leistungen auf einem professionellem Niveau, von dem selbst die meisten Erwachsenen nur träumen können: die “Wunderkinder”, wie sie im allgemeinen Sprachgebrauch genannt werden. Heutzutage werden sie gerne in Fernsehshows oder anderen Medien präsentiert – und unter anderem dort fanden Joanne Ruthsatz und Jourdan B. Urbach auch die acht Personen, die sich schon im Kindesalter durch außergewöhnliches Talent ausgezeichnet hatten.

Die besondere Begabung von Wunderkindern liegt nicht notwendigerweise ausschließlich im intellektuellen Bereich. Das bekannteste Beispiel ist vermutlich Wolfgang Amadeus Mozart, dessen erste Kompositionen sein Vater niederschrieb, als das Kind gerade einmal fünf Jahre alt war; mit sechs unternahm der Kleine dann schon seine ersten Konzertreisen und öffentlichen Auftritte. Häufig liegen die besonderen Begabungen in Bereichen, die auf Regeln basieren: Musik, Mathematik, Schach gehören dazu. Wie es dazu kommt, dass sich eine Begabung auf dem Niveau schon so früh zeigt, ist noch unklar (vermutlich nicht zuletzt, weil es zwangsläufig schwierig ist, eine hinreichend große Stichprobe zusammen zu bekommen und diese auch noch über einen längeren Zeitraum zu beobachten). Am einen Extrem liegen die Expertiseforscher, die dem Training die wichtigste Bedeutung zumessen – früh übt sich, wer ein Meister werden will. Andere wiederum sagen, dass eine bestimmte Konstellation von Anlagen vorliegen muss, damit sich Talent in einer so extremen Form zeigen kann – beispielsweise eine herausragende Begabung in einer bestimmten Domäne, gepaart mit zumindest durchschnittlicher allgemeiner kognitiver Fähigkeit (wobei in eher intellektuellen Bereichen wie Mathematik auch eine höhere allgemeine Intelligenz zu erwarten ist). Wenn man sich Mozarts frühe Karriere anschaut, würde man vermutlich folgern, dass beides, sowohl Talent als auch Übung, nötig ist – die berühmten zehntausend Stunden gezielten Übens, die in der Forschung gemeinhin als Voraussetzung für Expertise angenommen werden, wird ein solches Wunderkind jedoch kaum erreichen. Das legt nahe, dass Wunderkinder in der Tat extrem talentiert sind — und dadurch den Mangel an Übung wettmachen können.

In der Pilotstudie zu der hier vorgestellten Untersuchung fiel Joanne Ruthsatz noch etwas auf: nämlich ein erstaunlich hoher Prozentsatz an Personen mit autistischen Zügen in der näheren Verwandtschaft dieser Kinder. Das ist interessant, denn einen ähnlichen Zusammenhang findet man bei den so genannten “Inselbegabungen” oder “Savants”: Auch diese sind überzufällig häufig autistisch. Gibt es da möglicherweise einen Zusammenhang?

Die beiden Forscher machten sich also auf die Suche nach Wunderkindern: über Fernsehshows, das Internet oder über persönliche Kontakte. Insgesamt acht fanden sie — das scheint auf den ersten Blick nicht viel, aber derart außergewöhnliche Leistungen sind ja nun einmal per Definition selten … Das Auswahlkriterium war, dass die Person in der Regel vor dem 10. Lebensjahr herausragende Leistungen in einer regelbasierten Domäne gezeigt haben musste. Die acht getesteten Personen waren zwischen 7 und 32 Jahre alt, bei der Hälfte von ihnen zeigte sich die Begabung im musikalischen Bereich (eine weitere Person war außerdem von der Musik zur bildenden Kunst gewechselt). Die IQ-Werte erstreckten sich vom oberen Durchschnittsbereich bis zur extrem überdurchschnittlichen Intelligenz (108–147, im Durchschnitt 128). Herausragend waren allerdings ihre Ergebnisse im Bereich des Arbeitsgedächtnisses: Alle erreichten Werte, die besser waren als 99 % der Vergleichsgruppe, zwei von ihnen waren sogar besser als 99,9 %.

Außergewöhnlich waren auch die Ergebnisse eines Autismus-Screenings, das die acht Wunderkinder ausfüllten. Dieser Fragebogen – der “Autism Quotient” (AQ) von Simon Baron-Cohen1 und Kollegen – umfasst fünf Bereiche des Phänomens Autismus: soziale Fähigkeiten, Kommunikation, Imagination, die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit zwischen Bereichen hin- und herzuschalten, und Aufmerksamkeit für Details. Die Wunderkinder lagen insgesamt deutlich stärker im autistischen Spektrum als eine Vergleichsgruppe; das lag jedoch hauptsächlich an ihren hohen Punktzahlen im Bereich “Aufmerksamkeit für Details”, wo ihre Werte selbst noch die der autistischen Vergleichsgruppe übertrafen!2 Auch zeigte sich in den Familien der Wunderkinder eine überzufällige Häufung an Personen mit Autismus. Während in der Bevölkerung insgesamt ungefähr ein Autist auf 120 Nichtautisten kommt, kam Autismus in vier der acht Kernfamilien vor; mindestens einen autistischen Verwandten gab es in allen Fällen. Der Vergleich mit inselbegabten Autisten, die sich nicht nur im Bereich Aufmerksamkeit für Details, sondern auch in den “Defizitbereichen” (wie fehlende soziale und kommunikative Fähigkeiten) von nicht klinischen Gruppen abheben, lässt die Autoren vermuten, dass bestimmte Mechanismen möglicherweise nur einen Teil der autistischen Symptomatik zum Vorschein kommen lassen und den Rest überdecken; das ist zwar noch recht spekulativ, eröffnet aber interessante Wege für die weitere Forschung – und zeigt vielleicht auch, dass bestimmte Teilaspekte eines Phänomens, das man nur allzu oft leichtfertig als “Störung” abtut, durchaus ihr Gutes haben können.

