London: Genialer Sonderling löst einen Fall nach dem anderen

BLOG: Hochbegabung

Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Teil drei lief zum Glück einen Tag, nachdem ich wieder aus dem Urlaub zurück war, sodass ich immerhin die letzte Episode der BBC-Serie “Sherlock” sehen konnte. Vielleicht haben Sie ja auch die anderen beiden gesehen? Wenn nein, haben Sie immerhin noch die Chance, ab dem 11.9. die Wiederholung auf einsfestival anzuschauen. Die Neuverfilmung der Fälle von Sherlock Holmes, dem hochintelligenten, aber menschlich etwas … sagen wir, seltsamen Problemlöser, ist hochgradig unterhaltsam, und Holmes selbst ist definitiv ein Fall für sich.
Stolz präsentiert Watson die Lösung auf eine Teilfrage – nur, um gleich darauf von einem sichtlich gelangweilten Holmes zu hören, warum um alles in der Welt er denn für ein so simples Problem so lange gebraucht habe. Oder warum er diesen und jenen doch eigentlich ganz offensichtlichen Punkt denn so völlig außer Acht gelassen habe. Egal, wie sehr sich Watson anstrengt: Holmes ist ihm immer einen Schritt voraus – und macht auch keinen Hehl daraus. Soziale Kompetenz: Fehlanzeige. Wird ohnehin völlig überschätzt, denn mit jedem Fall zeigt Holmes ja, dass es durchaus auch ohne geht – oder?

Kann die intellektuelle Fähigkeit den Mangel an sozialen Fertigkeiten also kompensieren? Augenscheinlich ist Holmes’ Umfeld (einschließlich Watson) ja doch recht tolerant. Weil er Erfolg hat? Gesteht man Exzentrizität und Skurrilität eher den “Genies” zu – erwartet man das vielleicht sogar von ihnen? Und wie fühlen sich solche “Schwerstbegabten” dabei? Sherlock selbst scheint ja ganz zufrieden damit zu sein, dass man seine intellektuellen Fähigkeiten anerkennt – nett finden müssen ihn die mit den kleinen Gehirnen ja nicht, insofern besteht auch kein Bedarf, etwas an der Situation zu ändern.

Im übrigen ist es keineswegs so, dass Genie und ein Schuss Verrücktheit immer gekoppelt wären. Es besteht noch nicht mal ein bedeutsamer statistischer Zusammenhang. Mit anderen Worten: Hochbegabte sind im Schnitt genauso verrückt oder normal wie alle anderen auch. Das Kernproblem, das jeden Menschen betrifft, unabhängig davon, wie begabt er ist, ist das der Passung: Fähigkeiten können sich am besten in einem Umfeld entfalten, das ihnen entgegenkommt. Und mit zunehmenden Wahlmöglichkeiten ergeben sich da auch mehr und mehr Freiheiten. Auch wenn Klein Sherlock in der Schule möglicherweise noch nicht so viel zu lachen hatte, so hat er letztlich als Erwachsener doch seine Nische und damit ein Umfeld gefunden, das seinen Bedürfnissen entspricht und das er entsprechend beeinflussen kann.

Also, liebe Kinder: Lasst Euch von den Erwachsenen nicht vormachen, die Schule sei alles, was die Welt zu bieten hat. Und sucht Euch ruhig ein paar Vorbilder, die ein bisschen jenseits der gängigen Normen liegen. Langweiler gibt es schon mehr als genug.

Veröffentlicht von

Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2017 vertritt sie die Professur für Entwicklungspsychologie an der Universität Luxemburg und ist als freie Wissenschaftlerin mit dem Institute for Globally Distributed Open Research and Education (IGDORE) assoziiert. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Zu diesen Themen hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Als Initiatorin und Koordinatorin der deutschen „Marches for Science“ wurde sie vom Deutschen Hochschulverband als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Im April 2016 erhielt sie außerdem den SciLogs-Preis "Wissenschaftsblog des Jahres".

49 Kommentare

  1. Selbstgewisswheit bis zur Skurrilität

    Die BBC-Serie “Sherlock” überhöht ja die Ironie, die schon im Original angelegt ist, beinahe ins Groteske. Holmes und Watson – das Genie und der Normalbegabte, der aber neben dem Genie wie ein Trottel wirkt – leben ja in einer Art Symbiose. Und der Leser oder Zuschauer fühlt sich unwillkürlich durch Watson personifiziert.

    Allerdings scheinen auch reale Genies mit ihren Mitmenschen oft umgegangen zu sein wie mit Versatzstücken vom Flohmarkt. Das gilt mindestens für Einstein und Feynman. Feynman wird selbst von seinen Freunden als Macho beurteilt. Einstein wiederum machte sich hin un wieder einen Spass aus seiner Genialität, als er beispielsweise einem Journalisten antwortete, der ihn fragte, wie er reagieren würde, wenn die Expedition von Sir Eddington, der die Allgemeine Relativitätstheorie bei der nächsten Sonnenfinsternis überprüfen wollte, nicht die erwartete Beobachtung – eine Ablenkung des Lichts von sonnennahen Sternen – ergeben würde: “Then I would feel sorry for the good Lord. The theory is correct.”

  2. Mir ist gerade aufgegangen, dass es eine Neuverfilmung als Serie eigentlich schon lange gibt.
    Sie heisst “Dr. House”.

  3. @Tanja: so what

    “Holmes ist ihm immer einen Schritt voraus – und macht auch keinen Hehl daraus. Soziale Kompetenz: Fehlanzeige. Wird ohnehin völlig überschätzt, denn mit jedem Fall zeigt Holmes ja, dass es durchaus auch ohne geht – oder?”

    Daß man etwas nicht tut – pfui, Holmes, böses Kind – mag ja ganz interessant sein. Was mir nur in solchen Fällen wie diese fehlt ist eine Begründung dafür, daß eine beliebig vorgegebene Normbefolgung was mit sozialer Kompetenz zu tun hat.

    Und selbst, wenn die Normbefolgung schwierig sein sollte, stelle ich mir unter sozialer Kompetenz eine soziale Leistung vor – und “sozial” bedeutet nicht notwendigerweise “von der Mehrheit bevorzugt”.

    “Kann die intellektuelle Fähigkeit den Mangel an sozialen Fertigkeiten also kompensieren?”

    Wieso eigentlich muß denn da was kompensiert werden? Leuchtet mir gar nicht ein.

    “Augenscheinlich ist Holmes’ Umfeld (einschließlich Watson) ja doch recht tolerant.”

    Tolerant? Heißt das jetzt, daß Leute wie Holmes, weil sie wie Holmes sind, irgendwie “falsch” sind und ihre Charakterfehler beheben und normal sein sollten? Ich finde diese Aussage sehr verwirrend.
    “Und wie fühlen sich solche “Schwerstbegabten” dabei?”

    Einsam. Und mit Normalen wollen sie eigentlich auch gar nicht reden.

    “Sherlock selbst scheint ja ganz zufrieden damit zu sein, dass man seine intellektuellen Fähigkeiten anerkennt – nett finden müssen ihn die mit den kleinen Gehirnen ja nicht, insofern besteht auch kein Bedarf, etwas an der Situation zu ändern.”

    Wirklich? Ist es nicht überraschend, daß jemand mit so überragenden Fähigkeiten wie Holmes es auf die Anerkennung von Brötchengehirnen wie uns abgesehen hat? Sollen wir das wirklich glauben? Und wieso sollte es eigentlich so sein, daß Holmes jeder Sinn für Nestwärme abgeht? Vielleicht weil er skurril ist? Nährt das nicht die Vermutung, daß die Skurrilen genau das wollen, was wir mit ihnen machen – nämlich Ausgrenzung?

    Und findet das vielleicht sonst noch jemand außer mir merkwürdig?

    Ich finde diesen ganzen post – wie soll ich sagen – unklar und irreführend.

    Wenigstens …..

  4. Aspies

    Problemlöser der höheren Liga findet man häufig unter Asperger-Menschen. Daher erklärt sich das abweichende Verhalten, das üblicherweise als “fehlende Sozialkompetenz” gedeutet wird.

  5. Ich wußte es …..

    “Problemlöser der höheren Liga findet man häufig unter Asperger-Menschen. Daher erklärt sich das abweichende Verhalten, das üblicherweise als “fehlende Sozialkompetenz” gedeutet wird.”

    Danke, genau das habe ich befürchtet! Ein schönes Ergebnis – danke für diesen post.

  6. @all

    Hallo,

    irgendwie scheint die Kommentarfunktion von hier aus nicht so ganz zu funktionieren. Ich unternehme mal einen dritten Versuch und hoffe, dass ich nicht wieder auf der Startseite der Scilogs lande! – Zu dem Kommentaren:

    @Micky: Da muss ich mir den Dr. House wohl doch mal anschauen; die Sendung ist bislang noch an mir vorbeigegangen …

    @Martin Holzherr: Habe neulich noch irgendwo gelesen (meine, es war “Die Erlebnisgesellschaft”), dass die wirklich bahnbrechenden Entdeckungen der Physik oft auf einer relativ dünnen Datenbasis, gepaart jedoch mit einer Art “Intuition” für die Materie, zustande gekommen sind (und sich diese korrekten Annahmen dann später erst “richtig” bestätigen ließen). Das Einstein-Zitat passt da perfekt rein 🙂 Feynman finde ich im übrigen super, habe grade seine Autobiographie in der Pipeline. Den hätte ich gern mal als Prof in der Vorlesung erlebt!

    Zum Autismusproblem: Statistisch betrachtet ist es eher umgekehrt, dass man unter Aspies mehr Menschen mit sehr hohem IQ findet, weniger, dass die Extrembegabten autistisch wären [ich gehe dazu unten noch mal drauf ein]. Ich würde Holmes ehrlich gesagt auch nicht pathologisieren (und auch die Tendenz, jedem ungewöhnliche Verhalten gleich ein Etikett aufzudrücken, finde ich fragwürdig – möglicherweise eher ein Indiz dafür, dass die Spannbreite dessen, was wir als Gesellschaft als “normales” Verhalten akzeptieren, im Abnehmen begriffen ist?). Die Herausforderung der “Nischenfindung” stellt sich für Aspies daher vermutlich noch mal in ganz besonderem Maße.

