Jonas’ Sozialkompetenz

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Es ist mal wieder an der Zeit, ein Beispiel aus der Praxis zu liefern. Ein Beispiel dafür, wie interessant und überraschend der Austausch mit einem hoch begabten Kind sein kann. Jonas ist 11 Jahre alt, besucht das Gymnasium und hat – wie er selbst sagt – Schwierigkeiten, sich gegenüber anderen durchzusetzen. Und daran leidet er auch. Es ist in seinem Falle bereits so, dass die alltäglichen „Nickeligkeiten“ über das normale Maß hinaus gehen. Mal wird er bewusst im Pausenspiel ausgeschlossen, mal wird ihm die Kappe geklaut und Schweinchen-in-der-Mitte gespielt. Jonas ist ein zurückhaltender, im Sozialkontakt unsicher wirkender Junge, den seine Eltern als „zu sensibel“ bezeichnen. Er selbst kennt seine Schwierigkeiten, sich anderen gegenüber abzugrenzen, seine Meinung mitzuteilen und insbesondere diese auch durchzusetzen. Jonas kann schlecht nein sagen, neigt dazu, sich ausnutzen zu lassen, und wird nur dann eingeladen, wenn sonst eben keiner kann – so die Ausführungen seiner Eltern.

Jonas ist hoch begabt, liebt Fußball, baut gern mit Lego und zeichnet extrem gut. Keine sonstigen Besonderheiten – träfen Sie ihn, so würde er höchstwahrscheinlich als normaler Junge eingestuft. Aber Jonas hat da ein Problem. Und Jonas will etwas daran ändern, denn er erlebt sich als minderwertig, als schwach, als nicht zugehörig. Er will seine Bedürfnisse äußern, er will sich durchsetzen können, er will dazugehören. Mit dieser Klarheit haben sich Jonas und seine Eltern auf den Weg gemacht und nach geeigneten Maßnahmen gesucht. Nach Abklärung diverser Fragestellungen, zu denen das Vorliegen einer grundsätzlichen sozialen Ängstlichkeit über eine soziale Phobie bis hin zu einem Asperger-Syndrom gehörten, lautete der erste Erklärungsansatz, dass Jonas’ Sozialkompetenz defizitär sei.

In einer Beratungsstelle für Hochbegabung wurde ausgeführt, dass Jonas über mangelhafte Strategien in der Sozialkompetenz verfüge und demzufolge ein Soziales-Kompetenz-Training anzuwenden sei. Grundannahme dieses Vorgehen lautet, Strategien zu entwickeln und zu festigen, um Situationen besser zu bewältigen. Auch ist einzubeziehen, dass insbesondere im Kindes- und Jugendalter alle Strategien (maladaptive wie adaptive) zur Bewältigung kritischer Situationen dem Kind innewohnen und sozusagen aktiviert und gefestigt werden müssen.

Jonas besuchte dann ein Training, um soziale Kompetenzen weiter zu entwickeln und zu festigen. Er selbst berichtet dort von einer Situation, in welcher ihm die Kappe von einem Mitschüler entwendet wurde. „Ich habe erst ‘Gib die wieder her“ gesagt, dann bin ich hinterher gelaufen.“, beginnt er seine Ausführungen. Aus dieser Episode wurde eine Video-Sequenz im Training gedreht, die mit anderen in der Gruppe durchgespielt wurde. Jonas hat dieses Video mitgebracht und zeigt mir die Passage, in der er er versucht, sein Recht, die Kappe zurückzuerhalten, durchzusetzen. Er sagt zunächst: “Ich will meine Kappe wiederhaben”, dann geht es zu „Jetzt aber her damit“ über. Jonas steigert dann die Lautstärke sukzessive, droht an, den Lehrer zu holen, bis die Kappe endlich nicht mehr gefangen wird und er sie greifen kann. In der Nachbesprechung erhält Jonas diverse Hinweise zur erforderlichen Körperspannung, Prosodie und Lautstärke, Blickkontakt, Mimik und Gestik, um die Techniken zu verbessern. Dann wird die Szene nochmals gespielt. Gut soweit.

