Pussys Privilegien

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Er sei ein armer Student, so schrieb er bei Twitter. Die Flüchtlinge bekämen alles auf dem Silbertablettchen serviert – er wolle von dem Kuchen auch etwas abhaben. Eine derart vereinfachende Äußerung von jemandem, von dem ich aufgrund seiner Bildung doch etwas mehr an Reflexionsfähigkeit erwarten würde, machte mich doch neugierig darauf, was im Kopf dieses Menschen vorgeht.

Diesem jungen Mann ist anscheinend nicht klar, unter welch unerhört privilegierten Bedingungen lebt: Er genießt eine hervorragende Ausbildung, die ihm vom Staat nahezu umsonst zur Verfügung gestellt wird (gemessen an den tatsächlichen Kosten sind die Semesterbeiträge eher symbolisch), er lebt in einem Land mit hervorragender Infrastruktur, vielfältigsten kulturellen Angeboten, einem funktionierenden politischen System, sicheren Verhältnissen und ohne jemals um sein Leben fürchten zu müssen. Für all das hat er nichts getan. Diese Verhältnisse sind ihm als Geschenk per Geburt in den Schoß gefallen.

Und trotzdem beklagte sich der junge Mann, der bei Twitter unter dem Pseudonym pussy2111 unterwegs war. Er wolle auch was vom Kuchen. Ich wies ihn darauf hin, wenn er ein armer Student sei, habe er die Möglichkeit, BAFöG zu beantragen; das sei die Option, die der Staat seinen Studierenden zur Verfügung stelle, um ihre Ausbildung auch dann zu finanzieren, wenn beispielsweise die Eltern sich dies nicht leisten könnten. Seine Antwort überraschte mich: Er bekäme kein BAFöG, und zwar deshalb, weil sowohl seine Eltern als auch er zu viel verdienten.

Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber irgendwie passt das nicht zu meiner Definition von “armer Student”. Er arbeite aber auch hart dafür – 30 Stunden an jedem Wochenende. Spaß mache ihm das nicht. Warum er sich das denn überhaupt antue, fragte ich. Er wolle nicht mit 70 noch malochen und außerdem Geld für Urlaub und Spaß haben, so seine Antwort.

Ich verstehe es nicht: Hier ist ein junger Mann, der alle Möglichkeiten hat, sein Potenzial zu entfalten. Er studiert, ohne sich dafür verschulden zu müssen (wie das in Ländern mit teilweise astronomischen Studiengebühren der Fall ist); seine Eltern verfügen über ausreichend Geld; er selbst hat augenscheinlich sogar einen Job, der ihm einen gewissen Luxus ermöglicht. Und das alles wie gesagt in einem Umfeld von Frieden und Sicherheit. Dass er doch eigentlich ganz schön privilegiert ist, kommt ihm aber nicht in den Sinn – stattdessen glaubt er sogar noch, ein Anrecht auf noch mehr zu haben. Die Haltung dahinter scheint zu sein: „Ich möchte Urlaub und Spaß und soll auch noch dafür arbeiten?“

Generation entitlement – Generation Anspruchsberechtigung?

Mir scheint, als sei hier einiges an leistungsbezogenen Wertvorstellungen in Schieflage geraten. Es ist richtig: Wer arbeitet, darf stolz auf die Früchte seines Fleißes sein. Aber Geschenke zu erwarten, weil andere (die nicht so viel Glück hatten wie er, auch welche bekommen), das ist das Verhalten eines unreifen Kindes. Die Idee hinter der Gewährung von Sozialleistungen ist: Die Starken helfen den Schwachen. Jemand, der für sich selbst sorgen kann, sollte glücklich sein, dass er derartige Hilfe nicht nötig hat.

Übrigens: Als ich mir die Diskussion am nächsten Tag noch einmal anschauen wollte, fand Twitter die Seite nicht mehr. Pussy hatte seinen Account gelöscht. Weil er die Implikationen dessen erkannt hatte, was er da geschrieben hatte? Es würde mich freuen.

P.S.: Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben: #bloggerfuerfluechtlinge sammelt immer noch, und inzwischen auch nicht mehr nur für Moabit. Wenn Sie auch spenden wollen: Auf der Website von blogger-fuer-fluechtlinge steht, wie das geht. Vielen Dank für Ihre Hilfe.


Tanja Gabriele Baudson

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

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