    Bei Extrembegabten könnte ich mir vorstellen, dass die Ähnlichkeiten rein phänotypischer Natur sind (sprich, dass sehr begabte Menschen Verhaltensweisen zeigen, die für das unbedarfte Auge “autistisch” aussehen), jedoch andere Ursachen haben. Naturgemäß sind Höchstbegabte ja schwer zu beforschen (es gibt halt einfach sehr wenige davon, von der Messproblematik mal ganz abgesehen); wenn jedoch jemand seiner Altersgruppe so weit voraus ist, dass die Schnittmenge an Interessen, Freizeitaktivitäten, Fragen, die man sich so stellt etc. quasi inexistent ist, ist es schwer, möglicherweise durchaus vorhandene soziale Fähigkeiten auch unter Beweis zu stellen. Mit anderen Worten: Auch wenn die soziale Kompetenz vorhanden ist, wird sie in einem Umfeld, das einen aus welchen Gründen auch immer nicht akzeptiert, nicht unbedingt auch in soziale Performanz umgesetzt. Wenn das Kind lieber allein spielt, gestresst ist, wenn andere den Kontakt zu ihm suchen etc., ist es also nicht notwendigerweise gleich autistisch.

  7. Empathie

    Scotland Yard Detective (der gerade von Sherlock in typischer Manier ‘belehrt’ wurde) zu Watson:
    “Ist der Typ ihr Freund?”
    Watson:
    “In allem was Sie nun sagen werden, stimme ich ihnen 100 prozentig zu.”
    Scotland Yard Detective:
    “Ihr Freund ist ein arrogantes Arschloch!”

    Kürzlich las ich, dass beim Beobachten von Personen, welche Schmerz empfinden, die gleichen Hirnareale aktiv sind, welche auch beim Empfinden von eigenem Schmerz aktiv sind.
    Interessant wäre, ob das auch für ‘verbale’ Verletzungen gilt. Sind es womöglich die gleichen Areale? Ist es Zufall, dass im Deutschen wie im Englischen die Worte für ‘verletzen’ sowohl für physische als auch psychische Schmerz verwendet werden können?

    Damit will ich Sherlock Holmes nicht jede Empathiefähigkeit absprechen. Jedenfalls verbirgt er sie gut. Die Meinung seiner Mitmenschen bezüglich seiner Manieren schert ihn ohnehin nicht. Er hat schließlich Wichtigeres zu tun.

  8. @Elmar Diederichs

    „Daß man etwas nicht tut – pfui, Holmes, böses Kind – mag ja ganz interessant sein. Was mir nur in solchen Fällen wie diese fehlt ist eine Begründung dafür, daß eine beliebig vorgegebene Normbefolgung was mit sozialer Kompetenz zu tun hat.“

    Nicht jede Norm ist beliebig. Oft fällt soziale Kompetenz mit vorgebener Normbefolgung zusammen. Warum eine Verallgemeinerung mit einer Verallgemeinerunge „bekämpfen“?

    „Wieso eigentlich muß denn da was kompensiert werden? Leuchtet mir gar nicht ein.“

    Weil man Nachteile im Leben hat, wenn man keine sozialen Fertigkeiten aufweisen kann. Damit liegt es doch nahe, diese durch den im Überschuss vorhandenen Intellekt auszugleichen. Nun einleuchtend?

    „Wirklich? Ist es nicht überraschend, daß jemand mit so überragenden Fähigkeiten wie Holmes es auf die Anerkennung von Brötchengehirnen wie uns abgesehen hat? Sollen wir das wirklich glauben? Und wieso sollte es eigentlich so sein, daß Holmes jeder Sinn für Nestwärme abgeht? Vielleicht weil er skurril ist? Nährt das nicht die Vermutung, daß die Skurrilen genau das wollen, was wir mit ihnen machen – nämlich Ausgrenzung?“

    Ja, sollte man glauben – Anerkennung wird auch von Menschen mit „überragenden Fähigkeiten“ gern gesehen.
    Ich denke nicht, dass man das umdrehen kann, die Sache mit der Skurilität und der Ausgrenzung. Wenn ich ein skurriler Mensch bin, bin ich es vielleicht einfach – und nur mit größter Anstrengung wäre ich nicht skurril, was mir trotz überragenden Fähgkeiten nicht gelingt bzw. ein so hohes Opfer fordern würde, dass es die Sache nicht wert ist. Konsequenz: bestimmt nicht, dass ich ausgegrenzt, weil ich bin, wie ich bin.

    „Ich finde diesen ganzen post – wie soll ich sagen – unklar und irreführend.“

    Das wundert mich nicht – man muss sich seine eigenen Gedanken dazu machen können. Mir scheint, Herr Diederichs, Sie brauchen nicht zu erreichende Exaktheit bei Themen, die Sie nicht verstehen. Und ich halte Sie für einen außergewöhnlichen Denker, deshalb frage ich mich in solchen Posts immer, warum Sie sich nicht ein bisschen anstrengen anstatt alle Beweislast auf den Autor zu schieben? Wenigstens…

  9. Marie D. Selcherid: Eben nicht.

    “Nicht jede Norm ist beliebig.”

    Mag sein, aber wer das behauptet, muß den Nachweis dafür antreten.

    “Oft fällt soziale Kompetenz mit vorgebener Normbefolgung zusammen.”

    Nein, da bin ich mir nicht so sicher. Ich hab das gerade bei Kommunikationstheorie gelernt, wo unabhängig von den sozialen Normen der Erwünschtheit bzgl. Kommunikation, eine epistemische Struktur dominiert, die manchmal entgegen, manchmal windschief zu sozialen Normen verläuft.

    Daher finde ich es alles andere als trivial, soziale Kompetenz einfach zu definieren, daß man für inkompetent hält, wer nicht tut, was man von ihm erwartet. Und wenn ich das richtig verstanden habe, dann gab es in diesem blog schon posts, die in diesem Kielwasser geschwommen ist.

    “Weil man Nachteile im Leben hat, wenn man keine sozialen Fertigkeiten aufweisen kann.”

    Aber eben, weil es usus ist, das Ausbleiben bestimmter Handlungen zu bestrafen. Das müßte man ja nicht so rigoros handhaben, sondern könnte auf Holmes Begabung irgendwie Rücksicht nehmen.

    “Nun einleuchtend?”

    Ich glaube immer weniger: Warum wie bei einer Wasserwaage ein Übermaß einer bestimmten Fähigkeit, einen Mangel an anderer Stelle mehr oder weniger zwingend nach sich ziehen soll, ist weiterhin aus der Luft gegriffen. Gerade Hochbegabung fällt meines Wissens nach selten einseitig aus.

    “Ja, sollte man glauben – Anerkennung wird auch von Menschen mit „überragenden Fähigkeiten“ gern gesehen.”

    Woher wissen Sie das? Die Leute, von denen ich glaube, daß sie mir weit voraus sind, scheren sich nicht darum.

    “Wenn ich ein skurriler Mensch bin, bin ich es vielleicht einfach – und nur mit größter Anstrengung wäre ich nicht skurril, was mir trotz überragenden Fähgkeiten nicht gelingt”

    Genau das halte ich für ein an mobbing grenzendes Vorurteil.

    “deshalb frage ich mich in solchen Posts immer, warum Sie sich nicht ein bisschen anstrengen anstatt alle Beweislast auf den Autor zu schieben? Wenigstens…”

    Nun, weil sie die Autorin ist. 😉 Jeder ist nun mal für seinen blog selbst verantwortlich. Aber ich gebe Ihnen gerne meine Kontonummer, wenn Sie möchte, daß ich auch die posts anderer blogs schreibe.

  10. @Elmar Diedrichs

    „Mag sein, aber wer das behauptet, muß den Nachweis dafür antreten.“

    Vielleicht ist das auch allgemein bekannt?

    „Nein, da bin ich mir nicht so sicher. Ich hab das gerade bei Kommunikationstheorie gelernt, wo unabhängig von den sozialen Normen der Erwünschtheit bzgl. Kommunikation, eine epistemische Struktur dominiert, die manchmal entgegen, manchmal windschief zu sozialen Normen verläuft.“

    Das Wort „epistemisch“ sagt mir leider nichts – erklären Sie mir das?
    Ich halte es auch für falsch, soziale Kompetenz so zu definieren. Übrigens auch ein Problem von Hochbegabten, sie verhalten sich oft nun mal nicht wie erwartet, „genormt“ – Sie scheinen aus meinem Satz zielsicher das herausgelesen zu haben, was ich nicht tun wollte: verallgemeinern.

    „Aber eben, weil es usus ist, das Ausbleiben bestimmter Handlungen zu bestrafen. Das müßte man ja nicht so rigoros handhaben, sondern könnte auf Holmes Begabung irgendwie Rücksicht nehmen.“

    Die Gesellschaft ist leider schwer zu ändern. Natürlich könnte man, aber es ist schwierig, denn man wird von einer Person dafür belohnt und von allen anderen bestraft. Die Praxis zeigt, dass es andere Leute mit Idiosyncrasien sind, die darauf Rücksicht nehmen bzw. verstehen können und wollen.

    Vielleicht betrachten Sie das theoretischer als die Autorin, Herr Diederichs?

    „Ich glaube immer weniger: Warum wie bei einer Wasserwaage ein Übermaß einer bestimmten Fähigkeit, einen Mangel an anderer Stelle mehr oder weniger zwingend nach sich ziehen soll, ist weiterhin aus der Luft gegriffen. Gerade Hochbegabung fällt meines Wissens nach selten einseitig aus.“

    Vermutlich wurde der Begriff „soziale Kompetenz“ durchaus nicht richtig definiert. Hochbegabte haben normalerweise eine sehr hohe soziale Kompetenz, die allerdings umdefiniert wird zu geringer sozialer Kompetenz, weil die restlichen 98% ihre Inkompetenz als Kompetenz betrachten. Als haben Sie wohl recht, eigentlich ist das Abgewöhnen einer Fähigkeit…

    „Woher wissen Sie das? Die Leute, von denen ich glaube, daß sie mir weit voraus sind, scheren sich nicht darum.“

    Das ist wohl keine repräsentative Stichprobe… ich kenne Leute, denen bereitet es unglaubliche Freude, jemanden etwas verstehen zu sehen – das ist ihre Anerkennung. Nur ein Beispiel. Ich glaube, es ist eine Entwicklung, Herr Diederichs! Mit der Zeit ist es sehr frustrierend, wenn niemand versteht, was man sagt, und es ist anstregend, sich in andere hineinzuversetzen – also warum tun, wenn man keine Hoffnung sieht? Aber ich halte es nicht für angeboren!

