Schulprobleme: Es zählt nur, was du kontrollieren kannst

Justus ist 15 Jahre alt, hochbegabt und ein Underachiever – also ein Schüler, dessen Leistungen unter dem Durchschnitt seiner Klasse liegen, obwohl seine Begabung dies nicht erwarten lässt. Er beteiligt sich wenig am Unterricht, erledigt jedoch seine Hausaufgaben, lernt aber nicht darüber hinaus für anstehende Arbeiten oder Tests.

Justus hat das Ziel, seine Leistungen zu steigern, was er mehrfach betont und weswegen er auch Energie aufwänden wolle. Seit seiner Mahnung in Bio, Geschichte und Latein wisse er das. Sitzenbleiben gehe gar nicht. Er sehe seine „Minderleistung“ daher durchaus als Problem an. Ihm sei klar, dass er mehr lernen müsse, was ihm „tierisch schwer fällt“. Nur sei ihm nicht klar, wie er mit der Ablehnung, die er von einzelnen Lehrern vermute und der unruhigen und „asozial“ eingestellten Klasse umgehen solle. Die Klasse führe jeden vor, der etwas Falsches sage oder auch etwas Besonderes.

Auf meine Bitte hin sortiert Justus seine Baustellen und gewichtet diese: (1) Eigenes Lernverhalten, (2) Persönlichkeiten der Lehrer, (3) Klassensituation, (4) Innerer Widerstand gegenüber Latein. Er ergänzt zum letzten Punkt, Latein habe er abgeschrieben („da ist nichts mehr rauszuholen“), habe aber durch Mathe und Englisch auch den Ausgleich parat. Seine Einschätzung für Bio und Geschichte sieht anders aus: Beides sei an sich okay, nur seien die Lehrer „schräg“ und mochten ihn nicht. Schriftlich steht er in beiden Fächern zwischen 4 und 5, mündlich laufe es „wohl eher auf die 5“ hinaus.

Im Gespräch taucht immer wieder die Interaktion mit den Lehrern auf, in der er sich ausgeliefert erlebt, keinen Weg sieht, seine Ziele durchzusetzen („egal, was ich mache, die interessiert das nicht“). Auf meine Nachfrage, was er konkret bisher getan habe, benennt er die Versuche, sich mehr zu melden oder die Hausaufgaben vorzutragen. Wie oft er dies versucht habe, kann er nicht gut erinnern; jedenfalls kann Justus angeben, dass er sich in den letzten zwei Wochen kein einziges Mal in Biologie, Geschichte oder Latein gemeldet hat. Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass auch die Sorge, von Klassenkameraden „blöd angemacht zu werden“, seine Beteiligung hemmt, wobei dies in Biologie nicht vorkomme, weil „die [Lehrerin] einen rund macht, wenn einer Scheiße baut“.

Wir kehren zurück zum Ziel, die Leistungen zu steigern und das Schuljahr zu schaffen. Justus ist klar, dass er dies gerade in den Nebenfächern ohne eine Steigerung der mündlichen Mitarbeit nicht schaffen kann, schiebt dann wieder gleich hinterher, dass er es „ohne Würdigung seiner mündlichen Mitarbeit“ nicht schaffen kann, also die Lehrer die entscheidende Instanz seien. Er habe es ja oft genug erfahren, dass „es gar nichts bringe“. Über einige Umwege machen wir einen Schlenker zur allgemeinen Betrachtung von Problemen, die wir als Diskrepanz von IST- und SOLL-Zustand definieren. Sein SOLL sei im Übrigen bei Latein 5, Biologie und Geschichte 4. Ob und wie man nun den IST- in den SOLL-Zustand überführen kann, hängt von den Ressourcen ab, auf die man zugreifen kann. Wenn keine Ressourcen verfügbar sind, so lässt sich wohl nur akzeptieren, dass die Diskrepanz vorhanden ist (was dann den IST- zum SOLL-Zustand werden lassen kann).

Justus’ Blick auf seine verfügbaren Ressourcen führt dazu, dass er sich ja nur auf sich verlassen könne; Lehrer und Mitschüler wohl nicht. Ich bitte ihn, sich für unseren nächsten Termin zu überlegen, worüber Menschen Kontrolle haben.

Zum Abschluss legen wir bereits etwas fest fürs große Ziel fest: Justus hat die aktuellen Themen in Geschichte und Biologie benannt, zu welchen wir uns Transfer-Fragen überlegt haben, die er entweder vor oder nach der Stunde dem Lehrer bzw. der Lehrerin stellen will. Im Unterricht sehe er „noch keine Chance“.

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

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