Etwa ein halbes Jahr später erscheint Jonas zum Erstgespräch, denn sein Problem hat sich nicht gelöst – das sagt er glasklar und eindeutig. Er schreie jetzt lauter und sei schneller beim Lehrer, wenn die Kappe nicht zügig zurückfliegt. Das Kappe-Problem sei somit minimiert, ergänzt er im Gespräch. Er leidet nach wie vor daran, denn Zugehörigkeit erlebt er nicht. Er fühlt sich weiterhin schlecht, erlebt sich als unzulänglich und schwach.

Warum eigentlich?

Götz Müller

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

21 Kommentare

  1. Jonas’ Sozialkompetenz

    „Hochbegabung“:
    Die Erwachsenen bezeichnen mich als hochbegabt. Sie sagen ich sei etwas Besonderes, intelligenter als die anderen. Was bedeutet das überhaupt? Wie wollen sie das wissen? Dank ihrer Rätsel die viel zu einfach gemacht waren? Die hätte doch jeder so lösen können. Ich fühle mich nicht speziell. Wenn ich mich im Spiegel ansehe sehe ich aus wie die anderen Menschen auch.

    „Sensibel“:
    Was bedeutet dieses Wort? Natürlich kann ich es gemäss Wikipedia definieren. Wieso blicken sie mich so komisch an wenn sie mir das sagen? Wie einen Hund mit drei Beinen? Habe ich etwas falsch gemacht?

    „Medizinische Abklärung“:
    Zum Arzt? Schon wieder? Noch mehr Tests und noch mehr Leute, die mich über mein Innerstes ausfragen? Was geht die das überhaupt an? Ich soll mich ihnen öffnen? Ich kenn die doch gar nicht. Zum Psychologen müssen doch nur Geistesgestörte. Und wieso sagen mir alle, dass der mir helfen soll, er sieht doch nicht in mich hinein und er lebt mein Leben auch nicht für mich. In der Schule muss niemand so oft zum Arzt wie ich. Vielleicht stimmt doch etwas nicht. Ich bin nicht normal. Ich bin krank.

    Er ist 11! Wie soll er all diese Fachwörter und Tests denn einstufen? Meiner Meinung nach entsteht seine Unsicherheit erst daraus, dass er feststellt, dass etwas mit ihm nicht stimmen kann, weil er öfter zum Arzt und zu Psychologen muss als andere Kinder. Seit längerer Zeit wird ihm gesagt, dass er speziell sei und anders, intelligenter. Mit 11 Jahren kann man das Konzept von Intelligenz nicht erfassen und es und sich selbst nicht in Relation zum Rest der Welt setzen.

    Bestimmt hat man versucht, ihm das alles pädagogisch wertvoll zu vermitteln. Da er intelligent ist wird er die Kommunikation gespiegelt haben um von den Erwachsenen und Professionellen akzeptiert zu werden. Was wiederum dazu verleitet, ihn nicht mehr als Kind wahrzunehmen und ihn, auch aufgrund dessen, weil er ja hochbegabt ist, als Erwachsenen zu behandeln und entsprechend mit ihm zu kommunizieren.

    Hilft das seinem Selbstwertgefühl? Wenn man eingeprägt bekommt, dass man anders ist, ist einer Entwicklungsphase, wo gleich sein und dazu gehören das oberste Ziel ist? Hilft ihm ein Wortschatz, der weit über das normale Niveau in seiner Peergroup hinausgeht, sich mit ihnen zu unterhalten? Ich kann mir vorstellen, dass er seinen Mitschülern altklug erscheint und dass sie von ihm denken, dass er sich für etwas Besseres halte. Damit greift er, ohne es zu wollen und ohne etwas dafür zu können seine Peers an. Um diesen „Missstand“ zu korrigieren und ihm seinen Platz im sozialen Gefüge zu zeigen, wird ihm die Kappe weggenommen und mit ihm umgegangen wie beschrieben. (Ganz zu schweigen davon, dass andere Menschen unsere Unsicherheit und Angst durch Nonverbale Kommunikation sehr ausgeprägt unterbewusst wahrnehmen (Geruchssinn, Mimik, Haltung, Gestik, Platzierung im Raum, Rhetorik).