    „Genau das halte ich für ein an mobbing grenzendes Vorurteil.“

    Warum?

    „Nun, weil sie die Autorin ist. 😉 Jeder ist nun mal für seinen blog selbst verantwortlich. Aber ich gebe Ihnen gerne meine Kontonummer, wenn Sie möchte, daß ich auch die posts anderer blogs schreibe.“

    Aber eine Autorin kann doch nicht alle möglichen Denkweisen und jedes denkbare Vorwissen berücksichtigen. Es ist auch fraglich, ob das überhaupt beabsichtigt ist, denn die eigenen Gedanken sind doch die wichtigsten!

  11. Danke für die ausführlichen Kommentare!

    Zu den zahlreichen interessanten Gedanken im Einzelnen:

    – @Elmar, zu dem von Dir angebrachten “Ausbleiben von Handlungen”: Man kann zunächst mal nicht nicht handeln (und wenn Du grade mit Kommunikationstheorie angefangen hast, wird Watzlawick da vermutlich bald Thema). Im übrigen finde ich in diesem konkreten Beispiel mitnichten so, dass das _Ausbleiben_ von Handlungen bestraft wird. Abwerten anderer ist eine hochgradig aktive Handlung (und wird im Film auch als solche dargestellt), die allein deshalb nicht sanktioniert wird, weil Holmes’ Umfeld sein Verhalten einordnen kann.

    – “[M.D.S.]Ja, sollte man glauben – Anerkennung wird auch von Menschen mit „überragenden Fähigkeiten“ gern gesehen.” — “[E.D.]Woher wissen Sie das? Die Leute, von denen ich glaube, daß sie mir weit voraus sind, scheren sich nicht darum.”

    Vielleicht weiß Frau Selcherid es aus erster und nicht nur aus zweiter Hand? 😉 – Abgesehen von den bereits angesprochenen Problemen der Stichprobengröße und -selektivität stellt sich hier doch die Frage nach Henne und Ei: Wie kommt es, dass jemand keinen Wert auf Anerkennung legt? Vielleicht hat nicht jeder das Bedürfnis nach Anerkennung im gleichen Maße; aber möglicherweise auch nicht in gleicher Form. An dieser Stelle würde ich zur begrifflichen Klärung vorschlagen, die Anerkennung der Leistung von der Anerkennung der Person zu trennen. Holmes’ Leistungen werden klar anerkannt; und klar, dass einen Anerkennung von jemandem, der die eigenen Erkenntnisse wertzuschätzen weiß, mehr freut als die von jemand X-Beliebigem, der das Ergebnis zwar irgendwie toll findet, vielleicht aber den komplexen Gedankengang etc. gar nicht in seiner Schönheit nachvollziehen kann. Davon zu trennen ist die Anerkennung als Person, anders gesagt: das Gemochtwerden. Hier wiederum kommt die von mir weiter oben vorgeschlagene Differenzierung zwischen sozialer Kompetenz (grundsätzliche Fähigkeit) und sozialer Performanz (Umsetzung dieser Fähigkeit) ins Spiel: Bei Höchstbegabten (wir sprechen hier von einem IQ von 180 und darüber, das mal zur quantitativen Einordnung – nicht vom “normalen” 130er Hochbegabten!) ist es im Kindesalter in der überwiegenden Zahl der Fälle so, dass es aufgrund der extrem beschleunigten Entwicklung tatsächlich im sozialen Miteinander hakt. Ich glaube definitiv nicht, dass dies an einer fehlenden Kompetenz liegt, sondern vielmehr darin, dass es in einem völlig anders strukturierten Umfeld deutlich schwerer ist, Schnittmengen zu finden, innerhalb derer sich diese Kompetenz in Performanz umsetzen lässt. Wenn ich Sterne kartographieren will, im Kindergarten aber zum Singen im Stuhlkreis gezwungen werde, würde ich auch austicken. Mögliche Diagnose: “Das Kind zeigt sozial unreifes und unangemessenes Verhalten (Wutausbrüche) und integriert sich nicht in die Gruppe. Von einer vorzeitigen Einschulung wird abgeraten.” Die sinnvollere Lösung wäre, dem Kind bei der Suche nach seiner Nische zu helfen, in der es seine soziale Kompetenz entfalten kann (sprich, ein Umfeld zu finden, das das Kind mit allen seinen individuellen Besonderheiten wertschätzt) – und dabei trotzdem nicht zu vergessen, dass die emotionale Entwicklung vielleicht die eines ganz normalen Kindes ist (was eigentlich nur durch den extremen Kontrast zur geistigen Reife auffällt).

    – “[E.D.]Daher finde ich es alles andere als trivial, soziale Kompetenz einfach zu definieren, daß man für inkompetent hält, wer nicht tut, was man von ihm erwartet. Und wenn ich das richtig verstanden habe, dann gab es in diesem blog schon posts, die in diesem Kielwasser geschwommen ist.”

    Würde mich wundern, und Konkretisierungen würden mich interessieren. – Wenn ich mir die Fragen in Deinem ersten Posting durchlese, finde ich im übrigen, das Ziel des Beitrags wurde exakt erreicht, welches war, solche (ironisierend und dadurch möglicherweise etwas provozierend vorgebrachten) Gemeinplätze in Frage zu stellen. Hätte ich es als Unterrichtskonzept ausformuliert, hätten die Fragen, die Du stellst, vermutlich als Lernziel dringestanden; insofern verstehe ich, glaube ich, Dein Problem grade nicht ganz. Ich denke, man kann den Lesern durchaus zutrauen, auch ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen und weiterzudenken, und in der Regel klappt das ja auch. Wissenschaft als reine Antwortmaschinerie fände ich nicht nur langweilig, sondern in Anbetracht der Vorläufigkeit allen Wissens sogar unverantwortlich. Insofern sehe ich meine Rolle als Bloggerin darin, Denkprozesse und Fragen anzuregen, wobei ich das reine Referieren von Fakten als die didaktisch nicht unbedingt geeignetste Methode erachten würde. Gerade bei einem Thema, womit jeder “irgendwie” was anfangen kann, ist es viel sinnvoller, mit den Vorurteilen einzusteigen (und dazu gehört die Definition von sozialer Inkompetenz als nicht mainstreamkompatibles Verhalten – vgl. auch das obige Kindergartenbeispiel); ein analoges Vorgehen findest Du beispielsweise auch bei Weiterbildungen zum Thema. In Deinem Blog kannst Du das natürlich anders handhaben und meinethalben auch irgendwo einsteigen, wo der Leser eben nicht steht 😉

  12. Soziale Kompetenz

    Ein wichtiger Aspekt für den Höchstbegabten wäre es, andere Menschen nicht gedanklich zu überfordern oder ungewollt verbal zu verletzen, die Grenzen sind fließend.
    Das hieße in erster Linie wohl viel viel Geduld und Einfühlungsvermögen mit den Mitmenschen.
    Er muss Wissen und Auffassungsgabe seines Gegenübers richtig einschätzen. Er muss mit Begriffen und Analogien argumentieren mit denen der Andere etwas anfangen kann. Er muss sich bremsen und das Tempo des Gegenübers mitgehen. Am besten sollte der Andere diese Anstrengung nicht mitbekommen. Am wichtigsten jedoch ist es, dass er seinen Gegenüber ungeachtet dessen mutmaßlicher intellektueller Fähigkeiten respektiert.*
    Will er das? Kann er das?
    Wenn nicht, wird ihm nicht ganz zu Unrecht mangelnde soziale Kompetenz vorgeworfen. Er muss damit leben.

    *Auslassungen wie “Brötchenhirn” oder “98% halten ihre Inkompetenz für Kompetenz” sprechen da eine deutliche Sprache und sind zum Verständnis der Problematik so nicht erforderlich.
    Ähem… Oder vielleicht eben gerade:-)

  13. @Elmar Diederichs

    Beantworten Sie vorher noch meine Frage, warum meine Aussage ein an Mobbing grenzendes Vorurteil sei, Herr Diederichs? Das wäre nett!

  14. @RD

    Bei so viel Geduld und Anstrengung und Einfühlungsvermögen darf man sich dann aber wohl die Frage stellen, wozu, weswegen, und wo bleibe ich selbst dabei…

    Vor allem: wo bleibe ich selbst dabei?

    Und: bleibe ich ich selbst dabei und kann ich damit umgehen?

    Klar, man muss ja niemanden beschimpfen, das ist nicht schwierig. Meist!

  15. Zur Sozialkompetenz verpflichtet?!

    “[RD] Wenn [es dem Höchstbegabten] nicht [gelingt, die zahlreichen Anforderungen zu erfüllen; gestatten Sie die etwas freie Ergänzung ;)], wird ihm nicht ganz zu Unrecht mangelnde soziale Kompetenz vorgeworfen. Er muss damit leben.”

    Aber wollen wir eine solche Welt? Ich bin der Ansicht, dass Toleranz, Empathie und ein Stück weit Anpassung an andere Lebenswirklichkeiten von jedem eingefordert werden dürfen, nicht nur von den Höchstbegabten. Bei denen würde man ja naheliegenderweise vermuten, dass sie doch diejenigen sind, die das Ganze intellektuell durchschauen, und ihnen deshalb vielleicht auch mehr Verantwortung zuschreiben wollen – ich bin mir aber nicht so sicher, ob das der richtige Weg ist. Genau die von Ihnen, Frau Selcherid, angesprochene Gefahr (wo bleibt man selbst dabei?) sehe ich auch.