1 Ja, er ist mit dem Schauspieler Sacha Baron-Cohen (“Borat”) verwandt – die beiden sind Cousins.

2 Die Tatsache, dass drei der Teilnehmer/innen im Laufe ihres Lebens einmal mit Autismus diagnostiziert worden waren, machte den Kohl übrigens nicht fett — in diesem Teilbereich erreichten sie sogar leicht niedrigere Werte als der Rest der Gruppe.

Literatur:

  • Baron-Cohen, S., Wheelwright, S., Skinner, R., Martin, J., & Clubley, E. (2001). The Autism-Spectrum Quotient (AQ): evidence from Asperger syndrome/high-functioning autism, males and females, scientists and mathematicians. Journal of Autism and Developmental Disorders, 31(1), 5–17.
  • Ruthsatz, J., & Urbach, J. B. (2012). Child prodigy: A novel cognitive profile places elevated general intelligence, exceptional working memory and attention to detail at the root of prodigiousness. Intelligence, 40(5), 419–426.

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Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

1 Kommentar

  1. Der Teil mit der Verbindung mit Autisten ist natürlich interessant. Wieweit hier eine wirklich relevante Korrelation existiert, fragt sich noch, aber das Sprichwort “Genie und Wahn liegen dicht beeinander” erklärt ja eine ähnliche Verbindung. Und die Trennung zwischen etwa 100 diagnostizierbaren psychischen Störungen sind Übererfüllung – denn diese Liste ließe sich ohne Mangel auf einige wenige Tendenz-Störungen reduzieren – und zuweilen schlicht viele Störungen als Vorstufe der Schizophrenie gelten können. Perspektivisch will ich damit sagen, dass Menschen sich zwar unterschiedlich entwickeln können, es aber Grundtendenzen gibt, die je recht individuell sich gegenseitig beeinflussen. Ihre vermutliche Mutmaßung, es würden bei den “Wunderkindern” einige autistische Merkmale irgendwelchen Unterdrückungsmechanismen zum Opfer gefallen, schliesst eben, es seien Autisten, aber eben keine typischen. Das ist natürlich möglich, aber nicht ungewöhnlich und nicht nur bei sogenannten “Wunderkindern” der Fall. Wobei man ohne Probleme auch die Kategorie “Wunderkinder” auch erweitern könnte. Ich stoße mich ein wenig an dem Begriff “Autisten”, aber diese Welt der Mehrheitsgesellschaft braucht eben Begriffe für das andere. Man selbst ist eben nur “normal”. Menschen hoffentlich allemal alle.
    Anyway, es könnten eben Entwicklungsbedingungen bestanden haben, bei denen ein im Kern autistischer Mensch einige Merkmale gezwungener Maßen überwand, weil seine Umgebung eben dazu zwang. Oder umgekehrt; es bestanden plötzlich Bedingungen, die eher “normale” Menschen unerwartet doch autistische Merkmale entwickelte. Es ist schon ein Jammer, dass man nicht genauer weiß.

    Gerüchteweise sei Autismus ein pränataler Testosteronüberschuß. Oder auch Stresshormonübersättigung. Beides könnte einen Fötus in seiner Entwicklung früh voreinstellen, die Bedingungen nach Geburt allein aber nicht aufrecht erhalten können. Daraus ergeben sich dann einige Verwerfungen im Haushalt des Kindes.
    Wenn man Autisten so anschaut, kommt man um die Feststellung ihrer Angst nicht herum. Mutmaßlich haben sie, wenn sie nicht deutlich erkennbar ist, sich angesichts der Angst aufgegeben. Ihre Resilienz ist weg und sie wuchsen dann nicht daran zu selbstbewussten Persönlichkeiten herran, sondern blieben auf einem frühkindlichen Niveau hängen, aber organisch entwickelte sich dennoch alles weiter, was dann eine gewisse Funktionalität ergab – und zuweilen tatsächlich eine Begabung ermöglichte.
    Vor einiger Zeit lass ich eine Empfehlung, wie Autisten therapiert werden könnten, damit sie soziale Interaktionen freiwilliger eingingen. Die erinnerte mich dann doch stark an auditing-Methoden bei der Scientology. Was aber keine tendenzielle Würdigung sein soll – das könnte tatsächlich funktionieren.

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