    Dies wiederum bereitet seinen Eltern Sorge, woraufhin sie ihn erneut zum Psychologen schleppen und er ein „soziales Training“ absolvieren muss. Was kein „normaler“ Mensch je machen muss. Das kann seinem Selbstwertgefühl und seinem Gefühl dafür, zu sein wie die anderen doch nicht zuträglich sein.

    Nach meiner persönlichen Erfahrung braucht ein Kind, gerade wenn es intelligent ist, nicht jemanden, der es kontinuierlich in Frage stellt und für Abnormal erklärt. Sondern er braucht Familie, die ihn so akzeptiert wie er ist und Vertrauen hat, dass er seinen Weg schon machen wird, gerade weil er intelligent ist.

    Erwachsene wollen immer das Beste für ihr Kind. Da wird gefördert und abgeklärt bis zum geht nicht mehr. Die eigentliche Frage ist doch, was ist das Beste? Ist es nicht, dass Jonas glücklich ist mit dem, was er aus seinem Leben macht? Und wenn er nun im Aldi an der Kasse seinen Lebenssinn findet, das ist doch kein Weltuntergang solange es ihn erfüllt.

    Warum eigentlich? Weil ihm die Erwachsenen in seinem Umfeld nicht zutrauen, sein Leben alleine zu meistern und sich ohne Hilfe normal zu entwickeln [sehr subjektiv und harsch formuliert].

    Jennifer Hughes

  2. Sozialkompetenz

    In den Jahren 1952 (ich war damals 6 Jahre alt) bis 1961 (ich war damals 15 Jahre alt) wurde auch ich von einem Teil meiner Mitschüler (rund 10 Prozent) physisch misshandelt.

    Das lag nicht an meiner irgendwie anders gearteten Sozialkompetenz, sondern daran, dass ich keine Lust dazu hatte, genau so primitiv zurück zu schlagen.

    Allerdings gab es damals noch keine Handys mit Video-Aufzeichnungen.

  3. mir geht es ähnlich – bekomme ich Hilfe?

    Mir ging es als Kind und Jugendliche genauso. Und selbst heute, mit Ende 40, hat es sich nicht wesentlich gebessert?

    Wo finde ich Psychologen, die sich mit dieser Thematik auskennen?
    Ich habe schon viel gesucht und versucht, leider ohne Erfolg.

  4. Sozialkompetenz, Teil zwei

    Warum befasst sich eigentlich niemand mit der offensichtlich fehlenden Sozialkompetenz von Minderbegabten, die andere Mitschüler physisch tyrannisieren?

  5. Warum eigentlich?

    Warum eigentlich beschaeftigt sich keiner der Lehrer mit den Mitschuelern, die
    ihn haenseln? Wie steht es denn mit der Sozialkompetenz der Lehrer und Mitschueler?

  6. Hochbegabte zusammenfassen

    Vor einigen Jahren habe ich hochbegabte Kinder im Rahmen einer Kooperation mit unterrichtet, es war eine Freude. Auch hier kann man Unterschiede im positiven Sinn erkennen.
    Aus früherer Praxis weiß ich auch, dass Streber von den physisch Starken gemobbt werden. Das Fernsehen bringt auch immer wieder aktuelle Beiträge.

  7. Und die anderen?

    Es ist leicht in der Gruppe einen vermeintlich schwächeren fertig zu machen. Wahrscheinlich sind die anderen Kinder neidisch auf seine schnelle Auffassungsgabe und vielleicht ist er auch ein wenig anders. Deswegen darf man einen Mitschüler nicht einfach fertig machen!! Wir müssen lernen uns gegenseitig so zu akzeptieren wie wir sind, eben alle ein wenig anders. Um Probleme dieser Welt zu lösen brauchen wir jeden einzelnen!