    Wichtig wäre es doch vielmehr, Voraussetzungen zu schaffen, die den Boden für eine solche gegenseitige Toleranz und Akzeptanz bereiten. Wenn man Unterschiede statt Gemeinsamkeiten betont (“Brötchenhirn” von der einen, “Nerd” von der anderen Seite), trägt das sicherlich nicht zu mehr Toleranz bei. Ich sehe in unserem Bildungssystem (insbesondere auf den frühen Stufen) diesbezüglich eine sehr ambivalente Botschaft: Zum einen ist Leistung erwünscht, zum anderen aber auch wieder nicht, weil sich diejenigen, die nicht im gleichen Maße Leistung erbringen können, sonst möglicherweise schlecht fühlen könnten (Kindergartenkinder, die die Bücher weggenommen bekommen, weil sie noch nicht lesen können dürfen; Schulkinder, die ums Verrecken alle 20 Kästchen mit identischer Aufgabenstruktur rechnen müssen, auch wenn ihnen nach dem ersten das Prinzip klar ist). Folglich ergeben sich für diejenigen, die schon “weiter” sind, (mindestens) zwei Wege aus dieser Diskrepanz: (1) Anpassung, um weiterhin akzeptiert zu werden – das werden möglicherweise eher diejenigen mit einem stärkeren Bedürfnis nach sozialer Akzeptanz tun; (2) Rückzug und Abwertung der anderen, Kultivieren des subjektiv empfundenen Andersseins. Trägt dies dazu bei, dass diese Menschen glücklicher werden? Wenn es okay wäre, dass das Kind im Unterricht etwas anderes Sinnvolles machen darf, wenn es das Lernziel erreicht hat (das dann eben nicht heißt “Hat alle 20 Aufgabenpäckchen zufriedenstellend gelöst”, sondern “kann das, was in diesen Aufgaben geübt wird”) wäre doch allen geholfen – und es gibt tolle Ansätze zur integrativen Begabtenförderung, die auch im Schulalltag funktionieren.

    Möglicherweise liegt das Problem ja auch ein Stück weit schon in der Begrifflichkeit angelegt. “Hochbegabung” suggeriert eine schwarz-weiße Welt aus Hochbegabten und nicht Hochbegabten, was ja faktisch nicht so ist – die wissenschaftliche Definition ist mehr oder weniger willkürlich auf der Grundlage statistischer Kriterien gewählt, es gibt keinen qualitativen Sprung, der aus einem Kind mit IQ 131 ein “anderes” Wesen macht im Vergleich mit einem Kind mit IQ 129.

  16. @Tanja Gabriele Baudson

    “es gibt keinen qualitativen Sprung, der aus einem Kind mit IQ 131 ein “anderes” Wesen macht im Vergleich mit einem Kind mit IQ 129.”

    Aber schließt das einen qualitativen Sprung aus? Der qualitative Sprung muss ja nicht an dieser 130er Grenze für alle stattfinden, vielleicht findet er ja bei manchen schon früher statt, aber spätestens bei 130? Oder vielleicht gibt es auch Fälle, bei denen es erst bei 135 geschieht? Wäre ja durchaus denkbar, dass die Intelligenz durch den IQ bei dem ein oder anderen schlechter oder besser beschrieben wird?

  17. @Frau Selcherid: Qualitative Sprünge

    Derzeit deuten die Ergebnisse darauf hin, dass der Unterschied eher ein quantitativer ist (z.B. Längsschnittstudien, die eine nicht vorausgelesene Stichprobe untersuchen -> Marburger Hochbegabtenprojekt). Intelligentere Menschen denken also nicht “anders”, sondern “nur” schneller, haben eine größere Arbeitsgedächtniskapazität, sozusagen mehr vom Gleichen. In der Intelligenzstrukturforschung weisen die neueren Ergebnisse auch überwiegend darauf hin, dass es quer durch das Begabungsspektrum einen Faktor der “allgemeinen” Intelligenz gibt, mit dem die bereichsspezifischeren Eigenschaften (verbale Intelligenz, rechnerisches Denken …) zusammenhängen. Es ist denkbar, dass eine solche Schwelle vielleicht wirklich im sehr hohen Bereich existieren könnte (Stichwort Vorläufigkeit des empirischen Wissens); leider gibt’s da aber sehr wenige Forschungsobjekte 😉 (und auch das Marburger Hochbegabtenprojekt mit seinen Tausenden Kindern reicht da nicht aus, um genügend Probanden für eine echte Vergleichsgruppe zusammenzubekommen, von der Messungenauigkeit der erhältlichen Instrumente in den Extrembereichen mal ganz abgesehen), sodass man sich hauptsächlich auf qualitative, einzelfallorientierte Analysen bezieht (z.B. gibt es von Miraca Gross ein sehr interessantes Buch über Höchstbegabte – die ist aktuell vermutlich die wichtigste Forscherin auf dem Gebiet).

  18. bezgl. “Wert auf Anerkennung”

    Das häufige Desinteresse daran bei besonders Befähigten wurde vor ein paar Monaten Thema in einem ansonsten einigermassen erfolgreichen Forum für Mathematikstudenten (“mathoverflow.net”), in dem explizit spielerische und ironisierende Bewertungsverfahren der Beiträge gerade unter Topmathematikern infolge ihres allgemeinen Widerwillens gegen dergleichen zu einer Abwanderungsbewegung führte. In die selbe Richtung gehen die wiederholten Verweise seitens dieser Gruppe auf “The Loneliness of the Long Distance Runner” von Sillitoe als literarischem Ausdruck zu dem Thema.

    Zu “Höchstbegabten, wir sprechen hier von einem IQ von 180”: Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit einem (auch Psychologie studiert habenden) ehem. Vorsitzenden eines Vereins solcher Leute, dessen Erfahrungen zufolge die entspr. Testverfahren und Motivationen zu deren Teilnahme bzw. Performance massiv in die Richtung (sozial-)pathologischer Persönlichkeitsstrukturen selektieren. Halbwegs “normale Genies” wie z.B. Hawking orientieren sich an Inhaltlichem und greifen auf Test- oder Testähnliche Mittel erst zurück, wenn sie schnell und mühelos checken wollen, ob sie durch Krankheiten, Alter oder Unfälle beeinträchtigt sind.

    Mangels Fernseher kann ich mich zu der Filmfigur selbst nicht äußern, aber mich würde interessieren, ob das Betätigungsfeld hinreichend motiviert ist: Betonen Fachleute nicht oft, wie unglaublich öde und “grau” das ist?

  19. @Tanja, Marie D. Selcherid: und Tschüss

    Ich könnte hier natürlich einfach meine Meinung sagen.

    Dann würde ich darüber lamentieren, daß mir das alles, vor allem was die Psychologie angeht, unglaublich naiv und schwammig vorkommt.

    Dafür gibt es durch aus Indizien: Wenn Watzlawick in Sachen Kommunikationstheorie angeführt wird, ist das schon wirklich ein Witz und die Begriffe von Anerkennung und Akzeptanz werden hier wie Gelenkstellen gebraucht, an der sich ganze Strukturen hin- und herschwenken lassen. So ist jedenfalls mein Eindruck. Platitüden wie “Jeder will Anerkennung.” haben übrigens für meine Begriffe in keiner Abschwächung etwas in einer Psychologie verloren, die ich ernst nehmen kann. Insbesondere möchte ich vom Autor eines posts nicht aufgefordert werden, zwischen den Zeilen zu lesen, denn das besagt soviel wie “Lieber Kommentator, diskutier doch einfach mit dir selbst.”.

    Das ist noch nicht ganz der Stil von Michael Blume, aber es geht in die Richtung.

    Leider kann ich nicht hart für meine “intuitiv aus dem Bauch”-Nerd-Geringschätzung argumentieren und ich finde auch nicht ohne weiteres die sich hier vermutlich tummelnden Denkfehler: Mir fehlt im Moment die Vorbildung und die Zeit, das spontan nachzuholen.

    Da ich also nicht ausschließen kann, selbst falsch zu liegen, verlasse ich diesen blog und nehme die einzige Lösung, die auf brainlogs bleibt: Ich gehe dahin, wo die Musik lauter spielt und werde Substantielles in meinem blog posten, sowie es fertig ist.

    Ich nehme an, für meine Zurückhaltung haben alle Verständnis.

    Mit Nerd-igen Grüssen

  20. @Elmar Diederichs

    Natürlich habe ich Verständnis für Ihre Zurückhaltung.

    Ich halte es für äußerst wichtig, nur von Dingen zu reden, mit denen man sich 100%-ig auskennt, gekleidet in die passenden Worte und gestützt von den richtigen Theorien.

    Was macht es schon für einen Sinn, anderweitig zu kommunizieren.

    Ich finde es trotzdem schade, dass Sie meine Fragen nicht beantworten, aber wie Sie schon sagen, wenn Sie es nicht hart argumentieren können, hat es eh keinen Nutzen.
    Ich bedauere im Nachhinein ein bisschen, dass ich die Zeit aufgewendet habe, Ihnen zu antworten.

    Andererseits schätze ich die Inhalte ihre Beiträge dennoch sehr.

  21. @Marie D. Selcherid: am Ende der Strasse

    Eigentlich ist es einfach:

    Der Artikel sagt wörtlich, daß es sozial inkompetent ist, wenn ein Begabter einem Normalen nicht klarmachen darf, daß er langsamer und schlechter arbeitet. M.a.W.: Die Wahrheit zu sagen, ist in einigen Fällen ein Beweis für eine Fehlleistung. Wirklich?

    Der Artikel suggeriert, daß Holmes Lösungskompetenz nicht geeignet ist, soziale Kompetenz hervorzubringen. Er suggeriert weiter, daß auch emotional beschädigt ist, insofern ihn nicht interessiert, ob andere unter seiner mentalen Konfiguration leiden.

    Und “Im übrigen ist es keineswegs so, dass Genie und ein Schuss Verrücktheit immer gekoppelt wären.” ändert daran nichts: “ein Schuß Verrücktheit” ist ein Schuß Unverständlichkeit und Unerklärlichkeit und damit total verschieden, denn bei Holmes beanspruchen der Text ja gerade, sehr wohl zu verstehen, was in seinem Kopf vorgeht.

    Beweis: elementares Leseverständnis – eine analytische, keine soziale Kompetenz.

    Und in diesen Sinne konsequent legt Tanja nach: ” Das Kernproblem, das jeden Menschen betrifft, unabhängig davon, wie begabt er ist, ist das der Passung: Fähigkeiten können sich am besten in einem Umfeld entfalten, das ihnen entgegenkommt.”

    Aha – ist das die message? “Hochbegabte SIND so, einfach mal ein wenig zurückgeblieben … auf ihre Art: Macht euch keine Sorgen, ihr Normalos, ihr könnt euch zwar sonst nicht helfen, aber im Menschlichen seid ihr unerklärlicherweise mit Fähigkeiten geboren worden, von denen es im Rest eures Lebens nicht die geringste Spur gibt.” – ja? So?

    Ich frage mich, in welchen Zustand man sein muß, um das ernsthaft zu glauben?

