Hochbegabung – Entwicklung und Merkmale

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Intelligenz, Sonntagskinder und Schulversager
Hochbegabung

Was ist eine Hochbegabung? Oft bezeichnen wir jemanden, der etwas gut macht, als begabt oder gar als hoch begabt. In diesem Fall nehmen wir eine Gleichsetzung von Leistung – eben dem, was er gut macht – und Begabung – dem, was ihn dazu befähigt – vor, die problematisch ist. Was aber steckt hinter dem Wort Begabung?

In der Etymologie dieses Wortes liegen Begriffe wie ‚ausstatten, beschenken‘, die ursprünglich auf konkrete Situationen wie die einer Hochzeit bezogen waren. Begabung wird als eine ‚Schenkung‘ verstanden, im Zusammenhang mit Talent als ‚etwas, was man mitbekommen hat‘. Diese Entlehnung stammt aus den biblischen Übersetzungen des Gleichnisses von den anvertrauten Talenten (auch: Zentnern oder Pfunden), das eine Gabe Gottes an den Menschen thematisiert.

Allgemein wird unter Begabung die Gesamtheit der angeborenen Fähigkeiten verstanden, die einer Person ermöglichen, Leistungen in einem bestimmten Bereiche zu erbringen. Intelligenz wird häufig und umstrittenerweise mit Begabung identifiziert. Denn es liegt nahe, den Begriff der Begabung umfassender zu sehen. Zwei Positionen kennzeichnen die Begabungsforschung: die endogenistische oder statische sowie die dynamische Auffassung von Begabung.

Die statische Definition der Begabung basiert auf der psychophysischen Konstitution des Menschen und sieht Begabung als etwas, das in seinem Ausmaß veranlagt ist. Begabung ist somit etwas durch und durch Angeborenes. Ähnlich wie die Farbe der Augen hat man sie von Geburt an und behält sie sein ganzes Leben lang. Sie ist im wesentlichen unveränderbar und von Umwelteinflüssen unbeeinflussbar. In der Psychologie spricht man von einer angeborenen Begabungsdisposition, aus deren Perspektive der englische Psychologe Burt vor Jahrzehnten einen Vergleich zog: „(…) und wenn ein Kind mit einem geringen Maß an vererbten Fähigkeiten geboren wurde, wäre es genauso unsinnig, wenn der Lehrer versuchte, ihm die volle Menge an Wissen und Können einzuflößen wie zwölf Unzen einer Medizin in eine Flasche von acht Unzen zu füllen.“ In diesem Sinne lässt es sich auch anders ausdrücken: Wir haben es, oder wir haben es nicht.

Dem statischen steht der dynamische Begabungsbegriff gegenüber, der ausgehend von einer angeborenen Veranlagung die Plastizität derselben einbezieht. Begabung kann sich durch die Umwelteinflüsse entfalten und ist zu verstehen als Ergebnis von Lernprozessen. Begabung ist somit veränderbar. Eine extrem dynamische Position, dass bestimmte Umwelteinflüsse beispielsweise aus normal begabten Kindern hoch begabte machten, wird von WINNER als mythisch dargestellt, denn diese Auffassung ignoriere, dass die Biologie einen wesentlichen Anteil daran hat, ob die Umwelt etwas Formbares vorfinde. Die heutige Begabungsforschung versucht, beide Positionen zu vereinbaren, denn „Begabung ist (…) nicht einfach eine Eigenschaft von Individuen, sondern stets auch das Resultat der Interaktion zwischen dem Individuum und dem soziokulturellen Kontext, in dem es lebt.“ (WALDMANN & WEINERT, 1990). Es scheint so zu sein, dass Begabung in ständiger Interaktion mit der Umwelt zu verstehen ist. Letztlich stellen sich andere Probleme, die auf die Komplexität einer gezeigten Leistung – der Repräsentation einer Begabung – zurückzuführen sind. Ohne Zweifel ist, dass ein Individuum mit Fähigkeiten ausgestattet – sozusagen begabt – ist, wobei das Resultat der Begabung – z.B. gut mit einem Fußball umgehen zu können – von uns als Indikator für Begabung angesehen wird. Wir sprechen dann von fußballerischer Begabung, vernachlässigen jedoch, dass viele Trainingsstunden in die gezeigte «Begabungsleistung» eingeflossen sind. Fraglich sind die Verhältnisse, in denen tatsächliche Begabung und Umwelt zusammenwirken können und das Produkt Leistung ermöglichen. Kann die Umwelt einen so starken Einfluss ausüben, dass ein grobmotorisch veranlagter Mensch jemals Fußball spielen kann wie Mario Götze?

