Vom Potenzial zur Leistung

BLOG: Hochbegabung

Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Die hier schon des Öfteren angesprochenen “Underachiever”, deren Leistungen hinter dem zurückbleiben, was man eigentlich erwarten könnte, zeigen es wahrscheinlich am deutlichsten: Potenzial entfaltet sich nicht unbedingt von selbst. Welche Gedanken sich die Hochbegabtenforschung dazu in Form von theoretischen Begabungsmodellen gemacht hat, will ich Ihnen heute – zumindest in Auszügen – vorstellen.

Bei allem Bestreben nach “Potenzialförderung”, “früher Identifikation von Begabungen” und was sich die Politik sonst noch gern so auf die Fahnen schreibt, stellt sich bei der ganzen Geschichte doch durchweg ein zentrales Problem: nämlich das, dass Potenzial nur sehr schwer zu erkennen ist, wenn es sich nicht in Leistung manifestiert. Denn bekanntlich sind Prognosen ja insbesondere dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Häufig hört man dann sogar den Umkehrschluss: Wenn ein als hochbegabt diagnostizierter Mensch keine Hochleistungen erbringt, kann ja wohl mit der Diagnose etwas nicht stimmen.

Dem liegen streng genommen zwei unterschiedliche Konzeptionen von Hochbegabung zugrunde: Im ersten Fall wird Hochbegabung als hohes Potenzial definiert, im zweiten als hohe Leistung. Nur im ersten Fall ist so etwas wie Underachievement überhaupt möglich – und dieses Modell bietet auch die spannenderen Herausforderungen, denn Leistungsdiagnostik ist im Vergleich zur Potenzialdiagnostik doch deutlich einfacher. (Was nicht heißt, dass sie einfach wäre.)

Bleiben wir also bei der Definition von Hochbegabung als hohem Potenzial. Gerne werden dazu IQ-Tests (beispielsweise im Gegensatz zu Schulnoten, die manifeste Leistung darstellen) eingesetzt. Die Sache ist jedoch, dass auch ein IQ-Test nur eine Annäherung an das Potenzial erlaubt. Denn letzten Endes lässt sich auch bei einem IQ-Test nur das bewerten, was der Kandidat oder die Kandidatin erbracht hat, mithin eine Leistung. Immerhin genügt diese Messung aber bestimmten statistischen Gütekriterien – im Gegensatz zum Lehrerurteil: Die gängigen IQ-Tests sind standardisiert, messen zuverlässig und zeigen auch Zusammenhänge mit anderen Merkmalen, die mit Intelligenz in Verbindung stehen (oder von denen man das zumindest annehmen kann). Darüber hinaus gibt es eine hinreichend große Vergleichsstichprobe, zu der sich das individuelle Ergebnis in Bezug setzen lässt. In der Schule dagegen ist es eher so, dass Lehrkräfte sich an der Klasse orientieren und ihre Noten mehr oder weniger an eine Normalverteilung (großes Mittelfeld, wenige sehr gute, wenige sehr schlechte Schülerinnen und Schüler) anpassen. Dass zwischen verschiedenen Klassen große Leistungsunterschiede bestehen können, fällt dabei ebenso unter den Tisch wie die Tatsache, dass man bei einer Stichprobe von vielleicht dreißig Kindern oder Jugendlichen nicht unbedingt von einer Normalverteilung ausgehen kann: Je kleiner die Gruppe, desto eher können statistische “Ausreißer” die Gesamtverteilung verzerren.

Münchner Hochbegabungsmodell
Abb. 1: Das Münchner Hochbegabungsmodell (vgl. etwa Heller & Ziegler, 2008, S. 67; die Grafik selbst findet sich etwas größer hier: http://www.vs-haimhausen.de/Elternseite/Hochbegabung/hochbegabungsmodell.gif)

