Typisch hoch begabt?

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Was ist denn schon typisch hoch begabt? Aktuell bin ich über einige Aussagen einer Mutter gestolpert, die nahezu alle Verhaltensweisen (jeder Güte) mit der Hochbegabung ihres Sohnes erklärt. Das sei eben typisch für Hochbegabte. Da könnte ja was dran sein, denn so etwas höre ich recht häufig. Nicht nur beim Merken von Dingen oder gut formulierten Sätzen, sondern auch beim Nicht-Verlieren-Können oder Einschlafen tritt der Gedanke an die Hochbegabung auf. Florian bspw. steigert sich abends häufig in Gedanken hinein, nicht mehr aufwachen zu können. Woher – so der 5-jährige – wisse er denn, dass der Schlaf nicht in den Tod übergehe?

Florian kann nicht nur gut philosophieren, sondern auch hervorragend katastrophisieren. Wo viele aktive graue Zellen existieren, kann eben viel nachgedacht und ausgemalt werden. Aber ob seine Ängste und Sorgen jetzt durch seine Hochbegabung “beschleunigt” werden – wer kann das schon sagen? Wahrscheinlich ist, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt oder es eben ja nach Kind ganz unterschiedlich aussehen wird. Doch deutlich wird, dass die Gefahr besteht, alles auf eine Hochbegabung zurückzuführen, die Schwierigkeiten damit zu erklären, damit aber keineswegs lösungsorientiert zu denken. Wollen wir denn eine Hochbegabung verändern??? Außerdem: Die hoch begabte Persönlichkeit gibt es eben nicht (oder scheint noch nicht gefunden). Studien wie das Marburger Hochbegabtenprojekt liefern keineswegs Anlass, auf die “eine” Persönlichkeit von hoch begabten Kindern und Jugendlichen zu schließen. Temperamentsfaktoren, Persönlichkeitsmerkmale und sogar familiäre Strukturen sind ähnlich und unterscheiden sich kaum von anderen Kindern und Jugendlichen.

Es wäre ja auch unglaublich: Hoher Selbstwert oder die Art zu essen als Indikator für eine Hochbegabung? Einschlafängste oder Vorlieben für Computerspiele als aussagekräftige Hinweise auf eine Hochbegabung? Soll’s Schach oder Fußball sein? Monokausalität im komplexen Leben?

Götz Müller

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

7 Kommentare

  1. Definition von “Hochbegabt”…

    Um festzustellen, was “typisch” hochbegabt ist, muss man sicherlich zunächst einmal mit hinreichender Klarheit definieren, was hochbegabt an sich ist. Nach meinem Dafürhalten werden hier durchaus unterschiedliche Definitionen genannt. Ist Hochbegabung z.B. nur die Möglichkeit, (umfassende) Informationen schneller zu verarbeiten? Besteht sie darin, mehr speichern zu können? Sind es Hintergrundprozesse, die Informationsverarbeitung abseits des Bewusstsein ermöglichen?

    All’ das wären ja rein intelektuelle Fähigkeiten, der Charakter einer Person wird dadurch nicht hinreichend beschrieben.

    Nehmen wir einmal an, eine Person ist risikoaversiv. Nehmen wir weiter an, Hochbegabung sei die Möglichkeit, mehr Wissen zu verarbeiten und zu analysieren. Dann wird eine Person, die beides in sich vereinigt wahrscheinlich mehr Ängste erdulden müssen (da sie mehr Bedrohungsszenarien “erahnen” kann), als eine ohne die HB-Komponente.

    Eine Person gleicher Hochbegabung, die aber Chancenorientiert ist, würde demgegebenüber wahrscheinlich sehr viel mehr Chancen wahrnehmen und sich daher sicherlich keinesfalls stärker ängstigen als eine Person gleicher Struktur ohne HB.

    Was also ist Ursache, was ist Wirkung?

    In diesem Beispiel würde ich HB lediglich als eine Art “Verstärker” der “Grundstimmung” der Person betrachten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Nun habe ich von den vielen Dimensionen, die eine Person meiner Meinung nach ausmachen, nur deren zwei betrachtet. Wenn man nun die anderen mit aufnimmt, dann wir der “Mix” noch komplizierter.

    Was ist somit “typisch hochbegabt”, d.h. welche Eigenschaften lassen sich eindeutig auf HB zurückführen?