Bereits in den 70er-Jahren formulierte KLAUER nachdenklich, dass die Debatte um Statik oder Dynamik, um Erbe oder Umwelt hinfällig wird und vielmehr interessieren sollte, „die Frage des Wie zu untersuchen (…), denn erst aus der Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten könne man Voraussagen ableiten, die den Pädagogen interessieren.“

Dies aber beantwortet nicht die Frage, was nun unter einer Hochbegabung zu verstehen ist. Hierüber gehen die Meinungen auch weit auseinander. Eine brisanter Punkt ist bspw. die soziale Kompetenz, die den Hochbegabten fehlen soll.

Wissenschaftlich wird das Bild klar und eng umrissen. Merkmale und Anzeichen, die nahe der Intelligenz liegen, werden da genannt: Merk- und Erinnerungsfähigkeit, rasche Auffassungsgabe, logisch-schlussfolgerndes Denken, hohe sprachliche Fähigkeiten, auch differenziertes Zeichnen und Malen, frühe und intensive Beschäftigung mit Buchstaben und Zahlen. Doch besonders für nach Orientierung suchende Eltern ist hier Klarheit zu fordern: Hochbegabung ist erkennbar – und mittels Diagnostik dann auch feststellbar – bei Kindern, die sich hinsichtlich ihrer kognitiven Fähigkeiten von gleichaltrigen Kindern positiv unterscheiden.

Den emotionalen Problemen mancher Hochbegabter, den Entwicklungsphasen wie auch den natürlichen Differenzen zwischen Begabung und (schulischer) Leistung folgend, weist eine Vielzahl an Literatur auch auf nicht-kognitive Aspekte hin. So wird manches Mal ein schneller Entwicklungsverlauf genannt (so kann bspw. das Krabbeln als Phase übersprungen worden sein), auch tauchen die Begriffe wie Perfektionismus oder Kreativität auf. Sicherlich haben auch diese ihre Berechtigung, im Felde der Hochbegabung genannt zu werden, doch sollten sie deutlich nachrangig behandelt sein. Es ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass mit nicht-kognitiven Merkmalen der Begriff Hochbegabung aufgeweicht wird. Solche Merkmale sind nicht „trennscharf“, denn auch andere Gruppen wie hyperaktive ADHSler neigen zum Überspringen von Entwicklungsphasen oder sind durchaus kreativ. 

Götz Müller

Veröffentlicht von

Götz Müller ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Kognitive Verhaltenstherapie (IKVT). Er arbeitet beratend und diagnostisch mit Familien hoch begabter Kinder und Jugendlicher. In der psychotherapeutischen Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Underachievement bei Hochbegabten, hier insbesondere bei Jugendlichen.

7 Kommentare

  1. Das ist eigentlich eine sehr gute Frage:
    Wie ist überhaupt “Begabung” definiert?
    Ist jemand, der sehr lange und hart geübt hat, um auf einen Gebiet die Meisterschaft zu erreichen, begabt? Nach der hier vorgebrauchten Definition definitiv. Ist er auch talentiert oder gar “genial”?
    Geht das überhaupt: Eine große Begabung zeigen, ohne vorher entsprechend geübt zu haben? Und wenn jemand schneller aus der Übung lernt, muss es dann eine Begabung sein oder setzt er das Üben nur besser um, weil er das zuvor irgendwie gelernt hat?

    Btw, es ist schon verständlich, dass Studien zu abnormen Verhaltensweisen von Hochbegabten in der Öffentlichkeit gut ankommen…

    • Zusatz, damit man es nicht falsch versteht: Solche Studien haben etwas von “Sensation” an sich und komme deshalb gut an.
      Das war schon viel früher so.

  2. Man könnte ja auch sagen, dass Begabung eine wesentliche (angeborene) Voraussetzung ist, eine bestimmte Fähigkeit zu erwerben. Je hoeher die Begabung, desto leichter/schneller/weitgehender kann die Fähigkeit erworben werden, die Begabung mittels Übung/Anleitung in Leistung umgesetzt werden.

  3. Hallo Herr Müller,
    ein interessanter Beitrag. Nach meiner Ansicht haben Sie haben alles Wesentliche verständlich zusammengefasst.