Nun kann ein Mensch Potenzial in verschiedensten Bereichen haben. Manche sind sprachlich sehr fit, andere mathematisch; Sportskanonen und künstlerisch Begabte kennen Sie vermutlich ebenfalls. Was aber trägt dazu bei, dass Potenzial in Leistung umgesetzt wird? Das Münchner Hochbegabungsmodell von Heller und Kollegen (Abb. 1) nimmt hier insbesondere zwei moderierende Faktoren an: zum einen nichtkognitive Merkmale, die in der Person selbst liegen, zum anderen Einflussfaktoren aus der Umwelt der Person. Unter ersteres fallen beispielsweise Faktoren wie Motivation, Ängstlichkeit (Prüfungsangst beispielsweise kann massiv dazu beitragen, dass ein Ergebnis unter dem liegt, was die Person eigentlich könnte) oder Lernstrategien, unter zweiteres ein bildungsaffines Elternhaus, die Unterrichtsqualität oder auch kritische Lebensereignisse, die einen “aus der Bahn werfen” können. Wenn man sich das Modell anschaut, sieht es auf den ersten Blick viel komplizierter aus als es ist: Im Grunde besagt es, dass man (1) in verschiedenen Bereichen begabt sein kann, (2) dass Leistung sich entsprechend auch in verschiedenen Bereichen äußern kann und (3) dass der Weg vom Potenzial zur Leistung durch Faktoren beeinflusst wird, die in der Person oder in ihrer Umwelt liegen.

Gagnés DMGT
Abb. 2: Das “Differentiated Model of Giftedness and Talent” (vgl. etwa Gagné, 2008, S. 2; die Grafik von hier http://www.sydneyr.det.nsw.edu.au/files/Curriculum/GAT/gagne-model.jpg ist etwas klein (Danke an Bartleby für den Hinweis an die Autorin mit den überscharfen Kontaktlinsen), aber in dem unten verlinkten Artikel von Gagné gibt es sie noch mal in größer)

Das Modell von Françoys Gagné – das “Differentiated Model of Giftedness and Talent” – ist im Grunde ganz ähnlich aufgebaut. “Giftedness” ist für Gagné das Potenzial, während “Talent” das entfaltete Potenzial ist. Ein Unterschied zum Münchner Modell besteht allerdings darin, dass Gagné neben den intra- und den extrapersonalen Katalysatoren noch einen weiteren Einflussfaktor annimmt: nämlich Kommissar Zufall. Und das ist in der Tat ein kluger Gedanke, den wir vermutlich alle aus eigener Erfahrung nachvollziehen können: Wie oft ist es die “glückliche Fügung”, das Zur-rechten-Zeit-mit-den-richtigen-Leuten-am-richtigen-Ort-Sein, was letzten Endes das Zünglein an der Waage ist?

Fürs Neue Jahr wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, auf jeden Fall viele solcher glücklicher Momente – auf dass Sie auch 2013 weiterhin Spaß daran haben, für sich herauszufinden, was an Potenzial in Ihnen steckt und wie sie es realisieren können. Denn Möglichkeiten zu finden und zu schaffen, um die eigenen Fähigkeiten umzusetzen, trägt auch ganz massiv zum persönlichen Glück bei. Alles Gute!

Literatur:

 

Tanja Gabriele Baudson

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

10 Kommentare

  1. Potenzialtest?

    Ist dieser Beitrag als Augen-Potenzialtest oder Augen-Leistungstest gedacht gewesen?

    Abbildungen sind ja eine tolle Sache. Wenn sie aber so verkleinert werden, dass sie nur noch schwer lesbar sind, stiehlt das entziffern nur unnötig Zeit. Wir Leser wollen doch unsere Zeit lieber darauf verwenden, unsere Begabungen zu entfalten.

    Eine einfache Lösung wäre die Abbildungen im Fließtext in der gewünschten Größe anzuzeigen, und als Link auf die Bilddatei zu formatieren, die tatsächlich in einer größeren Auflösung gespeichert wird. Fragen Sie doch bei Bedarf mal die Kollegen der Spektrum-Redaktion oder einen Ihrer Doktoranden. Die sollten helfen können.

  2. @Bartleby: Zoom als Potentialhelfer

    Stellen sie den Zoom bei ihrem Browser auf 200%, dann können sie Abbildung 1) sehr gut lesen, während Abbildung 2) immer noch etwas verschwommen ist, was aber beim Original genau so der Fall ist.
    Falls sie nicht wussten, dass man den Zoomfaktor des Browsers ändern kann, würden sie wohl nach dem “Differentiated Model of Giftedness and Talent” unter die Kategorie Gifted-but-Missing-Talent fallen oder gar unter die Kategorie Gifted-but-Missing-Inventivness(problem-solving)

  3. DMGT

    Die zweite Abbildung gibt’s auch in dem verlinkten Artikel noch mal.