  8. Warum eigentlich?

    Kommt mir bekannt vor – ich vermute, Jonas ist schwul und weiss es noch nicht. Homosexualität dürfte auch heute noch eine der häufigsten Ursachen für Ausgrenzung sein. Gerade Kinder und Jugendliche haben ein sehr feines Gespür für Unterschiede.

  9. Nicht alle

    Nicht allen jungen Menschen, die misshandelt werden, fehlt die Sozialkompetenz.

    Nicht alle jungen Menschen, die misshandelt werden, sind Homosexuell.

    Einige junge Menschen, die misshandelt werden, sind bloss friedlich und kultiviert.

    Ich weiss das aus meinen eigenen Erfahrungen.

  10. 2 Seiten

    Hochbegabte sind ebenso in der Lage andere zu drangsalieren wie das normal oder minderbegabte sind.
    Hochbegabung und sozial friedliches Verhalten können gemeinsam auftreten, müssen das aber nicht.
    Da viele Hochbegabte auch weder in Schule noch sozialem Umfeld ein Problem haben, kann es durchaus sein, dass soziale Probleme aus falsch verstandener Sozialkompetenz herrühren, denn aus Hochbegabung.

  11. so können sie nicht leben…!?

    “Jonas ist 11 Jahre alt, besucht das Gymnasium und hat – wie er selbst sagt – Schwierigkeiten, sich gegenüber anderen durchzusetzen.”

    -> Es ist manchmal eben die Medailie mit den zwei Seiten. Wenn er sich würde regelmässig erfolgreich durchsetzen können, würde er möglicherweise nicht mit einer besonderen Gabe (ausser der Sozialkompetenz) gesegnet sein. Der Mangel an Durchsetzungsfähigkeit wird normalerweise damit kompensiert, dass er mehr über die Abläufe und den Sachverhalt nachdenkt – was zu einer tieferen und intensiveren Auseinandersetzung mit den Themen führt, die … regelmässig wieder angewandt als eine Übungssituation gelten können, die ihm dadurch eine besondere inhaltliche Übersicht einbringen kann.

    Wer sich nicht rechtfertigen muß, weil er in der Gruppe ungeteilte Anerkennung hat, entwickelt eine geringere sachliche Bandbreite.

    “Jonas ist hoch begabt, liebt Fußball, …”

    -> Äh, …? Passt das denn überhaupt zusammen? 😉 (Vielleicht interessiert er sich nur für Fußball, weil damit eine gewisse Gruppenzugehörigkeit in Aussicht gestellt ist/wird!?)

    “Er fühlt sich weiterhin schlecht, erlebt sich als unzulänglich und schwach. Warum eigentlich?”

    -> Wissen macht Schwach, klein und unwichtig. Das Wissen um kausale Zusammenhänge reduziert die eigene Existenz. Die naive und von besonderem Wissen ungetrübte Existenz tut sich da leichter – denn die eigene Welt und das Selbstbild ist von all den vielen kausalen Bedingungen ungetrübt. Diese reduzierte “Selbsterkenntnis” macht es einfacher zu leben. Entscheidungen zu treffen sind leichter – Ansichten zu haben auch, weil durch weniger Details in ihrer subjektiven Wahrheit beschränkt.

    Aus dieser Sicht des Wissens um die großen kausalen Zusammenhänge lässt sich auch kaum mit den seichten Gemütern Kommunizieren. Es scheint zuweilen so, dass beide nicht die gleiche Sprache sprechen… nicht das selbe Bild von Wirklichkeit zur Aussage im Bewusstsein entwickeln. Argumentationen finden keinen Aufhänger in seichter Komunikation und werden seitens der naiven Weltsicht als unwirklich betrachtet, weshalb es also zu keiner vollwertigen Kommunikation kommt.

    Wissen desillosioniert – und also so können sie nicht leben unter den einfachen Menschen.

    @Karl Bednarik Sozialkompetenz, Teil zwei 07.07.2012, 16:20 Warum befasst sich eigentlich niemand mit der offensichtlich fehlenden Sozialkompetenz von Minderbegabten, die andere Mitschüler physisch tyrannisieren?