    Zwar geht Tanjas Kindergartenbeispiel wieder in die richtige Richtung, aber es ist wieder nur der halbe Weg: Soziale und geistige Kompetenzen werden getrennt und behauptet, daß sie eine Entwicklungsdnamik zu generis hätten. Sie merkt nicht mal, daß das nur eine Hypothese ist. Stattdessen gilt nach meiner Meinung, daß die gesteigerte mentale Aktivität überall durchschlägt: Hochbegabte untersuchen andere Fragen mit anderen Mitteln. Wer einmal die papers von Arkadi Nemirovsky in der Hand gehabt hat, merkt sicher, das er solche Dinge niemals erreichen kann, niemals auf diese Ideen und diese Gedanken kommen kann. Und was Normalos als soziale Kompetenz ansehen, hat mit der Wirklichkeit von Hochbegabten, ihren Fragen, ihren Argumenten oder ihren Antworten nicht das Mindeste zu tun, denn wir alle haben unsere Gründe zu handeln, Gründe, die wir uns vor Augen halten, wenn wir uns fragen, wohin wir uns wenden sollen.

    Aber Hochbegabte haben andere Gründe. Und davon erzählt dieser post nichts – war ja auch klar.

    Aber das ist nicht alles, denn der Artikel legt eine bedeutende Naivität nahe in drei Hinsichten:

    a) Erst mal wir das Bedeutungsfeld von “soziale Kompetenz” nicht mal im Ansatz skizziert – nervig, aber Pfusch bei Psychologen sind wir ja gewohnt. Was vom Text suggeriert wird, ist, daß es sozial kompetent sei, sich dem Wunsch anderer, ein gutes Gefühl zu haben, unterzuordnen – ob sich das verdient haben oder nur Eitelkeit vorliegt, scheint dabei keine Rolle zu spielen.

    Daß Hochbegabte, die diesen Gerechtigkeitsaspekt sehen und sich verweigern, wird ihnen angekreidet und dieser post unterstützt das.

    Tatsächlich ist Tanjas Vorgehen schon fast ein naturalistischer Fehlschluß: Soziale Kompetenz kann nicht vom empirischen, vielleicht nur von Eitelkeiten dominierten Ergebnis her definiert werden, sondern man braucht eine Vorstellung davon, welche prinzipiellen Hürden es zwischen Menschen zu nehmen gibt. Davon verrät der Post aber nichts, denn eine solche Vorstellung hat man genau dann, wenn man weiß, wo der Unterschied zwischen sozialer Kompetenz im vollen Sinne und sozialer Kompetenz in einem trivialisierten, einem banalisierten Sinne ist, d.h. inwiefern die Binsenweisheiten des Volksmundes über soziale Kompetenz falsch und irreführend sind. Doch auch in dieser Hinsicht scheint nicht nachgedacht worden zu sein.

    Vor allem aber gibt es in diesem post eine unverkennbare Tendenz zur Inkonsistenz: Aus der Tatsache, daß sie soziale Erwartungen nicht erfüllen, folgt nicht, daß sie es nicht können – wie dies bei Normalos der Fall wäre. Meiner Erfahrung nach gilt: Hochbegabte WOLLEN das nicht. Sie wollen in keinen Sinne mit den Normals “WIR” sein – und wer jetzt von Arroganz redet, dokumentiert nur sein Unverständnis. Denn was Hochbegabte wirklich wollen, ist unbeachtet von den anderen unter sich zu sein. Und die Furcht, falsch zu liegen, ist mächtiger, als jeder Wunsch nach Anerkennung irgendeiner Provenienz.

    Wie kann man das nur nicht wissen???

    Das kann man übrigens schon auf Fachkonferenzen lernen … ist also ganz einfach, an dieses Wissen ranzukommen.

    b) Wie bei allen natürlichen Phänomen kann man – wenn man ihnen schon eine eigene psychische Konstitution zugesteht – Hochbegabte dort beobachten, wo sie sich freiwillig ansammeln: an Unis, an Forschungsinstituten oder in ThinkTanks. Da kommen sie recht häufig vor und wie erwartet sind die sozialen Umgangsformen dann auch durchaus anders als normal – wovon Tanja aber offenbar ebenfalls überhaupt nichts weiß: Hochbegabte tolerieren einander nämlich nicht – soweit kommt es gar nicht: Was von Normalos als “strange” angekreidet wird, wird durchaus bemerkt, aber es wird erkannt, daß es sich um einleuchtende Konsequenzen der besonderen mentalen Aktivität handelt – Aktivität, nicht Begabung!!

    Niemand unter den Begabten hat die Vorstellung, seine Begabung wie bei einer Wippe mit irgendeiner prinzipiellen Inkompetenz bezahlen zu müssen. Wer wirklich forscht, muß z.B. soviel anderes rein zeitlich und mental aufgeben, daß er schon mal beim Sekt aus der Übung gerät – aber alle wissen, woher das kommt und wer dann einen Holmes-Witz i.S.d. postes machen würde, hätte sich als Normalo geoutet – ganz klar. Es gibt übrigens Profs, die Anerkennung wollen. Aber diese Leute sagen fast immer selbst, daß sie in einer ganz anderen Liga spielen.

    All das kann man einfach durch Beobachtung lernen. Warum das hier nicht passiert ist, weiß ich nicht.

    c) Was mal wieder nur rhethorisch beachtet wird, ist der Leidensdruck der Hochbegabten, wenn er unter denBrötchengehirnen leben muß: In keiner Rechnung dieses postes oder in irgendeinem Kommentar, kommt dieser Aspekt vor.

    War ja auch klar.

    Zwar werden die superbrains als gleichberechtigte Menschen ausgegeben – Danke, sehr freundlich – aber ansonsten, fällt die Empathie gegenüber Minderheiten doch eher dürftig aus. Vielleicht sollte man diese Tatsache einfach aus Symmetriegründen mal in die Sozialkompetenz mit hineinrechnen?

    In sum – das meinte ich: Hier werden Vorurteile auf der Basis von Unwissenheit und Hypothesen geschürt, die geradezu an metaphysische Spekulation grenzen und mehr die Ignoranz der Autorin dokumentieren. Manchmal sagt man auch mobbing dazu.

    Danke dafür. Den Begabten wurde gerade alles andere als ein Gefallen getan – obwohl sie es als Minderheit schwer haben. RD’s Kommentare spiegeln genau das wieder.

    Deshalb: So kann das alles nicht weitergehen. Wenn ich auf brainlogs mache, was auf brainlogs eben geht, kann ich nicht alles unterbringen, was so anliegt und wenn ich versuche, auch den Rest zu diskutieren, dann sind die einen abgehängt und die anderen genervt, weil sie ein Recht zu glauben haben, daß man es ihnen nicht sagt, wenn sie so einen Mist posten.

    Und dieser post hat nicht mehr zu bieten, als in offensichtlichster Weise gewissen Eitelkeiten zu huldigen. Es mag sein, daß das auf brainlogs erwünscht oder geduldet ist.

    Ohne mich.

    Ich sehe das alles ganz anders. Daher werde ich das Problem mittelfristig lösen.

    “episteme” ist Griechisch und bedeutet ‘Erkenntnis’.

  22. @Elmar: Totale Überinterpretation?

    So kommt es mir zumindest vor. Aus den übrigen Kommentaren habe ich nicht den Eindruck gewonnen, dass der Artikel dermaßen falsch aufgefasst wurde. Aber aus Deinen Posts ist ersichtlich, dass Du andere Meinungen als die eigene ohnehin nicht allzu hoch hältst und fremde Fachbereiche ungeachtet Deines eigenen Kenntnisniveaus auf den Gebieten pauschal abwertest. Ich finde es erschreckend, wie jemand den eigenen Standpunkt mit derart verabsolutieren kann. Irgendwie hast Du Dich da wohl in etwas hineingesteigert. Das entschuldigt die Unverschämtheit Deines Kommentars jedoch nicht, und zukünftige Beiträge dieser Art werde ich im Sinne des konstruktiven und respektvollen Diskussionsklimas, das bislang in diesem Blog herrschte und das ich mir auch weiterhin wünsche, ohne weitere Rücksprache löschen.

  23. @Elmar Diederichs

    Danke, Herr Diederichs, für Ihre äußerst aufschlussreichen Aussagen.

    Ich finde es wirklich schade, Herr Diederichs, dass es mit Ihnen so läuft.

    Sie haben so unglaublich interessante Dinge zu sagen, aber dadurch, dass Sie so angepisst sind von den Aussagen anderer, die Sie wohl meist zu Recht kritisieren, und dabei einen so aggressiven Ton anschlagen, führt zum Verlust des Interesses und zur Abwehrhaltung.

    Warum nehmen Sie das nicht etwas lockerer? Das tut Ihnen gut, tut den Leuten gut, die viel von Ihnen lernen könnten.
    Oder wäre das zu einseitig, zu unfair, das von Ihnen zu verlangen?
    Oder ist es gar irrelevant für Sie?
    Wenn sie aber doch am Ende angepisst sind, ist das doch auch keine optimale Situation für Sie, oder?

    Ich entschuldige mich für off-topic, aber das wollte ich noch sagen.

  24. @Elmar

    Der gelöschte Beitrag war einer konstruktiven Diskussion abträglich. In diesem Blog möchte ich kein Gepöbel.

  25. Soziale Kompetenz

    Der Begriff ist ja nicht ganz ohne 😉 – von den ganzen verwandten und teilweise synonym verwendeten Begriffen (“soziale Intelligenz”, “EQ” etc.) mit großer Schnittmenge mal ganz abgesehen.

    Zunächst einmal ist, wie gesagt, die Unterscheidung zwischen Kompetenz (grundsätzlicher Fähigkeit) und Performanz (deren Umsetzung in “echten” zwischenmenschlichen Interaktionen) wichtig. In Tests (Beispiel ids – Intelligence and Developmental Scales) erfasst man Kompetenz in dieser Hinsicht beispielsweise, indem man Situationen interpretieren lässt und dann den Umgang damit erfragt (z.B. ein Bild von einem weinenden Kind -> was ist hier los, und – als zweite Frage – was würdest Du tun, wenn Du ein Kind siehst, das weint?). Als sozial kompetent werden Verhaltensweisen eingeschätzt, die etwas tun, um das “Problem” (ein Zustand, in dem sich das Gegenüber nicht gern befindet) zu lindern. Beispiel: trösten, Pflaster holen, was Lustiges erzählen zur Ablenkung etc. Insofern ist das Problem viel weniger das eines mehrheitlichen Konsens (ich verhalte mich so, weil die Mehrheit es so gut findet), sondern vielmehr das der Beendigung eines als aversiv erlebten emotionalen Zustandes bzw. der Aufrechterhaltung oder Herstellung neutraler bis positiver Emotionen. Ich fände es absurd zu behaupten, dass Menschen lieber unglücklich als glücklich sind (auch wenn sie sich manchmal vielleicht so verhalten).