    Die Layoutfrage ist leider nicht so trivial, wie Bartlebys Beitrag das nahelegt: Klar kann man die Größe der Bilder anpassen, das ist unkompliziert. Nicht so simpel ist es — und das konnten Sie nicht wissen –, die Größe der Frames auf den Seiten der Kargstiftung (dieser Blog wird von dort gespiegelt) selbst zu ändern, da ich dort keinen Zugriff auf das Design habe; die Frames sind dort schmaler, sodass ich es bevorzuge, keine abgeschnittenen Bilder zum Querscrollen einzubauen, sondern sie zu verkleinern und den Link drunterzusetzen. Einen Weg, wie man’s trotzdem anschauen kann, hat Herr Holzherr ja dankenswerterweise skizziert. Ich mache aus der Linkadresse aber mal einen richtigen Link, das erspart dann zumindest den Aufwand des Selberkopierens. Danke für den Hinweis und frohes Neues allerseits 🙂

  4. Hochbegabung

    Auch wenn ich es meiner Erinnerung nach hier oder an einem ähnlichen Ort wohl schon einmal formuliert habe: Hochbegabung (IQ) hat für mich in der Beurteilung von Menschen keinerlei Relevanz; soziale Begabung (EQ) allerdings schon. Hochbegabung hört sich in meinen Augen nach “Ausgrenzung” an, soziale Intelligenz nach “Integration”; aber vielleicht hören das auch nur meine “sensiblen” Germanisten Ohren 🙂 !

  5. @Peter Bonin: IQ + Leistung

    Sie schreiben: “Hochbegabung (IQ) hat für mich in der Beurteilung von Menschen keinerlei Relevanz; soziale Begabung (EQ) allerdings schon. “
    Für den Beitrag Vom Potenzial zur Leistung ist Hochbegabung (IQ) aber nur Potenzial. Zu den aus diesem Potenzial erwachsenden Leistungen (Skills) gehören nach obiger Abbildung(unter anderem): “language, science, humanities und Skills im Bereich Arts, Business, Leisure, Social Action, Sports und Technology”.

    Letztlich “sehen” wir die Leistung bewundern z.B. das gute Schachspiel, die sportliche Hochleistung, die Vielsprachigkeit oder das diplomatische Geschick. Dass ein guter Schachspieler auch eine hohe Intelligenz hat schmälert seine Leistung allerdings nicht, sondern es macht sie verständlich. Und warum sollte soziale Begabung von vornherein gut sein? Ich kann mir durchaus sozial Begabte vorstellen, die mit ihrer Begabung Menschen nach ihren Wünschen manipulieren und ausnützen. Begabung heisst ja nicht, dass man etwas Gutes damit anstellt, es heisst nur, dass man eine Gabe hat – mehr nicht.

    Sie

  6. @Martin Holzherr

    “Ich kann mir durchaus sozial Begabte vorstellen, die mit ihrer Begabung Menschen nach ihren Wünschen manipulieren und ausnützen.”

    Wenig überraschend, dass Sie sich das vorstellen können. Können Sie sich andererseits sozial Begabte vorstellen, die das nicht tun, also auf ihre womöglich einzige Begabung freiwillig verzichten? Wer gut reden und vortragen kann, überzeugt und wird ministerial, auch, wenn er oder sie außer der Phrase nichts weiter im Kopf hat.

    Im Schatten dieses grellen Lichtes mümmelt die Wissenschaft als Beigeordnete dankbar und beliebig destruktiv herum und ist froh um ihre Brosamen, Gelder und Konferenzen.

    Ihre dürftigen Privilegien (das hat sie mit Zahnärzten und Apothekern, u.a. gemein) verteidigt die Wissenschaft mit Klauen und Zähnen, mag die Welt derweil ihren eigentlichen, wertvollen Beitrag missen und stattdessen an ihrer faden Eitelkeit leiden, und mag sie auch schwarz und unbewohnbar dabei werden.