    -> Tyrannisieren ist auch Sozialkompetenz – auch, wenn das hier niemand so gerne wahrhaben will. Und offensichtlich wollte man es Jonas wenigstenz zu einem Teil beibringen, was aber wohl nicht so recht funktionierte.

  12. @Karl Bednarik Hallo chris,
    12.07.2012, 08:21

    wenn das Tyrannisieren wirklich auch Sozialkompetenz wäre,

    müsste dann nicht der Waffengebrauch die Sozialkompetenz noch weiter erhöhen?

    -> Wenn man so will, war die “Erfindung” des kalten Krieges und seiner weltweiten atomaren Bedrohung einer der effektivsten Methoden der vielen Möglichkeiten innerhalb dessen, was man Sozialkompetenz nennen kann.

    In diesem Sinne sei jede Methode zum kontrollierenden Umgang mit Menschen eine sogenannte Sozialkompetenz … und erhöht diese quasi quantitätiv. Von ästhetischer Bewertung oder pädagogischer Sinnhaftigkeit habe ich jedoch nichts niedergeschrieben.

  13. Viel früher

    Warum muss Jonas eigentlich zu Menschen gehören wollen, die ihn offensichtlich ablehnen? Wie es beschrieben ist, ist er eigentlich im Umgang mit seinen Mitschülern permanent in der Defensive, was für sein Ego und dessen Entwicklung nicht wirklich toll ist. Vielleicht ist er in der Defensive, weil er nicht gemein sein mag wie sie. Das macht ihn zum Opfer, insbesondere in der Kombination mit “gut in der Schule”.
    Er ist anscheinend anders als die anderen, aber das ist doch auch voll in Ordnung.

    Warum erklärt dem Jungen keiner, dass die Kinder, deren Anerkennung er sucht, das gar nicht wert sind und er besser daran täte, sich Menschen zu suchen, die ihn lieben und schätzen wie er ist…es ist nicht wichtig, von allen “gemocht” zu werden, egal um welchen Preis. Letzten Endes ist es doch besser, wenige Menschen und Freunde zu haben, auf die man sich dann aber wirklich verlassen kann.

    Gerade in der (Vor-)Pubertät ist der Herdentrieb besonders ausgeprägt, aber Jonas hat die intellektuellen Voraussetzungen, damit umzugehen.
    Warum sagt er nicht einfach “Friss die Kappe quer”, dreht sich um und geht. Das Spiel der anderen funktioniert nur, wenn er sich darauf einlässt.

    Bin früher (und heute noch, im Bereich der Arbeit wird zu gerne gemobbt) in der Schule in der gleichen Alterklasse auch dauernd ausgeschlossen worden, hab’ dann aber die Mitschüler bis auf wenige Ausnahmen “abgeschrieben” und das “Anders sein” kultiviert – damit hatte ich meine Ruhe und in meiner Freizeit habe ich Menschen um mich herum gehabt, die mich akzeptieren wollten.

    Ein gutes Beispiel für den Typ der Persönlichkeit, wie sie für Jonas beschrieben ist, ist Luna Lovegood in Harry Potter. Und, wer ist cool, wer ist mit Harry befreundet und hat eine Hauptrolle in den Filmen?
    (Und ansonsten gibt’s da immer noch das Märchen vom Hässlichen Entlein…)