    Hinzu kommt die inter- versus intrapersonale Perspektive. Auch die eigene Gestimmtheit hat einen Einfluss auf die Fähigkeit zum zwischenmenschlichen Miteinander, insofern ist es wichtig, auch die eigenen Emotionen als Einflussquelle zu erkennen und ggf. zu regulieren.

    Soziale Kompetenz (im positiven Sinne, das der Vollständigkeit halber) würde ich daher definieren als die grundsätzliche Fähigkeit zu einem Verhalten im Umgang mit anderen, durch das langfristig sowohl der Interaktionspartner als auch man selbst sich im Idealfall besser, zumindest jedoch nicht schlechter, fühlt.

  26. @T: Selektionsfaktor Hochbegabtenverein

    “Zu “Höchstbegabten, wir sprechen hier von einem IQ von 180”: Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit einem (auch Psychologie studiert habenden) ehem. Vorsitzenden eines Vereins solcher Leute, dessen Erfahrungen zufolge die entspr. Testverfahren und Motivationen zu deren Teilnahme bzw. Performance massiv in die Richtung (sozial-)pathologischer Persönlichkeitsstrukturen selektieren. Halbwegs “normale Genies” wie z.B. Hawking orientieren sich an Inhaltlichem und greifen auf Test- oder Testähnliche Mittel erst zurück, wenn sie schnell und mühelos checken wollen, ob sie durch Krankheiten, Alter oder Unfälle beeinträchtigt sind.”

    Das war übrigens auch ein Problem der frühen Hochbegabtenforschung, die sich ihre Probanden im Wesentlichen in High-IQ-Societies und in Beratungsstellen zusammengesucht hatte 😉 Der gemeine Hochbegabte ist vermutlich viel “normaler”, als man es ihm zugesteht. Einer Diagnostik (wie einem IQ-Test) geht ja in der Regel eine Frage voran, die man durch den Test beantwortet haben will. Wenn kein Anlass besteht, ist es auch nicht unbedingt nötig zu testen.

  27. zita

    ich hätte nicht gedacht, dass es mal dazu kommen würde, aber ich muss diederichs in allem was er geschrieben hat zustimmen und in diesem fall verstehe ich seine aggression absolut. sie ist berechtig!

    ich fand den beitrag auch ausgesprochen undefiniert, oberflächlich und flach.
    das thema ist viel zu heiß, alsdass man schlampig und oberflächlich darüber herreden sollte.

  28. Zustimmung

    Auch ich kann Herrn Diederichs aus eigener Erfahrung nur zustimmen.
    Das größte Problem im sozialen Miteinander ist das Unverständnis nicht-Hochbegabter für die Fähigkeiten der Hochbegabten. Warum aber verstehen Normalos Hochbegabte nicht? Ich vermute, weil ihnen einfach die Möglichkeit des Nachvollziehens fehlt. (Sollte mal erforscht werden, vielleicht sogar als Zusatz zur Friedensforschung.)
    Gerade unter Kindern führt das dann zur Ausgrenzung, d.h. zur Einsamkeit des HB. Und die tut weh!!!! Daher Aggression oder Autoaggression, je nach Charakter.
    Der Mensch neigt leider dazu, nur seinesgleichen zu akzeptieren, und das gilt für jeden.

  29. Es gibt keine “Schuldigen”!

    “Das größte Problem im sozialen Miteinander ist das Unverständnis nicht-Hochbegabter für die Fähigkeiten der Hochbegabten. Warum aber verstehen Normalos Hochbegabte nicht?”

    Irgendwie haben die Kommentare mit dem Artikel inzwischen so gut wie nichts mehr zu tun ;), aber ich antworte trotzdem mal. Das Problem ist doch vielmehr das _wechselseitige_ Unverständnis. Ich finde es falsch und kontraproduktiv, einer Partei einseitig die Schuld zuzuschreiben. Diese Negation einer eigenen Verantwortung führt dann wiederum dazu, dass man das Gefühl hat, nichts an dem Problem ändern zu können – und dann entsprechend auch nichts ändert. Starting with the man in the mirror. Oder anders gesagt: das Problem entweder aktiv angehen oder sich damit abfinden (und ich bin klar für ersteres). Vorwürfe und Lamento führen eher zu Widerstand und Renitenz als zu einem Umdenken.

  30. @Tanja

    Das Problem ist doch vielmehr das wechselseitige Unverständnis.

    Ich gebe Ihnen völlig recht! Nur ressultieren leider Unterschiede in der Bewertung des Unverständnisses. Ein HB ist natürlich rational in der Lage nachzuvollziehen, dass das Gegenüber nicht so “tickt” wie er selber, ebenso umgekehrt ein nicht-HB .Leider sind meiner Erfahrung nach aber nur die wenigsten nicht-HB in der Lage, bei der Bewertung des Andersseins die Emotion Neid auszublenden. Das beginnt schon bei Geschwistern, in der Schule bei den Mitschülern (“Streber”), bei den meisten Lehrern geht es weiter, dito bei Kollegen usw.
    Zusätzlich zum Neid kann auch das Gefühl der Angst aufkommen, dass man als nicht-HB im Wettbewerb nicht gut genug ist, d.h. schlechtere Chancen hat als der HB. Daher der Vorwurf der mangelnden sozialen Kompetenz an den HB sprich Ausgrenzung, denn die wie auch immer gartete Demonstration von höherer Leistungsfähigkeit des HB kann am einfachsten dadurch abgewertet werden. Es ist in unserer Gesellschaft verpönt, besser zu sein als der andere, es ist Nivellierung erwünscht, aus historischer Sicht zwar verständlich, aber eben ungerecht. Warum sonst wünschen sich viele ausgegrenzte HB, vor allem als Kinder, dass sie so sein wollen wie alle anderen, nämlich nicht-HB?
    Warum sonst wird den meisten HB-Kindern adäquate Förderung versagt?
    Warum wird Sherlock Holmes als sozial inkompetent abgewertet, wenn er seine Leistungen eben nicht kleinredet? Würde er es tun, würde er seine Fähigkeiten verbal nivellieren, würde sich keiner über ihn erregen. Denn dann wäre er keine Bedrohung mehr für andere…

    Bitte widerlegen Sie meine Theorie!

  31. @Christl, Tanja

    “dass das Gegenüber nicht so “tickt” wie er selber, ebenso umgekehrt” – Also, mir sind bisher keine mit IQ-Unterschieden zusammenhängenden Unterschiede von Persönlichkeitsstrukturen aufgefallen.( Wobei “Sozialkompetenzen” sich ja auch immer auf (Fehl-)Interpretationen zur eigenen Person erstreckt.) Worin sollten die denn bestehen? Zu “Sozialkompetenz”: Wenn man genauer hinschaut, stellt sich das als Konglomerat unterschiedlichster Sachen heraus, zum Beispiel sensorischer Sensibilitäten, Reaktionsvermögen, automatischem Berücksichtigen des Innenlebens Anderer. Schliesslich dürfte es, wie z.B. bei Musikalität, Leute geben, die über natürliche Fähigkeiten dafür verfügen und solche, die von einem Äquivalent von “Farbenblindheit” für Menschen geschlagen sind. Und ähnlich wie bei Musikalität oder ästhetischem Urteilsvermögen dürften die Vielzahl frühkindlicher Anregungen eine Rolle spielen.

  32. @Christl

    Sorry für die späte Antwort! War viel los ;-), und dann spielte auch die Kommentartechnik verrückt … ich landete ständig auf der Startseite der Scilogs.

    Leider sind meiner Erfahrung nach aber nur die wenigsten nicht-HB in der Lage, bei der Bewertung des Andersseins die Emotion Neid auszublenden. Das beginnt schon bei Geschwistern, in der Schule bei den Mitschülern (“Streber”), bei den meisten Lehrern geht es weiter, dito bei Kollegen usw.

    Das mit dem Neid und der Bedrohung ist m.E. ein wichtiger Punkt. (Wurde auch mal evolutionspsychologisch untersucht, ganz spannende Sache; ich verweise mal auf Geake & Gross, 2008, mailen Sie mich bei Interesse an, falls Sie an den Artikel nicht rankommen.) Ich denke aber, auch hier spielt das Sozialverhalten des Begabten eine ganz zentrale Rolle: Jemand, der intelligent ist UND dabei noch umgänglich (vielleicht sogar noch gut aussieht ;)), wird sicherlich deutlich weniger als Bedrohung, sondern schlichtweg als derart überlegen angesehen, dass man sich ohnehin nicht mit ihm messen kann, sondern die Überlegenheit nur anerkennen kann (und sich vielleicht ein bissel in dem Ruhm sonnen, der sich daraus ergibt, dass man diese Person kennt. Immer schön zu beobachten bei “berühmten Söhnen der Stadt xy”, die zu Lebzeiten oft gar nicht soo glücklich dort waren). In der Argumentation von Geake & Gross sind Hochbegabte dann eine “Gefahr”, wenn Anlass zur Befürchtung besteht, dass diese ihre Begabung gegen das Gemeinwohl verwenden könnten (und soziale Fähigkeiten sind dabei ein Indiz, ob diese Furcht begründet ist oder nicht).

    Zusätzlich zum Neid kann auch das Gefühl der Angst aufkommen, dass man als nicht-HB im Wettbewerb nicht gut genug ist, d.h. schlechtere Chancen hat als der HB. Daher der Vorwurf der mangelnden sozialen Kompetenz an den HB sprich Ausgrenzung, denn die wie auch immer gartete Demonstration von höherer Leistungsfähigkeit des HB kann am einfachsten dadurch abgewertet werden.

    Exakt, das war das, was ich mit “Gerechter Welt” bezeichnen würde.

    Warum sonst wünschen sich viele ausgegrenzte HB, vor allem als Kinder, dass sie so sein wollen wie alle anderen, nämlich nicht-HB?