  7. Leistungsbeurteilung in der Schule

    die Normalverteilung von Schulnoten innerhalb einer Klasse wurde lange Zeit vom Gesetzgeber in NRW angestrebt durch den sogenannten Drittel-Erlass. Dieser ist abgeschafft, da eingesehen wurde, dass die Stichprobe ‘eine Klasse’ zu klein ist. Seit dieser Zeit ändern sich die Notenverteilungen, allerdings sind noch viele Lehrer dahingehend ausgebildet und trainiert, dem Drittel-Erlass zu genügen. Man muss das mit beachten und bitte differenzierter darstellen! Es ist nicht der einzelnen Lehrer, sondern die langjährige Ausbildung nach der Gesetzeslage.

  8. @Lehrer: Bezugsnormen

    Das liegt aber nicht nur an der Ausbildung oder am Gesetzgeber, sondern ist ein generelles Phänomen der Leistungsbeurteilung (und als solches vermutlich auch nicht auf Lehrkräfte beschränkt), dass die Verteilung ungefähr normal ist, da man Mitglieder einer Gruppe ja quasi “automatisch” untereinander vergleicht. (Helmke hat, wenn ich mich richtig erinnere, in den 1980er Jahren einiges dazu gemacht; auch aus der Bielefelder Laborschule gibt es Befunde zu den verschiedenen Bezugsnormen.) Die Gesetze schreiben es fest, sind aber mitnichten der Grund für ein so allgemein beobachtbares Phänomen.

    Das Kernproblem ist m.E., dass die soziale Bezugsnorm oft einfacher _scheint_ (wir vergleichen ja schon im Alltag ständig Menschen untereinander), als hinreichend klare und belastbare Kriterien zu definieren (was schon bei vermeintlich “harten” Fächern wie Mathematik kompliziert genug ist und dann bei Aufsätzen o.ä. richtig schwer wird – Ihr Job ist echt nicht ohne!). Insofern keineswegs ein pauschaler Vorwurf an Ihre Zunft.

  9. @Peter Bonin: EQ + Marketing

    Sie schreiben: “Hochbegabung (IQ) hat für mich in der Beurteilung von Menschen keinerlei Relevanz; soziale Begabung (EQ) allerdings schon. “
    Heute liest man im Bund “Kadermarkt der Schweiz” im Tagesanzeiger (ZH,CH) neben der Bildunterschrift “Empathie steht im Zentrum des Marketing von morgen” folgendes:
    “Das Marketing der Zukunft muss näher, menschlicher und ehrlicher werden. Für Unternehmer bedeuet dies vor allem eins: besser zuhören.”

    Die sozial Begabten (die mit viel EQ) haben also eine Zukunft (vielleicht schon einen Gegenwart) im Marketing, wo sie folgendes Lernen: “Zuhören, Verstehen, Teilnehmen”, denn (Zitat)“Die Öffnung nach aussen, hin zum Konsumenten wird unumgänglich. Für Unternehmen bedeutet dies einen Paradigmenwechsel. Dabei geht es vor allem um Vertrauen. Doch Vertrauen muss man sich verdienen – auch im Marketing”

  10. Ich glaube der Begriff Hochbegabung sollte irgendwo nochmal genau definiert werden: Hochbegabte Menschen denken anders und erkennen Problemlösungen vor anderen. Sie können in Fach x, y oder z herausragend sein, aber (Obacht), das hat in vielen Fällen nicht wirklich etwas mit ihren privaten Schwerpunkten zu tun, sondern damit, ob sie sich dazu entscheiden etwas in diesem Fach zu leisten, was verschiedene Ursachen haben kann, ein Schlüsselpunkt ist der Lehrer. Da geht es nicht um spezielle private Förderung dieses einen Schülers, sondern um Gerechtigkeit, Fachwissen und klare Linien.
    Hochbegabte Menschen sind in nahezu allen Bereichen “besser” das meint auch den “EQ” – allerdings ist es für Normalbegabte sehr schwer das zu erkennen bzw diese Menschen als hochbegabt zu erkennen, weil die landläufige Meinung immer noch ist, dass nur derjenige, der einen Durchschnitt von 1,0 hat hochbegabt sein kann, und dass alle diejenigen egoistische arrogante Armleuchter sind.
    Also bitte nicht Hochbegabte mit “Strebern” in einen Topf werfen, obwohl auch “Streber” ab und zu ziemlich nett sein können.

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