Was Hänschen nicht lernt …

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Elementarpädagogik ist im Fluss – und das auch in Sachen der Begabtenförderung. Forscher in Windeln, Mini-Einsteins, Smart-Kids und Klubs der kleinen Denker kennzeichnen dabei verschiedene Strömungen in der Pädagogik des Kindergartens. In einem kurzen Interview äußert sich Ina Schenker, Diplom-Sozialpädagogin und Doktorandin an der Evangelischen Hochschule Dresden, zu der Förderung von hoch begabten Kindern im Kita-Alter.

Götz Müller: Frau Schenker, Förderung von hoch begabten Kindern im Kita-Alter stellt Erzieherinnen und Erzieher vor besondere Herausforderungen. Was brauchen pädagogische Fachkräfte, wenn sie sich diesen Herausforderungen stellen wollen?

Ina Schenker: Erzieherinnen und Erzieher müssen zum einen um das Phänomen Hochbegabung genau Bescheid wissen, damit sie das Verhalten der Kinder wahrnehmen und interpretieren können. Aus diesem Grund müssen Pädagogen über Beobachtungskompetenzen verfügen und geeignete Beobachtungsverfahren kennen, um das individuelle Lernen und die Lerndispositionen der Kinder zu erkennen. Die Auswertung und Interpretation der Beobachtungsergebnisse sind Planungsgrundlage für das pädagogische Handeln. Weiterhin finde ich wichtig, sicherzustellen, dass Kinder an ihren Themen lernen können und die Erzieherinnen und Erzieher sie dabei unterstützen, ihr Wissen angemessen und kontinuierlich zu erweitern. In dieser dialogischen Interaktion sind Erzieherinnen und Erzieher und Kinder miteinander im Gespräch, tauschen ihre unterschiedlichen Sichtweisen auf Phänomene und Prozesse aus und nähern sich gemeinsam an ein Thema an. Prozesse der Instruktion durch den Erwachsenen und die Konstruktionen der Kinder sind dabei in Balance. Das Lernen der Kinder wird auch dadurch herausgefordert, dass die Umwelt(Materialien, Zeit, Bücher, Sachen zum Spielen …), bewusst gestaltet ist und sich angemessen am Entwicklungsstand des Kindes ständig verändert.

Götz Müller: Förderung von hoch begabten Kindern sieht in der Praxis oft sehr verschieden aus. Das Spektrum reicht von vorschulischen Kursen bis hin zu einer eher alltagsorientierten inklusiven Pädagogik. Welche Vorgehensweise ist Ihrer Ansicht nach entwicklungsfördernd für Kinder?

Ina Schenker: Hinter diesen verschiedenen pädagogischen Ansätzen stehen zwei unterschiedliche Sichtweisen auf das Lernen von Kindern. In Kursen steht die zeitlich beschränkte Vermittlung eines speziellen Wissens im Vordergrund. Aus einer inklusiven Grundhaltung heraus, wird alles, was in einer Kindertageseinrichtung geschieht, als pädagogisches Angebot verstanden. Kinder sollen angeregt werden selbstbestimmt zu lernen und eigene Wirklichkeitskonstruktionen zu entwickeln. Damit ist gemeint, das Lernen als Bestandteil der gesamten Erfahrungswelt des Kindes gesehen wird. Gerade das Spiel hat für das Lernen der Kinder eine herausragende Bedeutung dadurch, dass das Aktivitätsniveau spielender Kinder sehr hoch ist. Alles was Kinder spielen wollen, müssen sie selbst ausdenken, planen, strukturieren, mit Freunden abstimmen, organisieren und den Verlauf des Spiels überwachen, damit das Spiel nicht abbricht. Die benannten Fähigkeiten sind Kompetenzen, welche Menschen zum selbstbestimmten Lernen brauchen. Durch die Fähigkeit, zwischen Spiel und Nichtspiel zu unterscheiden lernen Kinder, ihr eigenes Denken zu überwachen (Metakognition) d.h. sie lernen, ihre eigenen kognitiven Prozesse zu kontrollieren. In einer sich globalisierenden und rasch verändernden Gesellschaft erneuern sich Wissensbestände sehr schnell. Es ist ungewiss, welche Kompetenzen und Fähigkeiten Kinder in der Zukunft brauchen. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Kinder lernmethodische Kompetenzen erwerben, um lebenslang lernen zu können.

Götz Müller: Wie sieht eigentlich gute Hochbegabtenpädagogik in der Kindertagesstätte aus? Was zeichnet eine Kindertagesstätte aus, die Hochbegabte gut fördern kann?

Ina Schenker: Ein wichtiges Merkmal ist aus meiner Perspektive, dass Kindern neugierigen Erwachsenen begegnen, die selber Spaß am Lernen haben und bereit sind, auch von Kindern zu lernen. Weiterhin ist mir wichtig, dass Kinder immer aktiv sein können, dabei aber von Erwachsenen begleitet, unterstützt und herausgefordert werden, wenn die Kinder es wollen. Kinder brauchen auch andere Kinder, unterschiedlichen Alters, jüngere und ältere gemischt, mit unterschiedlichen Entwicklungsständen und Interessen, so dass sie gut voneinander lernen können … und wie schon weiter oben gesagt, die Erwachsenen müssen Hinweise kennen, an denen man Hochbegabung erkennen kann, sonst kann man zu völlig falschen Interpretationen kindlichen Verhaltens kommen.