    Das ist m.E. exakt die zentrale Frage der Passung. Ich finde, man muss da auch klar differenzieren zwischen der Mehrheit der Hochbegabten, die in ihr Umfeld einigermaßen passen (bzw. sich dieses passend machen, indem sie sich z.B. Herausforderungen sichen) -> eher ressourcenorientiert, HB ist etwas Tolles; und denjenigen, die darunter leiden -> Hochbegabung ist die Ursache für mein “Leiden”, also negativ. (Oft findet man das auch bei Underachievern, bei denen bezeichnenderweise oft auch soziale Schwierigkeiten vorliegen.) Diese Gruppe gibt es, und darüber, dass da Handlungsbedarf besteht, sind wir uns, denke ich, auch einig.

    Warum sonst wird den meisten HB-Kindern adäquate Förderung versagt?

    Das würde ich auch gern wissen 😉 Wie Sie oben schreiben: Schwache darf und soll man fördern, Starke nicht; das ist wohl ein wichtiges Motiv. Statt zu sehen, dass sich das Schulsystem am Durchschnitt orientiert und infolgedessen diejenigen zu fördern wären, die von diesem Mittel – egal, in welche Richtung – weit weg liegen.

    Warum wird Sherlock Holmes als sozial inkompetent abgewertet, wenn er seine Leistungen eben nicht kleinredet?

    Ich finde, das ist keine Abwertung. Wie gesagt, in seinem Umfeld, das seine Marotten akzeptiert, könnte ihn man doch durchaus als “sozial kompetent” bezeichnen, das war ja genau die Frage, die ich aufwerfen wollte. Vielleicht hätte ich die Ironie auch etwas klarer herausstellen sollen 😉

  33. @T

    Also, mir sind bisher keine mit IQ-Unterschieden zusammenhängenden Unterschiede von Persönlichkeitsstrukturen aufgefallen.

    Da bist Du auch in guter Gesellschaft, den meisten Forschern auf dem Gebiet nämlich auch nicht 😉 Was die Ausprägung der Persönlichkeitsdimensionen angeht, gibt es allenfalls einen Zusammenhang mit “Offenheit für neue Erfahrungen”.

    ( Wobei “Sozialkompetenzen” sich ja auch immer auf (Fehl-)Interpretationen zur eigenen Person erstreckt.)

    😉

    Worin sollten die denn bestehen? Zu “Sozialkompetenz”: Wenn man genauer hinschaut, stellt sich das als Konglomerat unterschiedlichster Sachen heraus, zum Beispiel sensorischer Sensibilitäten, Reaktionsvermögen, automatischem Berücksichtigen des Innenlebens Anderer.

    Genau. Die lustigen Theory of Mind-Untersuchungen (Systemizing, Empathizing, Reading the Mind in the Eyes …) aus der Gruppe um Simon Baron-Cohen kennst Du vermutlich? (Ich halte die Unterscheidung zwischen kognitiven (z.B. eine verschiedene Anzahl alternativer Verhaltensmöglichkeiten kennen) und affektiven Aspekten (Emotionen in ihrer “Ganzheit” beim Gegenüber zu erfassen, wenngleich sich da natürlich auch wieder die Frage stellt, inwiefern das nicht implizite Informationsverarbeitung und insofern doch wieder kognitiv ist … aber ich schweife ab) auch für ganz sinnvoll.)

    Schliesslich dürfte es, wie z.B. bei Musikalität, Leute geben, die über natürliche Fähigkeiten dafür verfügen und solche, die von einem Äquivalent von “Farbenblindheit” für Menschen geschlagen sind. Und ähnlich wie bei Musikalität oder ästhetischem Urteilsvermögen dürften die Vielzahl frühkindlicher Anregungen eine Rolle spielen.

    Schöne Analogie! Temperamentsunterschiede (das wäre, denke ich, ein Äquivalent für die angeborenen Fähigkeiten) spielen da von Anfang an eine wichtige Rolle, gerade, was frühkindliche Interaktion angeht. Ein gereiztes “Schreikind”, das spuckt und nicht schläft, macht sicherlich andere Erfahrungen mit seinen Bezugspersonen als ein ausgeglichenes Baby; Kleinkinder, die sich hinter ihrer Mama verstecken, bekommen weniger positives Feedback als eher zutrauliche Kinder (ich beobachte so was ja sehr gern im Alltag ;-)). Um so wichtiger, auch die Eltern darin zu unterstützen, trotzdem eine stabile Bindung zu dem Kind aufzubauen, auch wenn es manchmal noch so anstrengend ist …

  34. @TGB – Bekenntnisse eines Hochbegabten

    “Soziale Kompetenz” aka “EQ” ist die Unterwerfung unter das Dogma des Egalitarismus – alle Menschen sind “irgendwie” gleich.
    Sozial Kompetent ist, wer jeden …äh… alternativ Begabten trotzdem nett behandelt und ihm/ihr das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden.

    Warum sollte ein Hochbegabter Menschen mit durchschnittlichen Fähigkeiten ernst nehmen?

    Anders gefragt: Warum sollte ein Hochbegabter die Anerkennung durch Menschen mit durchschnittlichen Fähigkeiten gern sehen?

    Solche Menschen sind für einen Hochbegabten schlicht und ergreifend keine Peers – keine Gleichgestellten. Es ist ihm schlicht egal, ob diese Menschen ihn “nett” finden.
    Ganz im Gegenteil – wenn ein Hochbegabter feststellen muss, dass seine Einschätzung der Situation dem Mainstream entspricht, dann kann er sich ziemlich sicher sein, dass er etwas falsch gemacht hat.
    Frei nach Mark Twains “Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, dann ist es Zeit sich zu besinnen.”

    Sicher ist es für Hochbegabte manchmal sinnvoll tief zu stapeln: Um das Abendprogrammm mit jenem der hübschen Brünette zu synchronisieren. Oder um dem Chef nicht Illusion zu rauben, er könne mit einem mithalten. Aber das ist Schauspielerei zum Zwecke der möglichst reibungsarmen Lebensgestaltung.

    Ein Hochbegabter hat die “Liebenswürdigkeit” Normalbegabter erlebt, er hat schlicht keinen Bedarf an weiteren Beispielen. Also wird er sein Leben so gestalten, dass es zu möglichst wenig Kontakt mit Normalbegabten kommt.

    Jetzt werden Sie sicher fragen, ob ich mich für “etwas besseres” halte?
    Die Antwort ist: Aber sicher. Den ganzen Tag lang und des Nachts mit Beleuchtung.

    Warum? Die Antwort geben zwei einfache Dreisätze:
    170/130 ~= 130/100
    170/100 ~= 100/60

  35. @Norbert J.

    In der Tat muss sich der HB entscheiden, was ihm wichtig ist. Allerdings wünsche ich Ihnen, dass Sie im Laufe der Jahre nicht verbittert werden.

  36. @Norbert J.: Ist Intelligenz alles?

    Jetzt werden Sie sicher fragen, ob ich mich für “etwas besseres” halte?
    Die Antwort ist: Aber sicher. Den ganzen Tag lang und des Nachts mit Beleuchtung.
    Warum? Die Antwort geben zwei einfache Dreisätze:
    170/130 ~= 130/100
    170/100 ~= 100/60

    Ich hoffe doch sehr für Sie, dass Sie noch mehr Eigenschaften als nur Ihre Intelligenz haben, die Sie als Person ausmachen!

    Abgesehen davon, dass wir das Problem des Von-sich-selbst-auf-andere-Schließens ja schon in der Causa Diederichs hatten (nein, es ist nicht so, dass alle Hochbegabten so ticken, wie Sie es beschreiben), ist es doch eine Frage des grundsätzlichen menschlichen Respekts voreinander. Selbst wenn ich mit einem Menschen nicht klarkomme, weil er intellektuell nicht mit mir Schritt halten kann, ändert das doch nicht an seinem Wert als Mensch. In dieser Hinsicht sind nämlich in der Tat alle Menschen gleich, und ich denke, es wäre sinnvoll, das klar auseinanderzuhalten. Respekt voreinander, eventuell sogar ein bisschen Freundlichkeit, macht das Leben doch für alle angenehmer; oder bricht einem dadurch so ein riesiger Zacken aus der Krone? Ich finde es nicht unbedingt clever, andere Menschen dadurch zu brüskieren, dass man ihnen die eigene intellektuelle Überlegenheit permanent aufs Brot schmiert. Hat man das wirklich nötig? Was ist das Ziel eines solchen Verhaltens, was will man denn eigentlich damit erreichen? Und gäbe es nicht andere Wege mit weniger Kollateralschäden? Das wäre doch mal eine Frage, auf deren Lösung man vielleicht auch mal ein paar seiner zahlreichen IQ-Punkte verwenden könnte 😉

    @Christl, ich schließe mich in diesem Sinne Ihren guten Wünschen an 🙂

  37. Us and them

    > Ich hoffe doch sehr für Sie, dass Sie noch mehr Eigenschaften als nur Ihre
    > Intelligenz haben, die Sie als Person ausmachen!

    Nach meinen Erfahrungen ist Intelligenz DIE prägende Eigenschaft.

    > nein, es ist nicht so, dass alle Hochbegabten so ticken, wie Sie es
    > beschreiben

    “Alle” ist eine reichlich undefinierbare Menge. Es kann immer irgendwo einen Hochbegabten geben, der nicht entdeckt wurde. Ich kann nur sagen, dass alle HB, die ich kenne, so ticken.

    > ist es doch eine Frage des grundsätzlichen menschlichen Respekts voreinander.

    Warum sollte ich vor jemandem _grundsätzlich_ Respekt haben nur weil ein Mensch ist? Die Menschheit als solche zeichnet sich nicht gerade durch besonders respektable Eigenschaften aus.

    > Selbst wenn ich mit einem Menschen nicht klarkomme, weil er intellektuell
    > nicht mit mir Schritt halten kann, ändert das doch nicht an seinem Wert als
    > Mensch.

    Kurzsichtiges Denken, dümmlich durchschaubare Lügen, Größenwahn, Aberglaube bis zur Verbohrheit, Gewaltigtätigkeit, etc pp.
    Diese “Werte” habe ich bei Normalbegabten kennengelernt und dem entsprechend ist meine Wertschätzung Normalbegabter. Hochbegabte enthalten schon aus Einsicht und _wohlverstandenem_ Egoismus sehr viel sozialverträglicher.

    > In dieser Hinsicht sind nämlich in der Tat alle Menschen gleich

    Korrekt – für geeignete Werte von “Mensch”.