  14. Was ist wenn der Junge die falsche Frage stellt? Zugehörigkeit und geliebt werden wie man ist, ist wichtig. Aber ich bezweifle, dass er das von einer Gruppe erhalten kann die ihn drangsaliert. Wieso will er den dazu gehören? Nur um nicht mehr seiner Kappe nach zu jagen? Ich finde, da das Sozialkompetenztraining wenig hilfreich. Das mag vielleicht bei Erwachsenen zur Streitschlichtung hilfreich sein aber nicht um die Akzeptanz einer Gruppe zu erlangen. Auch wenn ich genug Sozialkompetenz besitzen würde um in eine reine Frauensauna rein zu kommen, würde ich mich dort drinnen immer falsch und nicht zugehörig fühlen. Man sollte ihm lieber eine Gruppe suchen bei denen er diese Zugehörigkeit erleben kann, zu denen er passt. Das sind dann zwar vielleicht nicht die Beschäftigungen die Kinder seines Alters machen aber so ist das wohl. Ein Ort wo er so seinen kann wie er ist und dafür akzeptiert und respektiert wird. Wo er seine Fähigkeiten ausleben kann und geschätzt wird. Unabhängig davon was oder wie er es macht. Auch wenn es den anderen 90% oder mehr der Gesellschaft als beknackt, schräg oder merkwürdig erscheint.

    Ich denke auch, dass man ihm Mittel und Methoden an die Hand geben sollte, wie er damit umgehen kann, dass die anderen nicht so sind wie er.

    Ich schließe mich auch einem vorherigen Kommentar an, man sollte eher den anderen mal etwas mehr Sozialkompetenz beibringen.

    Er kann sich natürlich auch “verbiegen” und versuchen irgendwo Anschluss zu finden aber das hat wohl auch einen gewissen Preis, wenn man immer einige seiner Eigenschaften in gesellschaftlichen Situationen kontrollieren oder unterdrücken muss. Man nennt das wohl sich eine Maske erschaffen, da hilft bestimmt ein wenig Schauspielunterricht. Aber damit kann man kein Gefühl von Zugehörigkeit erfahren, sondern nur das man die Welt halt anders sieht und so wie man eigentlich ist, nicht erwünscht ist.

    Ich sehe es auch wie im Kommentar davor, man könnte mit ihm ja ein paar “coole” Sprüche und Handlungsweisen trainieren um die Aggressoren den Spaß an der Sache zu nehmen. Ich glaube, dass ist so etwas womit man die Erwartungshaltung des Gegenübers bricht. Der ist dann so überrascht, dass er damit nicht umzugehen weiß und man selbst die Initiative hat. Man kann die Jungen sich doch einfach die Kappe zu werfen lassen und selbst an den Rand gehen und fragen, ob denen eigentlich klar ist, wie blöd die dabei aussehen. Oder man bringt sein eigenes Pausenspiel mit. Zum Beispiel könnte man einen Footbag / Hacky-Sack holen und spielt damit in den Pausen. Das kann man alleine spielen, ohne das es merkwürdig aussieht und man kann auch demonstrieren was man alles kann. Es kann natürlich sein, dass man vorher Zuhause etwas üben muss. Da ich annehme, dass das gerade nicht mehr “in” ist, kann man sich bestimmt auch andere Spiele/Pausenbeschäftigungen suchen die etwas Bewunderung und Anerkennung bei anderen finden, falls man das wirklich will.

  15. toller Rat…

    .. das er es doch nicht nötig hat oder als Vorteilhaft ansehen soll, sich mit “Rabauken” und a-sozialen Individuen abzugeben.
    Ihr vergesst, dass er laut Beschreibung auch an autistischen Merkmalen leidet. Das müsste eigendlich euer Bild von dem Jungen grundlegend verändern. Ausserdem geht es nicht einzig um die Kinder, die ihn henseln und ärgern und aktiv ausschliessen. Schon seine eigene Sozialkompetenz ist entsprechend den autistischen Merkmalen wahrscheinlich derart reduziert vorhanden, dass er auch mit anderen Kindern nicht erfolgreich in Kontakt treten kann.

  16. Räusper

    Jonas ist auf autistische Merkmale untersucht worden, genau wie auf Asperger – die Diagnose war defizitäre Sozialkompetenz und Überempfindlichkeit, nicht Asperger und er wird als “normal wirkender Junge” beschrieben.

    Er zeigt ein völlig typisches Verhaltensprofil (Hypersensibilät etc) eines hochbegabten Kindes, das er nun einmal ist.