Götz Müller: Allgemein betrachtet: Was unterscheidet eigentlich eine gute Pädagogik zur Förderung hochbegabter Kinder von einer Pädagogik in Regeleinrichtungen?

Ina Schenker: Hm, … ich glaube, nichts. Ich glaube nicht, dass es für hochbegabte Kinder „Spezialeinrichtungen“ braucht. Jedes Kind hat das Recht darauf, angemessen an seinem Entwicklungsstand und an seiner aktuellen Lebenssituation orientiert, gefördert zu werden. Egal ob hochbegabt oder nicht, ich kann Kinder nur dabei begleiten, selbst den nächsten Schritt zu gehen. Alle Kinder brauchen professionell handelnde, aufmerksame, fachlich und methodisch fitte Erzieherinnen und Erzieher, die mit dem Kind selbst, dessen Familie und einem gut funktionierenden Netzwerk kooperieren. Wichtig finde ich, dass das Kind immer die Verantwortung für sein Lernen behalten kann, d.h. es entscheidet selbst, was stattfindet und wählt nicht nur aus einer „Angebotspalette“ die Erwachsene ausgedacht und organisiert haben. Kinder müssen die Welt für sich selbst konstruieren können und nicht nur konsumieren.

Götz Müller: Liebe Frau Schenker, vielen Dank fürs Interview!

 
Mehr zu lesen gibt es zum Thema Begabtenförderung im Kindergarten in der Sonderausgabe der KiTa Spezial 4/2009 vom Carl-Link-Verlag.

Götz Müller

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

3 Kommentare

  1. Kleine Ergänzung

    All das, was hier so deutlich formuliert und dargestellt wird, kann ich nur eindeutig bejahen. Doch möchte ich dazu gern noch ergänzen, dass es nicht die Kindertageseinrichtung allein ist, die Kinder auf ihrem individuellen Weg des Lernens begleitet und diese Lernstrategien sichtbar und aktiv nutzbar macht – einen noch größeren Anteil an einer solch pädagogischen Grundhaltung und Überzeugung (denn das ist es und nicht etwa eine pädagogische Methode) haben die Eltern der Kinder. Hier gilt es, in Zeiten eines wachsenden Marktes von speziellen Förder – oder oft auch Forderangeboten, der von den Hoffnungen der Mütter und Väter lebt, dem Kind die Chancen auf eine erfolgreiche Zukunft mit genügend Kursangeboten zu erhöhen, Aufklärungsarbeit zu leisten. Erst wenn es gelingt, mit den Eltern gemeinsam an diesem Ansatz weiter zu arbeiten, wird für die Kinder ein stimmiges Ganzes daraus und die Chancen auf die Nachhaltigkeit der “spielerisch” erworbenen Kompetenzen vervielfachen sich. Dazu bedarf es einer gleichberechtigten Dialogstruktur in den Einrichtungen zwischen Erziehern, Erzieherinnen und Eltern – hier sehe ich einen noch großen Lernbedarf bei den Erwachsenen.

  2. Hochbegabung – abschaffen !

    Seit ca. 10 – 15 Jahren wenigstens nach meiner Erinnerung, wird bei Kindern gerade das Thema “Hochbegabung” von allen Seiten genauestens thematisiert und in allen Schattierungen analysiert. Meine Meinung als Vater einer begabten, allerdings nicht hochbegabten Tochter: Hochbegabung – abschaffen ! Jeden Tag kann man es in den Medien verfolgen, wie durch Gewalt an den Schulen, Mobbing etc.pp. eine ganze Generation sozial verwahrlost. Ich sehe das unter Anderem als einen “Hilfeschrei” in unserer Leistungsgesellschaft: Ich komme nicht mit, also wende ich Gewalt an. Es fehlt den Kindern und Jugendlichen an emotionaler Erziehung und Intelligenz; kognitive Vermittlungstechniken gibt es zuhauf, aber niemand kümmert sich um das Gefühlsleben der heutigen Jugend. Deshalb, weg mit den ganzen Hochbegabtentests, investieren wir mehr Zeit, um “anständige” und sozial begabte jungen Menschen zu eziehen. In diesem Sinne Peter Bonin
    PS.: Nur um irgendwelchen “Lästereien” vorzubeugen: Laut den Tests, die ich während des Studiums und zu Beginn des abgelegt habe, gehöre ich auch zum Kreis der Hochbegabten. Manchmal fühle ich mich auch so, manchmal fühle ich mich auch dumm – aber glücklich ;-)) P.B.

  3. @ Bonin

    Genau diesen Punkt greift doch Frau Schenker in ihren Aussagen auf! Sich mit Hochbegabung angemessen zu beschäftigen, bedeutet doch, die emotionale und soziale stets im Auge zu behalten …
    Sie könnten vielleicht Hoch-Leistungstrimmen meinen, dies fände meine Zustimmung!

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