    > Respekt voreinander, eventuell sogar ein bisschen Freundlichkeit, macht das
    > Leben doch für alle angenehmer

    Es macht das Leben für _euch_ angenehmer.

    > oder bricht einem dadurch so ein riesiger Zacken aus der Krone?

    Ihr grundsätzlicher Fehler ist, aus meinen Äußerung Arroganz herauslesen zu wollen. Versuchen Sie doch stattdessen mal meine Texte als Äußerungen schlichten Desinteresses zu lesen.

    > Ich finde es nicht unbedingt clever, andere Menschen dadurch zu brüskieren,
    > dass man ihnen die eigene intellektuelle Überlegenheit permanent aufs Brot
    > schmiert.

    Wenn man an Kontakt interessiert wäre, dann wäre es sicher nicht clever. Aber so wie die Dinge liegen, ist eine kleine Brüskierung hier und da ein recht effektives Verfahren, andere Menschen auf die korrekte Distanz hinzuweisen.

    > Hat man das wirklich nötig?

    Im Prinzip: Nein. Aber es ist die einfachste und wirksamste Methode den Kontakt auf das notwendige Minimum zu reduzieren.

    > Was ist das Ziel eines solchen Verhaltens, was will man denn eigentlich damit
    > erreichen?

    Den Kontakt auf das notwendige Minimum zu reduzieren.

    > Und gäbe es nicht andere Wege mit weniger Kollateralschäden?

    Sie meinen, ein T-Shirt mit der Aufschrift “Ich gehöre nicht dazu. Ich bin hier nur zu Besuch.” könnte helfen?

    > Das wäre doch mal eine Frage, auf deren Lösung man vielleicht auch mal ein
    > paar seiner zahlreichen IQ-Punkte verwenden könnte 😉

    Warum? ;-|

    > Allerdings wünsche ich Ihnen, dass Sie im Laufe der Jahre nicht verbittert
    > werden.

    Warum sollte ich verbittert sein? Wenn man erst mal akzeptiert, dass ihr eben seid, wie ihr nun mal seid, dann bleibt besagtes Desinteresse; an besonderen Tagen gemischt mit einem Schuss Mitleid.

  38. @Tanja: Fortschritt

    Du sagst:

    “Ich hoffe doch sehr für Sie, dass Sie noch mehr Eigenschaften als nur Ihre Intelligenz haben, die Sie als Person ausmachen!”

    Norbert J. sagt:

    “Nach meinen Erfahrungen ist Intelligenz DIE prägende Eigenschaft.”

    Das zentrale Problem ist nach meinem Verständis, daß Norbert J. behauptet, daß wenigstens alle wichtigen, mentalen Charakteristika mit dem IQ skalieren – was ich sofort unterschreiben würde.

    Du mußt – damit es vorangeht – im Prinzip zeigen, daß das nicht gilt. Das ist also keine moralische oder sonstwie normative Frage, wie du es bisher formulierst, sondern eine fachliche mit folgender Lösung:

    “Gib adäquate Maße für mentale Eigenschaften an, zeige, daß sie unabhängig sind und zeige weiter, daß sie unabhängig von Änderungen in mentalen Fähigkeiten sind.”

    Mit anderen Worten: Du als Psychologin müßtest die Fachfrage beantworten, wie man unterscheidet zwischen mentalen Eigenschaften und mentalen Fähigkeiten. Und das kann doch nur bedeutetn, daß du Beispiele psychischer Eigenschaften angeben mußt, die auf operationale Definitionen verzichten.

    Und wie du das hinbekommen willst, ist mir im Moment schleierhaft.

  39. @Norbert J.

    >> Ich hoffe doch sehr für Sie, dass Sie noch mehr
    >> Eigenschaften als nur Ihre
    >> Intelligenz haben, die Sie als Person ausmachen!

    > Nach meinen Erfahrungen ist Intelligenz DIE prägende Eigenschaft.

    Nach meiner nicht. D’uh. Ich dachte da aber auch mal, es wäre anders.

    > nein, es ist nicht so, dass alle Hochbegabten so ticken, wie Sie es
    > beschreiben

    > “Alle” ist eine reichlich undefinierbare Menge. Es kann
    > immer irgendwo einen Hochbegabten geben, der nicht
    > entdeckt wurde. Ich kann nur sagen, dass alle HB, die ich
    > kenne, so ticken.

    “Alle” impliziert alle Hochbegabten … auch die Unentdeckten. Und ausgeschlossen die Selbstdiagnostizierten, die es tatsächlich nicht sind. Und ich habe arge Zweifel, dass Ihre Stichprobe da in irgendeiner Form repräsentativ ist.

    >> Selbst wenn ich mit einem Menschen nicht klarkomme,
    >> weil er intellektuell
    >> nicht mit mir Schritt halten kann, ändert das doch nicht an
    >>seinem Wert als
    >> Mensch.

    > Kurzsichtiges Denken, dümmlich durchschaubare Lügen,
    > Größenwahn, Aberglaube bis zur Verbohrheit,
    > Gewaltigtätigkeit, etc pp.

    Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Unterstützung füreinander, Liebe. Vielleicht ist das auch eine Frage der Perspektive. Ich wollte mit Ihnen nicht tauschen.

    >> Diese “Werte” habe ich bei Normalbegabten kennengelernt
    >> und dem entsprechend ist meine Wertschätzung
    >> Normalbegabter. Hochbegabte enthalten schon aus
    >> Einsicht und _wohlverstandenem_ Egoismus sehr viel
    >> sozialverträglicher.

    Sorry, aber die von Ihnen genannte Eigenschaften finden sich meiner Erfahrung nach bei Hochbegabten auch nicht weniger. Das ist kein Unterscheidungsmerkmal, auch wenn Sie aufgrund Ihrer nicht repräsentativen Stichprobe noch so sehr darauf beharren 😉

    >> In dieser Hinsicht sind nämlich in der Tat alle Menschen
    >> gleich

    > Korrekt – für geeignete Werte von “Mensch”.

    Wie würden Sie denn einen Menschen definieren?

    >> Respekt voreinander, eventuell sogar ein bisschen
    >> Freundlichkeit, macht das
    >> Leben doch für alle angenehmer

    > Es macht das Leben für _euch_ angenehmer.

    *lol* Ihre Art der Diagnostik finde ich witzig.

    >> oder bricht einem dadurch so ein riesiger Zacken aus der
    >> Krone?

    > Ihr grundsätzlicher Fehler ist, aus meinen Äußerung
    > Arroganz herauslesen zu wollen. Versuchen Sie doch
    > stattdessen mal meine Texte als Äußerungen schlichten
    > Desinteresses zu lesen.

    Ich glaube, ich habe weniger gegen Misanthropen, als die gegen mich 😉

    >> Und gäbe es nicht andere Wege mit weniger
    >> Kollateralschäden?

    > Sie meinen, ein T-Shirt mit der Aufschrift “Ich gehöre nicht
    > dazu. Ich bin hier nur zu Besuch.” könnte helfen?

    *kringel!* Vielleicht gäbe es dafür sogar einen Markt, wer weiß?

    >> Das wäre doch mal eine Frage, auf deren Lösung man
    >> vielleicht auch mal ein
    >> paar seiner zahlreichen IQ-Punkte verwenden könnte 😉

    > Warum? ;-|

    Ich glaube, das ist die grundsätzliche Frage: Impliziert Hochbegabung eine Verantwortung für das Allgemeinwohl? (Klassische Frage schon der frühen Hochbegabtenforschung, btw.) Sie sagen nein, ich hingegen ja; möglicherweise auch deshalb, weil ich seit einiger Zeit sehr positive und bereichernde Erfahrungen mit Normalbegabten gemacht habe und der Gesellschaft auch gerne was zurückgeben will. Wie gesagt, ich glaube, das Problem ist nicht so sehr die Intelligenz, sondern vielmehr die Erfahrung der fehlenden Akzeptanz, für die man wiederum seine Intelligenz verantwortlich macht. Sie machen es sich (wie gesagt, aus meiner Sicht) mit Ihrer Abkapselung recht einfach, indem Sie sich just aus dieser Verantwortung stehlen.

    > Warum sollte ich verbittert sein? Wenn man erst mal
    > akzeptiert, dass ihr eben seid, wie ihr nun mal seid, dann
    > bleibt besagtes Desinteresse; an besonderen Tagen
    > gemischt mit einem Schuss Mitleid.

    Wie gesagt, Ihre Definition von Hochbegabung ist arg idiosynkratisch. Das ist mir schon bei Herrn Diederichs sehr unangenehm aufgefallen: selbstgestrickte und durch keinerlei Forschung haltbare Hochbegabungsdefinition, der zufolge niemand, der auch mit Normalbegabten klarkommt, hochbegabt sein kann. Und das ist so nicht haltbar.

  40. @Elmar: inadäquate Methodik

    Ich glaube, das Problem ist, dass Du versuchst, ein psychologisches Problem mit fachfremden Methoden zu lösen. Die Operationalisierung ist in der Psychologie nun mal eine ganz zentrale Frage; es ist eine andere Herangehensweise als Deine, was aber mitnichten impliziert, dass irgendeine der beiden besser oder schlechter ist. Komplette Nullkorrelationen (ich nehme an, das ist das, was Du mit “skalieren” meinst? Das bedeutet bei den Psychologen nämlich etwas anderes) gibt es bei psychischen Eigenschaften so gut wie nie, wohl jedoch unterschiedlich hohe Korrelationen. (Mal abgesehen von der Frage, welche Eigenschaften denn “wichtig” sind. Das bringt eine Wertung hinein, die der angestrebten Objektivität – welche ja durch eine möglichst große Vielfalt von Operationalisierungen angestrebt wird – völlig entgegenläuft.) Die Psychologie denkt nun mal eher in Kontinua, nicht in distinkten Kategorien (und ich würde so weit gehen zu sagen, dass sie dadurch sogar eine feinere Erfassung zulässt, weil dadurch eben auch Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß möglich werden.). Insofern wäre es eher an Dir zu beweisen, warum Dein Ansatz dem der Psychologie in irgendeiner Form überlegen ist (und wenngleich ich eher in letzterer sozialisiert bin, würde ich mir kein Urteil über den Wert jedes Ansatzes herausnehmen und somit Äpfel und Birnen vergleichen wollen). Vielleicht finden wir ja doch einen Weg, eine gemeinsame Oberkategorie “Obst” zu finden? 😉

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