    In einer Gruppe integriert würde er wahrscheinlich feststellen, dass es ihn nicht “glücklicher” macht, nur dadurch, dass es ihm unerreichbar scheint, ist es für ihn wichtig.
    Die Gruppen haben doch auch eine interne Hackordnung, wenn man dazu gehören will, muss man mitmachen und das möchte für ihn doch letzten Endes keiner, wahrscheinlich nicht mal er selbst.

    Gerade zur Zeit strotzen Literatur und Kino von Kindern/Jugendlichen, die anders sind und deswegen anecken: Drachen zähmen leicht gemacht, die Unglaublichen (da sieht man sogar, dass es dem Papa alles andere als leicht fällt, so zu tun als sei er normal),Ratatouille, der geheime Garten. Und in allen Filmen ist dieses “Anders sein” letzten Endes für alle von Vorteil. Eine funktionierende, kindergerechte Gruppendynamik sieht man beim “Kleinen Nicolas”.

    Sein Problem ist, dass die Erwachsenen, bei denen er Hilfe sucht, es auch als “Problem” ansehen, dass er mit Normalos nicht klar kommt, anstatt ihm zu zeigen, dass er nicht der einzige ist und das, was ihm geschieht, relativ normal und ihm das Selbstvertrauen zu vermitteln, das er braucht. Jeder kennt doch die “Muschis” die zum Lehrer gelaufen sind – das hilft nicht wirklich. Mich würde durchaus interessieren, wie die Eltern mit seiner Hochbegabung umgehen, welche Einstellung sie dazu haben.

    Als Vertretungslehrerin habe ich das ein oder andere hochbegabte Kind unterrichtet, und die, die keine Schwierigkeiten hatten waren die mit dem ausgeprägten Selbstbewusstsein, die stolz genug auf ihre Leistungen waren, sich nicht ankratzen zu lassen. Die hatten dann sogar die Akzeptanz der Krawallbrüder.

    Die Psychologin Siaud-Facchin beschreibt die hochbegabten Kinder, um von diesem zwiespältigen Begriff der Hochbegabung wegzukommen, als Zebras: Isoliert total auffällig, aber optimal gegen TseTse-Fliegen geschützt und auch gegen Löwen gerade wegen ihres Streifenmusters, sobald sie zu mehreren sind.

    Hin und wieder gibt es Freizeiten für Zebras. Da können die Kinder ungestört sein, wie sie nun mal sind. Und vielleicht gibt es an seiner Schule andere “isolierte” Kinder, mit denen er sich anfreunden kann.

    Noch ein letztes, freies übersetztes Zitat aus dem Gedächtnis von J. S.-F. (sorry für die Schleichwerbung, aber ihre Bücher haben mir wirklich geholfen): Das Leben in unserer Gesellschaft ist optimal ausgerichtet für einen IQ zwischen 90 und 110. Je weiter man sich von diesen Werten entfernt, desto komplizierter wird es. Wo es für jeden offensichtlich ist, dass jemand mit einem IQ von 70 Anpassungsschwierigkeiten hat, will man es den “Hochbegabten” nicht zugestehen, da dieses eben ein “besser als alle Anderen” beinhaltet.

  17. Warum muss er das?

    Hallo,

    wurde mal gefragt, ob man das Umfeld des Jungen ändern könnte? Augenscheinlich liegen die Defizite doch bei den anderen Kindern? Wie soll sich ein Kind nur gegen stetiges Mobbing wehren können? Damit sind Erwachsene überfordert.

    Der Junge gehört in eine Gruppe von Kindern, die vernünftig miteinander umgehen. Lehrer sollten denke ich an deutschen Schulen größeres Augenmerk darauf haben, wie die Kinder miteinander umgehen und einem Fehlverhalten Konsequenzen folgen lassen. So werden hochbegabte Kinder, die vom Kopf her eigentlich mehr als einschulungsreif sind, nicht rechtzeitig eingeschult, weil ihr Sozialverhalten noch nicht in Ordnung ist. Sie können sich noch nicht so gut gegen Stärkere durchsetzen.

