Schulische Förderung von Hochbegabten

In der schulischen Förderung von hochbegabten Schülern wird zwischen Maßnahmen der Beschleunigung des Lernstoffs (Akzeleration) und Anreicherung des Lernstoffs (Enrichment) unterschieden. Hierbei fokussieren beide zunächst auf dem Prinzip der erhöhten Lerngeschwindigkeit von Hochbegabten und orientieren sich am Konzept der Hochbegabung als hohe Intelligenz in Folge von erhöhter Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit.

Unter dem Begriff der Akzeleration (Beschleunigung) lassen sich alle Konzepte zusammenfassen, die zu einem schnelleren Durchlaufen der Schule führen. Klassische Akzelerationskonzepte sind die vorzeitige Einschulung und das Überspringen von Klassen. Einige Varianten dieses Förderprinzips sind diese:

  • Vorzeitige Einschulung

Der Beginn der Schulpflicht mit dem vollendeten 6.Lebensjahr setzt einen künstlichen Schnitt in die interindividuell unterschiedlich verlaufenden Entwicklungsverläufe von Kindern und sorgt für altershomogene Lerngruppen. Mit der Maßnahme der vorzeitigen Einschulung wird versucht, in Einzelfällen offensichtlichen Diskrepanzen zwischen Alter und kognitiver Entwicklungsstufe Rechnung zu tragen.

  • Springen bzw. Überspringen von Klassen

Rechts- und Verwaltungsvorschriften erlauben das Überspringen von Klassen in allen Bundesländern. Üblicherweise darf ein Kind zweimal in seiner Schullaufbahn überspringen, einmal in seiner Grundschulzeit und einmal im Gymnasium. Allerdings kommt auch ein drei- oder gar viermaliges Überspringen vor. Der Entscheidung zum Überspringen werden körperliche, seelische und soziale Reife vorausgesetzt.

Ängste gegenüber dem Überspringen bestehen überwiegend in der Ungewissheit hinsichtlich der sozialen und emotionalen Reife des Kindes. Wie wird es in der neuen Klasse integriert? Ein weiterer Kritikpunkt besteht in der Kurzfristigkeit dieser Lösung, denn der Effekt der Unterforderung kann sich schnell in der neuen Klasse erneut einstellen.

  • Pull-Out-Programme

Im weiteren Sinne lässt sich der Teil-Unterricht in höheren Klassen (Pull-Out-Programme) als eine Maßnahme der Akzeleration bezeichnen. Solche Pull-Out-Programme sehen vor, dass besonders begabte Schüler zum größten Teil in heterogenen Klassen unterrichtet werden. In Fächern jedoch, in denen sich ihre Begabungen manifestieren, werden sie aus ihren Klassen herausgezogen und dem Unterricht höherer Klassen zugeteilt, sofern dies organisatorisch zu verwirklichen ist. Je nach lokalen und individuellen Möglichkeiten kann ein Besuch von Universitätsvorlesungen realisiert werden.

  • D-Zug-Klassen oder Projekt-Klassen

Bei diesen Maßnahmen wird derselbe Stoff innerhalb eines kürzeren Zeitraums durchgenommen.

Unter Enrichment ist eine Bereicherung oder Vertiefung des Unterrichtsstoffes. Enrichment-Programme umfassen Lerninhalte, die Themen oder Fächer des Lehrplanes vertiefen oder verbreitern (sogenanntes vertikales Enrichment) oder im normalen Unterrichtsprogramm nicht vorgesehen sind (sogenanntes horizontales Enrichment). Somit dient Enrichment als Ergänzung des Unterrichtsangebotes über Möglichkeiten, den normalen Unterricht auszuweiten und zu vertiefen. Bei Maßnahmen des Enrichments kann es sich handeln um:

  • Innere Differenzierung

Hierbei handelt es sich um Fördermaßnahmen für Hochbegabte, die innerhalb des Klassenverbandes stattfinden. Eine Möglichkeit der inneren Differenzierung ist die Individualisierung, bei der das Arbeits- und Lernniveau an das Begabungsniveau jedes Schülers angepasst wird. Dies bedeutet, dass eine genaue Beurteilung des Schülers erfolgen muss, an deren Befund das Anforderungsniveau angeglichen wird. Es kann sich hierbei um ein Vorgehen handeln, bei dem zwar alle Schüler denselben Inhalt lernen, sich aber Art und Weise des Erlernens voneinander unterscheiden. Ebenso kann aber eine Vertiefung im Sinne zusätzlicher Inhalte praktiziert werden, die losgelöst vom individuellen Stil des Erlernens ist, sich aber am Interesse des Schülers orientiert.

  • Äußere Differenzierung

Bei Maßnahmen, die unter diese Rubrik fallen, werden für hoch begabte Schüler außerhalb des Klassenverbandes Förderprogramme angeboten, die sie zusätzlich zu ihrem normalen Unterricht besuchen können. Ein typisches Vorgehen ist das Angebot von Arbeitsgemeinschaften, die extracurricular abgehalten werden. In der Praxis können die Schüler dazu angehalten oder auch verpflichtet werden, an einer Arbeitsgemeinschaft teilzunehmen. Allerdings sollte ein breites Spektrum an Interessen abgedeckt sein.

In der Praxis stellen nahezu alle Methoden eine Mischung aus Akzeleration und Enrichment dar, was am Prinzip der Intensivkurse deutlich wird:

  • Intensivkurse

Bestimmte Fächer können als Intensivkurse für besonders begabten Schüler von Parallelklassen angeboten werden. In diesen Kursen wird der allgemeine Unterrichtsstoff schneller durchgenommen (Akzeleration) und die restliche Zeit für eine Vertiefung der erworbenen Kenntnisse genutzt (Enrichment).

  • D-Zug-Klassen oder Projektklassen

Unter diese Bezeichnung fallen Maßnahmen, die dazu führen, dass das Pensum von beispielsweise neun Jahren in acht Jahren absolviert wird – wie es bei G8 der Fall ist. Im eigentlichen Sinne handelt es sich um eine akzelerative Maßnahme. In der Praxis jedoch wird diese so gestaltet, dass der Unterricht auf besondere Themenbereiche ausgedehnt wird, sofern Zeit vorhanden ist.

  • Altersheterogene Klassen

In den schon vorhandenen altersgemischten Grundschulen, die beispielsweise das erste und zweite Schuljahr gemeinsam lehren, sollte möglich sein, dass hoch begabte Schüler das Lernziel der Grundschule bereits nach drei statt nach vier Jahren erreichen. Ein typisches Beispiel hierfür sind Montessori-Schulen.

  • Spezialschulen und Schulen mit Hochbegabten-Klassen

Eine weitere Fördermöglichkeit besteht im Zusammenfassen der hoch begabten Schüler in separaten Klassen oder Schulen, die ein spezialisiertes Curriculum durchlaufen. Spezialschulen beschneiden bestimmte Fächer zu Gunsten der Spezialfächer. In Schulen für Hochbegabte wird beständig akzeleriert und Enrichment betrieben und in Abhängigkeit vom Schulprofil spezialisiert oder generalisiert. Es existieren bereits einige Schulen als Ganztagsschulen, Internate oder im Hinblick auf spezielle Teilbereiche wie musikalische oder sportliche Begabung (Talentschulen). Mit dieser Maßnahme finden sich mehr ähnlich begabte Schüler innerhalb einer Lerngruppe zusammen.

  • Offene Schulen

Offene Schulen versuchen, die Variabilität der Lernrate und Lernstile der Schüler und den Lehrplan sowie die individuellen Ziele aneinander anzupassen. Lehrer in offenen Schulen arbeiten individuell oder in kleinen Gruppen, erlauben mehr Peer-Interaktionen, benutzen mehr Zusatzmaterial und schaffen so ein breiteres Feld, in dem jeder einzelnen Schüler seinen Lernbereich finden kann.

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

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