    So spannend ich Berichte und Erkenntnisse zu Hochbegabten auch finde, mich würde letztlich nur eine einzige Erkenntnis/ein Ergebnis tief befriedigen, bzw. tief bewegen, nämlich die, dass eine Hochbegabung eine Fähigkeit ist, die Gott einem Menschen in die Wiege gelegt hat. 😉

  4. Ich kann dem Artikel nur zustimmen zum Ansatz: nicht nur Gene, sondern auch dynamischer Prozess im Laufe des Lebens gehört zur Hochbegabung.
    Ich habe in einem Artikel von einem ehemaligen “Wunderkind” Interessantes dazu gelesen (leider habe ich den Namen vergessen). Er erzählte, dass er als “Wunderkind” schon seit früher Kindheit Klavier übte und später dann in eine entsprechende Schule kam, auf der er täglich mehrere Stunden Klavier üben sollte.
    Er machte das eine kurze Zeit mit und entschied sich dann gegen dieses einseitige Training und für ein normales Leben mit vielfältigen Interessen. Seine Aussage war, dass alle besonders Begabten auf dieser Schule ihr Leben lang extrem intensiv geübt hatten, wesentlich mehr als der Durchschnittsmensch. Und dass sie deshalb besser waren als der Durchschnitt. Natürlich war eine kleine “geschenkte” Begabung qua Geburt auch dabei. Aber ohne Üben war sie nichts. Er selbst hat die “große Karriere” entsprechend aufgegeben durch seine Verweigerung an das exzessive Üben.
    Ich persönlich erlebe das auch so: in allem, in dem ich “überdurchschnittlich” bin (d.h. mehr/besser als die meisten anderen), habe ich einfach nur wesentlich mehr geübt, gelernt, geforscht als andere.
    Deshalb empfinde ich mich auch nicht so sehr als hochbegabt, weil ich denke, das könnten die meisten anderen auch, wenn sie sich so viel engagieren würden wie ich. Und die Felder sind vielfältig: sowohl auf der körperlichen Ebene wie auf der geistigen und seelischen.
    Ich habe bei einem IQ-Test sehr gut abgeschnitten, aber ich habe mich auch in den Jahrzehnten meines erwachsenen Lebens intensiv und aktiv mit Sprache, Mathematik, Pschologie, räumlichem Denken und Kreativität beschäftigt. So hatte ich in allen angeforderten Feldern jahre-, teilweise jahrzehntelang geübt. Und die meisten anderen Menschen eben nicht. Das macht mich nicht zu einem “in die Wiege gelegt”-begabteren und intelligenteren Menschen. Ich war (und bin) einfach nur konsequenter in der Beschäftigung mit Themen. Und ich habe einfach Interesse und Freude an lebenslangem Lernen – körperlich, geistig und seelisch. Und opfere dafür die Super-Karriere, die mir eben dieses nicht ermöglichen würde, wo ich mich auf ein Schmalspurgebiet beschränken müsste. Das ist eine Entscheidung, aber hat nichts mit einem genetischem Geschenk der Begabung oder Intelligenz zu tun.

  5. Die soziale Kompetenz, die Hochbegabten fehlt könnte ja auch auf die Umwelt zurückzuführen sein. Viele Mitglieder der Peer Group lehnen den/die Begabte ab, weil er/sie anders denkt. Dann hat der/die Hochbegabte nur bedingt die Möglichkeit soziale Interaktion zu üben.

  6. Besondere Verhaltensweisen können aus nicht erkannter bzw. nicht geförderter Begabung des Kindes resultieren. In vielen Fällen bedeutet eine besondere Begabung auch ein Unterschied zwischen geistiger und sozialer Reife. Doch bewahren Sie Ruhe, oft sind es die Eltern, die bei einigen Indizien etwas “panisch” reagieren, Ihre Umwelt “nerven” und selber zu Überreaktionen beim Umgang mit Ihrem Kind tendieren. Bis zum 6. Lebensjahr oder innerhalb der ersten Klasse der Grundschule sollte die Früherkennung jedoch abgeschlossen sein. Deshalb sollten sich die Eltern gezielt Fragen zu den gesitigen Fähigkeiten, den Charaktermerkmalen, dem Sozialverhalten und körperlichen Fähigkeiten stellen: http://www.wunschfee.com/inhalt/familienleben/artikel/hochbegabung-beim-baby-erkennen

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