    Warum bemüht man sich an allen Stellen generell nicht einfach mal darum, dass Kinder vernünftiger miteinander umgehen, sozial kompetenter erzogen werden? Wer einmal über einen Pausenhof geht, dem sträuben sich die Haare. Warum lassen wir so einen Umgang zu?

    In anderen Ländern soll das durchaus besser gehen.

  18. “Integration”

    Dieses Wort wird bei uns zur Zeit grossgeschrieben, aber was wir Lehrkräfte damit alles auf uns nehmen müssen und welche Sozialkompetenz dabei von uns verlangt wird, das stellt sich keiner vor. Ich unterrichtete vergangenes Schuljahr eine dreistufige Klasse 4.-6. Schuljahr mit 22 Kindern, davon ein “erklärter” Hochbegabter, der Jüngste, der ein Jahr übersprungen hatte, dazu mindestens ein Mädchen, dessen Begabungsstatus ich noch abklären will, dazu ein Asperger und ein Mädchen mit undefinierbaren familiären oder intellektuellen Schwierigkeiten, das mior und der Klasse ganz schön zu schaffen machte.Von all den andern “Normalos” mal abgesehen. Mobbing kam vor, ja. Aber es ist mir unmöglich zu definieren, welche Ursachen da mitspielten. Der Hochbegabte Kleine jedenfalls war davon nicht betroffen. Auch der Asperger spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Dass er so ist wie er ist, damit hatten sich die Kinder irgendwann mal abgefunden und lernten einfach ihm aus dem Weg zu gehen oder seine Reaktionen zu deuten. Die viel grösseren Probleme entstanden aus diversen Eifersüchteleien unter Mädchen, Sticheleien von Jungs im Rahmen ihrer Abgrenzungshaltung vom andern Geschlecht, der Unfähigkeit der Sechsteler, die “kindischen” Vierteler mit ihren geringeren Fähigkeiten und noch nicht pubertären Interessen anzuerkennen etc. Sozialverhalten ist ein alltägliches Thema in der Schule und es hat vielfältige Ursachen. Dafür wende ich Jahr für Jahr Stunden auf mit Klassenratsdiskussionen, Elterngesprächen, Konsequenz- und Belohnungssystemen und ganz einfach immer wieder Gesprächen mit den betroffenen Kindern auf beiden Seiten sowie der ganzen Klasse, die nicht zusehen darf, sondern aktiv zu friedensstiftendem Verhalten beitragen kann und soll. Das Schlimmste in solchen Prozessen finde ich immer wieder, wenn Eltern von “wohlerzogenen” Kindern sich darüber aufregen, dass ihre Sprösslinge jetzt da auch noch mithelfen sollen, den Kindern der “unfähigen” Eltern Benimm beizubringen. Ja wer denn, wenn nicht sie??? Was können denn die Kinder für ihre Eltern?
    Was ich sagen will: Mobbing kommt vor. Immer wieder und auf jeder Entwicklungs- und Intelligenzstufe. Bei Kindern und Erwachsenen. Die “Einfacheren” schlagen drein oder klauen Mützen, die “Schlaueren” lassen sich nicht erwischen oder stacheln andere an. Der kleine Hochbegabte zum Beispiel hat’s ganz schön drauf. Zum Glück sind seine Eltern offen für “Normalität” und reden mit ihm auch über den Umgang mit andern. Und dieser Umgang mit andern, mit Andersartigen, muss geübt werden, immer wieder – und zwar mit allen! Irgendjemandem die Schuld zuzuschieben gilt nicht!
    Ach ja: Wie wäre es, wenn mal jemand Jonas fragen würde, wann es gut geht, wo es klappt mit den andern, welche Situationen er als friedlich und wohltuend erlebt, und man dann anfangen würde, ganz nach Steven de Shazer mehr von dem zu machen, was funktioniert?

  19. Hm…

    Warum fühlt sich Jonas nach wie vor ausgegrenzt, obwohl seine Kappe ihm seltener weggenommen wird? Vielleicht weil der Rat, bei Henseleien zum Lehrer zu gehen, der Akzeptanz in der Klasse nicht unbedingt zuträglich ist?

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