  2. Hochbegabung oder kluges Kind?

    Meine Erfahrung mit dem “Wort-Hochbegabung” an sich? Elternberatung gestaltet sich wesentlich einfacher, wenn ich das Kind als “kluges Kind” bezeichne. Denn oft sind die Eltern der Kinder nicht “hochbegabt” um so mehr Schwierigkeiten bei der Aufklärung und Führung der Eltern eines “klugen Kindes”. Denn nicht in jedem Ort gibt es ein Institut zur Hilfestellung bei der besonderen “Problematik”. Hochbegabungen nach dem Münchner Modell liegen in vielen Bereichen.Die Kommunikation mit den klugen Kidern,kann man wertschätzend gestalten und ihnen helfen in einem sozialen Umfeld, zwischendrin auch mal ein ganz “normales Kind” zu sein.

  3. @ Rainer Gerhards

    Da wir ja immer von Verhalten auf eine Eigenschaft zurückschließen, ist eben kaum etwas eindeutig hochbegabt. Zu viele Faktoren fließen in den Umsetzungsprozess hinein. Hochbegabung ist in diesem Beispiel ein Beschleuniger, ja, in einem anderen Falle kann sie auch Hemmer sein. Hochbegabung ist ontogenetisch betrachtet eine Komponente, die je nach weiteren Komponenten, Ereignissen und Erfahrungen zu einem Beschleuniger oder einem Hemmer werden kann.
    Ich finde es sehr wichtig, dies herauszustellen, da oft und dann auch bedauerlicherweise immer wieder auf Hochbegabung fokussiert wird, wenn es um Probleme geht. Sie ist ein Teil, und durchaus ein wichtiger, aber eben nur ein Teil. Und sie ist sicherlich die Ressource schlechthin, um Probleme zu lösen …

  4. @Götz

    Hallo Herr Götz, ich stimme Ihnen zu, es wird zu oft auf die Hochbegabung als Problemauslöser fokussiert. Dennoch lehrt uns aber die Erfahrung, dass es offensichtlich doch gewisse Gemeinsamkeiten von Hochbegabten gibt. Vielleicht (sicher sogar) nur von Teilmengen der Hochbegabten, die eben auch über gewisse andere Eigenschaften verfügen. Dennoch gibt es ja verschiedenstes Möglichkeiten, HB-Kinder zu unterstützen, und gerade die Karg-Stiftung hat sich dieser Förderung ja angenommen.

    Also muss es doch ein verbindendes Element geben – zumindest im Hinblick darauf, wo unterstützung erforderlich ist.

    Es gibt ganz sicher Hochbegabte mit guten (nicht unbedingt sehr guten) Schulnoten und guten sozialen Kontakten, die auch entsprechend zufrieden und unauffällig sind – und gerade deshalb niemals diagnostiziert werden (warum auch). Man könnte sogar vermuten, dass dies die Meisten sind (Vermuten! Ich will dies keinesfalls behaupten, dazu habe ich keine Daten!).

    Aber was ist mit denen, die Hilfe benötigen? Wie kann man diese klassifizieren, um Ihnen auch geeignete Hilfe zukommen zu lassen?

  5. @ Rainer Gerhards

    In den einschlägigen Kreisen bemüht man sich tatsächlich um Kategorisierung. So werden die Minderleister meist mit Teilleistungs- oder Verarbeitungsstörungen in Verbindung gebracht: Risikofaktor Rechtschreibschwäche oder ADS. Auch wird versucht, den wirklich leidenden Underachiever vom ganz passablen Leister abzugrenzen und spricht gerne vom Underachievement-Syndrom, bei dem auch psychische und soziale Störungen vorliegen.
    Verbindende Elemente gibt es sicherlich – allein das, was Lernfähigkeit, Abstraktionsvermögen, gedankliche Flexibilität und Verarbeitungsgeschwindigkeit beinhaltet. So stehen viele Merkmale hoch im Kurs – sofern sie intelligenznah sind. Bei Underachievement scheinen diese jedoch eher verschüttet und sind nicht offensichtlich!

  6. @Autor: Manuela Sigl

    Meine Erfahrung zeigt zwar, dass fast alle Eltern vom Begriff “Hochbegabung” sehr verschreckt sind (was vor allem mit der öffentlichen, zwiegespaltenen Meinung zu dem Thema Hochbegabung zusammenhängt)und diese in der Tat mit dem Wort “klug” einfacher umgehen können. Leider trifft der Begriff “kluges Kind” nicht den Kern des Problems, denn diese Kinder fallen ja nicht nur durch ihre Klugheit aus dem Rahmen, sondern auch durch abweichende Interessen im Vergleich zu Gleichaltrigen, eine sehr reife Moral, oftmals übergroße Sensibilität, Gerechtigkeitssinn usw.
    Mein Eindruck ist außerdem – das bestätigen mir auch viele Experten – das im Gegenteil die meisten Eltern hochbegabter Kinder auch hochbegabt sind.
    Zwar sind die meisten von ihnen nicht getestet, besitzen also keinen Nachweis. Wenn man aber genauer hinschaut, haben sie alle recht ähnliche Lebensläufe. Entweder haben sie in der Vergangenheit, als Kind, Jugendlicher und Erwachsener sehr leicht gelernt und hervorragende Abschlüsse vorzuweisen, ohne sich groß anzustrengen. Oder sie konnten im Gegenteil dazu ihre Ziele nicht verwirklichen, sind zum Minderleister geworden, weil die Umwelt ihre Fähigkeiten nicht erkannte und weil sie ihr Potential nicht ausleben konnten. Allen gemein ist ein großes Interesse in vielfältigen Bereichen und oftmals eine Unzufriedenheit, nicht genügend Zeit und Gelegenheit zu haben, diese Interessen auszuleben (dies betrifft sehr oft vor allem die Mütter, die auch hier oft die angepassten Hochbegabten sind.)
    Es ist richtig, Hochbegabung nach dem Modell von Heller, Perleth und Hany äußert sich in vielen Bereichen. Allerdings sprechen wir hier an diesem Ort ja eher von der intellektuellen Hochbegabung – denke ich – die sich natürlich noch zusätzlich z.B. im musischen, künstlerischen oder sportlichen Bereich äußern kann.
    Ich halte hochbegabte Kinder übrigens für ganz normale Kinder, nur sind sie eben hochbegabt. Sie sollen einfach die Möglichkeit haben, sich entsprechend ihrer Möglichkeiten und Bedürfnisse entfalten zu können, so wie ein behindertes Kind dazu auch die Möglichkeit haben soll. Es gibt für mich nicht “das normale Kind”, jedes Kind ist eine eigenständige Persönlichkeit und eine eigene Welt voller Wunder.

  7. praktisches Beispiel

    Die bisher verfassten sehr interessanten Beiträge von Ihnen, möchte ich durch ein praktisches Beispiel ergänzen. Als Mutter eines kürzlich hochbegabt getesteten neunjährigen Sohnes habe ich besonders in seiner bisherigen Schulzeit die Grenzen unseres Systems erfahren können. Mir war längst aufgefallen, dass mein Sohn viele Begabungen hat, aufgeweckt und schnell ist, höchst lebendig und wissbegierig.
    Bis zur Einschulung mit 5 war das kein Problem. Das erste Jahr in der Schule war besonders schwierig, weil es wenig Umgang mit besonderen Kindern gibt. Das bedeutet eine Überforderung aller Seiten: der des Kindes, der Lehrer, der Eltern. Ich bin im Nachhinein froh, dass ich meinen Sohn nicht vorher getestet und Gedanken in dieser Richtung für mich behalten habe, weil ich bei einem anderen Kind in der gleichen Klasse die negativen Seiten im Umgang mit HB kennengelernt habe. Er wurde von seinen Mitschülern gehänselt, von den Lehrern als Vorzeigekind gehandelt usw. Mein Sohn wurde eher als Störenfried eingestuft. Auf die Idee, es könne darin liegen, dass er einfach chronisch unterfordert ist und ihm es zu uninteressant ist, Dinge mehrfach zu üben, kamen die Lehrer leider nicht. Als dann eine Legasthenie im Raum stand und die Frage, wie der weitere Schulweg sein soll, bin ich dann aktiv geworden, um mir selbst Klarheit zu verschaffen. Bei näherem Nachfragen wurde mir gesagt, dass er die Deutscharbeit nach 5 Min. abgab… Wer hätte da nicht viele Rechtschreibfehler?? Also war Legasthenie kein Thema mehr.
    Seit die Testung gelaufen ist, hat sich das gesamte System entspannt: Ich weiß nun, wie ich meinen Sohn fördern kann, sich an ein inadequates -weil es seinen Fähigkeiten nicht gerecht wird- Schulsystem positiv anzupassen. Die Lehrer machen ihm mittlerweile andere Angebote. Er hatte das Glück, viele außerhalb der Schule wahrnehmen zu können. Für den Übergang in die weiterführende Schule hoffe ich auf einen Platz in einer Lerntalenteklasse, die es in unserem Ort schon einige Jahre gibt. Er befürchtet, dort als Streber zu gelten und erzählt gar nicht so viel davon, was deutlich macht, dass er ein normales Kind ist, was einfach zu Gleichaltrigen gehören möchte.
    Als er einmal mit einem befreundeten HB Jungen Zeit verbracht hat, erzählte er mir voll Freude, wie schön es für ihn war und wie sinnbringend sie ihre Zeit genutzt haben. Als Mutter wünsche ich mir, dass diese Kinder einen besseren Platz in unserer Gesellschaft bekommen. Von diesen Menschen können wir viel lernen… so wir dazu bereit sind.

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